Ernährung im Spannungsfeld: Fleischkonsum, Religion und nachhaltige Entwicklung
Empirische Befunde aus 149 Ländern zu den Zusammenhängen von Kultur, Konsum und Entwicklungszielen.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Häufig stehen der Schutz der Umwelt und das Wohl von Menschen und Tieren in einem Spannungsverhältnis zueinander. Ob es Zielkonflikte gibt – etwa zwischen Ansprüchen von Gesundheit und Ernährung einerseits und ökologischen Anliegen andererseits – hängt dabei vom Kontext der kulturellen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen ab. Besonders deutlich wird dies im Lebensbereich des Konsums von Fleisch, der durch verschiedene kulturelle Aspekte beeinflusst wird – darunter die religiöse Ausrichtung von Individuen und Gesellschaft.
Auswirkungen des Fleischkonsums für Mensch und Natur
Der Konsum von Fleisch hat sowohl Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit als auch auf die Umwelt und spielt daher eine wichtige Rolle für die Erreichung der von den Vereinten Nationen vereinbarten nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs). Einerseits bietet der Konsum von Fleisch eine Versorgung mit Kalorien und Mikronährstoffen (=Spurenelemente), welche in manchen Weltregionen nicht anderweitig sichergestellt werden kann, und zahlt somit auf SDG #2 (Kein Hunger) ein. Dies gilt in Landschaften, in denen beispielsweise klimatische Bedingungen, Flächenverfügbarkeit oder Bodeneigenschaften keinen oder kaum Ackerbau ermöglichen – wohl aber die Viehzucht. Auch die fehlende Verfügbarkeit landwirtschaftlicher Betriebsmittel wie Saatgut, Dünger oder Pflanzenschutzmitteln kann den Ackerbau prohibitiv erschweren. Zugleich kann der Konsum von Fleisch auch zu krankhaftem Übergewicht führen (Michaelowa and Dransfeld, 2008) und in der Folge Diabetes und kardiovaskuläre Krankheiten verursachen, was sich negativ auf SDG #3auswirkt (Gesundheit und Wohlergehen).
Während Fleisch als Quelle von Kalorien und Mikronährstoffen insbesondere in Wüsten, halbtrockenen Weidegebieten, Savannen, Steppen, der Tundra oder im Hochgebirge somit unverzichtbar ist (Krätli et al., 2013), ist das Problem von Übergewicht heute ein globales Phänomen. Im Globalen Süden spricht man von der dreifachen Bürde (Triple Burden) der Fehlernährung (Meenakshi, 2016): das gleichzeitige Auftreten von Übergewicht, Wachstumsminderung und Anämie. Relevant ist hier auch die Verarbeitungsform: Sind für den Konsum von gegartem, aber sonst unverarbeitetem Fleisch relativ wenige negative gesundheitliche Konsequenzen belegt, so wurden als Folge des Konsums von stark verarbeiteten Fleischprodukten sowohl Adipositas nachgewiesen als auch ein erhöhtes Krebsrisiko (WHO, 2018). Auch dies wirkt sich negativ auf die SDGs aus (Unterziel #3.4: Reduzierung der Sterblichkeit aufgrund nicht übertragbarer Krankheiten). Die beiden rechten Grafiken in Abbildung 1 zeigen, dass ein erhöhter Fleischkonsum mit geringerer Unter- und Mangelernährung korreliert.
Abbildung 1: Statistische Korrelation von Fleischkonsum mit den Konsequenzen der drei Dimensionen von Fehlernährung
Die Umweltwirkungen des Fleischkonsums sind wiederum für verschiedene planetare Grenzen relevant, und betreffen unter anderem SDG #6 (Sauberes Wasser), SDG #13 (Maßnahmen zum Klimaschutz) und SDG #15 (Leben an Land). Dazu gehören Klimagasemissionen, Biodiversitätsverlust und bio-chemikalische Kreisläufe, wie die Nitratbelastung von Grundwasser. Im Detail hängen die Konsequenzen von der Sorte des Fleischs, den Produktionsbedingungen und dem Handelsregime ab. Besonders viele „direkte” Emissionen entstehen bei der Haltung von Wiederkäuern, also Rindern, Schafen und Ziegen – am meisten bei Rindern. Bei der Fermentierung von faserreichem Futter im Vormagen (Pansen) des Tieres entsteht Methan, ein Klimagas mit der 80-fachen Wirkung von Kohlenstoffdioxid. Die „Klimawirkung“ eines Treibhausgases beschreibt, wie stark es aufgrund seiner Wärmespeicherkapazität und Verweildauer in der Atmosphäre zur Erderwärmung beiträgt.
