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  • Klima & Ressourcen
  • 08/2022
  • Max Gallien, Florian Weigand

Klischee und Realität: Warum wir Schmuggel besser verstehen müssen

Das Phänomen inspiriert Maler wie Filmemacher und beschäftigt die Politik. In der Realität kann Schmuggel konfliktträchtig sein – und überlebenswichtig.

US-Soldaten grüßen Kinder in einem Mohnfeld in Afghanistan im Jahr 2011.
US-Soldaten grüßen Kinder in einem Mohnfeld in Afghanistan im Jahr 2011. Der Drogenhandel und -schmuggel blüht bis heute. © U.S. Marines via ISAF media

Wenn wir an Schmuggel denken, kommen uns eher Klischees in den Sinn. Wir sehen immer wieder dieselben Bilder in Büchern und Artikeln zu diesem Thema: Früher waren dies meist zwielichtige Figuren, die im Mondschein Waren zu einer nebligen Küste bringen, ein Schiff in der Ferne. Heute denken wir eher an vermummte Gestalten, die Kokainpäckchen in ein Allradfahrzeug verladen, oder uns kommt die Gewalt von Kartellen und Bandenkriegen in den Sinn.

Diese Bilder sind aber eine beschränkte und leicht irreführende Sicht auf die Realität des Schmuggels heutzutage. Schmuggel ist weiter verbreitet, vielfältiger, in vielerlei Hinsicht banaler und tiefer in die Logik des globalen Handels eingebettet, als wir gemeinhin glauben. Schmuggel betrifft uns auch in Europa.

Dieser Beitrag soll einen Eindruck davon vermitteln, wie sich Schmuggel im 21. Jahrhundert abspielt – und warum ein genaueres Bild davon wichtig ist, um Konflikte zu verstehen und die Praxis politisch bekämpfen zu können.

Schmuggel wird definiert als der gezielte Transport von Gütern über eine Grenze unter Verstoß gegen die einschlägigen Gesetze. Was etwas trocken formuliert ist, deckt aber auch die Widersprüche ab, die Schmuggel seit Jahrhunderten zu einem Streitthema machen. Schmuggel sorgt für Kontroversen zwischen Staaten, Unternehmen und den Menschen, die an Grenzen leben – und bisweilen für Gewalt. Schmuggel wird durch Grenzen und Gesetze bedingt – ohne sie wäre es nur Handel.

Und in vielen Orten entlang von Grenzen bezeichnen die dort Ansässigen den Waren- und Personenverkehr über ihr Land als „ganz normalen“ Handel. Sie können häufig darauf hinweisen, dass solcher Güterverkehr schon seit Jahrhunderten andauert und womöglich älter ist als die Grenzen und Gesetze, die ihn heute zu Schmuggel und damit illegal machen. Sie mögen uns daran erinnern, dass sie häufig weder bei der Grenzziehung noch bei der Gesetzgebung viel mitzubestimmen hatten. Sie verweisen uns vielleicht sogar darauf, dass sowohl die Grenzziehungen als auch globale Handelsregeln und insbesondere die Gesetzgebung zur Kriminalisierung bestimmter Drogen tief mit der Logik von kolonialen Imperien verknüpft sind, mit Rassismus und der Enteignung von Land.

Daher ist es wichtig, die geläufigen Bilder des Schmuggels um die lange Geschichte des grenzüberschreitenden Handels zu ergänzen. Entlang von Grenzen geht es nicht immer primär darum, staatliche Regeln zu untergraben, sondern oft einfach ums Überleben.

Schmuggel ist alltäglich

Natürlich findet nicht jeder Schmuggel ausschließlich in Grenzgebieten statt, und nicht immer geht es beim Schmuggel um das reine Überleben. Aber Schmuggel muss nicht stets das Werk von professionellen Schmugglern sein. Wir haben ein Bild des „Schmugglers“ im Kopf – wir denken an die kolumbianischen Kartelle, an Menschenhändler im Mittelmeer, aber auch an verwegene Abenteurer von Han Solo in „Star Wars“ bis zu Yuri in der neuesten Staffel von „Stranger Things“.

Und doch kann Schmuggel spontan von Privatpersonen betrieben werden - viele Mitteleuropäer können Geschichten erzählen, wie sie Zeitschriften, Lebensmittel oder Schallplatten und Kassetten durch den Eisernen Vorhang schmuggelten, in Paketen oder den Karosserien von Autos. Außerdem kann Schmuggel auch von ansonsten „legalen“ Unternehmen durchgeführt werden. Die Tabakindustrie willigte in gerichtliche Vergleiche ein, Zahlungen in Milliardenhöhe zu leisten, weil sie, um Steuern zu vermeiden und ihre Waren auf neue Märkte zu bringen, Schmuggel gefördert und an ihm beteiligt gewesen sein soll.

