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  • Entwicklungspolitik & Agenda 2030
  • 02/2026
  • Ingrid-Gabriela Hoven

Ernährungssicherung: partnerschaftlicher und wirksamer

Die Prinzipien der OECD-Erklärung von Paris bleiben ein zentraler strategischer Kompass.

Frauen in Madagaskar in einem Projekt zur Förderung der Jugend und des Mittelstands in der Landwirtschaft. © African Development Bank Group via Flickr

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

Zum Start in das Jahr 2026 stellt sich für mich die Frage, wie globale Ernährungssicherheit künftig gelingen kann – in einer Welt mit wachsenden Krisen, starken geopolitischen Veränderungen, und knapper werdenden öffentlichen Mitteln. Die Durchführungsorganisationen der internationalen Zusammenarbeit, wie wir - die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), stehen im Bereich der Ernährungssicherung vor der großen Herausforderung, mit weniger Ressourcen mehr Wirkung erzielen zu müssen, um SDG-2 („Beendigung von Hunger und allen Formen der Fehlernährung“) bis 2030 einen entscheidenden Schritt näher zu kommen.

Das Recht auf Nahrung droht in den Hintergrund zu treten und ist doch eines der am häufigsten verletzten Menschenrechte weltweit. Auch hat die Münchner Sicherheitskonferenz  erkannt, dass Hunger zu einem lokalen und globalen Sicherheitsrisiko geworden ist. Global hungert knapp jeder zwölfte Mensch, auf dem afrikanischen Kontinent gar jeder fünfte. Gleichzeitig sind weltweit rund zwei Milliarden Menschen von sogenanntem verstecktem Hunger betroffen. Über zwei Milliarden Menschen sind übergewichtig oder adipös mit erheblichen Folgen für Gesellschaften, Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften.  

Hunger und Ernährungsunsicherheit sind Folgen der zunehmenden Krisen und politischen Verwerfungen weltweit. Denn gewaltsame Konflikte, Wirtschaftskrisen und Auswirkungen des Klimawandels sind ihre wesentlichen zugrundeliegenden Ursachen.  Die ohnehin geschwächten Agrar- und Ernährungssysteme werden durch geopolitische Spannungen sowie den Rückzug bedeutsamer Geberländer weiter verschärft. Die Überwindung von Hunger und Ernährungsunsicherheit ist daher keine kurzfristige Aufgabe, sondern eine langfristige, die stärker als bisher systemisch an nationalen Strategien, leistungsfähigen Institutionen, politischen Reformprozessen und dem Erhalt der Erdsysteme ansetzen muss.   

Wir unterstützen Partnerländer dabei, Hunger und Ernährungsunsicherheit nachhaltig zu überwinden, indem wir sektorübergreifende Ansätze verfolgen und alle Dimensionen von Ernährungssicherung adressieren sowie stabile Rahmenbedingungen und nachhaltige Ressourcennutzung berücksichtigen. Ein besonderer Fokus liegt auf Frauen im reproduktiven Alter und Kleinkindern in den ersten 1.000 Tagen. Wir fördern sichere und gesunde Lebensmittelproduktion, klimaintelligentes Ressourcenmanagement sowie Ernährungs- und Hygienewissen, flankiert durch soziale Sicherung, Einkommensförderung und politische Beratung. In Krisen verbinden wir kurzfristige Stabilisierung mit langfristiger Stärkung von Widerstandsfähigkeit, Frieden und Wiederaufbau.

Die schon zwanzig Jahre alte OECD-Erklärung von Paris zur Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit hat nichts an Aktualität eingebüßt. Ihre Prinzipien gewinnen gerade im Lichte des kürzlich veröffentlichten Reformplans des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) erneut an Aktualität: Was bedeuten Eigenverantwortung, strategische Ausrichtung, Harmonisierung, Ergebnisorientierung und gegenseitige Rechenschaftspflicht  für unsere Arbeit im Bereich der Ernährungssicherung?

Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Wirksame Entwicklungszusammenarbeit beginnt mit der Eigenverantwortung der Länder. Dabei ist eine strategische Ausrichtung unabdinglich, um Entwicklungsmaßnahmen konsequent sowohl an nationale Politiken als auch an internationalen Vereinbarungen – etwa wie sie im Rahmen des Committe on World Food Security sowie der UN Food Systems Summit-Prozesse getroffen werden, zu orientieren. Das traditionelle Geber- und Partnerland-Gefüge hat sich rapide geändert: Wichtige traditionelle Geber wie die USA ziehen sich zurück, zugleich gestalten mehr Akteure die internationale Zusammenarbeit – oft mit sehr unterschiedlichen Interessen und Ressourcenausstattungen.

