China streicht alle Handelszölle für Afrika. Ein Geschenk an wen?
Einige Wirtschaftsbereiche könnten von der neuen Zollfreiheit profitieren. Aber politisch ist der Schritt auch geostrategisches Kalkül in Peking.
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Am 14. Februar 2026 verkündete der chinesische Präsident Xi Jinping in einer Videobotschaft an das 39. Gipfeltreffen der Afrikanischen Union (AU) die Ausweitung der Nullzollpolitik auf afrikanische Länder. Er versprach, China werde ab dem 1. Mai Zollfreiheit für die 53 afrikanischen Länder einführen, mit denen es diplomatische Beziehungen pflegt (alle außer Eswatini, das Beziehungen zu Taiwan unterhält). Diese Politik erklärte Chinas Außenminister Wang Yi inzwischen als Teil des Engagements Chinas für eine weitere Öffnung seiner Märkte und als Beitrag, den Handel anzukurbeln, den Nutzen für die Bevölkerung zu vervielfachen und Afrika dabei zu helfen, Zugang zu den enormen Marktchancen Chinas zu erhalten.
Die Volksrepublik und afrikanische Staaten haben seit dem Jahr 2000 im Rahmen des Forums für chinesisch-afrikanische Zusammenarbeit (FOCAC) auf verschiedenen Regierungsebenen ihre Handelsbeziehungen gefördert. Zu den politischen Ergebnissen zählt unter anderem eine seit 2005 von China angebotene Zollfreiheit für die am wenigsten entwickelten Länder (LDCs) in Afrika, wonach etwa 33 Länder (die Qualifikationskriterien haben sich im Laufe der Zeit geändert) diesen Zugang haben. Die Vereinten Nationen stufen LDCs anhand eines niedrigen Pro-Kopf-Einkommens, eines niedrigen Wertes im Human Assets Index und eines hohen Wertes in einem Index der allgemeinen wirtschaftlichen und ökologischen Verwundbarkeit ein. Daneben werden die meisten Exporte aus Mitteleinkommensländern wie Südafrika und Marokko durchweg mit Zollsätzen von etwa 10–25 Prozent belegt.
Die politische Ökonomie des Wandels in der Zollpolitik
Ein unmittelbarer Auslöser für den Politikwechsel scheint die Kontroverse um Chinas enormen Handelsüberschuss zu sein, sowohl gegenüber Afrika als auch weltweit. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2026 kommentierte die Generaldirektorin der Welthandelsorganisation, Ngozi Okonjo-Iweala: „Ein Handelsüberschuss von 1,2 Billionen Dollar ist nicht nachhaltig, da der Rest der Welt ein derart großes Handelsvolumen nicht aufnehmen kann. Wenn China nicht handelt, werden wir weitere Handelsbarrieren erleben.“
Mit Barrieren bezog sich Okonjo-Iweala wahrscheinlich auf die Handelstreitigkeiten zwischen China und den USA, aber auch zwischen China und anderen Hocheinkommensländern, darunter in Westeuropa, Japan und Australien. Im Falle der USA nahmen die Spannungen und die Errichtung von Zollschranken im Januar 2018 ihren Anfang, als Präsident Donald Trump – motiviert durch das Handelsdefizit der USA gegenüber China – Zölle auf importierte Waschmaschinen und Solarmodule aus aller Welt verhängte, wovon chinesische Exporteure besonders betroffen waren. Ein Handelskrieg zwischen Australien und China begann im Mai 2020, als China Zölle auf australische Gerstenexporte verhängte, und eskalierte von da an über mehrere Monate.
Im Falle Afrikas erreichte der bilaterale Handel laut der chinesischen Zollbehörde im Jahr 2025 einen Rekordwert von 348 Mrd. Dollar. Dies entsprach einem Wachstum von 17,7 Prozent zum Vorjahr. Chinas Exporte nach Afrika erreichten 225 Mrd. Dollar – ein Anstieg um 25,8 Prozent – und bestanden hauptsächlich aus Industriegütern. Chinas Importe aus Afrika erreichten 123 Mrd. Dollar, ein Anstieg um 5,4 Prozent, und wurden von Rohöl, Kupfer, Kobalt und anderen, hauptsächlich unverarbeiteten Rohstoffen dominiert. Derweil verzeichnet Afrika bei seinem jährlichen Handelsvolumen von 385 Mrd. Dollar mit seinem größten Partner, der Europäischen Union, einen Handelsüberschuss von rund 32 Mrd. Dollar.
