Auswanderung – und ihre Dynamik für Wachstum in Entwicklungsländern
Entwicklungsmodelle von Industrialisierung und Export waren gestern. Künftig braucht es Strategien für die Migration von Arbeitskräften – zum Nutzen von Herkunfts- und reichen Aufnahmeländern.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Kemal Şahin wurde in Konya in der Türkei geboren. 1973 kam er mit einem Stipendium nach Deutschland, um an der RWTH Aachen Metallurgie zu studieren. Nach seinem Abschluss kratzte er 5.000 D-Mark zusammen und begann, türkische Textilien zu importieren. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hatte sich aus dem Importgeschäft die Şahinler Holding entwickelt, der größte integrierte Mode- und Textilkonzern der Türkei mit 27 Produktionsstätten, Filialen in 15 Ländern und rund 50 Millionen Kunden weltweit.
Şahin nutzte die deutsche Basis, um etwas aufzubauen, was die Türkei brauchte: eine Produktionsinfrastruktur im industriellen Maßstab. Sein Unternehmen wurde zum Gründer und Betreiber der Europäischen Freihandelszone in Edirne, einem der größten privaten Industrieprojekte in der Türkei. Die Zone beherbergt heute rund 200 Unternehmen, beschäftigt mehr als 8.000 Menschen und erzielt jährlich Handelsumsätze von über 3,5 Mrd. Dollar.
Auch Mustafa Baklan kam 1972 nach Deutschland, und seine Familie eröffnete 14 Jahre später ihren ersten Supermarkt in Mannheim. In der Folge bauten sie in der Türkei einen eigenen Nahrungsmittel-, Produktions- und Großhandelsbetrieb nach EU-Normen auf und lieferten nach Mannheim – und darüber hinaus. Dieses Unternehmen, das heute Suntat heißt, versorgt Supermarktketten in ganz Europa und erreicht mit rund 1.200 verschiedenen Produkten aus der Türkei etwa 50 Länder weltweit. Der Hauptsitz befindet sich nach wie vor in Mannheim, wo Vater Baklan einst als Gastarbeiter anheuerte.
Die beiden Unternehmer zeigen, wie Migration Leben verändern und Werte schaffen kann – für Migranten, für die Länder, in die sie ziehen, und für die Länder, aus denen sie stammen. Ihr Beispiel – und es gibt viele wie ihres – weist auf einen Richtungswechsel für die globale Entwicklung hin.
Neue Formeln erforderlich
Ein halbes Jahrhundert lang sah die Formel für den schnellen Wohlstand von Ländern immer gleich aus: Fabriken bauen, billige Arbeitskräfte einsetzen, in die Welt exportieren, in der Wertschöpfungskette aufsteigen. Südkorea, Taiwan und China haben es so gemacht. Während des größten Teils des späten 20. Jahrhunderts war das durch Exportindustrie getragene Wachstum der vorherrschende Weg aus der Armut für große Entwicklungs- und Schwellenländer.
Diese Formel geht jedoch immer schwerer auf. Die weltweite Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe wird im Jahr 2050 voraussichtlich rund 65 Millionen Arbeitsplätze weniger umfassen als heute, da die Automatisierung den Bedarf an Arbeitskräften senkt und eine alternde Weltbevölkerung die Nachfrage nach Gütern verlangsamt. Und billige Arbeitskräfte sind nicht mehr der Vorteil, der sie einmal waren: Die heutigen Fabrikjobs erfordern Qualifikationen, neben Kapital und Just-in-time-Logistiksystemen.
Zugleich zeichnet sich eine andere Formel ab. Noch im Jahr 2008 wuchs die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Hocheinkommensländern um etwa sechs Millionen Menschen pro Jahr. Heute schrumpft sie um rund zwei Millionen pro Jahr. Bezieht man Länder mit mittlerem bis hohem Einkommen ein, erreicht dieser Rückgang bis in die 2030er Jahre etwa zehn Millionen pro Jahr. Deutschland braucht Pflegekräfte. Japan braucht Bauarbeiter. Italien braucht Landarbeiter.