Eigenverantwortung kann nicht mehr nur auf Regierungshandeln im engeren Sinne reduziert werden. Sie umfasst Verantwortung unterschiedlichster Akteure innerhalb der Ernährungssysteme – von globalen, nationalen und lokalen Institutionen, über öffentliche und private Sektoren, bis hin zu den Kleinproduzent*innen, Fischer*innen und Aquakulturproduzent*innen, Konsument*innen, und Unternehmer*innen.

Eine Familie in Malawi bekommt Beratung für eine nährstoffreichere Ernährung. © FAO/Ivan Grifi via Flickr

Gemeinsam mit unseren Partnern in den Ländern gestalten wir Reformdialoge und bauen institutionelle Kapazitäten auf, damit Akteure entlang des gesamten Ernährungssystems Verantwortung übernehmen und Entwicklungsfinanzierung wirksam nutzen können – auch als Grundlage für verantwortungsvolle Zusammenarbeit mit dem Privatsektor. Ernährungssicherung ist nicht nur die sektorale Aufgabe der nationalen Landwirtschaftsministerien, sondern ressortübergreifende Querschnittsaufgabe. Die GIZ unterstützte durch das Globalvorhaben „Ernährungssicherung und Resilienzstärkung“ über ein Jahrzehnt hinweg die politische Steuerung von Ernährungssicherung in zwölf Partnerländern, indem es die multisektorale Multi-Akteurs-Zusammenarbeit für Ernährungssicherheit förderte. In Madagaskar übernahmen die GIZ und die Welthungerhilfe im Rahmen des Vorhabens ProSAR (Programme de Sécurité Alimentaire et de Résilience) gemeinsam Verantwortung in regionalen Koordinierungsgremien zu Ernährungssicherung und trugen so zur Umsetzung der Ziele zur Bekämpfung von Hunger und Fehlernährung der madagassischen Regierung bei.

Harmonisierung für nachhaltige Ernährungssicherheit

In der Ernährungssicherung ist Harmonisierung von Programmen und Verfahren von größter Relevanz. Die institutionelle Entwicklungspartner-Landschaft ist stark fragmentiert; viele Akteure agieren parallel: Bilaterale und multilaterale Geber, zivilgesellschaftliche Organisationen, Entwicklungsbanken, Stiftungen und private Investoren. Daher braucht es flexible, sektorübergreifende Allianzen und abgestimmte Instrumente, die komplementäre Rollen ermöglichen. Deutschland verfolgt den Harmonisierungs-Ansatz unter anderem durch seine aktive Mitgliedschaft in multilateralen Initiativen wie der G20 Global Alliance against Hunger and Poverty (GAAHP), der Multi-Akteurs-Plattform im Rahmen des Scaling-Up-Nutrition (SUN)-Movement und dem Committee on World Food Security (CFS).

Zudem wird die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor zunehmend wichtig werden, da Unternehmen zentrale Hebel innerhalb des gesamten Ernährungssystems haben. Gleichzeitig gilt, dass privatwirtschaftliche Aktivitäten nicht automatisch zu besserer Ernährung beitragen: Die aggressive Vermarktung stark verarbeiteter Lebensmittel kann Überernährung, ernährungsbedingte Krankheiten und ein ungesundes Ernährungsumfeld fördern. Für die GIZ heißt das, Partnerschaften mit dem Privatsektor klar an Zielen der Ernährungssicherung und Gesundheit auszurichten, verantwortungsvolle Geschäftsmodelle zu fördern – basierend auf den Engagement-Prinzipien und dem Einhalten von Standards – und dort Grenzen zu ziehen, wo wirtschaftliche Interessen diesen Zielen zuwiderlaufen. Beispielsweise stärken wir in Pakistan mit Unterstützung der Gates Foundation privatwirtschaftliche Ansätze zur Mehlfortifizierung und verbessern so gezielt die Mikronährstoffversorgung von Mädchen und jungen Frauen.

