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  • Klima & Ressourcen
  • 04/2021
  • Susanne Bergius
Schwerpunkt

Kapitalanlagen können Biodiversität vernichten – oder schützen

Wer Geschäftsmodelle mit hohen ökologischen Kosten finanziert, trägt eine Mitverantwortung. Kapitalgeber können aber auch naturkompatibel investieren.

Rodung in Indonesien. Für großflächige Monokulturen wird ursprünglicher Regenwald vernichtet – oft verbunden mit illegaler Landnahme und der Vertreibung der Bevölkerung. © GLOBAL 2000 [CC BY-ND 2.0] - flickr

Der Finanzmarkt tut wenig dagegen, dass tropische Wälder großflächig verschwinden, um Raum für Palmöl, Soja, Viehweiden und Bergbau zu schaffen. Vorreiter zeigen jedoch: Investments und Kredite können naturkompatibel werden und ökologischen Reichtum samt Agrobiodiversität als menschliche Lebensgrundlage sichern helfen. 

Die Vielfalt von Arten, Ökosystemen und Genpools schrumpft laut dem Weltbiodiversitätsrat IPBES in einem in der Menschheitsgeschichte nie da gewesenen Ausmaß und Tempo. Die Staatengemeinschaft hat alle Ziele für 2020 verfehlt, die Ursachen zu begrenzen und Ökosysteme zu schützen, kritisiert der UN Global Biodiversity Outlook. Das trifft auch Nutzpflanzen, von denen viele alte Sorten verschwunden sind. Mehr als 2.000 von den erfassten einst 8.800 Nutztierrassen sind laut der Welternährungsorganisation bedroht.

„Seit der Industrialisierung sinkt die Zahl der Nutztierrassen, rund 600 sind bereits ausgestorben“, sagt Kai Frölich, Direktor der Arche Warder, Europas größtem Zentrum für seltene Haus- und Nutztierrassen. „Weltweit stirbt alle zwei Monate eine Rasse aus.“  Für Deutschland zeigt die Rote Liste der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung auf, dass von den 77 einheimischen Pferde-, Rinder-, Schweine, Schafs- und Ziegenrassen 54 bedroht sind. Aber alte Rassen werden gebraucht zum Erhalt von Ökosystemleistungen, denn, so Frölich, „sie sind widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten und aufgrund ihrer genetischen Vielfalt sehr viel anpassungsfähiger, robuster und langlebiger.“

Erstmals hat der Weltrisikobericht des Weltwirtschaftsforums von 2020 gewarnt, das Artensterben gefährde nicht nur unsere Natur sondern auch „die Fundamente unserer Ökonomie“. Und der „Biodiversity and Ecosystem Services Index“ des Swiss Re Institute rechnet 2020 vor, dass jedem fünften Land angesichts schwindender biologischer Vielfalt ein Kollaps seiner Ökosysteme droht.  

Mitverantwortung der Finanzwelt

Es sind vor allem die Land- und Forstwirtschaft, die Nahrungsmittelindustrie und der Bergbau, die Natur verdrängen. Die Frage, ob deren Geldgeber also eine Mitverantwortung tragen, ist eindeutig mit ja zu beantworten. Denn sie investieren in Geschäftsmodelle, die häufig nur funktionieren, weil für die externen ökologischen Kosten keine (Auf-)Preise zu zahlen sind.

Das aber kann auch Investoren und Kreditgebern schaden. Ein Beispiel dafür ist der Aralsee: Von dem einst viertgrößten Binnensee der Welt sind infolge übermäßigen Baumwollanbaus nur Pfützen und eine Wüste übrig – zum Leidwesen der Bevölkerung, ihrer Wirtschaft und den Geldgebern. Auch das Beispiel Corona-Pandemie ist anzuführen: Ausgelöst durch eine Zoonose, verursacht durch Verdrängen von Wildnis, führte sie weltweit zu Rezession. Wissenschaftler hatten seit Jahren gewarnt.

