Lokalverantwortete Entwicklung: Wer gestaltet den Wandel?
Institutionen vor Ort wissen am besten, wie aus Erfahrung Lösungen entstehen. Das eröffnet Chancen für eine nachhaltigere Entwicklungszusammenarbeit.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Das Leben von Menschen verbessern, die von Armut, Ungleichheit und Vulnerabilität betroffen sind – das ist seit Jahrzenten ein zentrales Ziel des Entwicklungssektors. So wichtig und praxisnah dieses Ziel ist, so wirft es doch eine grundlegende Frage auf: Wer sollte die Lösungen dafür eigentlich entwickeln – und warum?
Entwicklungsprogramme und ihre Konzeption tragen häufig die Handschrift von Organisationen im Globalen Norden – weit entfernt von den Gemeinschaften, für die sie gedacht sind. Doch wachsende Evidenz und praktische Erfahrung zeigen: Ergebnisse sind nachhaltiger und die Kosten besser kontrollierbar, wenn lokale Organisationen an der Gestaltung von Antworten und Ansätzen beteiligt werden. Das Problem reicht über Fragen der Wirksamkeit oder der Programmgestaltung hinaus. Dieses Ungleichgewicht birgt das Risiko, ein System zu schaffen, das nur unzureichend auf die langfristigen Bedürfnisse von Millionen Menschen reagiert, die in extremer Armut leben.
Menschen, die mit den Realitäten von Armut und Ausgrenzung leben, sind nicht einfach Empfängerinnen und Empfänger von Hilfe. Sie verfügen über Wissen, Netzwerke und Fähigkeiten in ihrem Umfeld, die für dauerhaften Wandel unverzichtbar sind.
Politische EntscheidungsträgerInnen haben "Lokalverantwortete Entwicklung" (Locally Led Development, kurz LLD) als neuen Ansatz in der Entwicklungszusammenarbeit identifiziert. Gemeint sind damit Ansätze, die lokalen Akteuren entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung, Umsetzung und Evaluierung von Entwicklungsprogrammen geben. Zwar erkennt der Entwicklungssektor die Bedeutung von lokalverantworteter Entwicklung in den vergangenen Jahren zunehmend an. Die Organisation BRAC (1) setzt diesen Ansatz aber seit mehr als einem halben Jahrhundert um und entwickelt ihn kontinuierlich weiter.
Wir sind überzeugt: Lösungen haben größere Erfolgschancen und lassen sich besser skalieren, wenn sie von der Gemeinschaft entwickelt werden, der sie dienen sollen. Nachhaltiger und langfristiger Wandel entsteht, wenn Menschen die Möglichkeit erhalten, ihn selbst zu gestalten – statt ihn von außen auferlegt zu bekommen.
BRACs Ultra-Poor Graduation Initiative (UPGI) ist ein gutes Beispiel dafür, wie dieser Ansatz in der Praxis funktioniert. Aufbauend auf BRACs Graduierungsansatz unterstützt sie Menschen mit extremer Armut durch ein sorgfältig aufeinander abgestimmtes Unterstützungspaket: die Sicherung grundlegender Bedürfnisse, die Bereitstellung eines produktiven Vermögenswerts oder einer Einkommensmöglichkeit sowie intensives Coaching, das Selbstvertrauen, Fähigkeiten und Handlungsmacht stärkt. Besonders daran ist, dass die Coaches aus den Gemeinschaften selbst kommen. Statt ein starres Modell anzuwenden, unterstützt UPGI Regierungen und Partner dabei, den Ansatz an lokale Realitäten anzupassen – etwa in städtischen Räumen, in von Konflikten betroffenen Regionen oder in besonders klimagefährdeten Gemeinschaften. So zeigt UPGI, wie lokal verantwortete Entwicklung eine enge Verankerung in den Gemeinschaften mit evidenzbasierter Programmgestaltung und Wirkung in großem Maßstab verbinden kann.
