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  • Entwicklungspolitik & Agenda 2030
  • 02/2026
  • Prof. Joachim von Braun
Schwerpunkt

Hungerbekämpfung bleibt das Ziel – über 2030 hinaus

Die Welt wird es nicht schaffen, den Hunger bis zum Jahr 2030 zu beenden. Deswegen ist SDG 2 aber noch lange nicht obsolet.

Zuletzt hat sich die Weltgemeinschaft unter der brasilianischen G20-Präsidentschaft intensiv mit der Bekämpfung des Hungers befasst. © European Union 2024

Es ist verständlich, wenn Menschen frustriert oder sogar zynisch darauf reagieren, dass die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (SDGs) nicht erreicht werden. Es ist allerdings zu einfach, nur zu fragen, ob die Entwicklungsziele verwirklicht werden oder nicht. Vielmehr sollten wir analysieren: Haben die SDGs zu zusätzlichen politischen Maßnahmen geführt und Auswirkungen auf die Menschen gehabt? Und: Wie würde die Hungersituation heute ohne SDG 2 aussehen, das eine Welt ohne Hunger bis zum Jahr 2030 vorsieht? Die Lage wäre vermutlich noch schlimmer.

Als die internationale Gemeinschaft im Jahr 2015 die SDGs verabschiedete, gehörte die Beseitigung des Hungers „in all seinen Formen“ bis 2030 zu den moralisch und politisch bedeutendsten Verpflichtungen. SDG 2 zielt darauf ab, Mangelernährung zu beseitigen, alle Formen von Fehlernährung zu reduzieren, die landwirtschaftliche Produktivität von Kleinbauern zu verdoppeln und innerhalb von 15 Jahren nachhaltige Ernährungssysteme sicherzustellen. Dieses Ziel schien 2015 zwar ambitioniert, aber erreichbar, da es auf jahrzehntelangen Fortschritten bei der Bekämpfung des weltweiten Hungers aufbaute. Fast ein Jahrzehnt später ist die Welt jedoch weit davon entfernt, das Ziel zu verwirklichen. Nun stellt sich die Frage: Was muss sich ändern, damit die Welt den Hunger tatsächlich bald überwinden kann?

Wichtige Ernährungsziele werden verfehlt

Nach jüngsten Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) litten im Jahr 2024 zwischen 638 und 720 Millionen Menschen (also 7,8 bis 8,8 Prozent der Weltbevölkerung) an Hunger. Rund 2,4 Milliarden Menschen, fast 30 Prozent der Weltbevölkerung, waren von mäßiger oder schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen. Sie hatten keinen regelmäßigen Zugang zu ausreichenden, nahrhaften Lebensmitteln. Die Fortschritte reichen auch nicht aus, um die für das Jahr 2030 angestrebten Ziele zur Verringerung von Wachstumsstörungen, Untergewicht, Übergewicht und niedrigem Geburtsgewicht bei Kindern zu erreichen – allesamt wichtige Indikatoren für schwere und langfristige Unterernährung.

Diese Misserfolge haben auf Menschen lebenslange Auswirkungen, sie schwächen ihre produktiven Fähigkeiten und das Wirtschaftswachstum, und sie sind ein moralischer Bankrott. Der weltweite Rückgang der Unterernährung, der die frühen 2000er Jahre geprägt hatte, kam um 2015 zum Stillstand – genau zu dem Zeitpunkt, als die SDGs verabschiedet wurden. Seit 2018 nahm der Hunger dann eher zu als ab; es waren verlorene Jahre für das SDG 2.

Gründe für die Stagnation: Kriege, Klima und fragiler Multilateralismus

Verschiedene miteinander verknüpfte Faktoren erklären den mangelnden Fortschritt bei der Hungerbekämpfung. Bewaffnete Konflikte sind nach wie vor die wichtigste Ursache für akute Ernährungsunsicherheit. Die anhaltenden Krisen in Ländern und Gebieten wie dem Jemen, Sudan, Gaza, der Demokratischen Republik Kongo und Teilen der Sahelzone führen weiterhin zur Vertreibung von Menschen, Nahrungsmittel können nicht mehr angebaut werden und wichtige Lebensgrundlagen werden zerstört. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat die weltweite Ernährungsunsicherheit zusätzlich verschärft, indem er die Ausfuhr von Getreide, Düngemitteln und Energie beeinträchtigt und damit zu weltweit höheren Preisen geführt hat.

