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  • Klima & Ressourcen
  • 03/2020
  • William John Bond

Den Wald vor lauter Bäumen: Aufforstungen bringen dem Klima wenig

Bäume neu pflanzen kann CO2 in der Atmosphäre abbauen. Das Wie und Wo muss aber gut überlegt sein. Ein Kommentar.

Neue Bäume pflanzen oder Abholzung verhindern? Urwälder sind wichtige globale Kohlenstoffsenken. Die 350 Millionen Hektar Regenwälder absorbieren jährlich fast 5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (CO2) aus der Atmosphäre. © WWF / Christiaan van der Hoeven

Das Pflanzen von Bäumen zur Bindung von Kohlenstoff ist als Strategie im Kampf gegen die globale Erderwärmung beliebt. Doch die Methode ist nicht zu Ende gedacht.

In wenigen Jahren hat sich der symbolische Akt, für das Klima einen Baum zu pflanzen, in große Geo-Engineering-Projekte verwandelt. Sie werden angepriesen als bedeutsame Maßnahme zur Verringerung des weltweiten Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre. Herausragende Beispiele sind die 2011 gestartete „Bonn Challenge“, in deren Rahmen bis 2030 rund 3,5 Millionen Quadratkilometer Bäume gepflanzt werden sollen, ebenso wie die Milliarden-Baum-Kampagne der Vereinten Nationen.

Insbesondere Afrika wurde von der Bonn Challenge als Schlüsselregion für die „Wiederherstellung der Wälder“ ins Auge gefasst, da der Kontinent endlose Gebiete mit Grasland und Savannen besitzt, in deren Klima Wälder gedeihen können. Die Initiative AFR100, ein aus der Bonn Challenge entstandenes Projekt, hat zum Ziel, bis 2030 auf mindestens einer Million Quadratkilometer Bäume zu pflanzen. Bereits 28 Staaten haben sich verpflichtet, eine bestimmte Fläche ihres Staatsgebiets zu bewalden, während manche Länder ein Drittel bis zu drei Viertel ihrer Gesamtfläche für Baumbestände bereitstellen wollen.

Es ist jedoch höchste Zeit, einen Moment innezuhalten und diese Programme und ihre Folgen zu hinterfragen. Denn diesen Programmen liegt die Annahme zugrunde, dass Afrikas Grasökosysteme degradierte und abgeholzte Landschaften sind, „die sowohl dem Menschen als auch der Natur nur begrenzten Nutzen bringen“. Tatsache ist aber, dass die afrikanischen Savannen uralt sind – viel älter als die menschlichen Gesellschaften, die Wälder abholzen. Und sie sind der Lebensraum einer vom Gras abhängigen spektakulären Tierwelt sowie Tausender anderer Pflanzen- und Tierarten des Kontinents, die in vollem Sonnenlicht gedeihen. Und sie sind wertvoll für das Leben der menschlichen Gesellschaften.

Vorteile von Grasland und Savannen werden ignoriert

Die Pflanzinitiativen ignorieren die Bedürfnisse der heutigen Bewohner der Savanne. Zudem bergen sie die Gefahr, dass Megafeuer um sich greifen und die Strömungen von Flüssen sich nachteilig verändern. Wenn innerhalb einer bestimmten Frist festgelegte Zielvorgaben erreicht werden sollen, erzwingt das überdies eine übereilte Änderung der Landnutzung in großem Stil. All das wirft Fragen zu den Folgen auf, die nicht wirklich beantwortet werden.

Ein Motiv für globale Baumpflanzungspläne liegt darin, Kohlendioxid in der Atmosphäre zu reduzieren, indem Treibhausgasemissionen der Industrienationen in den Ökosystemen der weniger industrialisierten Länder gebunden werden. Aber wie wirksam kann das sein? Aufgrund der derzeitigen Emissionen werden jedes Jahr zusätzlich 4,7 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freigesetzt. Welchen Beitrag wird die Bepflanzung von 3,5 Millionen Quadratkilometern Land mit Bäumen leisten, um diesen jährlichen Anstieg zu verringern?