Pakistanische Landarbeiterin bei der Getreideernte. © FAO/Virginija Morgan via Flickr

Ergebnisorientierte Steuerung und gegenseitige Rechenschaftspflicht

Uns als GIZ leitet das Prinzip der Ergebnisorientierung und gegenseitigen Rechenschaftspflicht. Denn beide sind eng miteinander verknüpft und bilden die Grundlage einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit, die auf Wirkung und Lernfähigkeit setzt. In der internationalen Ernährungssicherung wird Erfolg bislang noch oft zu eng über Produktions- oder Einkommenssteigerungen gemessen. Basierend auf unserer jahrzehntelangen Erfahrung in den Partnerländern ist für uns als GIZ dabei aber viel entscheidender, ob Ernährungssysteme langfristig krisenfest, inklusiv und nachhaltig werden. Wirkungsindikatoren müssen daher künftig stärker Aspekte wie Ernährungsvielfalt, Nahrungsqualität, Geschlechtergerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit abbilden.

Unser Arbeitsalltag ist geprägt von Unsicherheiten sowie veränderten Rahmenbedingungen. Für die GIZ bedeutet das, dass wir unsere Programme fortwährend auf Erkenntnissen unserer Evaluierungen weiterentwickeln, um die gewünschten Wirkungen zu erreichen. Dazu gehört auch der Mut, unsere bestehenden Monitoringsysteme regelmäßig zu hinterfragen. Digitale Lösungen erleichtern ergebnisorientierte Steuerung, stärken Transparenz und gegenseitige Rechenschaftspflicht unserer Umsetzungsarbeit in der Ernährungssicherung deutlich. Im Rahmen des Multisectoral Food and Nutrition Security Project Cambodia-Vorhabens in Kambodscha wurden gemeinsam mit dem Gesundheits- und dem Landwirtschaftsministerium landesweit digitale Anwendungen eingeführt, die das Wachstum von Kleinkindern (Growth-Monitoring) beobachten, Fachpersonal qualifizieren sowie Bäuer*innen mit ernährungssensitiver Beratung unterstützen. Für die Menschen vor Ort bedeutet dies besseren Zugang zu Gesundheits- und Ernährungsinformationen.

Darüber hinaus stärkt die GIZ mithilfe digitaler und datenbasierter Ansätze, Wissen und Fähigkeiten entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Lebensmittelproduktion über Vermarktung bis zum Konsum, – und verringert so gezielt die digitale Kluft. Der Mehrwert zeigt sich im Alltag der Menschen, etwa wenn Landwirtinnen und Landwirte aktuelle Wetter- und Preisinformationen abrufen, Gesundheitszentren bei der Ernährungsberatung und Wachstumskontrolle unterstützt werden oder digitale Beratungsangebote verlässliche Informationen zur Ernährung bereitstellen – bei gleichzeitigem Schutz sensibler Daten und dem selbstbestimmten Zugang marginalisierter Gruppen.

In der Ernährungssicherung bedeutet dies auch, unbequeme Wahrheiten offen anzusprechen – etwa globale Handelspraktiken oder Arbeitsbedingungen in der Nahrungsmittelproduktion, die Menschen im Globalen Süden ebenso wie im Globalen Norden benachteiligen. Dabei bleibt der Fokus auf ernährungsunsichere Bevölkerungsgruppen und Kleinproduzierende zentral, reicht jedoch nicht aus: Eine glaubwürdige Rechenschaftsarchitektur muss die Verantwortung aller Akteure entlang der Ernährungssysteme systematisch einbeziehen. Erst wenn Verantwortung benannt und eingefordert wird, kann die Transformation der Ernährungssysteme hin zu mehr Resilienz, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit gelingen.

Ausblick

Ernährungssicherung ist eine gemeinsame politische und gesellschaftliche Aufgabe, in der unterschiedliche Akteure innerhalb der Ernährungssysteme teils divergierende Interessen verfolgen. Die Prinzipien der Erklärung von Paris bleiben dabei ein zentraler strategischer Kompass für die internationale Zusammenarbeit. Um dem Ziel von SDG2 bis 2030 näherzukommen, ist eine partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen Regierungen, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft erforderlich, die konsequent an nationale und internationale Strategien anknüpft. 

Angesichts knapper werdender Entwicklungsbudgets und einer stärkeren regionalen Fokussierung gewinnt die Harmonisierung von Programmen und Maßnahmen weiter an Bedeutung. Ergebnisorientierung und gegenseitige Rechenschaftspflicht bilden dabei die Grundlage wirksamer Partnerschaften.

Die GIZ wird diese Prinzipien künftig noch konsequenter anwenden – nicht als technokratische Checkliste, sondern evidenzbasiert, transparent, und im Dialog mit unseren Partnern. Wir stehen bereit, die internationale Ernährungssicherung in diesem veränderten Umfeld aktiv, koordiniert und zukunftsorientiert mitzugestalten.

Ingrid-Gabriela Hoven Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)
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