Untererfassung von Gütern und Steuerhinterziehung an Häfen, Flughäfen und anderen offiziellen Grenzübergängen durch Unternehmen und Importeure mit entsprechenden Verbindungen sind extrem weit verbreitet, insbesondere in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen. Dies steht weniger im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit als der Kokain- oder Waffenhandel, aber solche Praktiken können einen enormen Steuerverlust für schon klamme Staaten bedeuten.

Gleichzeitig können sie in vielen Sektoren echten Wettbewerb behindern, da vor allem reiche oder politisch vernetzte Akteure ihre Kontakte an der Grenze nutzen können, um heimische Konkurrenz zu unterbieten, um Waren billig einzuführen oder für langwierige Kontrollen bei ihren Konkurrenten zu sorgen. Ein Risiko ist dies vor allem für frische Lebensmittel und leicht verderbliche Waren wie Obst und Gemüse. Als Tunesien noch von Diktator Ben Ali regiert wurde, war bekannt, dass Wirtschaftseliten, die dem Präsidenten und seiner Familie nahe standen, ihre Verbindungen für gute Geschäfte ausnutzten.  Nach der Revolution wurden diese Netzwerke nicht ausgeschaltet, sondern sie wandelten sich und passten sich an.

Schurkenstaaten schmuggeln

Auch Staaten selbst können als Schmuggler agieren – als Beispiel wird hier oft Nordkorea genannt, das in der Vergangenheit in den Schmuggel von Falschgeld über Waffen bis hin zu Drogen verwickelt war. Der aktuelle Konflikt in der Ukraine, die Sanktionen und die engen Beziehungen zwischen dem russischen Regime und der organisierten Kriminalität lassen ahnen, dass dieses Thema bald wieder aktuell werden könnte.

Ein etwas erweiterter Blick auf „Schmuggler“ erinnert daran, dass sie keine isolierten kriminellen Akteure sind, sondern oft enge Beziehungen zu Bevölkerungsgruppen, zu Unternehmen und der globalen Wirtschaft und Logistik pflegen, manchmal auch zu Staaten und politischen Amtsträgern. Schmuggel sieht anders aus, als wir uns oft vorstellen – er findet auf mehr Wegen statt, als wir denken, und betrifft eine Vielzahl unterschiedlichster Akteure. Warum ist es wichtig, dass wir den Schmuggel umfassender betrachten? Ein besseres Verständnis des Schmuggels kann uns helfen, effektivere politische Antworten zu entwickeln und auch die Zusammenhänge zwischen Schmuggel und Konflikten besser zu verstehen.

Vielfältiger Schmuggel, vielfältige Antworten

Wie wir über Schmuggel denken, bestimmt, wo wir politische Maßnahmen ergreifen, um ihn zu bekämpfen. Bei Schmuggel denken wir oft an schlecht zugängliche Grenzgebiete, wo Esel Waren über Bergpässe schleppen oder LKWs durch Wüsten fahren. Maßnahmen gegen Schmuggel konzentrieren sich meist auf Grenzen und Grenzgebiete von Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Fokussierung auf den Schmuggel von Gütern in kleinen Mengen dazu geführt, dass Grenzen physisch gesichert wurden, etwa durch Mauern. Diese dienen auch als mächtige politische Symbole in einer Zeit, in der Sorgen um Souveränität und die Kontrolle der Grenzen zu einem Bestandteil populistischer politischer Rhetorik geworden sind.

Aber gegen Schmuggel ist die Wirksamkeit von Mauern oft begrenzt, denn der Großteil des Schmuggels findet über die von legalen Akteuren genutzten Kanäle und über die logistische Infrastruktur des internationalen Handels – Häfen, Flughäfen, Freihandelszonen – statt. Mauern drohen hingegen, kleinere traditionelle Betriebe in Grenznähe in die Krise zu stürzen, Gebiete nahe der Grenze verarmen zu lassen und die Zusammenarbeit der dort lebenden Menschen mit staatlichen Behörden weniger wahrscheinlich zu machen. Dies betrifft insbesondere den Lebensmittel- und Viehschmuggel, der oft Teil traditioneller Praktiken und Erwerbsstrategien der grenznahen Bevölkerung ist.