Der Klimawandel hat als Ursache von Hunger an Bedeutung gewonnen. Seit dem Jahr 2000 haben Häufigkeit und Intensität extremer Wetterereignisse – Dürren, Überschwemmungen, Hitzewellen und Stürme – erheblich zugenommen. In den Ländern, die am stärksten von Klimaschocks betroffen sind, ist die Unterernährung am weitesten verbreitet, insbesondere in Afrika und Südasien. Die Klimafolgen treten in Wechselwirkung mit Armut, schwacher Infrastruktur und fragilen Institutionen und verstärken die Risiken. Die COVID-19-Pandemie hat strukturelle Schwächen in den globalen und nationalen Ernährungssystemen und im öffentlichen Gesundheitswesen offengelegt. Lockdowns und Unterbrechungen der Lieferketten haben Millionen Menschen in Ernährungsunsicherheit gestürzt, insbesondere in städtischen Gebieten und unter informell Beschäftigten. Viele Länder haben sich noch immer nicht vollständig von dieser Krise erholt. 

Außerdem muss die besorgniserregende Skepsis gegenüber Entwicklungszusammenarbeit im globalen Zusammenhang gesehen werden. In mehreren Ländern mit hohem Einkommen, darunter auch Deutschland, sinkt die politische Unterstützung für die Finanzierung internationaler Hilfe. Zudem haben konkurrierende Prioritäten, wie geopolitische Spannungen und innenpolitischer Finanzdruck, die Investitionen in Ernährungssicherheit und humanitäre Maßnahmen zurückgedrängt. Gründe für diesen Wandel sind der drastische Rückgang liberaler Demokratien weltweit und die geringere Unterstützung für multilaterale Politik und ihre Institutionen. In den letzten zehn Jahren haben die beiden großen autoritären Mächte Russland und China ihren Einfluss weltweit ausgebaut. In vielen entwickelten Demokratien Europas sind populistische, nationalistische Parteien auf dem Vormarsch. Autoritäre Regierungstendenzen nehmen generell zu, insbesondere auch in den USA. Die Wahl von Donald Trump im Jahr 2016 und dann 2024 hat zu einer Neuausrichtung der Weltordnung beigetragen, die auf „Deals“ zum Eigennutz basiert, statt kooperativen internationalen Regelwerken, wie die SDGs und in der Handelspolitik.

Trotz starker Zusagen klafft eine Finanzierungslücke

Auf hochrangigen Konferenzen sind wichtige Ziele verabschiedet und finanzielle Zusagen gemacht worden: So verpflichteten sich die Mitgliedstaaten auf dem G7-Gipfel 2015 in Elmau, mit verstärkter bilateraler und multilateraler Hilfe bis 2030 rund 500 Millionen Menschen aus Hunger und Unterernährung zu befreien. Diese Vereinbarung wurde 2022 mit einer gemeinsamen Zusage von 14 Mrd. Dollar für die globale Ernährungssicherheit bekräftigt. Tatsächlich folgten auf diese Beschlüsse bedeutende Maßnahmen und Finanzierungen, Deutschland spielte dabei eine führende Rolle. Ähnlich setzten sowohl die indische als auch die brasilianische G20-Präsidentschaft die Bekämpfung des Hungers für die Jahre 2023 und 2024 ganz oben auf ihre Agenda, was die erneute politische Aufmerksamkeit für das Handlungsfeld widerspiegelt.

Auch nahm die öffentliche Entwicklungshilfe (ODA) bis vor wenigen Jahren insgesamt zu. So erreichte Deutschland 2023 das lange angestrebte Ziel, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens dafür bereitzustellen. Während die G7-Länder ihre Unterstützung für Ernährungssicherheit und ländliche Entwicklung zwischen 2000 und 2022 fast verdreifachten – von 9 auf 24 Mrd. Dollar –, lässt diese Dynamik inzwischen leider nach. Unsere Untersuchungen (von Braun et al., 2024) deuten darauf hin, dass die Kosten für die Hungerbekämpfung mittlerweile stark gestiegen sind, da von Anfang an zur Erreichung der SDG 2 zu zögerlich gehandelt wurde.

