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  • Klima & Ressourcen
  • 08/2025
  • Neil Palmer
Schwerpunkt

Von vernachlässigten Pflanzen und überfälliger Aufmerksamkeit – die Rolle von "Opportunity Crops"

Die Auswirkungen des Klimawandels werden dem Anbau global vorherrschender Nutzpflanzen zusetzen. Umso mehr werden für die Ernährungssicherheit vergessene Arten gebraucht, besonders in Afrika.

Unbekanntes Crincrin: als klebrige Sauce zum Brei oder als Eintopf eine Spezialität aus Benin. © CC Neil Palmer for the Crop Trust

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

Wenn Sie noch nie von "Jute-Malve" gehört haben, sind Sie nicht allein. Diese kurze, buschige Pflanze – auch bekannt als „Afrikanischer Spinat“ oder „Corchorus“ – ist unter Landwirten und Verbrauchern in Europa so gut wie unbekannt. Sie hat glänzende, gezackte, dunkelgrüne Blätter. Die in Afrika beheimatete Pflanze birgt ein Geheimnis: Ihre Blätter werden beim Kochen schleimig. Für Verbraucher in Westafrika ist dies eine begehrte Eigenschaft, denn "Jute-Malve" ist die Grundlage für das beninische Hauptgericht Crincrin, eine dicke, leuchtend grüne Suppe mit Meeresfrüchten, Bohnen und Gewürzen. Wenn Crincrin nicht wirklich schleimig ist, ist es einfach kein Crincrin.

Die Schleimigkeit der Jutepflanze aus aus der Familie der Malvengewächse ist nicht nur eine kulinarische Besonderheit – sie kann auch gesundheitliche Vorteile haben. Einige Studien deuten darauf hin, dass ihr Schleim die Verdauung fördert und entzündungshemmende, antimikrobielle und cholesterinsenkende Eigenschaften hat. Aber das ist noch nicht alles: Die rohen Blätter der Pflanze übertreffen gewöhnlichen Spinat im Kalium-, Vitamin C- und Proteingehalt und schlagen sowohl Spinat als auch Grünkohl beim Kalzium- und Eisengehalt. Auch auf dem Feld ist die "Jute-Malve" ein Kraftpaket: Sie wächst schnell (nur 30 bis 60 Tage nach der Aussaat), verträgt Hitze, Trockenheit und schlechte Böden sehr gut und benötigt wenig bis gar keinen Dünger, Bewässerung oder Pflanzenschutzmittel.

Warum haben dann so wenige Menschen in Europa davon gehört? Ganz einfach: "Jute-Malve" ist eine von fast 7.000 essbaren Pflanzen, die außerhalb des von drei wichtigen Pflanzenarten dominierten globalen Nahrungsmittelsystems existieren: Reis, Weizen und Mais. Auf diese Pflanzen entfallen mehr als 50 Prozent unserer pflanzlichen Kalorienzufuhr, und das aus gutem Grund: Sie sind reich an Kohlenhydraten und stehen seit Jahrzehnten im Fokus von Politik und Wissenschaft, was ihnen Milliarden Dollar an Forschungsgeldern eingebracht hat, damit sie produktiv, widerstandsfähig, leicht zu ernten, leicht zu lagern und vieles mehr sind. Sie sind zu weltumspannenden Handelsgütern geworden, die auf allen Kontinenten außer der Antarktis angebaut werden. In vielerlei Hinsicht sind sie eine Erfolgsgeschichte im Kampf der Menschheit gegen den Hunger. Aber ihre Dominanz hat andere, oft nährstoffreichere und widerstandsfähigere Pflanzen aus den landwirtschaftlichen Betrieben und Ernährungsgewohnheiten verdrängt.