Dies ist das erste Mal in der modernen Geschichte, dass die reichen Länder insgesamt Arbeitskräfte verlieren. Und dies weist auf eine andere Wachstumsstrategie für Entwicklungsländer – eine, die nicht auf Containern voller T-Shirts fußt, sondern darauf, Menschen zu entsenden, Kompetenzen aufzubauen und die Handels-, Investitions- und Wissensbeziehungen zu schmieden, die daraus entstehen können. Es ist kein Entwicklungspfad, der rein auf Zahlen beruht, sondern darauf, wohin Auswanderer gehen, welches Wissen und welche Verbindungen sie erwerben und was sie mit diesem Human- und Sozialkapital für ihre Herkunftsländer tun.
Seit weit über einem Jahrhundert tragen Migranten dazu bei, die Lebensbedingungen in den Ländern zu verbessern, die sie verlassen haben. Im Libanon, in Tadschikistan, Honduras und Nepal machen Überweisungen mittlerweile mehr als ein Fünftel des Nationaleinkommens aus. In allen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen machen sie etwa ein Drittel der Kapitalzuflüsse aus. In 37 Prozent der Länder in den Weltbank-Daten ist der Anteil der Überweisungen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) größer als der exportierter Industriegüter. In Nepal könnten die steigenden Überweisungsströme zwischen 2001 und 2011 bis zu 40 Prozent zum Rückgang der Armut beigetragen haben.
Wirtschaftsrätsel der Philippinen
Der Zusammenhang zwischen Auswanderung und dem Wirtschaftswachstum des Herkunftslandes ist – anders als bei der Armutsbekämpfung – jedoch nicht zwingend. Eine größere Auswandererbevölkerung führt nicht automatisch zu einem reicheren Land. Auf den Philippinen arbeitet mittlerweile etwa jeder zehnte Bürger im Ausland. Mit seinem Wachstum bleibt das Land aber seit langem hinter dem der ostasiatischen Nachbarn zurück – ein Phänomen, das Ökonomen als das „Wirtschaftsrätsel der Philippinen“ bezeichnen. Hohe Zahlen allein reichen nicht aus, damit aus Emigration Transformation entsteht.
Soll die Auswanderung Auswirkungen auf das Wachstum haben, muss sie den Strukturwandel unterstützen. Nicht zuletzt brachten viele philippinische Rückkehrer Fähigkeiten mit, für die sich keine Möglichkeiten im Inland auftaten, und zudem war die heimische Wirtschaft kaum in der Lage, ihr unternehmerisches Talent zu nutzen.
Indien ist ein Gegenbeispiel. Zehntausende indischer Ingenieure gingen in den 1990er Jahren ins Silicon Valley. Als die USA die Visa begrenzten, blieben viele potenzielle Migranten in Indien und nutzten das Gelernte, um eine IT-Software-Industrie aufzubauen. Diese überholtedie USA schließlich bei den IT-Exporten – aufbauend auf den Kontakten, dem Know-how und den Investitionen der Diaspora-Gemeinschaft im Silicon Valley sowie zahlreicher Rückkehrer. Die Bekleidungsindustrie in Bangladesch hat einen ähnlichen Ursprung: Arbeiter aus Bangladesch gingen nach Südkorea, lernten, wie eine moderne Bekleidungsfabrik funktioniert, und kehrten mit dem Wissen und den Kontakten zu Kapitalgebern zurück, um selbst eine Fabrik aufzubauen.
Dies sind keine isolierten Beispiele. In vielen Ländern ist ein Bestand an qualifizierten Auswanderern, die in einem fremden Land mit einem bestimmten Exportprodukt arbeiten, mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit verbunden, dass das Heimatland mit dem Export dieses Gutes beginnt. Die Wissenschaftler Konrad Burchardi, Thomas Chaney und Tarek Hassan untersuchten US-Counties und stellten fest, dass ein County umso mehr Investitionen in ein bestimmtes Land tätigt und von diesem Land erhält, je mehr Einwohner es aus diesem Herkunftsland hat.
Brain Drain oder Brain Gain?