Während in manchen Kontexten die inländische Produktion den Konsum abdeckt, sind Produktion und Konsum in anderen Kontexten vollständig entkoppelt, wenn die jeweilige Volkswirtschaft stark in den globalen Markt integriert ist.
Kulturelle Determinanten von Fleischkonsum
Eine zentrale Dimension von kulturellen Einflüssen auf Ernährungsgewohnheiten ist die Religion – insbesondere die religiösen Vorschriften zum Fleischkonsum. Während der Islam und das Judentum den Verzicht auf Schweinefleisch vorschreiben, erwartet der Hinduismus den Verzicht auf Rindfleisch. Im Buddhismus wird eine vegetarische Ernährungsweise vorgeschlagen. Die empirische Auswertung zeigt einen klaren statistischen Zusammenhang zwischen den Religionen und den entsprechenden Konsumgewohnheiten, auch wenn nicht alle Einwohner*innen eines Landes die entsprechenden Vorschriften einhalten (Angehörige wie Nicht-Angehörige der entsprechenden Religion).
Mit Hilfe einer statistischen Analyse wurde untersucht, wie sich die religiöse Zusammensetzung auf die Nachfrage nach verschiedenen Fleischsorten auswirkt. Grundlage war ein globaler Datensatz mit 149 Ländern und dessen Beobachtung über 59 Jahre. Die Ergebnisse sind in Abbildung 2 dargestellt.
Abbildung 2: Religion und Fleischkonsum in 149 Ländern
Für Schweinefleisch lassen sich die Ergebnisse wie folgt interpretieren: Sein Verbot sowohl im Islam wie im Judentum führt dazu, dass in den Ländern mit höherem Anteil von Muslimen im Durchschnitt weniger Schweinefleisch konsumiert wird. Genau gesagt ist ein Anstieg des Bevölkerungsanteils muslimischen Glaubens um einen Prozentpunkt mit einem Abfall des Schweinefleischkonsums um fünf Prozent assoziiert. Während ähnliches auch auf jüdisch geprägte Länder zutrifft, sind die Ergebnisse zu den Effekten des jüdischen Bevölkerungsanteils mit Vorsicht zu interpretieren, weil nur ein Land über einen signifikanten Anteil jüdischer Einwohner*innen verfügt (Israel: 72 Prozent, vor USA, 2 Prozent). Zudem ist festzuhalten: Je weniger Menschen eines Landes irgendeiner Religion angehören, desto mehr Schweinefleisch wird konsumiert.
Im Konsum von Schaf- und Ziegenfleisch ergibt sich das gegenteilige Bild: Hier ist eine Steigerung des Anteils von Muslimen mit einem Anstieg des Konsums korreliert, was darauf hindeuten könnte, dass diese halal-kompatible Fleischsorte zur Substitution von unerlaubten Fleischsorten dient. In jüdisch geprägten Gegenden finden diese Substitutionseffekte anscheinend eher zu Gunsten von Hühner- und Rindfleisch statt.
Interessanterweise weist der Bevölkerungsanteil von Hindus keine statistisch signifikante Korrelation mit dem Verzehr von Rindfleisch auf. Stattdessen korreliert er negativ mit Schweinefleischkonsum und dem Verzehr von Fleisch insgesamt. Dies deutet eher auf Vegetarismus/geringen Fleischkonsum hin als auf ein spezifisches Rindfleisch-Tabu.
Schließlich korreliert der Bevölkerungsanteil buddhistischen Glaubens stark negativ mit dem Konsum von Schafs- und Ziegenfleisch. Da es keine kanonische buddhistische Regel zum Verzehrverbot von Schafen und Ziegen gibt, deutet dies eher auf die in Ost- und Südostasien verbreitete Ernährung und Produktionsökologie hin als auf religiöse Lehre.
Bedeutung für Fehlernährung und Klimaschutz
Abbildung 3a-c illustriert die gesundheitliche Situation in verschiedenen Weltregionen. Es zeigt sich, dass in manchen Regionen ein möglicher Zielkonflikt zwischen Ernährungs- und Umweltzielen besteht; es existieren aber auch Synergien.
