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  • Entwicklungspolitik & Agenda 2030
  • 10/2025
  • Dirk Ebach

Welthunger-Index 2025: Zero Hunger rückt in weite Ferne

Es fehlt nicht an erprobten Lösungen oder an Warnzeichen von Hunger, sondern an politischem Willen, ausreichender Finanzierung und konsequenter Umsetzung.

Bangladesch: Ashinur Begum am Ufer des Brahmaputra in Gaibandha. Überschwemmungen und Erosion bedrohen dort zunehmend Häuser und Lebensgrundlagen. © Saikat Mojumder/Concern Worldwide

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

Die Weltgemeinschaft hat das Interesse an der Beendigung des Hungers verloren. So könnte man die Ergebnisse der 20. Ausgabe des Welthunger-Index provokant interpretieren. Auf erfolgreiche Jahre mit einem deutlichen Rückgang des Hungers folgten die vergangenen Jahre der Nahezu-Stagnation. Es wäre zynisch, die Nichtzunahme des Hungers schon als Erfolg zu feiern – denn das erklärte Ziel ist ein ganz anderes: “Zero Hunger” bis 2030. 

Am 9. Oktober 2025 haben Welthungerhilfe, Concern Wordwide und das Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht der Ruhr-Universität Bochum die neue Ausgabe des Welthunger-Index (WHI) veröffentlicht. Anders als in den Vorjahren legt die 20. Ausgabe neben der Darstellung der globalen, regionalen und nationalen Hungertrends nicht den Fokus auf ein bestimmtes Thema. Vielmehr wirft sie einen allgemeinen Rückblick auf die Politikempfehlungen und deren Fortentwicklung innerhalb der letzten 20 Jahre.  

Expert*innen und politische Entscheidungsträger*innen aus unterschiedlichen Fachbereichen, Organisationen und Regionen kommen zu Wort und beschreiben Fortschritte und Herausforderungen aus Ihrer Perspektive. Länderstudien machen Erfolge, aber auch Herausforderungen greifbar.  

Was drücken die Welthunger-Index-Zahlen aus? 

Der Welthunger-Index ist ein von externen Expert*innen begutachteter Bericht, der jährlich von Welthungerhilfe und Concern Worldwide veröffentlicht wird. Seit 2024 berechnet das Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht den Index und entwickelt ihn weiter. Der WHI hat sich seit seiner Erstausgabe im Jahr 2006 zu einem wichtigen zivilgesellschaftlichen Bericht zur Messung von Langzeittrends der Hungersituation auf globaler, regionaler und nationaler Ebene entwickelt. Der Bericht schafft Aufmerksamkeit für das weltweite Ausmaß von Hunger und liefert Anreize zur Verbesserung der Situation. Er dient zudem als Grundlage, um mit Regierungen, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und anderen Akteur*innen in diversen Ländern in den Dialog zu treten. 

Welthunger-Index 2025: Die analysierten Länder können in Kategorien einsortiert werden; je nachdem, ob die Hungerwerte gravierend, sehr ernst, ernst, mäßig oder niedrig sind. © Welthungerhilfe

Der WHI zeichnet – und das ist einzigartig – durch die Kombination verschiedener Hungerindikatoren ein eindrückliches Bild, welche Situation in den 130 betrachteten Ländern herrscht. Um die Komplexität und Mehrdimensionalität von Hunger zu erfassen, kombiniert der WHI vier Indikatoren:

  1. Unterernährung: der Bevölkerungsanteil, der zu geringe Kalorienzufuhr erlebt;
  2. Wachstumsverzögerung: der Anteil an Kindern unter 5 Jahren mit zu geringer Größe für das Alter, ein Zeichen für chronische Unterernährung;
  3. Auszehrung: der Anteil an Kindern unter 5 Jahren mit zu geringem Gewicht für die Größe, ein Zeichen für akute Unterernährung;
  4. Kindersterblichkeit: der Anteil an Kindern, der vor dem 5. Geburtstag verstirbt, was teilweise die fatale Kombination von mangelhafter Ernährung und ungesunder Umwelt widerspiegelt.

