Insektenzucht: Warum "die Zukunft der Ernährung" noch auf sich warten lässt
Mehr als zehn Jahre nach dem Hype entpuppt sich die Hoffnung auf Insekten als nachhaltige Proteinlieferanten und klimaschützende Alternative zu Fleisch als Mythos.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Der Gedanke an das Verspeisen von Insekten löst in westlichen Gesellschaften noch eher Schaudern aus als Gefühle von Genuss. Doch paradoxerweise wurden dieselben Lebewesen als nachhaltige Retter unseres Ernährungssystems auserchoren. Nach dieser Erzählung, die maßgeblich auf den 2013 veröffentlichten Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) zurückgeht, versprechen Speiseinsekten Vorteile für die Umwelt und die Ernährungssicherheit, die fast zu schön erscheinen, um wahr zu sein.
Vielleicht, weil sie es auch sind.
Mehr als ein Jahrzehnt und hunderte Millionen Dollar später, sieht die industrielle Insektenzucht sich einer unangenehmen Bilanz gegenüber: Die Kluft zwischen theoretischen Versprechungen und kommerzieller Realität erweist sich als viel größer als erwartet.
Teil I: Wie es um Speiseinsekten wirklich steht
Klimabilanz: ein gemischtes Bild
Die vermeintlichen Vorteile von Insektenzucht für die Umwelt sind nicht so eindeutig wie die Überschriften verheißen. Wohl zeigen Studien im Allgemeinen, dass die Insektenproduktion der Umwelt weniger schaden als Fleischerzeugung. Bei näherer Betrachtung wird die Sache jedoch komplizierter.
Tatsächlich verursacht Insekten-Farming weniger Treibhausgase als Rindfleisch, nämlich 5-11 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilogramm, verglichen mit 35 Kilogramm CO2-Äquivalenten für Rindfleisch. Aber schon beim Vergleich mit Hühnerfleisch, dem weltweit führenden Fleischprodukt, verflüchtigt sich dieser Vorsprung. Jüngere Studien zeigen, dass Insektenzucht in seinen Emissionen mit Hühnerzucht gleichauf liegt, oder sogar übertrifft. Dies insbesondere in gemäßigten Klimazonen, wo die Anlagen ganzjährig beheizt werden müssen.
Bei der Flächennutzung liegen Insekten klar vorn: Sie benöitgen nur 0,16 bis 8,0 m2 pro Kilogramm, verglichen mit Rindfleisch (23,1 m2/kg), Schweinefleisch (6,28 m2/kg) oder Geflügel (4,64 m2/kg). Doch der Wasserverbrauch spricht eine andere Sprache. Aktuelle Auswertungen kommen auf einen Bedarf von 0,4-0,8 m3 Wasser pro Kilogramm, das ist mehr als 0,25 m3 für Rindfleisch, 0,05m3 für Schwein und 0,067 m3 für Hühnerprodukte.
Die eigentliche Frage ist jedoch gar nicht, ob Insekten bei den Umweltkennzahlen besser abschneiden als Fleisch. Vielmehr geht es darum, ob wir überhaupt den richtigen Vergleich anstellen.
Wo Insekten tatsächlich landen
Trotz der großen Aufmerksamkeit in den Medien sind Insekten für den menschlichen Verzehr ein überraschend unbedeutendes Geschäft. Nur ein Anteil von fünf Prozent der Investitionen in Insektenzucht zielt auf den Markt für Speiseinsekten. Analysten der Rabobank beschreiben den Marktanteil als "vernachlässigbar", "mit begrenzten Chancen für die absehbare Zukunft".
Existierende Produkte eröffnen derweil interessante Einblicke. So zeigt eine Analyse europäischer Märkte, dass 90 Prozent von Lebensmitteln auf Insektenbasis gar keine Fleischalternativen sind. Stattdessen wird Verbrauchern Grillenmehl in Nudeln kredenzt, Mehlwurmzutaten in Proteinriegeln und geröstete Insekten im Ganzen als neuartige Snacks. Nur acht Prozent der Produkte sind darauf aus, kulinarisch die Rolle von Fleisch einzunehmen.
Das ist insofern von Bedeutung, als diese Produkte damit nicht mit Rind- oder Schweinefleisch konkurrieren; sie stehen im Wettbewerb mit herkömmlicher Pasta, Energieriegeln und Chips – also mit Lebensmitteln, die selbst einen drastisch niedrigeren ökologischen Fußabdruck aufweisen. Wenn Insekten nun in pflanzliche Erzeugnisse eingearbeitet werden, oder sie ersetzen sollen, steigern sie damit in der Regel die Umweltbelastung, statt sie insgesamt zu verringern. Wie eine systematische Untersuchung ergab, schneiden Produkte auf Insektenbasis bei einer Vielzahl von Umweltkriterien durchweg schlechter ab als pflanzliche Alternativen.
