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  • Klima & Ressourcen
  • 10/2019
  • Guido Schmidt-Traub
Schwerpunkt

Nahrungssysteme: Wie wir Lebensmittel produzieren und konsumieren ist nicht nachhaltig

Wie müssen wir Systeme umgestalten, um allen Menschen eine gesunde Ernährung ermöglichen und wir unsere Lebensgrundlagen bewahren? Eine Analyse

Lebensmittelabfälle in Kathmandu. Nepal ist eines der ärmsten Länder und am ärgsten von den Folgen des Klimawandels betroffen. © FAO / Chris Steele-Perkins / Magnum

Landnutzung und Ernährungssysteme sind weltweit nicht nachhaltig: Über 800 Millionen Menschen sind unterernährt, und mehr als zwei Milliarden sind übergewichtig. Land-, Forstwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion sind für ungefähr 30 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die Landwirtschaft ist auch der wichtigste Treiber für den massiven Verlust von Biodiversität weltweit. So hat Lateinamerika seit 1970 fast 90 Prozent der wildlebenden Wirbeltiere verloren (WWF, 2018). Aus Deutschland sind seit den späten 1980er Jahren etwa 80 Prozent der Insekten verschwunden (Vogel, 2017). Darüber hinaus verschmutzt die Landwirtschaft Luft und Wasser – besonders durch Düngemittel – und lässt weltweit Gewässer kippen.

Die Gesundheits- und Umweltkosten unseres Ernährungssystems sind inzwischen größer als der wirtschaftliche Ertrag von Land- und Forstwirtschaft. Das hat die Food and Land-Use Koalition (FOLU, 2019) in Ihrem kürzlich erschienenen Bericht „Growing Better“ aufgezeigt. Ohne drastisches Umsteuern wird sich diese Negativbilanz weiter verschlechtern, da landwirtschaftliche Erträge infolge des zunehmenden Klimawandels sinken und im Gegenzug die benannten Kosten steigen werden. Wie so häufig, sind die ärmsten Menschen am stärksten von der Krise betroffen.

Männer und Frauen aus einem Dorf in Senegal arbeiten in einer Baumschule als Teil des Great Green Wall-Initiative, die sich der zunehmenden Verwüstung entgegenstemmen soll. © FAO / Benedicte Kurzen / NOOR

Die FOLU-Koalition beschreibt zehn kritische Ansätze, um die internationalen Ziele zur Nachhaltigen Entwicklung (SDGs) zu erreichen. Im Rahmen der Koalition mobilisiert das FABLE-Konsortium wissenschaftliche Teams aus 20 Industrie- und Schwellenländern, um auf Länderebene zu untersuchen, ob und wie diese Ziele erreicht werden können. Die Erkenntnisse aus dem FOLU-Bericht und der Arbeit von FABLE (2019) zeigen, dass dies machbar ist.  

Diagnosen für kranke Systeme

Ein erster wichtiger Schritt besteht in systemischen Problemdiagnosen und Politikansätzen. So müssen beispielsweise Fragen der landwirtschaftlichen Produktion im Kontext ihrer ökologischen Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit betrachtet werden. Ernährungsmuster müssen gesunder werden, um die massiven gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Kosten falscher Ernährung zu senken. Und sie müssen ökologisch nachhaltiger werden, was sich aus einer gesunden Ernährung mit weniger Fleisch und mehr Gemüse und Nüssen ergeben würde.

Das bedeutet aber, dass Politiken für die landwirtschaftliche Produktion im Einklang stehen müssen mit der Nachfrageseite. Leider ist dies heutzutage nicht der Fall. Sogar in der EU ist die gemeinsame Agrarpolitik entkoppelt von Ernährungsrichtlinien. So ist die weltweit steigende Nachfrage nach Rindfleisch maßgeblich dafür verantwortlich, dass weite Teile des Amazonasgebiets in Flammen stehen.

Zielkonflikte müssen auch in anderen Bereichen gelöst werden. So wird Klimapolitik zu häufig losgelöst von Fragen der Nahrungsmittelsicherheit und der ökologischen Tragfähigkeit betrachtet. Viele Szenarien zur Senkung der Treibhausgasemissionen sehen einen massiven Ausbau von Biokraftstoffen vor, aber soziale und ökologische Nebenwirkungen werden analytisch vernachlässigt. Der gutgemeinte Versuch Europas, bis 2020 den Anteil der Biokraftstoffe deutlich zu erhöhen, hat so leider zu einer massiven Beschleunigung der tropischen Entwaldung geführt (Valin et al., 2016).  

Für eine umfassende Gesamtbetrachtung definieren die Länderteams von FABLE Ernährungssysteme in Form von drei Dimensionen:

Politikanalysen müssen eingebettet werden in eine umfassenden Landnutzungsplanung, da Städte und Industrie mit Landwirtschaft und Artenschutz um Land konkurrieren. Außerdem müssen Länder den Welthandel in ihre Strategien einbeziehen. So werden über 40-50 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion in einigen Ländern Lateinamerikas nach China exportiert. Kleine Veränderungen in der internationalen Nachfrage können also große Auswirkungen auf nationale Landnutzungsmuster haben.