Lokal ist mehr als ein Etikett
Entscheidend für diese Debatte ist auch das Verständnis dessen, was mit „lokal“ gemeint ist. In der entwicklungspolitischen Praxis werden oft sehr oberflächliche Indikatoren genutzt, um die lokale Ausrichtung eines Programms oder einer Organisation zu bewerten – etwa der Anteil lokaler Mitarbeitender oder die Zahl lokaler Büros. Grundlegender ist jedoch die Frage, ob Investitionen lokale Strukturen stärken und ob Programme auf bereits bestehenden lokalen Lösungen aufbauen.
Entwicklungsakteure – ob aus Regierungen, Philanthropie oder auch der Zivilgesellschaft – müssen Organisationen identifizieren, die tatsächlich in Gemeinschaften verankert sind und auf lokales Wissen und lokale Ressourcen zurückgreifen. Oder sie müssen Partner unterstützen, die genau solche lokalen Organisationen stärken.
Lokale Ansätze funktionieren in großem Maßstab
Ein weiterer wichtiger Punkt, den wir betonen müssen: Lokale Ansätze können auch in großem Maßstab funktionieren. Die Erfahrungen von BRAC und von Geberländern, die Lokalverantwortete Entwicklung aufgegriffen haben, zeigen, dass lokal verwurzelte, gemeinschaftsgetragene Modelle global wachsen, Millionen Menschen erreichen und zugleich eng mit dem Alltag der Menschen verbunden bleiben können.
BRACs UPGI-Programm macht deutlich, welches Potenzial in der Skalierung dieses Ansatzes liegt: Der in Bangladesch entwickelte Graduierungsansatz hat bereits mehr als 2,3 Millionen Familien dabei unterstützt, extreme Armut zu überwinden. Inzwischen wird der Ansatz von mehr als 100 Organisationen in über 50 Ländern angewendet, und BRACs Ultra-Poor Graduation Initiative arbeitet mit Regierungen daran, den Ansatz weiter zu skalieren – mit dem Ziel, bis 2030 21 Millionen Menschen zu erreichen.
Lokalverantwortete Entwicklung sollte daher nicht als Entscheidung zwischen gemeinschaftlicher Eigenverantwortung und großer Wirkung verstanden werden, sondern als Ansatz, der beides erfolgreich verbinden kann.
Die Rolle direkter Finanzierung
Die direkte Finanzierung lokaler Lösungen ist ein zentraler Schritt, um LLD aufzubauen. Ein großer Teil der Entwicklungsfinanzierung wird in der Regel über Mittlerorganisationen verwaltet und weitergeleitet. Dabei gibt es Hinweise auf erhöhte Kosten, verminderte Effizienz und eine Schwächung lokaler Handlungsmacht. Hohe Verwaltungskosten binden Ressourcen und werfen die Frage auf, ob Mittel die Zielgruppen direkter erreichen könnten.
Es gibt Belege dafür, dass LLD funktioniert, wenn lokalen Organisationen direkte Finanzierung anvertraut wird. So stellte BRACs humanitäres „Pooled Fund Programme“ in dem Flüchtlingslager Cox’s Bazar – unterstützt von Global Affairs Canada und dem australischen DFAT – bangladeschischen Organisationen, die auf die Rohingya-Krise reagierten, direkte finanzielle und technische Unterstützung bereit. Diese Organisationen erhielten 88 Prozent des Fondsbudgets von 9,3 Mio. Dollar und erbrachten Leistungen zu Kosten, die pro Ergebnis 30 bis 40 Prozent niedriger lagen als bei internationalen Organisationen in demselben Kontext.
Gleichzeitig geben internationale NGOs 80 Prozent mehr für Compliance-Anforderungen aus als vergleichbare multinationale Unternehmen des Privatsektors. Berichterstattung beansprucht Schätzungen zufolge sektorweit 2,3 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr. Das bedeutet: Ein erheblicher Teil der Finanzierung fließt in administrative Verfahren.