Beim Bergbau in Peru haben Kleinbauern das Nachsehen. Ihnen gräbt der Tagebau buchstäblich das Wasser ab und verpestet die Luft. © Sandra Weiss

Wie auch gemeinsam Unternehmensberater und Umweltorganisationen: „Der Verlust der Biodiversität ist ein unerkanntes Umweltrisiko“, unterstrichen PWC und der WWF 2020 in ihrer Studie „Nature is too big to fail“. „Da der Klimawandel und der Verlust der biologischen Vielfalt sich gegenseitig verstärken, stehen Entscheidungsträger vor einer riesigen Herausforderung, auf diese doppelte Krise zu reagieren, weil das Risiko einer Finanzmarktinstabilität signifikant steigt.“

Warnung verhallt

Doch die wenigsten Kapitalgeber erkennen die Herausforderung an. Mehr als 300 Banken und Großanleger finanzieren Entwaldung, prangert die Nichtregierungsorganisation Global Witness an. Das vielfältige Leben an Land und im Wasserbeschäftigt nur einzelne, befindet nüchtern das Researchhaus Novethic. Dabei stelle „Entwaldung ein reales Geschäftsrisiko dar“, mahnt etwa die Initiative CDP Forests, die Unternehmen dazu aufruft, ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.

Erst im Januar 2021 belegte die Umweltorganisation Global Canopy, dass 95 von 150 analysierten Finanzinstituten keine Vorgaben gegen Regenwaldzerstörung haben. Zwar sorgen sich fast vier von fünf Häusern über den Biodiversitätsverlust, wie eine internationale Umfrage von Responsible Investor, Credit Suisse und Naturschutzinstituten ergab. Aber mehr als 90 Prozent von 250 antwortenden Investoren haben keine messbaren Ziele, Vielfalt zu bewahren.

Ökosystemleistungen und „Naturkapital“ einbeziehen

Das hängt damit zusammen, dass – anders als beim Klimawandel das belastende CO2 – eine zentrale Maßeinheit fehlt. Zudem sind Ökosysteme räumlich begrenzt. Schäden können also nicht wie zum globalen Klimaschutz über Zertifikate unabhängig vom Standort kompensiert werden. Sie können allein am jeweiligen belasteten oder bedrohten Ort der Natur beseitigt werden. Und drittens hängen an Arten, Sorten und Ökosystemen keine Preisschilder.

Manche Ethiker sagen, Natur sollte nicht bewertet werden. Die Ökologin Aletta Bonn betont dagegen, es sei notwendig, ihren wirtschaftlichen Wert zu kennen. Denn nur dann bezögen Firmen und Geldgeber das „Naturkapital“ in ihre Entscheidungen ein – ebenso wie Ökosystemleistungen. Zentral ist davon etwa die Bestäubung durch Insekten, Vögel und Fledermäuse. Dadurch vermehren sich Pflanzen, finden Lebewesen Nahrung, und Ökosysteme funktionieren. Die Bestäubungsart beeinflusst landwirtschaftliche Erträge und Erntequalität: Früchte können nach Insektenbestäubung größer sein. Zudem ist Naturbestäubung preiswerter als per Hand oder maschinell.

Aktionsfelder für Anleger und Investoren

Was also können Finanzakteure tun? Sie können negative Finanzierungsfolgen auf verschiedene Weise mindern. Manche Anlagefonds schließen Anleihen von Staaten aus, die die UN-Biodiversitätskonvention nicht ratifiziert haben oder dagegen verstoßen. Einige Publikums- und Spezialfonds haben Anlagekriterien zum Artenschutz, beispielsweise Negativbewertungen für umweltschädliche Aktivitäten, Massentierhaltung, Tierversuche oder auch gezielt für Gefährdungen von Tier- und Pflanzenarten. Emittenten von Aktien und Firmenanleihen können ihre Biodiversitätsrisiken erfassen und darlegen, was sie dagegen tun. Anleger können das recherchieren.