Die Weltregionen mit der größten Verbreitung von Unter- und Mangelernährung sind das zentrale und (für Mangelernährung) westliche Afrika sowie Südasien. In Westafrika und zu einem relevanten Teil auch in Zentralafrika schränken islamische Ernährungsvorschriften den Schweinefleischkonsum ein. Die Produktion von Geflügel hingegen ist herausfordernd, da die Verfügbarkeit, Qualität und der Preis von Futtermitteln die Produktivität, Skalierung und Wettbewerbsfähigkeit stark beschränken. Zugleich sind kleine Wiederkäuer (Schafe und Ziegen) in vielen west- und zentralafrikanischen Ländern gut an lokale klimatische Bedingungen angepasst, was deren Konsum in diesen Gegenden attraktiv macht.
Abbildung 3a-c:Verbreitung von Unterernährung (Stunting), Mangelernährung (Anemia) und Übergewicht (Overweight).
In Ländern in Südasien, in denen neben dem Islam (Pakistan, Afghanistan) vor allem der Hinduismus und der Buddhismus verbreitet sind, ist die Situation weniger eindeutig, da die Verbreitung dieser Religionen insgesamt mit einer Reduktion des Fleischkonsums einhergehen und genau dort auch viele Menschen unter Mangel- und Fehlernährung leiden. Aus der Ernährungsperspektive würde in Kontexten mit einer geringen Ernährungsdiversität, wie beispielsweise in Südasien, eine Steigerung des Fleischkonsums und der entsprechend größeren Aufnahme von Mikronährstoffen mit einer verbesserten Gesundheit einhergehen.
Hinsichtlich der Verbreitung von Übergewicht sind die Ergebnisse im größeren Zusammenhang zu bewerten, da Übergewicht vor allem von den Gesamtkalorien, dem Verarbeitungsgrad (Stichwort “ultra processed food”) und dem Lebensstil abhängt – aber auch von der durchaus religiös geprägten Fleischzusammensetzung.
Die Regionen und Länder mit der größten Verbreitung von Übergewicht sind Kanada, Argentinien, einige Staaten Nordafrikas und des Balkans, Südafrika und Ozeanien. Gerade im Christentum gibt es praktisch keine Ernährungsvorschriften, und die starke Verbreitung in einkommensstarken Gesellschaften mit vielen bewegungsarmen Berufen (Bürotätigkeiten) führt häufig zu hohen Gesamtkalorien. In Ländern mit großer Verbreitung des Hinduismus, Islam und Buddhismus können sowohl fehlende Kaufkraft, ein höherer ländlicher Bevölkerungsanteil und ein bewegungsintensiverer Lebensstil, als auch religiöse Praktiken wie Vegetarismus (Hinduismus) oder Schweinefleisch-Tabu (Islam) geringere Übergewichtsindikatoren erklären.
Der steigernde Effekt des muslimischen Bevölkerungsanteils auf den Konsum von Schaf- und Ziegenfleisch ist aus gesundheitlicher Perspektive positiv zu bewerten – insbesondere mit Blick auf die Mangel und Fehlernährung in den entsprechenden Regionen. Aus der Perspektive des Klimaschutzes zeigt sich hingegen ein Zielkonflikt zwischen der Versorgung mit Nährstoffen und der Reduzierung der Klimagasemissionen. Jedoch ist festzuhalten, dass die Produktion von Schaf- und Ziegenfleisch weniger Emissionen freisetzt als die von Rindern. In den Regionen, in denen Mangel- und Fehlernährung weniger ausgeprägt sind, gibt es hingegen kein Argument zugunsten des (klimaschädlichen) Konsums von Wiederkäuern. Interessant ist, dass in Ländern mit hohem buddhistischem Bevölkerungsanteil der Konsum von Schaf- und Ziegenfleisch signifikant niedriger ausgeprägt ist – mit guten Neuigkeiten für das Klima.
Zusammenfassung und Ausblick
Die Ergebnisse zeigen: Religiöse Zugehörigkeit prägt systematisch den Fleischkonsum – und damit auch dessen gesundheitliche und ökologische Folgen. Doch ob daraus ein Problem oder eine Chance entsteht, hängt vom Kontext ab. In Regionen mit hoher Unter- und Mangelernährung können tierische Produkte entscheidend zur ergänzenden Versorgung mit Kalorien und Mikronährstoffen beitragen. Gerade kleine Wiederkäuer sind in ariden und semi-ariden Räumen oft gut an lokale Bedingungen angepasst. Hier kann eine maßvolle Ausweitung nachhaltiger Tierproduktion zur Ernährungssicherung beitragen.