Natürlich ist der Brain Drain ein echtes Problem, wohl besonders für kleine Inselstaaten, von denen häufig ein sehr großer Anteil der gut Ausgebildeten im Ausland arbeitet. Andererseits bringt Migration selbst in diesen Fällen beträchtliche Vorteile mit sich. Eine Studie aus dem Jahr 2025, die die leistungsstärksten Schüler aus Tonga, Mikronesien, Papua-Neuguinea, Ghana und Neuseeland verfolgte, legt nahe, dass Migranten aus dieser Gruppe letztlich 40.000 bis 75.000 Dollar mehr pro Jahr verdienten, als sie in ihrer Heimat erzielt hätten, 2.000 bis 7.000 Dollar nach Hause schickten und Handels- und Investitionseffekte in ähnlicher Höhe generierten. Das ist dann Brain Gain statt Brain Drain.
Oder schauen wir nach Osteuropa. Die Abwanderung hochqualifizierter Kräfte aus den Ländern, die 2004 der EU beitraten, beunruhigte die Ökonomen damals. Doch fünfzehn Jahre später hatten diese Länder ihr Pro-Kopf-BIP etwa verdoppelt, und das Lohngefälle zu Deutschland schrumpfte stark. Der durchschnittliche rumänische Arbeitnehmer verdiente 2008 ganze 64 Prozent weniger als der durchschnittliche deutsche, 2018 jedoch nur noch 51 Prozent weniger.
Auch die Aufnahmeländer profitieren – wirtschaftlich, fiskalisch und durch Innovation – weitaus mehr, als die Schlagzeilen über die „Belastung“ durch Einwanderer vermuten lassen. Im Bereich der gering qualifizierten Arbeit werden Tätigkeiten übernommen, die Einheimische nicht ausüben wollen. Zuwanderer sind aber auch eine enorme Quelle unternehmerischer Dynamik. Zuwanderer oder ihre Kinder gründeten 44 Prozent der Fortune-500-Unternehmen, darunter Apple, Levi’s und Google. Sie gründen in den USA mit 80 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit ein Unternehmen als Einheimische und stehen hinter 25 Prozent der neuen Firmen, obwohl sie nur 14 Prozent der Bevölkerung stellen. Obwohl Einwanderer nur 16 Prozent der US-Erfinder ausmachen, entfallen auf sie 36 Prozent der patentierten Erfindungen – 23 Prozent direkt, weitere 13 Prozent durch Kooperationen, die ihre heimischen Kollegen produktiver machen. Wenn Unternehmen unerwartet Kollegen mit Migrationshintergrund verlieren, sinkt tatsächlich die Innovationskraft der Einheimischen.
Auch die finanzpolitische Rechnung geht auf. Jeder Einwanderer in den Vereinigten Staaten leistet nach derzeitigem Wert einen Lebenszeitbeitrag von 259.000 Dollar an die öffentlichen Kassen. Selbst Einwanderer ohne Aufenthaltsgenehmigung zahlen rund 26 Prozent ihres Einkommens an Steuern, was im Jahr 2022 insgesamt fast 100 Mrd. Dollar ausmachte.
Nachfrage nach Migranten wird steigen
Darüber hinaus benötigen die Aufnahmeländer jedoch Arbeitskräfte, um Pensionäre zu ersetzen, da die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter schrumpft. Allein um deren Anteil in Ländern mit hohem Einkommen konstant zu halten, wären jedes Jahr Migranten in Höhe von etwa einem halben Prozent der Gesamtbevölkerung dieser Länder erforderlich – das wären rund 200 Millionen zusätzliche Migranten im erwerbsfähigen Alter über einen Zeitraum von 30 Jahren. Prognosen zufolge wird die Nachfrage nach Migranten das Angebot bis 2050 um mehr als 30 Millionen Menschen übersteigen.
Deshalb führen Politiker in vielen Zielländern zwar weiterhin Kampagnen gegen Einwanderung, erhöhen aber gleichzeitig still und leise die Visakontingente, lockern die Sprachvoraussetzungen und suchen international nach Pflegekräften, Klempnern und IT-Spezialisten.