Reismühlen in Nigeria haben investiert, als die Regierung die Grenze zu Benin geschlossen hatte. Der Schmuggel aus dem Nachbarland untergräbt Bemühungen um Selbstversorgung. © Susan Quinn/USAID

Ein erweiterter Blick hilft, die größeren Akteure in Schleusernetzwerken, die Finanziers und Koordinatoren, die politischen Drahtzieher und Großhändler zu erfassen, die oft weit entfernt von den Grenzgebieten agieren. Ebenso erfordert eine wirksame Bekämpfung des Schmuggels, ihre gesamten Wertschöpfungsketten zu berücksichtigen. Man darf sich nicht nur auf Länder mit geringen Einkommen konzentrieren, sondern muss umfassender sehen, welche Rolle Länder mit hohem Einkommen als Abnehmer, Geldgeber und Handlungsräume für Schmuggel spielen – auch, wie Netzwerke und große internationale Unternehmen von Schmuggelaktivitäten profitieren. Das bedeutet, einen Blick auf die Komplizenschaft in den Absatzmärkten zu werfen – auf die Auswirkungen, die die Nachfrage nach Kokain in der Londoner City oder die Nachfrage nach europäischem Aal in einigen Regionalküchen auf Schmuggelmärkte haben.

Ebenso aufschlussreich kann ein Blick auf die Vielfalt der Schmuggelware sein. Während sich, oft aus gutem Grund, die Aufmerksamkeit auf wenige Güter wie Drogen und Waffen konzentriert, lohnt es sich, die Vielfältigkeit der globalen Schmuggelmärkte zu berücksichtigen. Es gibt Märkte für geschmuggelten Alkohol und Mikrowellenherde, Rennpferde und Aale, Eier und Holz, für Hello-Kitty-Rucksäcke und Überraschungseier.

Ein derart umfassender Blick liefert nützliche Einsichten. Wir können sehen, dass der Schmuggel bei der Bekämpfung von Hunger und Armut helfen, aber auch schaden kann. Schmuggelnetzwerke nutzen manchmal Bevölkerungsgruppen, die ansonsten von Handelsströmen abgeschnitten sind, oder sie sind eine entscheidende Einkommensquelle für marginalisierte Gruppen. In anderen Fällen können sie den Zugriff auf entscheidende Güter behindern und die Preise in die Höhe treiben. Beispielsweise hat der Schmuggel von Schafen aus Afghanistan in den Iran die Fleischpreise in der westlichen afghanischen Provinz Herat steigen lassen.

Ein Blick auf den Schmuggel von Elefantenstoßzähnen zeigt Politikern, dass es oft zu spät ist, erst bei der Übergabe einzugreifen. Die Vielfalt von Schmuggel auf der ganzen Welt erfordert auch eine Vielfalt politischer Ansätze. Während politische Entscheidungsträger wichtige Lehren aus dem Vergleich des Schmuggels verschiedener Waren ziehen können, müssen sie mit Umsicht umgesetzt werden.

Schmuggel und bewaffnete Konflikte

Ob wir Afghanistan, Kongo, Syrien oder die Ukraine betrachten: Kriege und bewaffnete Konflikte töten Menschen oder stellen ihr Leben auf den Kopf. Neben diesen unmittelbaren Auswirkungen von Gewalt haben Konflikte auch Folgen für die Wirtschaft. Insbesondere bewaffnete Konflikte stören Handelswege und Zahlungssysteme. Straßen und Fahrzeuge werden im Krieg zerstört, LKW-Fahrer müssen um ihr Leben fürchten, und Kriegsparteien errichten Checkpoints, verzögern den Warentransport und treiben die Preise durch Forderungen nach Gebühren und Bestechungsgeldern in die Höhe.

Auch die Schmuggelwirtschaft ist vom Krieg betroffen. Schmuggel folgt letztlich der gleichen Logik wie jedes andere Geschäft und jeder andere Handel – Krieg macht das Schmuggelgeschäft schwieriger und teurer. Schmuggelnetzwerke müssen auf die Risiken von Kriegen und die erhöhten Kosten reagieren. Vielleicht müssen Schmuggler zum Beispiel, anstatt Polizisten oder Zollbeamte zu bestechen, plötzlich an verschiedenen Kontrollpunkten unterschiedlichster Konfliktparteien bezahlen oder diese umgehen. Daher sind Konfliktzonen eigentlich unbeliebte Transitrouten für Schmuggler. Sie ziehen es wie die meisten anderen Unternehmen vor, in Gebieten zu operieren, in denen es nur eine Machtinstanz und klare Regeln gibt.

