"Es wäre sinnvoll, auch 'verschwindende Nahrungsmittel' zu züchten"
Wild wachsende Pflanzen und Früchte gehen verloren, wo – wie in Ghana – Ökosysteme zerstört werden.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Lange als "vergessene" oder "vernachlässigt" bekannte Nutzpflanzen werden heute "Opportunity Crops" genannt. Sie verdienen, wie Neil Palmer vom Word Vegetable Center in der August-Ausgabe der “Welternährung” erläuterte, wegen vielversprechender Eigenschaften mehr Aufmerksamkeit. Eine weitere Kategorie von unschätzbarem Wert sind derweil “verschwindende Lebensmittel”, mahnt Paulina S. Addy vom ghanaischen Ministerium für Nahrung und Landwirtschaft. Der wichtigste Grund für ihr Verschwinden sei mutwillige Entwaldung, und die Hauptleidtragenden seien ländliche Gemeinschaften, deren Ernährungsgewohnheiten auf ungesunde Weise beeinträchtigt würden.
Welternährung: Was bezeichnen Sie als “verschwindende Lebensmittel”?
Paulina S. Addy: Ich verwende den Begriff für Obst, Gemüse, Gewürze, Pilze und andere Pflanzen, die wir in der Vergangenheit gern gegessen haben, heute aber kaum noch finden. Manche, aber nicht alle, lassen sich nur in bestimmten Jahreszeiten sammeln. Ihre natürlichen Habitate schrumpfen, also kommen sie seltener vor. Früher hat die Landbevölkerung diese wild wachsenden Pflanzen gesammelt. In gewissem Umfang wurden sie sogar auf Märkten gehandelt. Diese Lebensmittel haben spezifische Eigenschaften, was Farbe, Geschmack, Aroma und Textur angeht. Wenn wir zufällig über sie stolpern, freuen wir uns.
Warum verschwinden diese Pflanzen?
Der wichtigste Grund ist Entwaldung. Unsere alten Forste schwinden mit ihrer reichen biologischen Vielfalt dahin. Manche ihrer Pflanzen gehörten traditionell zur Ernährung der Landbevölkerung. Sie sind meist sehr nährstoffreich, weil sie essenzielle Vitamine, Ballaststoffe, Mineralien und so weiter enthalten.
Manche Pflanzen gehörten traditionell zur Ernährung der Landbevölkerung.
Paulina S. Addy Abteilungsleiterin, Landwirtschaftsministerium GhanaNennen Sie bitte einige Beispiele...
Die Früchte der Guave sind ein vergleichsweise prominentes Beispiel. (1) Sie werden in Ghana allmählich rar. Ein weiteres früher häufig vorkommendes Obst sind Waldzimetäpfel (“forest custard apples”). Talinumblätter waren ebenfalls beliebt. Auch manche Cassava- und Yam-Sorten verschwinden allmählich.
Letztere werden aber doch auf Feldern angebaut?
Ja, aber manche Sorten wurden früher auch in der Natur gesammelt. Vergessen Sie nicht, dass diese Pflanzen an die örtliche Umwelt hervorragend angepasst sind. Das gilt ebenso für die Opportunity Crops, weshalb auch sinnvoll wäre, sie systematisch auf Basis wissenschaftlicher Forschung zu züchten. Es wäre ökologisch klug, Sorten zu kreieren, die wachsenden Klimarisiken wie Dürre, Hitze, Sturm und Hochwasser widerstehen können. Wenn solch eine Pflanze aber endgültig verschwindet, wird das unmöglich.
Was treibt die Entwaldung an? Werden wegen der wachsenden Bevölkerung mehr Felder gebraucht?
Das ist richtig, aber nur ein kleiner Teil des Problems. Die größte Herausforderung ist die Gewinnung von Sand und Bodenschätzen wie Gold. Wir haben legalen und illegalen Bergbau. Beides führt mit gravierenden Folgen – besonders für arme Gemeinschaften – zu Abholzung. Wasserressourcen und Feuerholz werden knapper, und zwar sowohl was Quantität als auch Qualität angeht. Landfrauen und -mädchen brauchen immer mehr Zeit für die Beschaffung dieser Ressourcen und auch für die Suche nach verschwindenden Lebensmitteln. Deshalb werden die Ernährungsgewohnheiten weniger vielfältig und entsprechend ungesünder.
Lässt sich der Schaden finanziell bewerten?