Anders stellt sich die Situation in wohlhabenden Gesellschaften dar. Dort überwiegen die Risiken eines hohen Konsums – insbesondere von Rindfleisch und stark verarbeiteten Produkten – für Klima und Gesundheit. Da die Hauptverantwortung für emissionsintensive Ernährungsweisen damit in Ländern mit hohem Einkommen und hohem Konsumniveau liegt, ist hier eine Reduktion besonders klimaschädlicher Fleischsorten nicht nur ökologisch geboten, sondern auch gesundheitspolitisch sinnvoll.
Nachhaltigkeit verlangt daher keine global einheitliche Diät, sondern differenzierte Strategien. Religion ist mit Ver- und Geboten dabei nicht per se hinderlich. Speisegebote strukturieren die Nachfrage langfristig und können Orientierung bieten. Traditionen der Mäßigung, des Fastens oder der vegetarischen Praxis zeigen, dass kulturelle Normen anschlussfähig an Nachhaltigkeitsziele sein können. Entwicklungspolitik sollte diese kulturelle Infrastruktur ernst nehmen und mit ihr arbeiten.
Eine mögliche, im öffentlichen Diskurs jedoch wenig beachtete Brücke im Zielkonflikt zwischen Ernährungssicherung und Klimaschutz liegt in alternativen Proteinquellen wie essbaren Insekten. Sie liefern hochwertiges Protein und wichtige Mikronährstoffe wie Eisen und Zink, verursachen deutlich geringere Treibhausgasemissionen als Wiederkäuer und benötigen weniger Fläche und Wasser (Abbasi, 2026). In vielen Regionen Afrikas und Asiens sind sie traditionell verankert. Ihre stärkere Förderung könnte Einkommensmöglichkeiten schaffen und Ernährungssysteme diversifizieren – ohne bestehende kulturelle Muster grundsätzlich zu unterlaufen.
Nachhaltige Ernährungspolitik beginnt daher mit der Anerkennung kultureller Realitäten, mit der offenen Benennung von Zielkonflikten und mit der Suche nach kontextspezifischen Lösungen. Wo Hunger herrscht, muss Ernährungssicherung Priorität haben. Wo Überkonsum dominiert, ist Reduktion geboten. Und global gilt: Verantwortung ist ungleich verteilt – ebenso wie die Spielräume für Veränderung.
Prof. Dr. Thomas Kopp leitet die Arbeitsgruppe für Globalen Handel und Welternährung und ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Agrarpolitik und Marktforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Kontakt: [email protected].
Dr. Markus Nabernegg ist Senior Researcher in der Arbeitsgruppe für Globalen Handel und Welternährung und ehemaliger Vizedirektor des Nationalen Instituts für Statistik von Ecuador. Kontakt: [email protected].
Fußnote:
(1) Statistisch nicht signifikante Koeffizienten sind nicht dargestellt. *: Zum Anteil der jüdischen Bevölkerung: Der Datensatz enthält nur ein Land mit einem substanziellen Bevölkerungsanteil jüdischen Glaubens. Diese Variable könnte also auch den Effekt "mediterranes Land mit hohem Durchschnittseinkommen" einfangen.
Quellen:
Abbasi, E. (2026). "Edible insects in human nutrition: nutritional value, economic potential, and environmental implications for sustainable food production." Agriculture & Food Security, in press, pp. 1-24.
Clune, S., E. Crossin, and K. Verghese (2017). “Systematic review of greenhouse gas emissions for different fresh food categories”. In: Journal of Cleaner Production, 140, pp. 766–783.
Krätli, S., C. Huelsebusch, S. Brooks, and B. Kaufmann. (2013). Pastoralism: A critical asset for food security under global climate change. Animal Frontiers, 3(1), 42–50.
Meenakshi, J. V. (2016). “Trends and patterns in the triple burden of malnutrition in India”. Agricultural Economics, 47.S1, pp. 115–134.
Michaelowa, A. and B. Dransfeld (2008). “Greenhouse gas benefits of fighting obesity”. In: Ecological Economics, 66.2-3, pp. 298–308.
WHO 2018: Pressemitteilung Nr. 240. https://www.iarc.who.int/wp-content/uploads/2018/07/pr240_E.pdf)