Fehlende Akzeptanz durch Verbraucher
Wissenschaftliche Erhebungen zum Verbraucherverhalten deuten auf eine weitere Hürde. Sie lassen eine nur mäßige Bereitschaft erkennen, Insektenprodukte auszuprobieren, und starke Abneigung. Auf ihnen genannte reale Preisvorschläge hin verlangen Verbraucher erhebliche Preisnachlässe im Vergleich zu konventionellen Alternativen. Keine gute Grundlage für eine wirtschaftliche Machbarkeit.
Die höchste Akzeptanz zeigen junge Verbraucher, angeblich die empfänglichste Altersgruppe, für Energieriegel und Backwaren – und damit für genau die Produkte, bei denen Insekten den geringsten Mehrwert bieten und am direktesten mit pflanzlichen Zutaten konkurrieren. Ein "Gateway"-Effekt, wonach der Einstieg mit einem vertrauten Format zu einer breiteren Akzeptanz auch anderer Produkte führt, lässt sich empirisch nicht belegen.
Vor allem aufgrund des mangelnden Interesses von menschlichen Konsumenten haben Hersteller den Schwenk auf andere Märkte beschlossen – insbesondere auf den Markt für Tierutter, sei es für Haustiere oder für die Viehzucht.
Teil II: das Tierfutterversprechen
Eine Kreislaufwirtschaft, die keine ist
Der Wirtschaftszweig der Insektenzucht baut auf den Gedanken der "Kreislaufwirtschaft". Nach dem zunächst überzeugenden Szenario verwandeln Insekten Abfälle in hochwertige Proteine für Tierzucht und Aquakulturen, und nebenbei fällt noch Dünger an. Die Realität stellt sich als frappierend anders heraus. Bei Untersuchungen führender Hersteller für Forschungszwecke, darunter InnovaFeed, Ÿnsect und Protix, zeigte sich, dass diese Unternehmen überwiegend Weizenkleie, Maisprodukte und Biertreber verfüttern, also Reststoffe aus der Landwirtschaft und Brauerei, die auch herkömmliches Tierfutter anreichern. Die versprochene Verwertung von Abfällen findet nicht in großem Umfang statt.
Wie kommt es dazu? Die Herausforderungen erweisen sich aus vielen Gründen als schwieriger als erwartet. Dazu gehören:
Ordnungsrechtliche Hindernisse: Vorschriften in der EU und den USA verbieten den Einsatz von Mischungen von Lebensmittelabfällen, die auch tierische Produkte enthalten, in der Futtermittelherstellung. Damit liegen 70 Prozent der theoretischen Abfallquellen trocken. Diese Vorschriften, die nach Ausbrüchen von Rinderwahnsinn (BSE) eingeführt wurden, lassen sich nicht so einfach abändern.
Biologische Grenzen: Insekten, denen tatsächlich Abfall gefüttert wird, brauchen mehr Zeit zum Wachsen und sterben schneller. Die Sterblichkeitsrate von Larven der Schwarzen Soldatenfliege, die mit Gülle gefüttert werden, kann über 50 Prozent erreichen. Gelbe Mehlwürmer brauchen viermal länger, um sich mit Speiseresten zu entwickeln, als mit Körnerfutter. Grillen sterben einfach häufig. Entgegen der landläufigen Meinung kann man Insekten nicht irgendetwas füttern und erwarten, dass sie schnell und gesund wachsen.
Wirtschaftlicher Wettbewerb: Die vorhandenen Abfallaufkommen werden bereits von bestehenden Industrien beansprucht. Anaerobe Vergärung, Kompostierung und direkte Verfütterung an Nutztiere konkurrieren um die gleichen Materialien.
Qualitätskontrolle: Futtermittelhersteller benötigen gleichbleibende Nährwertprofile. Dies erweist sich bei variablen Abfallaufkommen als unmöglich, zumal die Nährstoffzusammensetzung von Insekten davon abhängt, was sie fressen.