Die Schätzungen, welche Mengen von Kohlenstoff durch das Pflanzen von Bäumen gebunden werden können, gehen überraschend weit auseinander und sind ziemlich ungewiss. Eine Studie besagt, dass maximal 42 Milliarden Tonnen erzielt werden, wenn mit der Bonn Challenge bis Ende des Jahrhunderts 3,5 Millionen Quadratkilometer Naturwald wiederhergestellt werden (Wiederaufforstung) – aber nur eine Milliarde Tonnen, wenn stattdessen Baumschulen mit Baumplantagen betrieben werden (Erstaufforstung).

Forest Landscape Restoration in Mexiko: Im Rahmen des Bonn Challenge werden weltweit Projekte zur Wiederaufforstung durchgeführt. © Cifor

Geschätzter Nutzen für das Klima nicht belastbar

Das optimistischere Szenario würde bei den derzeitigen Raten nicht einmal zehn Jahre Emissionswachstum kompensieren. Und was das AFR100-Ziel von einer Million Quadratkilometern bis 2030 angeht, so gehen ich und einige Kollegen von südafrikanischen Universitäten in einer kürzlich durchgeführten Studie davon aus, dass das jährliche CO2-Wachstum lediglich um 2,7 Prozent zurückgehen wird, sollte es erreicht werden.

Warum haben wir nur so ungewisse Schätzungen? Nun, nicht alle Baumarten wachsen gleich schnell. Naturwald entwickelt sich beispielsweise weitaus langsamer als Plantagenbäume wie Kiefern oder Eukalyptus; das Tempo des Wachstums ist zudem abhängig vom Klima. Außerdem ist zu beachten, dass sich die Kohlenstoffbindung mit zunehmender Reifung der Bäume netto gegen null bewegt. Um die Speicherung fortzusetzen, müssten bestehende Plantagen gefällt, neue gepflanzt und das Holz gelagert werden, damit der gebundene Kohlenstoff nicht in die Atmosphäre entweicht.

Ein weiterer zu bedenkender Aspekt liegt darin, dass Baumkronen in der Regel dunkler sind als das Grasland, das sie ersetzen. Sie absorbieren daher mehr Sonnenlicht und haben folglich einen erwärmenden Effekt. Diese und andere biophysikalische Auswirkungen durch die Pflanzung von Bäumen als Ersatz für Grasland in den Tropen und Subtropen müssen noch umfassend untersucht werden.

Händler verkaufen Heu auf einem Markt in Niger: Grasland hat einen eigenen ökologischen und ökonomischen Wert. © FAO / Giulio Napolitano

Lockangebote für teilnehmende Länder

Weil die internationalen Organisationen die Initiativen mit hoher Dringlichkeit vorangetrieben haben, ist den teilnehmenden Ländern wenig Zeit geblieben, die Vor- und Nachteile einer langfristigen Änderung der Landnutzung zu prüfen.

Finanziert wird AFR100 bis 2030 von der Weltbank (mit 1 Milliarde US-Dollar) und anderen Geldgebern, darunter Unternehmen der Forstwirtschaft (mit fast einer halben Milliarde US-Dollar). Man kommt auf etwa 10 bis 15 US-Dollar pro Hektar – ein echtes Schnäppchen für etwas, das einer langfristigen Pacht gleichkommt. Dennoch ist eine solche Finanzspritze für viele Länder Anreiz genug, an dem Baumpflanzungsprogramm teilzunehmen. Kurzfristige Wohlstandsgewinne für die einen, Arbeitsplätze für andere, neue Industrien und gar eine Umkehr von weit verbreiteter Erosion haben ihren Reiz. 

