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  • Klima & Ressourcen
  • 06/2020
  • Cornelia Schu

Migration aus Afrika bleibt meist in Afrika

Ein Gutachten des Sachverständigenrats für Integration und Migration rückt Zerrbilder aus Prognosen zurecht.

Ein Flüchtlingslager in Südsudan: Luftaufnahme von Camp Bentiu. © UN Photo / Isaac Billy

Der Journalist und Afrikanist Stephen Smith hat vor zwei Jahren mit einer viel beachteten Prognose von sich reden gemacht. Nach seiner Auffassung ist Afrika „in Bewegung“ und macht sich „unerbittlich auf den Weg zum alten Kontinent“. Die Folge wäre laut Smith, dass in 30 Jahren ein großer Teil der europäischen Bevölkerung afrikanischer Abstammung sein wird. Alarmistische Prognosen wie diese sind nicht neu. Immer wieder gibt es – stark vereinfachende – Warnungen vor einer demographischen „Explosion“ und vor einer „Völkerwanderung“ aus Afrika.

Angesichts der heutigen Debattenlage um das Thema Migration gewinnen solche Prognosen an Brisanz, können sie doch politisch instrumentalisiert werden, etwa von Rechtspopulisten und -extremisten. Umso wichtiger, ihnen nicht vorschnell Glauben zu schenken und die Faktenlage kritisch zu prüfen. Daher hat sich der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in seinem Jahresgutachten 2020 mit dem Titel „Gemeinsam gestalten: Migration aus Afrika nach Europa“ die Aufgabe gesetzt, die faktischen Wanderungsbewegungen aus Afrika wie innerhalb Afrikas zu analysieren, Bedingungen und Folgen der Migration zu beschreiben, und zu beleuchten, wie die deutsche und europäische Politik mit Migration aus Afrika umgeht.

Bei Migration aus Afrika nach Europa denken viele zunächst an jene verzweifelten Menschen, die von Nordafrika aus in Schlauchbooten in See stechen, um an der italienischen Küste zu landen. Tatsächlich ist das Wanderungsgeschehen in und aus Afrika aber sehr vielfältig.

Was sind die Fakten?

Migrantinnen und Migranten aus Afrika wandern überwiegend innerhalb ihres Kontinents, meist sogar in ihrer Region. Mehr als die Hälfte der weltweit 36,6 Millionen Migrantinnen und Migranten aus Afrika lebte im Jahr 2017 in einem anderen afrikanischen Land. Bei den Migrantinnen und Migranten aus Subsahara-Afrika traf dies sogar auf fast drei Viertel zu. Das gilt insbesondere für Flüchtlinge: In den Jahren 2017 und 2018 standen drei afrikanische Länder auf der Liste der zehn Länder, die weltweit am meisten Flüchtlinge aufnehmen. Das waren Uganda (Platz 3), Sudan (Platz 4) und Äthiopien (Platz 9). Die Flüchtlinge dort stammten in der Regel aus den Nachbarländern.

Ende 2018 gab es in ganz Afrika insgesamt knapp 6,8 Millionen Flüchtlinge und 17,8 Millionen Binnenvertriebene, die innerhalb ihres eigenen Landes in einen anderen Landesteil geflüchtet sind. Zum Vergleich: In ganz Europa waren zum gleichen Zeitpunkt rund 2,8 Millionen Flüchtlinge registriert, davon 2,5 Millionen in den Staaten der EU. Afrika beherbergte also insgesamt mehr als doppelt so viele Flüchtlinge wie Europa.

Migrantinnen und Migranten aus Afrika zieht es in die ganze Welt, nicht nur nach Europa. Ihre Motive zur Wanderung sind vielfältig: Die wichtigsten Zielländer von Menschen aus Afrika, die ihren Kontinent verlassen, sind Frankreich, das Vereinigte Königreich, die USA sowie Saudi-Arabien. Nach Frankreich wandern vor allem Menschen aus Nord- und Zentralafrika aus, nach Großbritannien Menschen aus Ostafrika und dem Süden des Kontinents. Die USA ziehen vor allem Menschen aus West- und Ostafrika an, Saudi-Arabien ist für Nordafrika attraktiv.

Mitarbeiter des britischen Gesundheitssystems. Im NHS kommen 19 von 1000 Mitarbeitern aus Afrika. © NHS

Von den rund 16,9 Millionen Migrantinnen und Migranten aus afrikanischen Staaten, die 2017 außerhalb Afrikas lebten, waren etwa die Hälfte nach Europa ausgewandert und ein weiteres Drittel nach Asien – und dort vor allem in die Golfstaaten. Von all diesen Auswanderinnen und Auswanderern stammten 60 Prozent (rund 9,7 Millionen) aus Nordafrika.