Dies erlaubt dem WHI, nicht nur die Verfügbarkeit von Kalorien, sondern auch die Qualität und Verwertung von Nahrung zu erfassen.

Wie steht es um die aktuelle Hungersituation?

Der WHI 2025 stellt fest, dass das Gesamthungerniveau (der globale WHI-Wert) mit einem Wert von 18,3 gegenüber 19,0 im letzten methodisch vergleichbaren Jahr 2016 um nur 0,7 Indexpunkte geringfügig gesunken ist.  Das ist kaum noch eine Verbesserung. In 27 Staaten hat der Hunger seit 2016 sogar wieder zugenommen. Im Vergleich dazu hatte sich das Niveau vom Jahr 2008 bis 2016 von 23,5 auf 19, also um 4,5 Indexpunkte verbessert.

Welthunger-Index 2025: Seit 2016 wurde der Hunger kaum reduziert, und das Ziel, bis 2030 ZeroHunger zu erreichen, ist in Gefahr. © Welthungerhilfe

Nichtsdestotrotz macht es Sinn, am Ziel festzuhalten, den Hunger bis 2030 zu beenden. Auch wenn die WHI-Prognose davon ausgeht, dass bei unverändertem Tempo 56 Länder das Ziel eines niedrigen Hungerniveaus bis 2030 verfehlen werden. Das ist wenig ermutigend. Global würde dieses Ziel erst 2137 erreicht – mehr als ein Jahrhundert später.

Die wichtigsten Hungertreiber

Die größten Hungertreiber sind lange bekannt: Es sind bewaffnete Konflikte, wirtschaftliche Instabilität, wachsende Ungleichheit und die Folgen des Klimawandels. In Form einer Polykrise verstärken sich diese Treiber und wirken sich negativ auf die Ernährungssituation von Abermillionen Menschen aus. So litten 8,2 Prozent beziehungsweise geschätzte 673 Millionen Menschen im Jahr 2024 unter Unterernährung (einer der vier Indikatoren des WHI).

Doch statt eines gemeinsamen Aufbäumens gegen diese Krisen – bekannte Erfolgsrezepte, die zu den signifikanten Verbesserungen in den Jahren vor 2016 geführt haben, könnten finanziell und politisch unterfüttert werden – erfolgt weitestgehend das Gegenteil. Es ist, um einen Fußball-Vergleich zu bemühen, als würde die knapp führende Mannschaft nach der ersten Halbzeit zwei der eigenen Spieler ersatzlos vom Platz nehmen.

Doch ist Hunger kein Spiel. Und im Umgang mit den kaum fassbaren Zahlen der unter Hunger leidenden Menschen gehen individuelle Schicksale meist unter. Der WHI streut daher Beispiele von Menschen ein, die sich erfolgreich der Bedrohung Hunger entgegengestellt haben. Diese konkreten Erfolgsgeschichten und die Entwicklung vor dem Jahr 2016 sollten Motivation sein, das Engagement zu erhöhen. Jedoch fehlt es fast überall an der politischen Entschlossenheit.

Statt das kollektive Versagen des Handelns der Weltgemeinschaft beim Erreichen der eigenen Ziele einzugestehen, flüchtet sich Politik immer häufiger in plumpe Ablenkungsmanöver – darunter die schlichte Leugnung des Klimawandels, das Ausspielen nationaler Belange gegen vermeintlich verpuffende Unterstützung im Ausland oder offene Anfeindungen derer, die noch Unterstützung leisten.

Es fehlt nicht an Lösungen

Denn, so stellt der WHI in seiner diesjährigen Ausgabe erneut klar: Es fehlt nicht an Lösungen oder Warnzeichen, sondern an politischem Willen, ausreichender Finanzierung und der konsequenten, nachhaltigen Umsetzung von Maßnahmen.

Wie haben sich die Empfehlungen der letzten 20 Jahre gewandelt?