Die Kehrseite von Baumpflanzungen liegt indes in der langfristigen Landnutzung durch die Forstwirtschaft, während die Optionen von Ackerbau und Viehzucht oder die Erhaltung von Grasökosystemen eingeschränkt werden. Sie können das Risiko katastrophaler Waldbrände erhöhen, und sie können auch zu einer geringeren Frischwasserversorgung beitragen.

 

Zentralafrikas wichtigstes Herbarium in Yangambi (Kongo) birgt Schätze vergangener Kulturen. Rund um die Forschungsstation wurde im Rahmen des AFR200 Programms großflächig Nutzwald angepflanzt. © Cifor

Eines der größten Probleme der laufenden Aufforstungsprojekte ist die starre Festlegung auf bestimmte Flächenziele und zu bestimmten Fristen. Wollen wir tatsächlich degradierte und abgeholzte Flächen wiederbewalden, dann müssen wir diese zunächst lokalisieren und dann  ermitteln, was unter den jeweiligen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen möglich ist. Erst darauf sollten entsprechende Programme aufbauen.

Wälder auf Flächen wieder herzustellen, wo historisch gesehen Wälder standen oder es in degradiertem Zustand noch tun, macht Sinn sowohl für die Kohlenstoffspeicherung, wie auch für die Artenvielfalt und die einst dort produzierten Güter und Dienstleistungen. Die globalen Ziele der Projekte wurden aber leider festgelegt, ohne zu berücksichtigen, dass auch riesige, auf natürliche Weise unbewaldete Gebiete ihre eigenen Grundbausteine der Ökosysteme (Biota) und ihr eigene Arten der Landnutzung haben.

Es werden weitaus besserer Ansätze entwickelt, bei denen Bäume statt in Savannen in tropischen Wäldern gepflanzt und die Flächen nach Erfolgsaussichten der Wiederaufforstung, dem Potenzial der Kohlenstoffbindung und der Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Erhaltung des Waldes für die Zukunft bewertet werden. Obwohl dies nur einen Bruchteil der AFR100-Ziele darstellt, würde die Wiederbelebung solcher Gebiete wirklich zur globalen Kohlenstoffspeicherung und zum Erhalt intakter Tropenwälder beitragen. Und es würde die Entwicklungsbedürfnisse der Teilnahmeländer respektieren.

Dringende Neubewertung erforderlich

Angesichts des begrenzten Nutzens groß angelegter Baumpflanzungen und der langfristigen Nachteile für die teilnehmenden Länder sind meine Kollegen und ich der Auffassung, dass die Bonn Challenge und andere bedeutende Projekte dringend neu bewertet werden müssen.

Auf lange Sicht wird es von entscheidender Bedeutung für die globale CO2-Reduzierung sein, die Kohlenstoffspeicherfunktion der Ökosysteme wieder herzustellen. Das Pflanzen von Bäumen bewirkt dagegen nur einen langsamen und geringfügigen Abbau von atmosphärischen Treibhausgasen. Viel entscheidender und dringlicher ist die Aufgabe, Emissionen zu reduzieren – vor allem durch einen geringeren Verbrauch fossiler Brennstoffe und durch drastisch weniger Rodungen und Entwaldungen.

Wenn wir wirklich etwas für unsere Zukunft tun wollen, sollten wir – anstelle eines Baumpflanzungsprogramms – den Ausbau erneuerbarer Energien aus Wind, Sonne und Wasserkraft oder den Erhalt von kohlenstoffreichen Ökosysteme fördern sowie den Übergang Afrikas zu einem urbaneren, industrialisierten Kontinent, der weniger von fossilen Brennstoffen abhängt. Dies wäre sicherlich ein wertvollerer Beitrag gegen die globale Erderwärmung als Grasland für Baumpflanzungen zu vernichten.

Copyright Ensia Creative-Commons-Lizenz 2019

https://ensia.com/voices/tree-planting-afforestation-carbon-sequestration/

William John Bond Universität Kapstadt
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Letzte Aktualisierung 27.08.2020

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