Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Seiteninhalt springen Zum Footer springen

  • Klima & Ressourcen
  • 04/2021
  • Prof. Dr. Insa Theesfeld, Elia Carceller

Lebensmittel gehen alle an: Ernährungssysteme als Gemeingut begreifen?

Vom Acker zum Teller ist Nahrung essentiell für die Gesellschaft und erfordert gemeinschaftliche Entscheidungsverfahren – jenseits von Angebot und Nachfrage.

Gemeinschaftlich entscheiden: Marktstand einer Initiative für solidarische Landwirtschaft in Hamburg. © fotograf-hamburg.de via Flickr

Die bundesweite Kampagne der Deutschen Welthungerhilfe unter dem Ausruf "Es reicht! Für alle!“ aus dem Jahr 2015 ist noch in Erinnerung. Mit dem Wortspiel wurde eine doppelte Botschaft gesendet: Erstens, die Wut über ein ungerechtes Ernährungssystem zu zeigen, das Millionen von Menschen in eine Hungersituation bringt, und zweitens, in den Köpfen der Menschen zu verankern, dass genug Lebensmittel für alle auf der Welt erzeugt werden können.

Der UN Food System Summit in diesem Jahr verfolgt dazu fünf Aktionsbereiche: I. Sicherer Zugang und gesunde Ernährung für alle, II. Nachhaltiger Konsum, III: Nachhaltige Produktion, IV. Einkommen und wirtschaftliche Entwicklung sowie Armutsbekämpfung und V. Widerstandskraft gegen Schocks und Stress im Ernährungssystem. Diese Ziele können nur erreicht werden, wenn vermehrt gemeinschaftliche Entscheidungsstrukturen mit Akteuren entlang der Wertschöpfungskette bei Lebensmitteln geschaffen werden. Die Kette bei Lebensmitteln umfasst die Vorleistungsindustrie, die Landwirtschaft, den Agrarhandel, die Verarbeitungsindustrie, den Lebensmitteleinzelhandel und den Verbraucher.

Auf allen Stufen braucht es Veränderung, wie wir Lebensmittel produzieren und mit ihnen umgehen wollen. Wir müssen die gemeinschaftliche Verantwortung für Lebensmittel und Ernährung wieder in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken – ganz im Sinne des Managements eines Gemeinguts. Dies würde bedeuten, der Zugang zu Lebensmitteln ist nicht beschränkt und diejenigen, die Zugang haben, sind auch Teil der Entscheidungsfindung, wie produziert, verarbeitet, und vermarktet wird.

In der Ökonomie bezeichnet ein Gemeingut eine Ressource mit geringer Ausschließbarkeit der Nutzer und hoher Rivalität im Konsum der Ressourceneinheiten. Um die vielfältigen Chancen, die wir aus dem durchaus möglichen nachhaltigen Umgang mit solchen Ressourcen gelernt haben (Ostrom, 1990), auf wichtige Fragen unserer heutigen Gesellschaft zu übertragen, greift dies zu kurz. Wir beziehen uns daher auf den breiteren Begriff der Commons.

Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom versteht darunter klassische Gemeingüter genauso wie öffentliche Güter und verschiebt den Fokus auf die gemeinsamen Herausforderungen der Akteure im Umgang mit solchen Ressourcen: ihre nachhaltige Bereitstellung und Nutzung erfordern Koordination. Dies kann ebenso eine lokale Gruppe sein, die Regeln etabliert und kontrolliert im Umgang mit einem Stadtgarten, wie die Weltgemeinschaft, die gemeinsam dafür sorgen muss, Biodiversität zu bewahren. Somit lassen sich auch Lebensmittel als Commons betrachten. Viele Systeme innerhalb der Struktur der Wertschöpfungskette bei Lebensmitteln werfen solche Commons-Management Fragen auf.

Gemeinschaftliches Management

Der anstehende Gipfel heißt „Food Systems Summit“, gerade weil es um die Lösung systemischer Probleme geht. Auch aus dem Blickwinkel der Commons-Forschung geht es nicht nur um die faire Verteilung von Lebensmitteln, sondern vor allem um die Bereitstellung und das gemeinschaftliche Management eines nachhaltigen Ressourcensystems, um die Produktion von Lebensmitteln langfristig zu sichern.