„Forscher haben Jahrzehnte lang versucht, eine Handvoll Nutzpflanzen zu perfektionieren, um die Welt zu ernähren – jetzt ist es an der Zeit, die Speisekarte zu erweitern“, sagt Dr. Maarten van Zonneveld, Leiter der Abteilung für genetische Ressourcen am World Vegetable Center in Taiwan, das die weltweit größte öffentliche Saatgutbank für Gemüse beherbergt. „Denn es gibt Tausende von widerstandsfähigen, weniger bekannten Pflanzen, die seit Generationen still und leise Gemeinschaften ernähren, von Blattgemüse bis hin zu alten Getreidesorten. Mit der Unterstützung von Forschern, Regierungen, Gebern und dem privaten Sektor ist es an der Zeit, diesen Pflanzen eine Chance zu geben, sich zu entfalten.“

Jute Mallow oder "Jute-Malve" ist eine afrikanische Jute-Gattung aus der Familie der Malvengewächse mit spinatartigen Blättern. © CC Neil Palmer for the Crop Trust

Dazu gehört auch die "Jute-Malve" eine von vielen sogenannten „Chancenpflanzen“ oder "Opportunity Crops", die zunehmend Beachtung finden, weil sie Landwirten bei der Bewältigung neuer Krisen zugunsten von Ernährungssicherheit, Klimaresilienz und Nachhaltigkeit helfen können – insbesondere in Afrika, aber auch anderswo.

Die bislang als vernachlässigte oder vergessene Sorten und Arten bezeichneten Pflanzen erhalten durch die neue Namensgebung einen optimistischen Beiklang und verheißen Potenzial. Mit dabei sind das robuste Pseudogetreide Amaranth, entfernt verwandt mit Quinoa, das wegen seiner eisenreichen Blätter und eiweißhaltigen Körner geschätzt wird; die dürreresistente Fingerhirse; die Bambara-Erdnuss, eine klimasmarte Hülsenfrucht, die in kargen Böden wächst und eine ausgewogene Protein- und Kohlenhydratquelle darstellt; Okra, reich an Ballaststoffen und Antioxidantien; die eiweißreiche Mungbohne, die durch stickstoffbindende Eigenschaften auch die Bodenfruchtbarkeit verbessert; und der Moringa-Baum, der wegen seiner Heilkräfte und vitaminreichen Blätter geschätzt wird.

Viele der genannten Pflanzen sind traditionelle Nutzpflanzen, die im Laufe der Zeit durch den weltweiten Anbau der vorherrschenden Sorten in den Hintergrund gedrängt wurden. Jüngste Forschungsarbeiten, die kürzlich mit dem Cozzarelli-Preis der National Academy of Science in Washington ausgezeichnet wurden, zeigen jedoch, dass diese alternativen Nutzpflanzen ein bedeutendes Potenzial aufweisen, um Agrargemeinschaften bei der Anpassung an den Klimawandel mit nährstoffreichen Nahrungsmitteln zu versorgen.(1) Außerdem stärken diese Pflanzen lokale Ökosysteme, da sie die Vielfalt der Anbaukulturen auf den Feldern erhöhen. Für die lokale Bedingungen gewohnten Kulturen benötigen Landwirte oft weniger Düngemittel und Pestizide. In Afrika wird ein Großteil dieser Nischenpflanzen von Frauen angebaut und verkauft. Sie spielen beim Erhalt traditioneller Gemüsesorten und bei der Weitergabe von Wissen über Generationen hinweg eine zentrale Rolle. 

Die Gelegenheit nutzen 

Anders als die weltweit gehandelten Nutzpflanzen, die durch jahrzehntelange internationale Forschung gefördert wurden, sind "Opportunity Crops" typischerweise Produkte ihrer heimischen Umgebung. Zwar schränkt dies ihre Verfügbarkeit ein, es bedeutet aber auch, dass sie besonders gut an lokale Bedingungen angepasst sind – was bei zunehmendem Stress durch den Klimawandel ein wichtiger Vorteil sein kann.  Weil sie seit Generationen mit bestimmten Schädlingen und Krankheiten koexistieren, können sie diese vermutlich besser tolerieren oder abwehren, bzw. sind genügsamer in nährstoffärmeren Böden oder langen Trockenperioden. In vielen Fällen sind Chancenpflanzen sogar ertragreicher als die gängigen Grundnahrungsmittel – für die Ernährung wie für das Einkommen.  Und – wie Crincrin-Konsumenten in Benin bestätigen können – sind sie oft auch von kultureller Bedeutung.