Die ökologische Realität von Insektenfutter
Eine umfassende Lebenszyklusanalyse aus dem Jahr 2024, die vom britischen Ministerium für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten (Defra) in Auftrag gegeben wurde, deckt die ernüchternde ökologische Realität der Insektenproteinproduktion für Futtermittel auf. Die Studie verglich Mehl aus Larven der Schwarzen Soldatenfliege (BSFL) mit traditionellem Soja- und Fischmehl anhand von 16 Umweltindikatoren. Besonders auffällig sind die Ergebnisse zur Klimaschädlichkeit: BSFL-Mehl erzeugt je nach verwendetem Futtersubstrat zwischen 12,9 und 30,2 Kilogramm CO₂-Äquivalent pro Kilogramm Protein.Dies entspricht dem 5,7- bis 13,5-Fachen der Klimaauswirkungen von Sojamehl (2,23 kg CO₂-Äquivalent/kg Protein) oder dem 1,6- bis 3,8-Fachen des Fußabdrucks von Fischmehl (7,98 kg CO₂-Äquivalent/kg Protein).
Die Schwankungen variieren stark je nachdem, womit die Insekten gefüttert werden. Larven, die mit Lebensmittelabfällen gefüttert wurden, schnitten mit 12,9 kg CO₂-Äquivalent am besten ab, während diejenigen, die mit traditionellem Futter auf Weizenbasis aufgezogen wurden, 30,2 kg CO₂-Äquivalent erreichten. Während die Hersteller Insekten als Lösung für die Abfallverwertung anpreisen, ergab die Studie, dass Insekten, die mit echten Abfallstoffen (Hühnermist) gefüttert wurden, schlechte Umwandlungsraten aufwiesen, mehr Larven benötigten und mehr Fraßabfälle produzierten, die behandelt werden müssen.
Diese zusätzliche Verarbeitung erhöht den Fußabdruck weiter. Es ist zu beachten, dass Insektenmehl selbst in "Best-Case"-Szenarien mit hundert Prozent erneuerbarer Energie und optimierter Trocknungstechnik nur geringfügig besser abschneidet als herkömmliche Futtermittel – und auch nur dann, wenn es unter idealen Bedingungen erzeugt wird, die im kommerziellen Maßstab kaum erreichbar sind.
Haustierfutter: ein bereits optimierter Nischenmarkt
Da sich Futtermittel für die Branche als unwirtschaftlich erwiesen haben, konzentriert sie sich zunehmend auf Heimtierfutter, das mittlerweile 50 Prozent der Insektenproduktion ausmacht. Dieser Markt duldet höhere Preise für umweltbewusste Tierhalter oder Nischen wie hypoallergene Inhaltsstoffe. Doch auch hier bröckeln die Nachhaltigkeitsargumente bei genauerer Betrachtung.
Heimtierfutter verwendet üblicherweise Fleischabfälle wie Organe, Knochen und Schnittreste, die nur einen minimalen wirtschaftlichen Wert haben. Wenn die Umweltauswirkungen nach diesem Wert berechnet werden, machen die Abfälle nur einen winzigen Bruchteil des ökologischen Fußabdrucks der Fleischproduktion aus. Insektenmehl, das seine eigenen Produktionsformen erfordert, verursacht 2- bis 10-mal höhere Emissionen als herkömmliche Heimtierfuttermischungen. Obwohl Tiernahrung ein vielversprechender Markt für wirtschaftlichen Erfolg zu sein scheint, bleiben die sozialen und ökologischen Wirkungen daher fragwürdig.
Teil III: Wirtschaftlicher Fakten-Check
Das anhaltende Preisproblem
Derzeit kostet Insektenmehl 3.500 bis 6.000 US-Dollar pro Tonne, Fischmehl 1.400 bis 1.800 US-Dollar und Sojamehl 500 US-Dollar. Dies ist kein vorübergehender Aufschlag für neuartige Produkte, sondern spiegelt grundlegende Produktionsschwierigkeiten wider.
Das bislang umfassendste ökonomische Modell berechnete Produktionskosten von 5.116 Euro pro Tonne für entfettetes Larvenmehl. Eine Aufschlüsselung der Kosten zeigt strukturelle Herausforderungen:
- Arbeit: 20–40 Prozent (die Automatisierung ist aufgrund biologischer Variabilität nach wie vor begrenzt)
- Energie: 15–30 Prozent (Heizung in gemäßigten Klimazonen ist unvermeidbar)
- Substrat: 25–45 Prozent (selbst „Abfälle” müssen gesammelt, behandelt und einer Qualitätskontrolle unterzogen werden)
- Infrastruktur: 10–20 Prozent (spezialisierte Anlagen mit einer Laufzeit von 5–10 Jahren, nicht wie oft angenommen 30 Jahren)
Dies sind keine Ineffizienzen, die durch Skalierung beseitigt werden können. Sie sind untrennbar mit der Aufzucht tropischer Arten in gemäßigten Klimazonen bei gleichzeitiger Einhaltung der Lebensmittelsicherheitsstandards verbunden.