Folgt man dieser Narrative, dann werden Lebensmittel nicht mehr ausschließlich als privates Gut betrachtet, das am Markt gehandelt und reguliert wird, sondern sie werden als Commons betrachtet. Das bedeutet: Produktion, Handel, Vermarktung, Verteilung, Verarbeitung, Konsum und damit verbundene soziale Werte, wie z. B. Ernährungs- oder Warenkundewissen, Esskultur und Traditionen gelten als essentiell für die Gesellschaft und erfordern somit gemeinschaftliche diskursive Entscheidungsverfahren jenseits von Angebot und Nachfrage. Die Steuerung muss in einem Zusammenspiel aus Staat, Markt und Gesellschaft erfolgen. In dieser Transformation des Ernährungssystems liegt eine große Chance, denn es könnte zur nachhaltigeren Lebensmittelproduktion (z.B. Agrarökologie), neuen kollektiven Kontroll- und Entscheidungsmechanismen (z.B. Lebensmitteldemokratien) und alternativen Methoden zur Wiedererlangung der Kontrolle über die Wertschöpfungskette (z.B. Ernährungssouveränität) führen.

Ein Kartoffelpark in Peru. In das Heimatland der Kartoffel, in dem es immer noch fast 4000 Kartoffelsorten gibt, werden Pommes aus standardisierter europäischer Produktion exportiert. © FAO

Tatsächlich sind einige Dimensionen der Lebensmittelproduktion bereits als Commons etabliert, wie z.B. genetische Ressourcen, Fischbestände, Wildfrüchte oder Kochrezepte. Die Group of Chief Scientific Advisors der Europäischen Kommission empfiehlt in ihrem 2020 veröffentlichten Bericht "Towards a Sustainable Food System", dass Lebensmittel als Commons betrachtet werden sollten, um ein nachhaltiges Ernährungssystem zu erreichen. Die Aufnahme dieses Konzepts in ein so bedeutsames politisches Papier könnte darauf hindeuten, dass wir an einen Wendepunkt kommen, an dem ein neues politisches Paradigma entsteht. In diesem Paradigma sind Lebensmittelproduktion und Umgang mit Lebensmitteln gemeinsam zwischen Produzenten, Konsumenten und Händlern organisiert, mit dem Ziel der Ernährungssicherheit und der Gesundheit von Mensch, Umwelt und Tier – und dem Bestreben, dieses Ziel über das der Gewinnmaximierung zu setzen.

Wir können die Commons-Betrachtung auf globale, genauso wie auf regionale Systeme anwenden. Im Mailänder Pakt für urbane Ernährungspolitik etwa verpflichten sich fast 200 Städte zu mehr kollaborativen und demokratischen Rahmenbedingungen für den Lebensmittelsektor, in dem alle Akteure der Wertschöpfungskette bei Lebensmitteln – inklusive der Konsumenten – vertreten sind und somit nachhaltigere lokale Ernährungssysteme fördern (Candel, 2020).

Wie können wir die Betrachtung des Ernährungssystems als Commons strukturieren?

Das Ernährungssystem ist komplex und umfasst mehr als die landwirtschaftliche Produktion, an dessen Ende das Lebensmittel als Gemeingut steht. Wir unterscheiden nach Marshall (2015) verschiedene Aktivitäten im Ernährungssystem:

a) Produktion von Lebensmitteln,

b) Verarbeitung von Lebensmitteln,

c) Verpacken und Verteilung von Lebensmitteln und

d) Verkauf und Konsum von Nahrung, inklusive Zubereitung.

Mit diesen vier Aktivitäten lassen sich die verschiedenen Möglichkeiten und Narrative der Betrachtung aus der Commons-Perspektive strukturieren. Ein Beispiel für eine gemeinschaftliche Steuerung der Aktivität a) Produktion von Lebensmitteln, von der Planung des Anbaus über die Ernte bis hin zur Abnahme durch den Verbraucher ist die solidarische Landwirtschaft, bei der die Verbraucher gemeinsam mit den Landwirten entscheiden, welche Produkte wie angebaut werden, und die Abnahme der vereinbarten Anteile an der Ernte garantieren. Die Verbraucher teilen sich mit dem Landwirt das Risiko der Produktion bei Verlusten durch Extremwetterereignisse oder andere Schwierigkeiten und Krisen. Sie agieren als Ko-Produzenten („Prosumers“), die regelmäßig an Versammlungen teilnehmen und die Entscheidungen mitbestimmen.