Für Entwicklungsländer ist dies der richtige Zeitpunkt, eine Migrationsstrategie ebenso zielgerichtet zu entwerfen, wie Korea einst seine Exportförderung konzipiert hat. Bilaterale Arbeitsabkommen steigern die Migrationsströme um rund 76 Prozent – sie gehören zu den einfachsten politischen Hebeln, um Auswanderung als Wachstumsstrategie zu nutzen. Die Abkommen zwischen Senegal und Spanien aus den Jahren 2006 und 2007, über die 4.700 senegalesische Arbeitskräfte in legale Beschäftigungsverhältnisse auf spanischen Bauernhöfen und Fischerbooten vermittelt wurden, sind ein Beispiel dafür. Am ehesten förderlich für den Wandel im Herkunftsland ist jedoch die Migration von Fachkräften in Länder mit hoher Produktivität, verbunden mit zirkulärer Migration, formellen Zugangskanälen und einem heimischen Umfeld, das die mitgebrachten Fähigkeiten gut nutzbar macht. Das geht weit über ein einfaches Arbeitsabkommen hinaus und erfordert eine breiter angelegte Strategie der Regierung.
Arbeitnehmer im Ausland schützen
Die Herkunftsländer sollten die Hochschulcurricula auf die Qualifikationen zuschneiden, die die reichen Länder benötigen, und bilaterale Qualifikationspartnerschaften aushandeln, bei denen die Zielländer die Ausbildung finanzieren. Sie sollten Passgebühren und Abgaben auf Überweisungen senken und die doppelte Staatsbürgerschaft zulassen. Sie sollten Einrichtungen schaffen, die Arbeitnehmer im Ausland schützen – wie z.B. die philippinische Overseas Workers Welfare Administration –, und deren Ersparnisse in produktive Investitionen im Heimatland lenken. Als zum Beispiel den salvadorianischen Migranten eine Aufstockung der Rücküberweisungen in den Bildungsbereich angeboten wurde, führte das zu erheblich gestiegenen Bildungsausgaben. Und sie sollten das Investitionsklima stärken, damit Rückkehrer – und von Migranten geführte Unternehmen im Ausland, wie die von Baktat und Şahinler – tatsächlich in Wachstumsbranchen investieren wollen.
Die Zielländer leisten einen Beitrag, ihre eigenen Bedürfnisse zu decken und gleichzeitig die Wachstumsaussichten der Herkunftsländer zu verbessern. Im Jahr 2024 waren mehr als 50.000 indische Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben, was zum Teil darauf zurückzuführen war, dass die Ausbildung an öffentlichen Hochschulen unabhängig von der Staatsangehörigkeit kostenlos ist. Und was die zirkuläre Migration betrifft, so hat das vom Bundesentwicklungsministerium (BMZ) durchgeführte Programm „Migration & Diaspora“ seit 2019 mehr als 970 Arbeitgebern in BMZ-Partnerländern dabei geholfen, Rückkehrer über das Programm „Returning Experts“ einzustellen. Das ergänzende Programm „Business Ideas for Development“ hat etwa 700 angehende Gründer dabei unterstützt, Unternehmen in ihren Herkunftsländern zu gründen.
Die Europäische Freihandelszone in Edirne entstand nicht, weil die Türkei 1973 einen Auswanderungsplan verfasste. Sie entstand, weil ein junger Ingenieur ein Stipendium gewann, seine Verbindungen zu seiner Heimat aufrechterhielt und eine gute Idee hatte, von der sowohl sein Herkunfts- als auch sein Zielland profitierten. Der Sinn einer auf Auswanderung ausgerichteten Wachstumsstrategie besteht jedoch darin, solche glücklichen Zufälle zu vermehren: die Şahins und Baklans von biografischen Zufällen zu einem Bestandteil der Politik zu machen.
Das alte Konzept von Fabriken und Exporten wird nicht vollständig verschwinden; es kann parallel zu einer auf Auswanderung basierenden Strategie laufen. Doch für viele Entwicklungsländer – insbesondere jene, die zu klein oder zu abgelegen sind für Wunder im Bereich der Fertigung und Exporte – wird das nächste Vierteljahrhundert Wachstum eher in der Sprache der Menschen geschrieben sein als in der Sprache von Waren. Jene Länder, die passende Institutionen aufbauen, damit dies funktioniert, werden davon sehr profitieren.