Vereinzelt integrieren Unternehmen ökologischen Reichtum in ihre Geschäftsmodelle. Das sind oft kleine nachhaltige Nischenfirmen. Aber auch börsennotierte Konzerne gehen modellhaft voran: So der Hersteller von Duft-, Geschmacks- und Wirkstoffen Symrise, der ökologische Anbaupraktiken fördert und bedrohte Ökosysteme in der Lieferkette schützt. Das sichert zugleich seine Rohstoffbasis.

Für Klimainvestments hat der Finanzmarkt Kriterien aufgestellt, die mittelerweile geläufig, aber doch zu hinterfragen sind: Maßstab sind meist CO2-Emissionen, nicht aber der Schutz verbleibender Wälder, Moore und Grasgebiete. Vorsicht ist selbst bei Anlagen in nachwachsende Rohstoffe geboten: Durch Kahlschläge für Palmölplantagen in Indonesien „ist Biodiesel dreimal schlechter fürs Klima als normaler Diesel“, warnt die Deutsche Umwelthilfe.

Bei Immobilien stellt sich Investoren die Frage, ob Ökosysteme oder artenreiches Agrarland weichen müssen und ebenbürtige Ausgleichsflächen entstehen können. Zweifel sind häufig bei konventionellen Vermögensverwaltern angebracht, da sich manche einen grünem Anstrich geben: So positioniert sich etwa der US-Fonds-Gigant Blackrock derzeit als Klimaschützer. Die Organisationen Friends of the Earth, Amazon Watch und Profundo identifizieren ihn jedoch als großen Anteilseigner von Unternehmen, die Wälder stark abholzen. So lange sich dies nicht ändere, sei der Auftritt nur Greenwashing, also Schönfärberei.

Pro-aktive Fondsgesellschaften

Ein Positivbeispiel liefern niederländische Fondsgesellschaften, die als aktive Aktionäre seit 2019 Palmölproduzenten zu nachhaltigerem Anbau drängen. So fordert eine wachsende Investorengruppe um den norwegischen Vermögensverwalter Storebrand von Brasiliens Regierung und Zentralbank seit 2020 Regenwaldschutz. Im Januar 2021 sprach sie unter dem Dach der Tropical Forest Alliance mit Vizepräsident Hamilton Mourão, der zugesagt haben soll, die illegale Entwaldung zu bekämpfen.

Brasiliens Vizepräsident, General Hamilton Mourão, soll Investoren bei der Stange halten und diplomatisch vermitteln. © Palácio do Planalto, CC via Flickr

Anfangen könnte er bei dem weltgrößten Fleischproduzenten JBS, der als mitverantwortlich für die zunehmende Entwaldung gilt. Storebrand hat den JBS-Konzern bereits 2018 von seinen Investments ausgeschlossen, nachdem Gespräche der UN-Initiative Prinzipien für verantwortliches Investment (PRI) erfolglos blieben. Auf seinem Internet-Auftritt tut der brasilianische Konzern so, als ob er selbst den Amazonas rette. Zumindest die NGO Banktrack enttarnte das als Greenwashing und warnte Anleger vor drohenden Finanz-, Regulations- und Reputationsrisiken.

Auch Kreditinstitute sind Geldgeber, die erfragen können, was Firmen unternehmen, um Naturzerstörung zu verhindern. Die Europäische Zentralbank erwartet von Banken, solche Risiken stärker als bisher auszuweisen: „Schließlich sind unterschiedlichste Umweltfaktoren wie (…) der Biodiversitätsver­lust (…) und Umweltverschmutzung ursächlich für die sie betreffenden Risiken.“ Wenn Haftungs- und Reputationsrisiken ausgeschlossen werden können, ist ein Kredit weniger ausfallbedroht. Ein EZB-Leitfaden legt sogar dar, wie aktives Management gehen kann.

In Renaturierung investieren

Es ist nicht leicht, Geschäftsmodelle und Anlageprodukte zu entwickeln, bei denen Artenvielfalt und „Wertschöpfung“ durch ökologische Dienstleistungen selbst finanzielle Renditen abwerfen. Für ihre Schaffung gibt es kein Geld. Auch die geplanten EU-Flächenprämien für Ökolandbau und Agroforstwirtschaft ändern das kaum. Aber Kapital kann auch zur Renaturierung beitragen.