UN-Gipfel zu Ernährungssystemen mit wichtigen Akzenten

Beim UN-Gipfel zu Ernährungssystemen (UN Food Systems Summit, UNFSS) im Jahr 2021 standen Stärken und Schwächen des Welternährungssystems und die Hungerbekämpfung im Mittelpunkt. Es folgten weitere Gipfel zur Überprüfung des Fortschritts in den Jahren 2023 und 2025. Diese Gipfeltreffen hatten tatsächlich einen positiven Einfluss auf die Mobilisierung politischer Aktionen insbesondere in den Ländern des Globalen Südens. Die Staaten verpflichteten sich beispielsweise, „nationale Wege zur Transformation ihrer Ernährungssysteme“ zu formulieren – sog. Pathways – und Investitionen für wichtige Bereiche wie Schulspeisungen anzustoßen. Der UNFSS arbeitete zudem erstmals auf einer starken wissenschaftlichen Grundlage. Er stand und steht allen Interessengruppen offen. Inzwischen haben etwa 120 Länder ihre nationalen Wege formuliert, sowie ihre Aktionsfelder und Investitionsinitiativen festgelegt und Partnerschaften gestärkt.

All dies ist neu, und auch wenn nicht alle nationalen Konzepte tragfähig sind, so sind es doch viele, die verdienen, von Entwicklungspartnerschaften unterstützt zu werden. Der Privatsektor engagiert sich außerdem zunehmend mit innovativen Start-up-Initiativen, wie auf dem UNFSS 2025 deutlich wurde. Dieser Prozess wäre viel wirksamer gewesen, wenn sich zivilgesellschaftliche Organisationen aktiver daran beteiligt hätten, statt sich abwartend zu verhalten oder sogar gegen den UNFSS Kampagne zu machen. Das konstruktive Engagement der Welthungerhilfe beim UNFSS war eine der Ausnahmen unter den deutschen NGOs.   

Die Kosten der Selbstzufriedenheit: Verzögertes Handeln war teuer

Über die Folgen von Zögern und Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft bei der Hungerbekämpfung geben ernüchternde Datenanalysen Auskunft (von Braun et al., 2024).(1) Unter Verwendung des Ansatzes von Grenzvermeidungskostenkurven (Marginal Abatement Cost Curves, MACC) werden wirksamste und kostengünstigste Investitionspakete zur Reduzierung von Hunger ermittelt. Da nun bis 2030 nur wenig Zeit bleibt, wird der Spielraum für technisch machbare Lösungen extrem klein. Ansätze mit langer Vorlaufzeit – wie Agrarforschung, Bildung oder institutionelle Reformen – können nicht schnell genug große Wirkung entfalten. Als Alternative bleibt den politischen Entscheidern oft nur, auf teurere, kurzfristige Maßnahmen zu setzen. Wollte man bis zum Jahr 2030 rund 700 Millionen Menschen aus Hunger und Unterernährung befreien, würde dieses Szenario zusätzliche Investitionen in Höhe von etwa 93 Mrd. Dollar im Jahr erfordern (siehe Tabelle). Das ist etwa das Dreifache der im Jahr 2020 geschätzten jährlich 30 Mrd. Dollar. Zu den wichtigsten Maßnahmen würden Schulspeisungsprogramme, humanitäre Hilfe, eine stärkere Alphabetisierung von Frauen sowie die Einrichtung sozialer Sicherungssysteme gehören. Solche Maßnahmen retten Leben und lindern Leiden, doch sind sie für sich weder ausreichend nachhaltig noch wirtschaftlich effizient genug, um den Hunger zu beenden.

Das SDG 2-Ziel verlängern: von 2030 bis 2040

Mit Blick auf den aktuellen Trend drängt sich daher die pragmatische Lösung auf, den Zeitraum für SDG 2 von 2030 auf das Jahr 2040 zu verlängern. Eine solche Fristverlängerung wäre eine Konsequenz aus den Versäumnissen des ersten Jahrzehnts der SDGs. Sie sollte aber kein Vorwand für weitere Verzögerungen sein.

Tabelle: Kosten zur Überwindung von Hunger für 700 Millionen Menschen bis 2030 und 2040

 

Kosten pro Jahr und gesamt

in Mrd. Dollar (gesamt in Klammer)

MACC Analyse – “Frühere Schätzung” 2020 – 2030

       30 (185)

MACC Analyse – “Kurzfrist-Szenario” 2025-2030

       93 (512)

MACC Analyse – 2025-2040

       21 (223)

Quelle: von Braun, Chichaibelu, Laborde, Torero, 2024

Eine längere Frist könnte eine ausgewogenere Investitionsstrategie ermöglichen, die kurzfristige Hilfe mit langfristigen strukturellen Veränderungen verbindet. Das Szenario, den Hunger bis zum Jahr 2040 zu beenden, ist kostengünstiger und nachhaltiger, da es Sofortmaßnahmen mit Investitionen kombiniert, deren Ergebnisse erst langfristig sichtbar werden.

