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  • Krisen & Humanitäre Hilfe
  • 06/2020
  • Erwin Northoff
Schwerpunkt

Ländern droht wegen Covid ein Ernährungsnotstand

Trotz hoher Getreidevorräte wird die schwere Rezession Millionen Menschen in den Hunger treiben.

Ein Marktstand in der Corona-Krise in Nairobi. Viele Märkte mussten wegen unterbrochener Lieferketten infolge von Ausgangssperren zeitweilig schließen. © World Bank / Sambrian Mbaabu

Während die Corona-Krise in vielen Staaten weiter grassiert und die Opferzahlen steigen, zeichnen sich langsam auch die sozialen und wirtschaftlichen Folgen dieses globalen Disasters ab. Die Corona-Pandemie droht nach der Gesundheitskrise auch eine schwere Ernährungskrise auszulösen, mit hoher Arbeitslosigkeit, stark wachsender Armut und Unterernährung. Die über Jahrzehnte erzielten Fortschritte der Armutsbekämpfung – die extreme Armut sank von 43 Prozent in 1980 auf 10 Prozent in 2015 – werden damit wohl zunichte gemacht. Das Erreichen der nachhaltigen Hunger- und Armutsziele dürfte bis 2030 unmöglich werden.

Zwar sind viele Prognosen mit großer Unsicherheit und Ungewissheit behaftet, da nicht absehbar ist, welchen Verlauf die Krankheit nehmen wird, wann mit einem Impfstoff oder einem wirksamen Medikament zu rechnen ist und wie tief die Rezession sein wird. Doch mehr als ein halbes Jahr nach dem Ausbruch des Virus wird klar, dass die größte globale Rezession seit 80 Jahren vor allem in den Schwellen-und einkommensschwachen Ländern zu schweren Wachstumseinbrüchen führen wird.

Die Weltbank rechnet für dieses Jahr mit einem Rückgang des globalen Wachstums von 5,2 Prozent und in den Schwellen- und Entwicklungsländern von 2,5 Prozent, dem niedrigsten Wert seit 1960. Diese Prognose könnte sich als sehr optimistisch erweisen, da sie von einem nahen Ende der Pandemie ausgeht und eine zweite große Welle von Covid-19-Infektionen ausschließt. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass am Ende dieses Jahres rund 170 Länder mit 90 Prozent der Weltbevölkerung wegen der Corona-Krise wirtschaftlich schlechter dastehen werden als zu Beginn des Jahres.

Besonders verwundbar sind in dieser Krise die Schwellen- und Entwicklungsländer: Ihre Gesundheitssysteme sind völlig überlastet; sie hängen stark vom Welthandel, vom Tourismus und von Rücküberweisungen von Migranten ab; sie sind auf Öl- und andere Rohstoffexporte angewiesen; und das Armutsniveau und die Zahl von Unterernährten sind bereits hoch.

Weltagrarmärkte zeigen sich erstaunlich resistent

Bedeutet das nun, dass wir auf einen globalen Ernährungsnotstand zulaufen, vor dem die Vereinten Nationen gewarnt haben? Blickt man auf die Weltagrarmärkte, so zeigt sich, dass sie dem schweren Schlag der Corona-Krise bislang widerstanden und sich als widerstandsfähig erwiesen haben. Laut einer neuen Analyse der Welternährungsorganisation (FAO) gibt es weltweit genügend Nahrungsmittel, so dass vorerst von einer globalen Ernährungskrise wie in 2007 und 2009 nicht die Rede sein kann.

Die für die globale Ernährungslage so wichtigen Vorratsspeicher sind nach FAO-Angaben prall gefüllt. Die Organisation geht für 2020/2021 von einem Rekordhoch in den Speichern von 927 Millionen Tonnen Getreide aus. Im Vergleich: 2007/2008 waren es nur 472 Millionen Tonnen. “Diese großen Vorräte sollten einen soliden Puffer gegen mögliche Schocks bilden, sollte es beispielsweise in den kommenden Monaten zu Ernteeinbrüchen wegen Trockenheit oder Unwettern in den Hauptanbauländern kommen,” so die Einschätzung von FAO-Ökonom Josef Schmidhuber.

