Ärmste Gemeinschaften werden mit Hitzefolgen im Stich gelassen
Extreme Temperaturen schaden der Landwirtschaft schwer. Sie kommen immer öfter vor und sind, wie zwei UN-Organisationen warnen, ein Vorzeichen für die Risiken der Erderwärmung.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Im tropischen Afrika kann es zum Ende dieses Jahrhunderts 250 Tage im Jahr zu heiß für Arbeit im Freien werden. Das gilt ähnlich für weite Teile Südasiens und Lateinamerikas. Steigen die durchschnittlichen Temperaturen weltweit um drei Grad über das vorindustrielle Niveau, werden Arbeitsproduktivität und Arbeitsaufkommen in Afrika um ein Drittel zurückgehen.
Dies sind nur zwei der Warnungen aus dem aktuellen Bericht der FAO (UN Food and Agriculture Organization) und der WMO (World Metereological Organization) über extreme Hitze und Landwirtschaft. Er wurde im April veröffentlicht. Auf 94 Seiten bietet er einen Überblick über die wissenschaftliche Forschung und benennt politische Prioritäten. Im Vorwort heißt es, Hitzefolgen seien ein „systemisches Risiko für die weltweite Ernährungssicherheit sowie für mehr als 1,23 Milliarden von der Landwirtschaft abhängige Menschen". Der Bericht trägt die Unterschriften der Spitzenleute der beiden multilateralen Institutionen, Celeste Saulo (WMO) und Qu Dongyu (FAO).
Im Fokus des Berichts stehen landwirtschaftliche Betriebe. Er geht nicht detailliert darauf ein, was jenseits ihrer Hoftore geschieht. Das Autorenteam warnt jedoch vor Beeinträchtigungen der globalen Ernährungssicherheit, der weltweiten Rohstoffmärkte und der Preisstabilität. Hitzewellen würden nämlich die Produktivität von Pflanzen, Vieh und Menschen reduzieren.
Aus Sicht der Fachleute muss die globale Erwärmung gestoppt werden, weil sonst keine Anpassungsmaßnahme genügen könne. Das Adaptionspotenzial einzelner Bauernhöfe sei ohnehin begrenzt, weil singuläre Maßnahmen auf jeweils spezifische Auswirkungen einer Hitzewelle reagierten, und nicht ausreichten, wenn sich verschiedene Klimafolgen wechselseitig verstärken.
Damit rechnet das multilaterale Expertenteam aber. So setze Hitze etwa Pflanzen unmittelbar zu, führe zugleich aber zu mehr Trockenheit im Boden, sodass es den Organismen auch an Wasser mangele. Eingeschränktes Pflanzenwachstum wiederum reduziere Futtermenge und -qualität – und zwar genau dann, wenn Fleisch- und Milchproduktion ohnehin temperaturbedingt zurückgingen. Sollte obendrein Dürre herrschen, litten die Tiere auch Durst.
Besonders schlimm kann es kommen, wenn Hitzefolgen gleichzeitig mehreren Sektoren zu schaffen machen. Entsprechend fordert der Bericht kompetentes politisches Handeln zugunsten der überforderten Bauernhöfe. Nötig sei beispielsweise gute Infrastrukturplanung, damit Frühwarnsysteme entstünden und Betroffene im Notfall zuverlässige Information bekämen. Ähnlich gelte es, die nötigen Rahmenbedingungen für Ernteversicherungen oder auch Katastrophenhilfe zu schaffen.
Sollte die Kette immer öfter auftretender Hitzewellen nicht abreißen, so warnen FAO und WMO, werde all dies vergeblich bleiben. Klimaschutz sei deshalb ebenso wichtig wie Klimaanpassung. Im Bericht heißt es, Hitze werde in einem Szenario mit hohen Emissionen voraussichtlich am Ende des Jahrhunderts die weltweite Fleisch- und Milchproduktion mit Rindern um etwa zehn Prozent (oder 40 Milliarden Dollar) senken. Für ein Szenario mit niedrigen Emissionen rechnet der Bericht dagegen nur mit einem Rückgang um 3,5 Prozent. Wegen des Wachstums der Weltbevölkerung würden aber mehr proteinhaltige Lebensmittel gebraucht.
Harte Daten und plausible Schätzungen
Für Klimaforschung ist typisch, dass die meteorologische Information recht genau ist, die Folgenabschätzung aber notwendigerweise spekulativ bleibt. So enthält auch der aktuelle Bericht von FAO und WMO viele detaillierte Daten, kann aber mögliche Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Folgen nicht präzise beziffern.
Fest steht dennoch: Extreme Hitze bedroht arme ländliche Gemeinschaften in benachteiligten Weltregionen besonders stark. Wie das multilaterale Dokument betont, haben sie die geringsten Chancen, sich an die Umweltveränderungen anzupassen, zu deren Entstehen sie allerdings am wenigsten beigetragen haben.