Die Ironie besteht darin, dass an verschiedenen Stellen des Compliance-Prozesses eine wachsende Zahl von Mittlern eingebunden ist, die einen immer größeren Anteil der ohnehin knapper werdenden Mittel absorbieren. Am Ende der Kette tragen lokale Akteure dann die gesamte Last der Berichterstattung, während nur ein kleiner Teil der Finanzierung tatsächlich bei ihnen ankommt. Dadurch werden die Ressourcen minimiert, die sie für die eigentliche Arbeit einsetzen können, der die Mittel gewidmet waren.
Menschen und Gemeinschaften, die mit extremer Armut leben, brauchen langfristiges Engagement, Vertrauen in lokale Lösungen und entsprechende Investitionen, die lokale Systeme stärken. Die Rolle von Mittlern sollte darauf begrenzt sein, lokale Strukturen zu befähigen und zu stärken – und sie muss zeitlich begrenzt sein.
Was flexible Finanzierung möglich macht
BRACs eigene Erfahrung zeigt, wie wichtig solche Ansätze sind. Dass BRAC als Organisation aus dem Globalen Süden bewährte Lösungen skalieren konnte, wurde durch Geber möglich, die bereit waren, ihre Risikobereitschaft neu auszurichten und direkt in institutionelle Kernkapazitäten zu investieren. So konnten Investitionen in qualifizierte Mitarbeitende, stärkere Managementsysteme, Forschung und Innovation getätigt werden. Ein Beispiel ist das Strategic Partnership Arrangement (SPA), das die Regierungen Australiens und Kanadas 2011 mit BRAC ins Leben riefen. Es zeigt, wie flexible Finanzierungsvereinbarungen und kooperative Entscheidungsstrukturen lokale Eigenverantwortung stärken und es dabei zulassen, dass Programme auf Bedarfe von Gemeinschaften reagieren. In einer früheren Phase der Partnerschaft, an der noch das britische Entwicklungsministerium DFID beteiligt war, wurde berichtet, dass das SPA zwar nur 0,5 Prozent des DFID-Budgets ausmachte, jedoch zu 17 Prozent der von DFID finanzierten Ergebnisse in der Armutsreduzierung beitrug.
Auch die Art und Weise, wie lokale Organisationen finanziert werden, bestimmt ihre Fähigkeit, nachhaltigen Wandel zu bewirken. Viele Geber schränken lokale Organisationen weiterhin durch kurzfristige, fragmentierte Finanzierungsvereinbarungen und niedrige Overhead-Sätze ein. Organisationen aus dem Globalen Süden erhalten häufig weniger institutionelle Unterstützung als ihre westlichen Partner. Die Folge sind unterfinanzierte Institutionen und verpasste Chancen für langfristige Wirkung. Zugleich legen Finanzierungsstrukturen lokalen Organisationen oft eine unverhältnismäßige Compliance-Last auf und begünstigen die Umsetzung vordefinierter Ansätze, statt lokales Lernen und Innovation zu unterstützen. Ein wirksamerer Ansatz würde stärker organisch in Organisationen investieren – einschließlich Personal, Strategie und Infrastruktur –, um nachhaltigen Systemwandel zu ermöglichen.
Auch die jüngeren internationalen Veränderungen geben Anlass dazu, die Strukturen der Entwicklungszusammenarbeit zu überdenken. Weltweit ist der Reformdruck gestiegen – parallel zu wachsenden Engpässen bei Ressourcen und Diskussionen über neue Formen der Partnerschaft mit Ländern und Organisationen des Globalen Südens. Die kürzlich veröffentlichten Leitlinien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zur Unterstützung lokal verantworteter Entwicklung zeigen, dass Entwicklungsakteure zunehmend anerkennen: LLD zu stärken, Entscheidungsmacht zu verlagern und in lokale Institutionen zu investieren, ist zentral, um nachhaltige Entwicklungsergebnisse zu erreichen.
Daraus ergibt sich die Chance, traditionelle Annahmen zu überdenken und die Wirksamkeit lokal verantworteter Entwicklungsansätze als zentralen Maßstab künftiger Zusammenarbeit zu stärken.