Ein wichtiges Motiv zur Auswanderung aus einem afrikanischen Staat ist die Arbeitssuche. In den USA oder im Vereinigten Königreich sind beispielsweise viele medizinische Fachkräfte aus Nigeria tätig. Einen wichtigen Teil der Migration aus Afrika bildet auch die Bildungsmigration. Ein weiterer Grund ist die Flucht vor Gewalt und Unterdrückung. Außerdem ziehen viele Migrantinnen und Migranten aus Afrika zu bereits im Ausland lebenden Familienangehörigen.

Migrantinnen und Migranten aus Afrika bilden in Europa eine kleine Minderheit. In welche europäischen Länder sie ziehen, hat nicht selten mit historischen Verbindungen zu ihren Herkunftsländern zu tun. Wie oben erwähnt, lebten 2018 in Europa etwa 8,5 Millionen Menschen, die aus afrikanischen Staaten zugewandert waren. Dies entspricht einem Anteil von rund 1,5 Prozent an der Bevölkerung Europas. Diese Menschen stammten zu etwa gleichen Teilen aus Nordafrika und den Staaten südlich der Sahara.

In Deutschland liegt der Anteil von Einwanderinnen und Einwanderern aus Afrika bei unter einem Prozent der Bevölkerung. Zuwanderinnen und Zuwanderer aus afrikanischen Staaten machten von 2000 bis 2017 in Deutschland nur etwa fünf Prozent aller Einwanderinnen und Einwanderer aus. Zieht man die Zahl der Menschen ab, die im selben Zeitraum aus Deutschland weggezogen sind, lag der so genannte Wanderungssaldo pro Jahr bis 2012 bei deutlich unter 20.000 Personen.

Mit den Flüchtlingen, die 2015 und 2016 nach Deutschland kamen, stieg die absolute Zahl der Zuwanderinnen und Zuwanderer aus afrikanischen Staaten zwar an und erreichte im Jahr 2015 einen Höchstwert von 113.000 Personen. Ihr Anteil am Gesamtzuzug veränderte sich dadurch aber kaum. Seither sinken die Zuzugszahlen aus Afrika wieder.

Das Wanderungsgeschehen in und aus Afrika zeichnet sich damit durch eine große Vielfalt aus. Es lediglich auf Flucht- und Armutsmigration zu reduzieren, wäre eine Verzerrung. Betrachtet man die weltweite Migration, wandern im Vergleich sogar eher weniger Menschen aus Afrika aus als aus anderen Kontinenten. Zwar hat die Zahl der Migrantinnen und Migranten aus Afrika in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Doch weil Migration weltweit insgesamt zugenommen hat, ist der Anteil von Migranten aus Afrika an den globalen Wanderungsbewegungen bislang relativ konstant geblieben.

Was wissen wir über die zukünftige Entwicklung?

Ob die Migration aus Afrika auf dem bisherigen Niveau bleiben oder zunehmen wird, ist offen. Zu einer nüchternen und realistischen Betrachtung gehört der Blick auf die demografische Entwicklung, die auf beiden Kontinenten in unterschiedliche Richtungen geht. Die Bevölkerung in Afrika wächst, während sie in manchen europäischen Ländern sogar zurückgeht. Diese unterschiedliche demographische Entwicklung verleitet manche zu der Prognose, dass in Zukunft sehr viele Menschen aus Afrika nach Europa auswandern könnten. Solche Vorhersagen sind aber wissenschaftlich nicht haltbar, denn es gibt keinen eindeutigen oder gar linearen Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Auswanderung.

Insgesamt braucht es mehr Wissen über Migration in und aus Afrika. Die Forschung, die daraus Szenarien für künftige Entwicklungen ableitet, muss besser vernetzt werden. Der Sachverständigenrat hofft daher darauf, dass unter der anstehenden deutschen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 zu diesem Thema ein wissenschaftliches Netzwerk angestoßen wird, das auch afrikanische Expertise einbezieht. Das schlägt der SVR in seinem Jahresgutachten 2020 unter anderem vor. Denn das Thema Migration gehört auf die gemeinsame Agenda von Afrika und Europa.

Cornelia Schu Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR)
Schlagworte
Letzte Aktualisierung 18.06.2020

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