Folgen wir diesen vier Gruppen von Aktivitäten im Ernährungssystem, dann lassen sich verschiedene Food-as-Commons-Diskurse definieren, von denen einige erfolgreicher sind als andere, wenn es darum geht, Anerkennung in der politischen Agenda zu finden oder sogar ihre Forderungen in Gesetze und Verordnungen zu transportieren. Ein Diskurs entsteht jeweils, wenn es eine kritische Masse an Einzelinitiativen gibt, die genau diesen Diskurs aufgreifen oder ihn sogar entstehen lassen.

Eine wichtige Frage ist, warum einige Food-as-Commons-Diskurse und dazugehörende Initiativen auf die politische Agenda gelangen, während andere sich nicht durchsetzen. Um diese Frage zu beantworten, haben wir vier solcher Diskurse identifiziert, beschrieben und kontrastiert: „Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung“, „Open-source Inputs in der Landwirtschaft”, “Gemeinsame Verantwortung für die Wertschöpfungskette bei Lebensmitteln” und “Wahrung von Lebensmitteln als Kultur- und Wissensgut“.

Greifen wir einen Diskurs heraus, der zur Aktivität d) Konsum von Lebensmitteln gehört: die "Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung". Dieser ist der erfolgreichste unter den vier betrachteten, wobei Erfolg dahingehend interpretiert wird, dass er politisches Handeln angestoßen hat und auf der politischen Agenda steht. In unserer Forschung identifizierten wir anschließend Hinweise in den Merkmalen der einzelnen Initiativen, die den Unterschied im Erfolg des jeweiligen Diskurses erklären könnten.

Erfolgsgeschichte: Diskurs zu Lebensmittelverschwendung

Im Jahr 2011 schätzte die FAO, dass etwa ein Drittel der weltweiten Lebensmittel, das heißt. etwa 1,3 Milliarden Tonnen, oder genug, um 600 Millionen Menschen zu ernähren, jedes Jahr verloren gehen oder verschwendet werden. Zugleich ist die globale Wahrnehmung zumindest der unnötigen Verschwendung gestiegen (FAO, 2011). So fordert das Ziel 12.3 der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung die Halbierung der Pro-Kopf-Lebensmittelverschwendung auf Einzelhandels- und Verbraucherebene bis 2030 sowie die Reduzierung von Lebensmittelverlusten entlang der Produktions- und Lieferketten. Das Thema Lebensmittelverschwendung ist in Initiativen und bei Organisationen auf der ganzen Welt und auch in Deutschland stärker in den Vordergrund gerückt.

Ausgewählte Initiativen zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung

  
  
  
  
  

Es gibt ein Merkmal, das alle Initiativen zu dem Thema gemeinsam haben. Dies ist ein Hinweis, was diesen Food-as-Commons Diskurs erfolgreich macht, um politische Wirkung zu erzielen. Seine zentrale Idee zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung unterstützt zentrale Werte und Überzeugungen der menschlichen Natur. In den erfolgreicheren Initiativen dieses Diskurses finden wir immer wieder Ideen von Verantwortung, Gerechtigkeit, Solidarität oder Wohltätigkeit. Sie berufen sich auf das gemeinsame Verständnis, dass die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung ein moralischer Imperativ ist.

Niemand scheint moralisch bereit zu sein, die Bekämpfung von Lebensmittelverschwendung in Frage zu stellen. Im Gegensatz dazu berühren andere Initiativen weniger die moralischen Imperative und schlagen in einigen Fällen neue Maximen vor, die (noch) nicht mit zentralen menschlichen Werten verbunden sind.

Der Diskurs "Open Source Inputs für die Landwirtschaft" zum Beispiel spricht keine klaren moralischen Imperative an. Der Diskurs gehört zur Aktivität a) Produktion von Lebensmitteln im Ernährungssystem. Er beinhaltet Fragen wie: Wer ist für die Forschung neuer Saatgutsorten verantwortlich (Staat oder Privatwirtschaft), und wie soll dies finanziert werden (privatwirtschaftlich, mit öffentlichen Geldern, als Crowd-funding)? Der Diskurs wird schon länger in kleineren Nischen von NGOs geführt, verzeichnet aber noch keinen größeren politischen Einfluss. Die Diskussion wird nicht emotional geführt, und die Gesellschaft scheint zu Fragen der Organisation der Saatgutzucht oder deren Finanzierung gespalten.