Der WHI 2025 betrachtet Empfehlungen aus sieben Bereichen über den Lauf der Zeit:

1. Nationale Politik und Governance:
Frühere Empfehlungen betonten Marktliberalisierung und Infrastrukturaufbau. Später rückten Menschenrechte, Geschlechtergerechtigkeit, Konfliktsensibilität und lokale Beteiligung in den Fokus. Heute wird auf sektorübergreifende Zusammenarbeit und rechtlich verankerte Ernährungssicherheit gesetzt.

2. Ländliche Entwicklung und Landwirtschaft:
Der Fokus verlagerte sich von Produktivitätssteigerung zu klimaresilienten, inklusiven Ernährungssystemen. Investitionen sollen besonders benachteiligte Gruppen stärken und lokale Kapazitäten fördern.

3. Daten und Rechenschaft:
Seit 2008 wird die Bedeutung von Monitoring und der Erhebung von lokalen Daten hervorgehoben. Transparenz und partizipative Rechenschaftsmechanismen gelten als Schlüssel für wirksame Politik.

4. Klimaschutz und Resilienz:
Empfohlen werden vorausschauende Maßnahmen, die Klima, Konflikte und soziale Ungleichheiten gemeinsam adressieren. Lokale Resilienz und Frühwarnsysteme sind essenziell.

5. Inklusive Entwicklung:
Die Stärkung marginalisierter Gruppen – insbesondere von Frauen und Kleinbäuer*innen – ist zentral. Gute lokale Governance und Beteiligung gelten als Voraussetzung für nachhaltige Ernährungssicherheit.

6. Sektorübergreifende Strategien:
Ernährungspolitik muss mit Bildung, Gesundheit und Wassermanagement verknüpft werden. Der WHI fordert kohärente, systembasierte Ansätze zur Bekämpfung struktureller Ursachen von Hunger.

7. Entwicklungsfinanzierung:
Langfristige, koordinierte Investitionen sind nötig. Der WHI ruft zu intelligenter, gerechter und transparenter Finanzierung auf, die lokale Akteure anhaltend stärkt und strukturelle Ursachen angeht.

Uganda: Im Distrikt Luwero unterstützt Ali Sonko seine Nachbarin Fatuma Oluke dabei, über eine lokale Online-Plattform Arbeitskräfte und Werkzeuge für die Landwirtschaft zu organisieren. Digitale Lösungen erleichtern Produktion, Verarbeitung und Transport. © Papashotit/Welthungerhilfe

Der WHI war 2006 mit der nun weitestgehend bestätigten Hypothese angetreten, dass die Bündelung von Wissen, politischem Willen und entschlossenem Handeln entscheidend zur Überwindung von Hunger beitragen kann. Zum Aspekt der Bildung hat der WHI seit jeher durch wissenschaftliche Sorgfalt und den intensiven Einbezug von Fachleuten im Erstellungsprozess beigetragen. Einige dieser Fachleute aus Lehre, Politik und Praxis stellen in der diesjährigen Ausgabe ihre Perspektiven auf den WHI  dar.  

1. Ursprung und Entwicklung des WHI

Joachim von Braun beschreibt die Entstehung des WHI als Reaktion auf unzureichende Fortschritte bei der Hungerbekämpfung. Ziel war ein länderspezifischer Vergleich, um politische Maßnahmen zu fördern. Der WHI soll als Kommunikationsinstrument dienen.

2. Geschlechtergerechtigkeit und Klimaresilienz

Nitya Rao betont, dass Fortschritte seit 2016 stagnieren. Besonders Frauen sind durch Klimawandel und soziale Ungleichheiten betroffen. Zeitarmut bei Frauen wirkt sich negativ auf die Ernährung von Kindern aus. Gerechtigkeit müsse in Anerkennung, Umverteilung und Teilhabe gedacht werden.

3. Politische Umsetzung und lokale Beteiligung

Macdonald Metzger aus Liberia hebt die Bedeutung lokaler Partnerschaften und kulturell angepasster Kommunikation hervor. Der WHI hilft, gezielte Maßnahmen zu entwickeln und Ressourcen effizient einzusetzen.