Für Organismen wird es unbequem
Jede Spezies gedeiht in einer bestimmten Spanne von Temperaturen. Wie das Autorenteam ausführt, leiden Pflanzen, Tiere und Menschen, wenn die Ober- und Untergrenzen durchbrochen werden – und sie sterben, wenn es zu heiß oder zu kalt wird.
Der Bericht bezeichnet den Klimawandel als schleichenden Prozess, der die meisten Weltregionen an den oberen Rand der für Lebewesen jeweils geeigneten Temperaturspannen bringe. Folglich durchbreche Extremhitze immer öfter die Obergrenzen und löse damit akute Krisen aus. Die Landwirtschaft treffe das oft hart und plötzlich.
Einer Faustregel zufolge sinkt der Ertrag der meisten Nutzpflanzen bei Temperaturen über 30 Grad Celsius. Für die meisten Nutztiere liegt die Schwelle fünf Grad tiefer, wie der Bericht ausführt. Hitze beeinträchtige das Wachstum von Pflanzen, und auch Tiere gäben weniger Milch und nähmen langsamer zu. Das Ausmaß der Schäden hänge davon ab, wie lange die Hitze andauere und wie hoch sie steige. Je länger ein Organismus dem Stress ausgesetzt sei, umso schwerer falle die Erholung. Gleißender Sonne ausgesetzt zu sein, sei auch relevant. Ohne nächtliche Abkühlung verschlimmere sich die Lage.
Wie die FAO/WMO-Fachleute weiter ausführen, hängt die Verwundbarkeit eines Organismus auch von seinem Entwicklungsstadium ab. Besonders groß ist der Schaden bei Pflanzen, wen sie jung sind, während der Blüte und wenn sie Früchte tragen. Kälber und Ferkel, die bei hohen Temperaturen geboren würden, blieben mit großer Wahrscheinlichkeit ihr Leben lang unterdurchschnittlich klein. Auch die Zahl der Totgeburten nehme zu.
Fischerei und Fischzucht leiden ihrerseits unter Hitze. Süßwasserfische können dem Expertenbericht zufolge aus ihren Flüssen und Seen bei stark steigenden Wassertemperaturen nicht in kühlere Regionen ausweichen. Bei einem weltweiten Temperaturanstieg um 3,2 Grad über das vorindustrielle Niveau, so heißt es in dem Expertenpapier, wäre voraussichtlich die Hälfte der Habitate von 36 Prozent der relevanten Arten betroffen. Bei einem Anstieg um zwei Grad gelte das dagegen nur für neun Prozent.
Die Ozeansysteme sind komplexer, aber auch dort werden ökologische Nischen rar, beispielsweise weil Hitze Korallenriffe zerstört. Die UN-Fachleute rechnen damit, dass maritime Nahrungsketten gestört werden, was die tierische Biomasse reduzieren und somit auch die Fischereierträge deutlich senken werde. Konkrete Zahlen nennen sie nicht, halten aber fest, dass dieser Trend aktuellen Studien zufolge dreimal schneller verlaufen dürfte als bisher angenommen.
Globale Trends
Extreme Hitze kommt laut FAO und WMO weltweit immer öfter vor, hält länger an und umfasst größere Gebiete. Dennoch unterscheiden sich diese Wetterlagen. Selbst wenn sie nicht mit Dürre einhergingen, lösten sie manchmal plötzliche Trockenheit aus. Andererseits kann Hitze auch mit Gewittern einhergehen, deren Blitze Waldbrände wahrscheinlicher machten. Wenn auf langanhaltende trockene Hitze schwerer Regen folge, würden fruchtbare Böden erodiert.
Zu den Sorgen trägt bei, dass manche Schädlinge – besonders Insekten – mit Hitze gut zurechtkommen. Der Bericht erläutert, sie wären deshalb ausgerechnet dann besonders aggressiv, wenn Pflanzen und Tiere geschwächt sind. Obendrein drohten Krankheiten, die in der jeweiligen Region vor dem Beginn der Erderwärmung nicht vorkamen.
Das Leid menschlicher Arbeitskräfte
Die Studie von FAO und WMO widmet sich ausführlich der menschlichen Gesundheit. Zu den Hitzesymptomen gehören neben heftigem Schweiß, Schwäche, Krämpfe und Schwindel. Über der Schwelle von 20° nehme die Arbeitsproduktivität mit jedem zusätzlichen Grad um 2-3 Prozent ab.
Landwirtschaftliche Arbeit ist typischerweise an bestimmte Tages- und Jahreszeiten gebunden, was es schwer macht, Hitzephasen zu vermeiden. Ihr immer wieder ausgesetzt zu sein, heißt es in dem Bericht, sei langfristig mit dem Risiko von Herz-Kreislauf-Beschwerden und anderen Krankheiten verbunden. Das gelte besonders für alte, schwangere und chronisch kranke Menschen.