Dennoch meint China beweisen zu müssen, dass es mehr zu bieten hat als nur unersättlichen Appetit auf die Bodenschätze des Kontinents. Im Rahmen der seit 2013 bestehenden chinesischen „Belt and Road“-Initiative haben viele afrikanische Länder neue Finanzierungen genutzt, um in handelsbezogene Infrastruktur wie Häfen und wichtige Zubringerstraßen zu investieren. Wenn diese Investitionen nicht zu verbesserten Exportchancen und Produktivitätssteigerungen führen, wird die Rückzahlung der Kredite teuer. Warum aber verzichtet China auf jährliche Zolleinnahmen von geschätzten 1,4 Mrd. Dollar aus Afrika – und das in einer Zeit, in der chinesische Händler selbst Zölle zahlen müssen, wenn sie mit der größten Volkswirtschaft und dem größten Importeur der Welt, den USA, Handel treiben?
Die Logik hinter Chinas Offerte
Ein erster Punkt ist, dass die stärkeren unter den China-Exporteuren Afrikas nicht zu Nutznießern der neuen Zollfreiheit werden. Auch nicht die am wenigsten entwickelten Länder (LDCs), deren Rohstoffexporte sowieso zollfrei sind – oder deren Nachfrage kaum von Zöllen beeinflusst wird. Die fünf größten China-Exporteure Afrikas sind laut chinesischem Zoll: Südafrika, Angola, die Demokratische Republik Kongo (DRK), die Republik Kongo und Sambia. Davon sind die DRK und Sambia LDCs. Aus Südafrika sind nicht-mineralische Exporte, etwa Obst und Weine, zollpflichtig. Ebenso werden auf die Hauptausführgüter einiger dynamischen Volkswirtschaften mittleren Einkommens, wie Kenia, Zölle erhoben – darunter auf Tee, Kaffee, Gartenerzeugnisse, Avocados und Meeresfrüchte. Für die stärkeren und aufstrebenden Küstenwirtschaften Afrikas war die Unterstützung Chinas handelspolitisch schon immer gering (Johnston, Morgan und Wang, 2015).
Ein Exportwachstum von verarbeiteten und unverarbeiteten Agrarerzeugnissen würde jedoch sowohl auf Chinas kürzlich hochgestufte Priorität im Bereich der Ernährungssicherheit einzahlen (einschließlich Importdiversifizierung), als auch andere Ziele der chinesisch-afrikanischen Beziehungen fördern. So z.B. die FOCAC-Agenda zur Armutsbekämpfung, da steigende Produktivität im ländlichen Raum tendenziell die dortigen Einkommen und Chancen verbessert (gerade in den Regionen mit der größten Armutsausprägung). Die Ernährungssicherheit in Afrika würde gestärkt, die Exporte gesteigert und theoretisch das enorme Handelsdefizit verringert. Es könnte auch Afrikas China-Exporte gegenüber Konkurrenz aus Drittmärkten beflügeln, etwa durch Zollfreiheit für südafrikanische Weine, während die Belastung von kalifornischen und australischen Weinen unverändert bleibt.
Wichtige Fragen ergeben sich aus der bevorstehenden Änderung der chinesischen Zollpolitik im afrikanischen Handels- und Entwicklungskontext. Nur wenige Studien haben die Auswirkungen der bisherigen Zollpolitik untersucht. Meine Doktorarbeit über Chinas Importe aus Afrika berücksichtigte eine Variable für Handelspräferenzen für LDCs und stellte keine signifikanten unmittelbaren Auswirkungen auf das Importniveau fest (bis 2009). Über einen längeren Zeitraum stellten Sun und Omoruyi (2021) fest, dass die Zollvorteile für LDCs die Diversifizierung der Industrieexporte nach China sowie den regionalen Handel begünstigt hatten, sich jedoch kaum auf die Diversifizierung in der Landwirtschaft und im Bergbau ausgewirkt hatten.
Die Autoren forderten drei politische Kurswechsel: 1) Ausweitung der Handelsvorteile auf regionale Gruppierungen in Afrika (wie die Ostafrikanische Gemeinschaft/EAC, die Südafrikanische Zollunion/SACU) und die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten/ECOWAS), um eine länderübergreifende Zusammenarbeit zur Erreichung der Handelsziele zu ermöglichen; 2) Konzentration auf die Beseitigung nichttarifärer Handelshemmnisse wie Zollverfahren, pflanzengesundheitliche Barrieren und Kosten; 3) verstärkte chinesische Unterstützung für afrikanische Länder zur Verbesserung ihrer Export- und Produktionskapazitäten.