Die größten und vielfältigsten Genbanken für "Opportunity Crops" in Afrika sind in Benin und Tansania zu finden. © CC Neil Palmer for the Crop Trust

Allerdings leiden "Opportunity Crops" aufgrund ihrer langen Geringschätzung unter einer großen Einschränkung: Es mangelt an bewährten Systemen, die den Landwirten einen kontinuierlichen Zugang zu qualitativ hochwertigem Saatgut gewährleisten. Die meisten Landwirte bewahren einfach das Saatgut ihrer eigenen Pflanzen auf oder tauschen es mit Nachbarn oder auf dem heimischen Markt. Dieser Mangel macht diese vielversprechenden Pflanzen aber weniger verlässlich.

Etablierte Genbanken lagern Saatgut unter strengen Temperatur- und Feuchtigkeitskontrollen, wie es die internationalen Standards vorsehen. Sie konservieren eine Vielzahl von Pflanzenarten und -sorten – von "wilden" Verwandten und von Landwirten entwickelten Sorten (sogenannte Landsorten) bis hin zu modernen, verbesserten Sorten, die auf Eigenschaften wie Ertrag oder Krankheitsresistenz gezüchtet wurden. Kulturpflanzen außerhalb dieser Sammlungen – oder wilde und traditionelle Vorläufer – sind für Wissenschaftler naturgemäß schwerer zu studieren oder zu verbessern. Deshalb ist es entscheidend, diese Lücken in den Genbanken zu schließen, damit das Potenzial der Nischenpflanzen erschlossen werden kann.

Lücken schließen

In den vergangenen Jahren ist das teilweise gelungen, beispielsweise durch die Taiwan Africa Vegetable Initiative (TAVI). Mit dem Schwerpunkt auf traditionellen Gemüsesorten auf dem ganzen Kontinent unterstützt TAVI die Sammlung, Erhaltung und Erforschung einer Reihe vergessener Nahrungspflanzen wie Amaranth, afrikanischem Nachtschatten und unserer nun vertrauten "Jute-Malve". Diese Sorten werden nun im Rahmen der „Vision for Adapted Crops and Soils (VACS)“ verfügbar gemacht, einer Partnerschaft von FAO und CGIAR-Forschern zur Förderung indigener Nutzpflanzen, darunter Gemüse. In einem von Deutschland staatlich geförderten Projekt „Choose, Grow, Thrive” arbeiteten die Ausführungsorganisation GIZ und der Fund for International Agricultural Research (FIA) mit 2.000 Kleinbauern und örtlichen Saatgutunternehmen in Benin und Mali daran, für Sorten von "Jute-Malve", Amaranth und Okra hochwertiges Saatgut in ausreichenden Mengen für regionale Märkte in die Verbreitung zu bringen. Das Projekt lief Ende 2024 aus.

Jüngste Studien zeigen, dass der Mangel an hochwertigem Pflanzgut für diese Gemüsesorten ein großes Hindernis für die Steigerung der Nahrungsmittelversorgung darstellt – ebenso wie die begrenzte Verfügbarkeit auf dem Markt und schwindendes Wissen über diese Pflanzen. 

Stand heute werden rund 2.500 verschiedene Arten von "Jute-Malve" als Saatgut in Genbanken konserviert, wobei die größten und vielfältigsten an der Universität von Abomey-Calavi in Benin und in den WorldVeg-Sammlungen in Benin und Tansania angesiedelt sind. Die meisten davon sind Landsorten – traditionelle Sorten, die über Generationen von Bauern weitergegeben wurden – neben einer kleineren Zahl von "wilden" Verwandten. Über 400 Landwirte in Benin und Mali haben lokale Blattgemüsesorten getestet und dabei deutliche Unterschiede in Bezug auf Ertrag, Blattform und Blüte festgestellt – was ein großes Potenzial für die Züchtung klimafreundlicher und marktgerechter Pflanzen eröffnet.