Ein Wegweiser mit drei Säulen zu einem kohärenten Weg, die Landnutzung und Ernährungssysteme des Planeten nachhaltig zu gestalten. © Schmidt-Traub 2019

Kein Land verfolgt heute eine umfassende Strategie, um diese Problematiken in den Griff zu bekommen. Interessanterweise tun sich manche Industriestaaten besonders schwer, während spannende Lösungsansätze vereinzelt aus Schwellenländern kommen. So hat China eine umfassende Raumnutzungsplanung erstellt, die Konflikte zwischen Landnutzungen wie Industrie, Landwirtschaft, urbane Entwicklung oder Artenschutz identifizieren und lösen können.

Eine weitere zentrale Piorität für eine Umgestaltung von Ernährungssystemen und der quantitativ wichtigste erste Schritt besteht darin, auf nachhaltige und gesunde Ernährungsmuster hinzuarbeiten. Hier braucht es viel Kreativität und Innovation, da sich in der Praxis schwierige Beharrungskräfte zeigen. Zum zweiten bedarf es einer weiteren Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität, die aber mit einer größeren ökologischen Verträglichkeit einhergehen muss. Anders können die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung und ökologische Nachhaltigkeit nicht unter einen Hut gebracht werden. Es gibt durchaus vielversprechende Ansätze. Nur müssen diese nun großflächig umgesetzt werden. Zum dritten müssen deutlich mehr Mittel in den Artenschutz und den Erhalt von Natur investiert werden. Und viertens gilt es schließlich, Nahrungsverluste in den internationalen Wertschöpfungsketten abzubauen. Für all diese Säulen gibt es wichtige Innovationen und neue Lösungsansätze, welche die Nachhaltigkeitssziele greifbar machen.

Das Jahr 2020 bietet zwei wichtige politische Hebel, um Worte in Taten umzusetzen.

Guido Schmidt-Traub

Allerdings sind jetzt Regierungen gefragt, umfassende politische Rahmenbedingungen zu entwerfen, um systemische Antworten erst möglich zu machen. Bisher haben die wenigsten Länder Zugang zu den komplexen Analysemethoden und Modellen, die man braucht, um Landnutzungssysteme quantitativ zu verstehen und langfristige politische Antworten zu entwickeln. In Zusammenarbeit mit zahlreichen internationalen Partnern versucht die FOLU-Koalition diese Lücken zu schließen.

So stellt das FABLE-Konsortium neue Modelle zur Verfügung, die bereits in etwa 20 Ländern genutzt werden, und hilft Länderteams, den Welthandel von Agrarprodukten besser zu verstehen. Die Nature Map Initiative erstellt integrierte globale Karten für Biodiversität, Kohlenstoff und Ökosystemdienstleistungen, mit denen Länder ihre Artenschutzziele operativ ausgestalten können.

Das Jahr 2020 bietet zwei wichtige politische Hebel, um Worte in Taten umzusetzen. Im Oktober wird China die internationale Artenschutzkonferenz in Kunming ausrichten. Dort wird ein neuer Zielrahmen bis 2030 beschlossen werden. Direkt im Anschluss findet im schottischen Glasgow die Klimaschutzkonferenz statt, auf der die nationalen Klimapolitiken überarbeitet werden. Entscheidend ist dabei, dass die Klimakonvention Infrastruktur, Landwirtschaft und Wälder abdeckt. Damit vereint sie alle wesentlichen Antriebskräfte für nachhaltige Landnutzungssysteme. Somit bietet Glasgow 2020 die Gelegenheit, integrierte Politiken vorzulegen und umzusetzen.

Die Zeichen stehen gut. Beide Gastgeber – China und Großbritannien – haben erklärt, dass sie im Rahmen der Konferenz integrierte Politiken für nachhaltige Landnutzung und Ernährungssysteme vorantreiben wollen. China bemüht sich seit kurzem sogar, solche Politiken im Rahmen seiner Seidenstraßeninitiative zu unterstützen. Nun gilt es, dass mehr Regierungen diese Chance wahrnehmen, um systemische Lösungen voranzutreiben.

Referenzen

FABLE (2019), “Pathways to Sustainable Land-Use and Food Systems. 2019 Report of the FABLE Consortium.,” International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) and Sustainable Development Solutions Network (SDSN), Laxenburg and Paris.

FOLU (2019), “Growing Better: Ten Critical Transitions to Transform Food and Land Use. The Global Consultation Report of the Food and Land Use Coalition,” The Food and Land-Use Coalition, London.

Schmidt-Traub, G., M. Obersteiner, and A. Mosnier (2019), “Fix the broken food system in three steps,” Nature, 569(7755), 181–183.

Valin, H., D. Peters, M. Vandenberg, S. Frank, P. Havlik, N. Forsell, and C. Hamelinck (2016), “The land use change impact of biofuels consumed in the EU,” Text.

Vogel, G. (2017), “Where have all the insects gone?,” Science, 356(6338), 576–579.

WWF (2018), Living Planet Report–2018: Aiming Higher, WWF, Gland.

Guido Schmidt-Traub UN Sustainable Development Solutions Network, Paris
Letzte Aktualisierung 13.10.2019

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