Bei manchen Waldinvestments kann Renaturierung wirtschaftlich interessant sein und Biodiversität fördern. Meist müssen Geldgeber ausdauernd und risikobereit sein, da Natur Zeit braucht, um sich zu entwickeln und direkte Beteiligungen ein Verlustrisiko bergen. Erträge liefern unter anderem der Verkauf von Holz, Früchten, Nüssen, Honig und CO2-Zertifikaten. Dabei sind von monokulturgeprägten Holzinvestments die Agroforste zu unterscheiden: Mischwälder mit heimischen Arten, Nutzpflanzen und Nutztieren.

Eine Bananenfarm in Tansania. Durch Behandlung mit Mulch kann die unter intensiver Landwirtschaft verlorene Biodiversität von Böden wieder verbessert werden. © FAO / Marco Longari

Zudem bestehen Anlagemöglichkeiten für artenreiche Wälder, Biolandbau und naturbasierte Projekte. Möglichkeiten bieten erneuerbarer Energien, die mit Aufforstungen oder Beweidung verbunden sind. Photovoltaik-Anla­gen in der Fläche könnten laut dem Bundesamt für Naturschutz in strukturarmer Agrarlandschaft zur Biodiversität beitragen, wenn sie beispielsweise als artenreiche und mit Schafen beweidete Blühwiesen angelegt sind.

Biolandbau-Beteiligungen legen den Fokus auf ökosoziale und wirtschaftliche Erträge und eine wertstabile Kapitalanlage, zunächst ohne Dividenden. So verknüpfen mehrere Regionalwert AGs in ihrem Gebiet systemisch Ökobauern, Verarbeitungsfirmen und Abnehmer, um eine ökologische Regionalwirtschaft zu fördern. In eine Bioboden Genossenschaft stecken Privatleute Geld, mit dem sie Böden kauft und für die ökologische Landwirtschaft sichert: Bis Ende 2020 kamen 3900 Hektar für 69 deutsche Biohöfe zusammen.

Auch Naturschonung kann ein Bonus für ein Geschäftsmodell sein. So begründet die Firma Hylea, die in Deutschland Paranüsse verkauft, ihr Geschäft darauf, dass Paranussbäume nur in gesunden Regenwäldern wachsen. Sie sichert 45.000 Menschen durch Wildernte und Weiterverarbeitung den Lebensunterhalt. Das schützt den Regenwald indirekt. Darum erwarben professionelle Kapitalgeber 2019 eine Firmenanleihe.

Methoden entwickeln sich

Methodisch steht der Finanzsektor mit Blick auf Artenvielfalt in der Natur und in der Landwirtschaft noch am Anfang. Aber einige Initiativen entwickeln praxisnahe Berechnungsmethoden, Werkzeuge sowie Bewertungs- und Transparenzformate, die Großanlegern und Unternehmen Orientierung geben. Dazu gehört etwa die Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD). 2017 entstand die Coalition for private Investment in Conservation (CPIC), um naturpositive Portfolios zu schaffen.

Als Vorreiter haben sechs niederländische Finanzinstitute 2020 die Partnership Biodiversity Accounting Financials (PBAF) gegründet. Sie wollen gemeinsam die Effekte ihrer heimischen und internationalen Finanzierungen und Investments auf die biologische Vielfalt messen und zur nachhaltigen Nutzung von Biodiversität beitragen. Inzwischen sind weitere 15 internationale Finanzhäuser beigetreten. Als Initiatorin will die ASN Bank mit Geldanlagen und Finanzierungen bis 2030 positiv auf Biodiversität hinwirken. Investitionen in Renaturierung und die Kreislaufwirtschaft sollen den Reichtum an Arten und Biotopen in den Niederlanden und andernorts verbessern.

Letzte Aktualisierung 09.04.2021

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