4. Recht auf Nahrung und multisektorale Ansätze

Bimala Rai Paudyal aus Nepal berichtet über Fortschritte durch das in der Verfassung verankerte Recht auf Nahrung, durch Geldtransfers und sektorübergreifende Programme. Herausforderungen bestehen in städtischen Gebieten und im Ernährungsverhalten junger Menschen.

5. Politische Führung und Rechenschaft

Klaus von Grebmer betont, dass Fortschritte dort erzielt wurden, wo die oberste politische Führung Hunger zur Priorität machte. Der WHI fördert Rechenschaft und internationale Vergleichbarkeit.

6. Koordination und Daten

Carolina Trivelli aus Peru unterstreicht die Notwendigkeit koordinierter Strategien, verlässlicher Daten und klarer Verantwortlichkeiten. Der WHI dient als Alarmsignal und als Instrument zur langfristigen Analyse.

7. Umsetzung bestehender Politiken

Wendy Geza kritisiert, dass viele gute Politiken existieren, aber nicht umgesetzt werden. Es fehlen Monitoring, klare Zuständigkeiten und lokale Übersetzung globaler Strategien.

8. Systemische Ansätze

Kaosar Afsana fordert gerechte Wirtschafts- und Handelssysteme. Beispiele wie niedrige Löhne in Bangladesch und Kinderheirat zeigen, wie strukturelle Probleme Ernährungssicherheit untergraben.

9. Hunger und Konflikte

Dan Smith vom SIPRI erklärt, dass Konflikte Hunger verschärfen und umgekehrt. Hunger wird teils als Kriegswaffe eingesetzt. Ernährungssicherheit kann jedoch auch zur Friedensförderung beitragen.

10. Rolle junger Menschen

Mendy Ndlovu betont die Bedeutung von Jugend für Klimaschutz und Ernährungssouveränität. Junge Menschen brauchen Zugang zu Technologie und Beteiligung an Entscheidungsprozessen.

Wie kann und muss es weitergehen?

Aus der Historie, den aktuellen Daten und den Beiträgen der Fachleute, hat der WHI aktuelle Empfehlungen in drei zentralen Handlungsfeldern identifiziert:

1. Niemanden zurücklassen – Hunger jetzt beenden

Politische Führungsstärke: Regierungen sollen sich klar zur Transformation der Ernährungssysteme bekennen – inklusiv, nachhaltig, resilient und friedensorientiert.

Klimaresiliente Landwirtschaft: Investitionen in lokale, angepasste und nachhaltige Ernährungssysteme sind nötig. Land- und Wasserrechte sowie Ökosystemschutz müssen gestärkt werden.

Finanzierung sicherstellen: Humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Klimafinanzierung müssen ausgebaut und koordiniert werden. Transparente Rechenschaftsmechanismen sind essenziell.

2. Nationales Engagement und lokale Umsetzung stärken

Verantwortung auf höchster Ebene: Staats- und Regierungschefs sollen Hungerbekämpfung aktiv vorantreiben und klare Zuständigkeiten schaffen.

Inklusive Rechenschaftsmechanismen: Betroffene Menschen müssen in Planung und Bewertung von Maßnahmen eingebunden werden. Hochwertige, differenzierte Daten sind Grundlage für wirksames Handeln.

Stärkung lokaler Regierungsführung: Lokale Behörden brauchen zielorientierte Budgets, Leitfäden und Kapazitätsaufbau. Zivilgesellschaftliche Organisationen sollen als zentrale Partner eingebunden werden.

3. Den Kreislauf von Konflikten und Hunger durchbrechen

Konfliktprävention: Hunger entsteht oft durch Konflikte. Frühzeitige Risikoerkennung und Schutz von Lebensgrundlagen sind entscheidend.

Völkerrecht wahren: Der Einsatz von Hunger als Kriegswaffe muss international geächtet und strafrechtlich verfolgt werden. Die UN-Resolution 2417 ist vollständig umzusetzen.

Porträt: Dirk Ebach, Team Policy & External Relations
Dirk Ebach Team Policy & External Relations
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