Konfliktregionen können aber auch neue Geschäftsfelder eröffnen. Zunächst entsteht eine Nachfrage nach geschmuggelten Waffen. Nach bewaffneten Konflikten oder in Phasen geringer Konfliktintensität besteht ein Angebotsüberschuss, der woanders hingeschmuggelt werden könnte. So wurden in Libyen Waffen in Phasen abflauender Gefechte in die Sahelzone geschmuggelt, vor allem nach Mali und Niger. Kriegsgebiete sind oft auch Quellen von Drogen - so etwa Opium aus Afghanistan oder Methamphetamin aus Myanmar. Doch selbst innerhalb von Konfliktgebieten werden Drogen meist in zumindest halbwegs stabilen Gebieten produziert.

Konflikte befeuern auch Schmuggel

Vor allem erzeugen bewaffnete Konflikte eine Nachfrage nach geschmuggelten Lebensmitteln. Insbesondere bei Belagerungen von Städten ist das Überleben der Bevölkerung akut gefährdet. In einem solchen Kontext kann Schmuggel für das Überleben unerlässlich werden. Normale Menschen können plötzlich zu „Schmugglern“ werden, um ihr Überleben zu sichern, während skrupellosere Unternehmen saftige Zuschläge für Waren verlangen, die sie eingeschmuggelt haben.

Während der langen Belagerung von Ost-Ghouta in Syrien ab 2013 blockierten syrische Regierungstruppen den Zugang der Bevölkerung zu Nahrungsmitteln. Von Rebellengruppen kontrollierte Tunnel ermöglichten den Schmuggel lebenswichtiger Lebensmittel. Aber auch Geschäftsleute mit guten Verbindungen sowohl zur Regierung als auch zu den Rebellentruppen operierten in der Gegend und transportierten Waren auf den Hauptstraßen unter voller Zusammenarbeit der kriegführenden Parteien. Diese Schmuggler erweiterten ihre Kontrolle über den Markt, als die Tunnel vom Militär angegriffen wurden, und exportierten sogar erfolgreich Waren von Ghouta nach Damaskus.

Krieg kann sogar Finanzdienstleistungen stören, und Zahlungen müssen womöglich während oder nach bewaffneten Konflikten „geschmuggelt“ werden. Beispielsweise waren nach der Übernahme des afghanischen Staates durch die Taliban im August 2021 viele Finanzdienstleistungen in Afghanistan aufgrund internationaler Sanktionen und des Einfrierens nationaler Vermögenswerte nicht mehr verfügbar. Daher mussten immer mehr Finanztransaktionen in das Land über indirekte Netzwerke abgewickelt werden.

Schlussfolgerungen

Wenn wir uns heute mit „Schmuggel“ beschäftigen, müssen wir die Klischees überwinden, die unser Denken dominiert haben, und über die Figur des „Schmugglers“ hinausblicken. Es wird deutlich, dass Schmuggel durch eine Vielzahl von Praktiken gekennzeichnet ist, die von unterschiedlichsten Personen durchgeführt werden. Schmuggel ist nicht auf Drogen und Waffen beschränkt. Schmuggel kann Lebensmittel in eine belagerte Stadt bringen oder Waren aus ihr herausholen – der Kontext ist entscheidend. Schmuggel ist auch kein Phänomen, das auf Entwicklungsländer oder abgelegene Grenzgebiete beschränkt ist, sondern oft von der Nachfrage in Europa getrieben wird und globale Handelswege nutzt. Letztendlich bringt Schmuggel verschiedene Gruppen von Akteuren zusammen, bleibt aber durch Grenzen und Gesetze definiert. Um den Schmuggel zu verstehen, lohnt es sich, über den Begriff selbst und über die gängigen Vorstellungen hinauszublicken.

Max Gallien Institute of Development Studies (IDS) & International Centre for Tax and Development
Florian Weigand London School of Economics and Political Science (LSE) & Centre on Armed Groups

Die Autoren sind die Herausgeber des Routledge Handbook of Smuggling (2022). Das gesamte Handbuch mit über 30 Kapiteln über die verschiedenen Formen des Schmuggels, die Beziehungen zwischen Schmuggel und Konflikten, Mobilität und Politik kann kostenfrei auf www.smuggling.page heruntergeladen werden.

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