Die Aussichten sind selbst in reichen Nationen brutal. So ist dem multilateralen Bericht zufolge die Wahrscheinlichkeit für agrarische Arbeitskräfte in den USA, an Hitzefolgen zu sterben, 35-mal so hoch wie in anderen Branchen. Aus mehreren Gründen sei die Lage in Entwicklungsländern aber besonders problematisch:
- Hitze trete in tropischen und subtropischen Ländern häufiger auf, wo ein größerer Anteil der Erwerbsbevölkerung in der Landwirtschaft tätig sei und Armut Gesundheitsprobleme verschärfe.
- Intensive körperliche Arbeit sei in diesen Weltregionen verbreitet, Arbeitsschutzvorschriften spielten aber meist keine Rolle.
- Oft würden Stücklöhne bezahlt, sodass Arbeitskräfte zu selten Pause machten und zu wenig Wasser tränken. Schattenmangel komme meist erschwerend hinzu.
Dilemmata der Anpassung
Ländliche Gemeinschaften passen sich der globalen Erhitzung so gut sie können an, aber leider sind nicht alle Maßnahmen nachhaltig. Das UN-Papier schätzt, dass von 1992-2020 um die 88 Millionen Hektar in 110 Ländern wegen schwächerer Ernten und anderer Hitzefolgen entwaldet wurden, um ländliche Nutzfläche zu schaffen. Das habe zum Ausstoß von fast 22 Milliarden Tonnen CO2 geführt. Die Wälder hätten früher kühlende Wirkung gehabt und Wasser gespeichert, aber diese wertvollen Ökosystem-Dienstleistungen seien verloren worden. Entsprechend betont der Bericht, Klimaanpassung und Klimaschutz dürften sich nicht zuwiderlaufen, sondern müssten sich ergänzen.
Auf der Betriebsebene erkennen die Experten mehrere Möglichkeiten der Anpassung. Zu den biologischen Optionen gehöre die Zucht resilienterer Arten oder der Wechsel zu anderen Pflanzen oder Tieren. Das komme aber für Menschen nicht infrage, die von Subsistenzlandwirtschaft lebten, also mit den Ressourcen des eigenen Hofes auskommen müssten. Intensiv betriebene Farmen stünden dagegen vor dem Problem, dass Hochertragssorten oft besonders empfindlich seien und stark unter Hitze litten.
Die Infrastruktur eines Hofes ist auch wichtig, heißt es in dem Papier. Bewässerungsanlagen seien nützlich, fielen aber während Dürren regelmäßig aus. In Ställen könnten Kühlungssysteme die Produktivität stabilisieren, jedoch laufe hoher Energieverbrauch dem Klimaschutz zuwider. Auf Weiden könnten einfache Konstruktionen Schatten spenden. Kleinbäuerliche Familien könnten sich teure Investitionen aber meist nicht leisten.
Der Bericht benennt auch wissensbasierte Anpassungsstrategien. Zu den Voraussetzungen gehörten unter anderem Frühwarn- und Beratungssysteme, denn Bäuerinnen und Bauern könnten die für kompetente Entscheidungen nötigen Informationen nicht selbst beschaffen. Sie hingen also von öffentlichen und privaten Dienstleistungen ab.
Investitionen in Anpassung können sehr teuer sein. Die UN-Fachleute betonen deshalb die Bedeutung von Finanzdienstleistungen. An ihnen herrsche aber typischerweise in benachteiligten Weltregionen Mangel, sodass Agrarkredite und -versicherungen häufig unerreichbar blieben. Um betriebliche Chancen zu erkennen, sei zudem Bildung nötig, die im ländlichen Raum jedoch nicht vorausgesetzt werden könne.
Politische Aufgaben
Der Sicht von FAO und WMO ist deshalb kompetente Regierungsführung unerlässlich. Die Politik müsse nicht nur darauf achten, was in der Landwirtschaft geschehe. Die Konsequenzen extremer Hitze könnten ganze Lieferketten erschüttern, und dann nicht nur die Ernährungssicherheit und menschliche Gesundheit gefährden, sondern sogar die politische Stabilität bedrohen.
Der Bericht erkennt große Herausforderungen. Einerseits müsse die Politik überall den lokalen Bedingungen entsprechen, so dass die örtliche Bevölkerung in Planung und Entscheidung einbezogen werden müssten. Andererseits komme es aber auf globale Beziehungen an, weil davon Dinge wie Finanzierung, Institutionen, Wissenschaft, Technologie und Klimaschutz abhingen.
FAO und WMO räumen ein, dass die staatlichen Strukturen in Entwicklungsländern oft schwach seien. Das begrenze ihre Interventionsfähigkeit auf lokaler ebenso wie auf globaler Ebene. Daraus wiederum folgt logisch: Arme bäuerliche Familien in benachteiligten Weltregionen werden mit großer Wahrscheinlichkeit im Stich gelassen.
Dr. Hans Dembowski ist freier Journalist. Bis 2024 war er Chefredakteur von E+Z/Entwicklung und Zusammenarbeit.