Landwirte in Benin und Mali haben lokale Gemüsesorten getestet und Unterschiede in Blüte, Blattform und Ertrag festgestellt. © CC Neil Palmer for the Crop Trust

Doch trotz dieser reichen Vielfalt konnten bisher nur zwei verbesserte Sorten der Jute-Malve durch formelle Züchtung entwickelt werden, verglichen mit mehr als 1.000 Sorten bei Reis. Die Züchtung neuer Pflanzenarten erfordert Zeit, Investitionen und eine kontinuierliche Pipeline für die Forschung, was für die Jute-Malve noch nicht gegeben ist. Die Chancen bestehen jedoch eindeutig weiter: Landwirte und Schulen, die an dem TAVI-Projekt in Eswatini teilnehmen, identifizierten die Jute-Malve als eines der vielversprechendsten Gemüse für die Aufnahme in Schulmahlzeiten, da sie leicht anzubauen, widerstandsfähig, schmackhaft und nahrhaft ist.

Es fehlt an Anerkennung

Inwieweit sich das Potenzial von Chancenpflanzen entfalten kann, hängt auch davon ab, wie die internationale Gemeinschaft Prioritäten setzt und diese mit anderen teilt. Befragt man Experten für Saatgutkonservierung, werden die meisten auf einen zentralen Engpass hinweisen: den Internationalen Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft – besser bekannt als internationaler Saatgutvertrag. Dieses Abkommen von über 150 Vertragsstaaten priorisiert als Herzstück 35 wichtige Nahrungs- und 29 Futterpflanzen (für Viehfutter) für die Sammlung, Konservierung und den Austausch zwischen Genbanken. Die in Anhang 1 des Vertrags enthaltene Liste umfasst gute Bekannte wie Weizen, Mais, Gerste, Sojabohnen, Linsen, Kichererbsen, Kartoffeln und Karotten.

Das Übereinkommen soll zwischen Ländern den Austausch von Saatgut, Stecklingen und Wurzeln dieser vorrangigen Kulturen erleichtern, damit sie untersucht und verbessert werden können und zur Stärkung der weltweiten Ernährungssicherheit beitragen. Das System hat sich bewährt: Seit 2002 wurden weltweit über vier Millionen Proben von Pflanzen aus Anhang 1 ausgetauscht, was mit einem enormen Anstieg der Forschungsgelder und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit einherging. Allerdings stammen nur etwa 0,5 Prozent des ausgetauschten Materials von Pflanzen, die nicht im Anhang enthalten sind, wodurch eine lange Liste potenziell vielversprechender Pflanzen außen vor bleibt.(2) Van Zonneveld gehört zu den vielen Experten, die nun die UNO dazu aufrufen, den Anhang zu erweitern.

„Es besteht kein Zweifel, dass wir mit einigen wenigen Leitpflanzen enorme Fortschritte erzielt haben, aber jetzt müssen wir mehr von der Vielfalt der essbaren Pflanzen der Welt ins Rampenlicht rücken“, sagt er. „Es ist höchste Zeit, das Portfolio zu diversifizieren, die Schätze zu erkennen, die wir bisher übersehen haben, und den Nischenpflanzen den nötigen Schub zu geben.“

Neil Palmer World Vegetable Center (Zentrale), Taiwan

Referenzen:

1) van Zonneveld, Maarten, Roeland Kindt, Stepha McMullin, Enoch G. Achigan-Dako, Sognigbé N’Danikou, Wei-hsun Hsieh, Yann-rong Lin, and Ian K. Dawson. "Forgotten food crops in sub-Saharan Africa for healthy diets in a changing climate." Proceedings of the National Academy of Sciences 120, no. 14 (2023): e2205794120.

2) van Zonneveld, M., Castañeda-Álvarez, N.P., Achigan-Dako, E.G., Almekinders, C., de Haan, S., Hugo, W., Otieno, G., Ortiz, R., Raneri, J., Roa, C. and Sperling, L.J., 2024. Improving healthy diets in a changing climate. Policies for mainstreaming the inclusion of neglected ‘opportunity crops’ in seed systems.

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