Um bis 2040 rund 700 Millionen Menschen vom Hunger zu befreien, wären zusätzliche jährliche Investitionen in Höhe von etwa 21 Mrd. US-Dollar erforderlich. Dieses Paket hätte 20 Investitionsmaßnahmen, die (wie oben) soziale Sicherung, humanitäre Hilfe, Schulspeisungen und Alphabetisierung von Frauen verbinden mit wirksamen Investitionen in landwirtschaftliche Beratungsdienste, Forschung und Entwicklung, digitale agrarwirtschaftliche Informationsdienste und dem Ausbau kleiner Bewässerungssysteme in Afrika. Diese Investitionen sind pro Person relativ kostengünstig und führen zu dauerhaften Produktivitätssteigerungen. Entscheidend ist, dass sie sich gegenseitig verstärken. Produktivitätswachstum senkt die Lebensmittelpreise und erhöht die Einkommen der Bauern, soziale Sicherung verbessert die Resilienz gegenüber Schocks, Bildung stärkt die Rolle der Frauen und verbessert die Ernährungssituation, und Innovation verbessert die Klimaanpassung.

Frauen auf einem Markt in Niger. Subsahara-Afrika weist international die niedrigste Alphabetisierungsrate auf. © C. Waouh / Welthungerhilfe

Folgen für die Entwicklungspolitik

Unrealistisch war das im SDG 2 formulierte Ziel einer Welt ohne Hunger nie. Wir verfügen über das Wissen, die Ressourcen und die Technologien, den Hunger bald zu verbannen. Die Frist des Jahres 2030 rückt näher und verlangt von den Ländern eine klare Entscheidung: entweder weiterhin schrittweise und bruchstückhaft vorzugehen, oder endlich die breitangelegten Maßnahmen wirklich zu ergreifen, um den Hunger zu beenden.

Es müssen Probleme in der Governance von Ernährungssystemen und der globalen politischen Koordinierung überwunden werden. Es sind sofortige und konzertierte Anstrengungen erforderlich, um erhebliche Investitionen in die kurzfristige Bekämpfung des Hungers zu mobilisieren. Humanitäre Hilfe und Sozialprogramme für Arme und Flüchtlinge bleiben unverzichtbar, insbesondere in fragilen und von bewaffneten Konflikten betroffenen Regionen. Kurzfristiges Handeln muss systematisch mit langfristigen Strategien verbunden werden. Die nachhaltige Bekämpfung des Hungers erfordert eine umfassende Innovationsagenda, die Nothilfen mit Investitionen in Produktivität, Resilienz und ökologische Nachhaltigkeit verbindet.

Der globale Ordnungsrahmen im Bereich Ernährung und Nahrungsmittel muss reformiert werden, um eine Umgestaltung der Agrar- und Ernährungssysteme zu ermöglichen. In einem Umfeld globaler Machtpolitik mag dies schwieriger geworden sein. Doch gibt es möglicherweise einige „Konsensinseln“, auf denen sich gleichgesinnte Länder auf gemeinsames Handeln einigen können – wie etwa zur Bekämpfung des Hungers. Deutschland kann eine Rolle für die Bildung von Allianzen spielen. Die Vereinten Nationen, die G7 und die G20 haben eine wichtige Rolle bei der Festlegung und Verfolgung der SDG-Agenda gespielt, jedoch müssen sie ihre Umsetzungskapazitäten, ihre Effizienz und ihre Mechanismen zur Rechenschaftspflicht stärken.

Für die Zukunft ist eine strukturiertere Zusammenarbeit mit dem innovativen Privatsektor, Finanzinstitutionen und der Wissenschaft erforderlich. Umfassende Maßnahmen weiter zu verzögern kostet mehr Menschenleben unter den Hungernden, untergräbt Entwicklung und verteuert den Fortschritt. Wir sind moralisch verpflichtet, den Hunger bald zu beenden. Es ist auch eine der besten Investitionen, die die Weltgemeinschaft für eine stabilere, gerechtere und nachhaltigere Zukunft tätigen kann.

Portrait Prof. Dr. Joachim von Braun.
Prof. Joachim von Braun Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF), Bonn

Referenz:

1) Joachim von Braun, Bezawit Beyene Chichaibelu, David Laborde and Maximo Torero Cullen (2024). Cost of Ending Hunger – Consequences of Complacency, and Financial Needs for SDG2 Achievement. ZEF – Discussion Papers on Development Policy No. 347, Center for Development Research, Bonn, May 2024 https://bonndoc.ulb.uni-bonn.de/xmlui/bitstream/handle/20.500.11811/12000/zef-dp_347.pdf?sequence=2

 

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