Nein, leider gibt es die nötigen Daten nicht. Unsere Statistiken erfassen die Ernährungsgewohnheiten armer Menschen nicht. Es ist sogar schwer, finanzielle Informationen über ihre Ausgaben zu sammeln. Kaum jemand notiert sich, wie viel Geld wann für welches Gut aufgewendet wird. Wir wissen aber, dass diese Menschen immer mehr Lebensmittel kaufen müssen. Weil sie nur wenig Geld haben, können sie sich keine vielfältigen Diäten, wie sie sie früher hatten, leisten. Reis, Weizen und Mais gewinnen ständig an Bedeutung, sind aber auch teuer.
Woran liegt das?
Diese Grundnahrungsmittel werden als Rohstoffe international gehandelt. Auf dem Weltmarkt sind sie im Prinzip jederzeit verfügbar. Allerdings schwanken die Preise in Reaktion auf globale Entwicklungen stark. Transportkosten spielen auch eine Rolle. Obendrein denken viele Menschen, dass die international gebräuchlichen Getreidesorten, die die Nahrungssysteme der Länder mit hohen Einkommen dominieren, auf irgendeine Weise besser sind als traditionelle afrikanische Lebensmittel. Manche dieser Lebensmittel werden inzwischen sogar herablassend als “Arme-Leute-Essen” bezeichnet.
Gleichzeitig werden die Ernährungsgewohnheiten der Armen weniger reichhaltig?
Genau. Wenn Haushalte am unteren Ende der wirtschaftlichen Leiter alle Lebensmittel – oder auch nur einen Großteil davon – kaufen müssen, bekommen sie typischerweise zu wenig Proteine, Vitamine, Mineralien und so weiter. Sie brauchen diese Nährstoffe selbstverständlich, aber Getreide enthält sie nicht. Traditionell hat sich die Landbevölkerung viel gesünder ernährt. Dasselbe Problem gibt es in den Städten, wo die Wirtschaft aber stärker monetarisiert ist, so dass die Menschen mehr Geld haben, um Lebensmittel zu erwerben. Sie kaufen jedoch immer mehr fertig gekochte Gerichte im Straßenhandel, was aber auch nicht gesund ist, weil diese Mahlzeiten oft zu viel Zucker, Salz und Fett enthalten. Die ärmsten städtischen Familien verwenden allerdings wie die auf dem Land den Großteil ihres Geldes für den Erwerb von Kohlehydraten und Fett.
Wer kann und sollte die Entwaldung bremsen?
Früher haben örtliche Komitees auf diese Dinge geachtet, aber sie verlieren seit einiger Zeit die Kontrolle. Armut ist ein Riesenproblem. Im Norden Ghanas dürfen beispielsweise Karitébäume eigentlich nicht gefällt werden. Die Leute tun es trotzdem, um Holzkohle zu produzieren, die sie dann verkaufen. Die logische Konsequenz ist, dass sie von diesen Bäumen keine Nüsse mehr ernten können, also künftig auch weniger Sheabutter haben werden, die sie daraus herstellen könnten. Man kann ihnen aber ihr kurzfristiges Denken nicht wirklich vorwerfen, denn was sie antreibt, ist unmittelbare Not.
Also ist auch Sheabutter ein verschwindendes Lebensmittel?
Mit zunehmender Entwaldung wird sie jedenfalls zu einem knappen Gut. Karitébäume wachsen nur langsam, werden aber bis zu 300 Jahre alt. Selbst wenn Sie für jeden Baum, den Sie fällen, einen neuen pflanzen, dauert es sehr lange, bis nachwächst, was zerstört wurde.
Tut Ghanas Regierung etwas, um die Wälder zu schützen?
Ja, aber aus ökonomischen Gründen konzentriert sie sich auf kommerziell attraktive Aufforstung, also auf schnell wachsende Monokulturen. Was die biologische Vielfalt angeht, können solche Plantagen mit den alten Wäldern nicht mithalten.
Hat die internationale Staatengemeinschaft eine Rolle zu spielen?
Ja, denn ihr Einfluss ist stark. Eines unserer Sprichworte besagt, dass, wer den Weg bereitet, nicht zurück schaut. Es wäre gut, wenn staatliche und traditionelle Spitzenleute, die bei uns Entscheidungen fällen, eine ganzheitliche Vision hätten. Internationale Partner und Partnerinnen können dazu beitragen, dass sie entsprechend denken. Allzu oft werden dagegen die Bedürfnisse der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft ignoriert.
Paulina S. Addy leitet die Abteilung für Landfrauen (“Women in Agriculture”) in Ghanas Ministerium für Nahrung und Landwirtschaft.
Das Gespräch führte Hans Dembowski.
Fußnote:
1) Guave und Cassava (ebenso wie Mais, Tomaten oder Kartoffeln) wurden von den Portugiesen aus Südamerika in Afrika eingeführt, wo sie seit Jahrhunderten zu den traditionellen Kulturpflanzen gehören.