Außergewöhnlicher Wirtschaftsbereich

Wollen wir im Sinne des Food-Summit die Bereitstellung und den Umgang mit Ressourcen bei den verschiedenen Aktivitäten im Ernährungssystem verstärkt als Commons gestalten und steuern, dann erfordert dies neue politische und wirtschaftliche Leitplanken. Es geht darum, eine Transformation voranzutreiben, in der der Agrar- und Ernährungssektor als ein außergewöhnlicher Wirtschaftsbereich betrachtet wird, der angesichts der Bedeutung, die Lebensmittel für die Menschheit (und deren Produktion für die Ökologie) haben, mit besonderen Regeln jenseits der Regulierung des Marktes koordiniert werden sollte.

Seit dem Zweiten Weltkrieg und bis in die jüngste Zeit wird die Landwirtschaft bereits als ein solcher Ausnahmesektor verstanden. In der europäischen Agrarpolitik spielte und spielt die Regulierung durch den Staat eine große Rolle: ehemals um die Versorgung der eigenen Bevölkerung zu gewährleisten und neuerdings auch vermehrt, um ökologische Ziele zu verwirklichen. Wenn wir die verschiedenen Aktivitäten im Ernährungssystem aus dem Blickwinkel der Commons koordinieren wollen, muss der Ernährungssektor noch deutlicher durch die Mitgestaltung aller beteiligten Akteure, einschließlich der Verbraucher, beeinflusst werden.

Signale und Unterstützung vom Gipfel

Für eine solche Einflussnahme sollten wir aber nicht auf große Vorgaben „von oben“ warten. Diese wird auch der diesjährige Food-Summit nicht hervorbringen. Er kann aber deutliche Signale setzen und Unterstützung und Legitimation für die Umsetzung vielfältiger Ideen geben, wie etwa für Grassroot-Initiativen und lokal selbst-organisiertes Management in Teilen der Wertschöpfungskette. Die kleinteilige Verschiedenartigkeit von Transformationen in einem komplexen Ernährungssystem ist gefragt.

Es könnten Solidarische Landwirtschaften sein oder regionale Ernährungsräte. Von ihnen gibt es bereits rund 50 im deutschsprachigen Raum. In ihnen arbeiten Gruppen der Zivilgesellschaft mit Politikern, Verwaltung und Wirtschaft zusammen, um eine nachhaltigere Erzeugung auf regionaler Ebene zu erreichen. Mit Direktvermarktung und genossenschaftlichen Organisationsformen wird agrar-ökologischer Landbau gefördert und gestärkt. Denkbar als provokantes Denkmuster ist ebenso eine staatliche Übernahme eines Grundeinkommens für Akteure der Ernährungswirtschaft. Die Möglichkeiten sind vielfältig, und Kreativität ist gefragt.


Referenzen

Candel, J. J. L. (2020). What’s on the menu? A global assessment of MUFPP signatory cities’ food strategies. Agroecology and Sustainable Food Systems, 44(7), 919-946. doi:10.1080/21683565.2019.1648357

FAO. (2011). Report of the Panel of Eminent Experts on Ethics in Food and Agriculture. Retrieved from http://www.fao.org/3/i2043e/i2043e00.htm

Foodsharing e.V. (2012). foodsharing. Retrieved from https://foodsharing.de/

Foodsharing e.V. (2017). Leere Tonne Kampagne. Retrieved from https://foodsharing.de/leeretonne

Marshall, G. (2015). A social-ecological systems framework for food systems research: accommodating transformation systems and their products. International Journal of the Commons, 9(2), 881-908. doi:10.18352/ijc.587

SIRPLUS GmbH. (2020). Sirplus. Retrieved from https://sirplus.de/

Slow Food Deutschland gUG. (2015). Teller Statt Tonne. Retrieved from http://www.teller-statt-tonne.de

 

Prof. Dr. Insa Theesfeld Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften
Elia Carceller Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Letzte Aktualisierung 14.04.2021

Das könnte Sie auch interessieren