Rückzug der Branche
Jüngste Entscheidungen von Marktführern bestätigen diese Herausforderungen. Ÿnsect gab nach einer Kapitalbeschaffung von rund 600 Mio. US-Dollar im Jahr 2023 die Produktion von Nutztierfutter auf. CEO Antoine Hubert räumte ein, dass sich das Unternehmen „keine erheblichen Investitionen in unrentablen Märkten leisten kann”. Mit dem Rückzug wurden 70 Mitarbeiter entlassen und ein geplantes Werk in den Niederlanden gestrichen.
Ehemalige Brancheninsider sprechen nun offen über systemische Probleme. Große Anlagen bleiben durchweg hinter den Prognosen zurück. Die versprochenen Mengen und Qualitäten werden nicht erreicht. Die anfangs begeisterten Investoren sind skeptisch geworden. Trotz wachsender Klimasorgen gingen die Investitionen in dem Sektor im Jahr 2023 um 30 Prozent zurück. Viele Akteure, die zuvor im Bereich Viehfutter tätig waren, konzentrieren sich nun ausschließlich auf Haustierfutter.
Schlussfolgerung
In einer unserer jüngsten, von Fachkollegen begutachteten Analysen der Literatur zur Insektenzucht haben wir drei systematische Vorfestlegungen identifiziert, die zu übertrieben optimistischen Einschätzungen verführen:
Fehler Nr. 1: übermäßiges Festhalten an veralteten Studien. Die in diesem Bereich am häufigsten zitierte Umweltstudie von Oonincx und de Boer (2012) untersuchte die Produktion in kleinem Maßstab unter Verwendung von frischen Karotten als Insektenfutter. Diese Studie, auf die über 800 Mal verwiesen wurde, hat keinerlei Bezug zur kommerziellen Realität, wird jedoch weiterhin als Grundlage für Behauptungen zum Umweltschutz herangezogen.
Fehler Nr. 2: unrealistische Annahmen zum Abfallaufkommen. Modelle gehen routinemäßig von einer Abfallverwertung zu 50 bis 100 Prozent aus, obwohl die aktuelle Praxis in der Branche eine Abfallverwertung von nahezu null zeigt. Diese Annahme kann Umweltbewertungen von negativ zu positiv kippen lassen.
Fehler Nr. 3: theoretische Kostenprognosen. Geschäftsmodelle verwenden Parameter wie eine Lebensdauer der Anlagen von 30 Jahren (Realität: 5–10 Jahre), unterschätzen die Energiepreise um 50 Prozent und gehen von Biokonversionsraten aus, die zwei- bis dreimal höher sind als die kommerziell erzielten.
Das Argumentationsgerüst über die Insektenzucht veranschaulicht, wie überzeugende Geschichten empirische Beweise überschreiben können. Am Anfang stand die Vorstellung, dass Insekten Steaks ersetzen würden, aber die Branche zielt hauptsächlich auf Haustierfutter ab. Wir gingen von Abfallverwertung aus, aber die Produzenten verwenden landwirtschaftliche Produkte. Wir projizierten wettbewerbsfähige Preise, aber die Kosten bewegen sich weiterhin auf einem Vielfachen der Alternativen. Diese Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis hat Konsequenzen. Die für die Insektenzucht bereitgestellten Gelder könnten stattdessen bewährte Maßnahmen unterstützen: die Reduzierung von Lebensmittelabfällen ab Erzeugung, die Verbesserung der pflanzlichen Proteinproduktion oder die Steigerung der Nachhaltigkeit konventioneller Futtermittel.
Das muss nicht heißen, dass Insekten in zukünftigen Ernährungssystemen keine Rolle spielen werden. Spezifische Verwendungen (z. B. Biokonversion in tropischen Regionen, Eingang in Spezialitäten, kulturelle Märkte) könnten sich als rentabel erweisen. Aber diese Nischenbeiträge unterscheiden sich erheblich von der bahnbrechenden Transformation, die im Westen versprochen wurde. Die Zukunft der Ernährung wird zweifellos Innovationen mit sich bringen. Die Insektenrevolution wird aber warten müssen.
Tom Bry-Chevalier ist Doktorand an der Université de Lorraine, Nancy, Frankreich, Institut AgroParisTech-INRAE, und arbeitet am Forschungszentrum BETA.
Corentin Biteau ist Mitgründer und Direktor des französischen Insekteninstituts "Observatoire national de l'élevage d'insectes" (https://www.onei-insectes.org/).