Was heißt das für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit
Die Erfahrungen von Organisationen wie BRAC und von entstehenden Partnerschaftsmodellen werfen auch wichtige Fragen für die Zukunft der deutschen Entwicklungszusammenarbeit auf. Angesichts der aktuellen globalen Krisen und engerer Finanzierungsspielräume befindet sich die deutsche Entwicklungspolitik in einer Übergangsphase. Der Reformplan des BMZ bietet eine sehr hilfreiche Orientierungskarte. Die interessante Frage ist, welche Wege tatsächlich eingeschlagen werden – und wie weit die Entwicklungszusammenarbeit dabei vorankommt. Begrenzte Ressourcen wirksam einzusetzen, wird wichtiger denn je.
Drei Orientierungspunkte könnten Deutschland dabei helfen, den richtigen Kurs einzuschlagen:
Erstens: Entwicklungsklischees verlernen. Interessanterweise erlaubt die deutsche Gesetzgebung bereits die direkte Finanzierung von Organisationen aus dem Globalen Süden. Es sind nachgeordnete Richtlinien, Durchführungsbestimmungen und Haushaltserläuterungen, die diesen Organisationen eine nachrangige Rolle zuweisen. Hinzu kommen fest etablierte Stereotype im Entwicklungssektor – etwa das falsche Narrativ, lokale Akteure seien klein, weniger vertrauenswürdig und weniger leistungsfähig. Solche Vorstellungen werten lokale Organisationen ab und unterschätzen sie. Bisherige Entwicklungszusammenarbeit zu verlernen bedeutet, lokale Organisationen und Akteure als das zu sehen, was sie wirklich sind: Expertinnen und Experten sowie Gestalterinnen und Gestalter ihrer eigenen Zukunft.
Zweitens: den Fairness-Test anwenden. Werden alle Entwicklungsakteure – ob klein oder groß, aus dem Norden oder dem Süden – bei gleicher Leistung gleich behandelt?
Und drittens: das Rad nicht neu erfinden. Statt völlig neue Systeme zu schaffen, sollten bestehende lokal verantwortete Lösungen und erprobte Ansätze gestärkt, Ressourcen wirksamer eingesetzt und langfristige Lösungen unterstützt werden.
Bestehende Erfahrungen legen nahe, dass Fortschritt nicht zwangsläufig völlig neue Systeme erfordert, sondern vielmehr die Bereitschaft, auf bereits vorhandenen Ansätzen aufzubauen. Das schließt ein, von internationalen Partnerschaftsmodellen zu lernen, zugänglichere Finanzierungskanäle für Organisationen aus dem Globalen Süden zu schaffen und Mechanismen zu stärken, die Fortschritte bei lokal verantworteter Entwicklung sichtbarer und messbarer machen.
Wir müssen anerkennen, dass "Lokalverantwortete Entwicklung" nicht nur eine Debatte über Finanzierungsmechanismen oder Programmstrukturen ist. Es geht darum anzuerkennen, dass lokale Akteure nicht einfach Umsetzungspartner sind, sondern zentrale Treiber nachhaltiger Entwicklung. Lokale Institutionen zu stärken und sie in die Lage zu versetzen, Lösungen auf Grundlage ihres eigenen Wissens und ihrer eigenen Erfahrung zu gestalten, eröffnet Chancen für eine Entwicklungszusammenarbeit, die wirksamer, gerechter und enger mit den Lebensrealitäten der Menschen verbunden ist.
Fußnote:
(1) BRAC ist eine weltweit führende Entwicklungsorganisation, die bewährte Lösungen gegen Armut und Ungleichheit entwickelt und skaliert. 1972 im Nachkriegs-Bangladesch als kleine Hilfsinitiative gegründet, ist BRAC heute in 13 Ländern in Asien und Afrika tätig und hat mit groß angelegten, lokal verantworteten Programmen mehr als 145 Millionen Menschen erreicht. Die Organisation verbindet integrierte Entwicklungsprogramme, humanitäre Hilfe, Sozialunternehmen, kommerzielle Vorhaben und Hochschulbildung zu einem ganzheitlichen Lösungsökosystem.