Die neue allgemeine Nullzollpolitik der Volksrepublik ist ein Schritt in diese Richtung, da sie die Behandlung aller Länder vereinheitlicht, und damit auch zwischen regionalen Gruppierungen. Dies fördert die länderübergreifende Zusammenarbeit bei Investitionen in die exportorientierte Produktion (für China). Zudem unterstützt dies Afrikas eigene Agenda zur regionalen Integration im Rahmen der AfCFTA (Afrikanische Kontinentale Freihandelszone), deren Umsetzung 2019 begonnen hat.
Parallel leistet China verstärkte Unterstützung zur Erleichterung des Handels. Beispiele hierfür sind die Verbesserung des „Green Channels“ und der Zollverfahren. „Green Lanes“. Sie ermöglichen vereinfachte Inspektionen, Quarantänemaßnahmen und Zollabfertigungen und können schlankeren Papieraufwand, schnellere Pflanzengesundheitskontrollen und vorrangige Abfertigung in Häfen umfassen.
Es besteht jedoch das Risiko, dass eine einheitliche Zollbehandlung lediglich die stärkeren Volkswirtschaften und deren Exportaussichten begünstigt, wie beispielsweise Marokko, Ägypten und Südafrika. Volkswirtschaften wie Kenia und Ghana könnten zwar in gewissem Maße profitieren, doch laufen die am wenigsten entwickelten Länder Gefahr, am wenigsten zu gewinnen und sogar benachteiligt zu werden. Das heißt, stärker industrialisierte Nationen wie Südafrika könnten die Perspektive von Ländern wie Malawi einschränken. Andererseits könnte Malawi letztlich mehr von der regionalen Zusammenarbeit mit einem reicheren Südafrika profitieren als von einem direkteren Zugang zu China. Die tatsächlichen Auswirkungen werden sich erst im Laufe der Zeit zeigen und auch von den politischen Reaktionen der einzelnen Länder und Regionen abhängen.
Ein weiterer Treiber für die Umstellung auf Nullzölle ist schließlich für China die zunehmende Bedeutung Afrikas als Wirtschaftspartner. Nicht nur sieht China sich bei traditionell großen Exportmärkten – den USA und Europa – erhöhten Handelsbarrieren gegenüber. China hat auch kürzlich im Rahmen des Schutzes der nationalen wirtschaftlichen Sicherheit die „materielle Sicherheit“ aufgewertet. Das heißt, eine garantierte Versorgung mit Rohstoffen wie Kupfer und Lithium, die für Chinas Wirtschaft unverzichtbar sind, nimmt in der nationalen Sicherheitsstrategie des Landes jetzt einen höheren Stellenwert ein. In Zeiten des Wettstreits der Großmächte ist es zunehmend wichtiger, Risiken für die Ernährungssicherheit sowie für die Energie- und Rohstoffversorgung zu minimieren. Die Bedeutung Afrikas für bestimmte Lieferketten – global wie bilateral – verleiht den beidseitigen Handelsbeziehungen beispielloses Gewicht.
Zölle sind kein Allheilmittel für Entwicklung
So begrüßenswert die neue Zollpolitik ist, so ist doch zu bedenken, dass ihre Lockerung nicht gleichbedeutend ist mit Transformation durch Handel. So haben Zollbefreiungen für Kakaobohnen oder unverarbeitetes Kupfer wenig Bedeutung, wenn die chinesische Nachfrage trotz resultierender Preissenkungen unverändert bleibt. Selbst wenn der Export von Schokolade oder Batterien zollfrei wäre: Solange afrikanische Länder diese Güter nicht produzieren – zumindest nicht nach chinesischen Standards – wird die neue Zollregelung ohne Wirkung bleiben. In der Tat ist es unwahrscheinlich, dass Zölle das Haupthindernis für den Aufbau solcher Industrien waren.
Theoretisch verleihen die Begehrlichkeiten nach Afrikas Bodenschätzen dem Kontinent eine neue, starke und wichtige Verhandlungsposition – schließlich werden sie für strombasierte Zukunftstechnologien gebraucht, und um fossile Abhängigkeiten zu reduzieren, die durch die gefährdete Ölversorgung in der Straße von Hormus wieder deutlicher werden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich die Geschichte wiederholt, wenn diese Rohstoffe einfach nur exportiert werden – eine Geschichte, in der afrikanische Volkswirtschaften nicht parallel zu ihren Handelspartnern industrialisiert wurden. Chinas Zollwende ist zu begrüßen – sie könnte den Exporten des Kontinents nach China jenseits von Rohstoffen neuen Schwung verleihen, besonders aus gut positionierten Volkswirtschaften. Für sich allein ist der Schritt aber nicht der Schlüssel zur Entwicklung Afrikas.