Getreidespeicher in Indien: Der Staat hatte im März 50 Millionen Tonnen Reis und 27,5 Millionen Tonnen Weizen gelagert. © outlookindia

Er warnt aber auch, dass sich die größten Getreidevorräte in nur wenigen Ländern konzentrieren (darunter China und Indien). Diese Vorräte  würden im Krisenfall also nur bedingt zu Stabilisierung der Märkte zur Verfügung stehen.

Es scheint, dass Regierungen auch aus der Rezession von 2007/08 gelernt haben. Die befürchteten umfangreichen Handelsblockaden zum Schutz vor der Corona-Krise sind bislang ausgeblieben. Nur zehn Länder haben sich vom Warenaustausch abgeschottet, und sie haben nur einen Anteil von fünf Prozent am weltweiten Nahrungsmittelhandel. Dagegen hatten 2007/2008 ganze 33 Länder mit einem Anteil von 28 Prozent den Handel mit Nahrungsmitteln gestoppt.

Es gibt sogar Nutznießer der Krise: Energieintensive Agrarbetriebe profitieren von den historisch niedrigen Preisen für Rohöl. Die Kosten für den Einsatz von Landmaschinen, für Bewässerung und Transport sind gesunken. Auch energieintensive Betriebsmittel (Dünger, Schmiermittel und Elektrizität) haben sich stark verbilligt. Diese Entwicklung steht im starken Kontrast zur Krise von 2007/08, in der gerade die Düngemittelpreise stark nach oben schossen.

Auch die Konkurrenz mit Bioenergie-Rohstoffen, das große Thema der Rezession 2007/08, besteht so heute nicht mehr. Ethanol und Biodiesel sind derzeit gegen billiges Öl nicht konkurrenzfähig. Der Boom für Bioenergie hatte dazu geführt, dass große Agrarflächen für Energiepflanzen umgewidmet wurden und für die Erzeugung von Nahrungsmitteln nicht zur Verfügung standen. Diese Verdrängung gibt es heute nicht.

Auch bei den globalen Preisen für Nahrungsmittel zeichnet sich ein positiver Trend ab. Für fast alle weltweit gehandelten Nahrungsmitteln sanken schon seit Jahresbeginn die Preise, und Covid-19 hat diesen Trend noch verstärkt. Wegen der Rezession könnten niedrige Weltmarktpreise bis zum Ende der Krise anhalten, so die FAO.

Wo droht nun ein Ernährungsnotstand?

Die globalen Hoffnungsschimmer dürfen aber nicht verdecken, dass auf viele Schwellen- und einkommensschwache Staaten wegen der Rezession ein dramatisches Krisenszenario mit ungeahntem Ausmaß zukommt. Bereits bestehende soziale und ökonomische Ungleichheiten in und zwischen den Staaten werden an Schärfe gewinnen und können zu schweren Störungen regionaler und nationaler Ernährungssysteme führen.

In dieser Familie in Äthiopien tragen einige Mund-Nasen-Schutz. Hilfsorganisationen leisten Aufklärungsarbeit in dörflichen Gemeinschaften. © FAO / Michael Tewelde

Der Krise mit geld- und finanzpolitischen Interventionen zu begegnen, können sich nur wenige Staaten leisten. Der monetäre und finanzpolitische Spielraum der meisten Entwicklungsländer ist durch eine enorme Schuldenlast eingeengt, die schon vor der Covid-19-Krise historische Ausmaße angenommen hatte. Wie angespannt die Lage ist, zeigt sich daran, dass 40 Prozent der armen Länder mit gravierenden Schuldenproblemen zu kämpfen haben. Und wieder trifft es Afrika besonders hart: neun von zwölf Staaten, die mittlerweile einen hoch-riskanten Schuldenstand erreicht haben, sind in Afrika südlich der Sahara.

UNCTAD schätzt, dass Entwicklungsländer in den kommenden zwei Jahren mindestens 2,5 Billionen Dollar an externer Finanzhilfe benötigen, um die Covid-Krise zu überstehen. Zur Schuldenlast kommt die Kapitalflucht. Gleich zu Beginn der Corona-Krise haben Investoren in zwei Monaten rund 100 Milliarden Dollar abgezogen. Das ist das Dreifache des Abflusses seit der letzten großen Finanzkrise. Ohne umfassenden Schuldenerlass oder Umschuldungsprogramme droht manchen Staaten der Kollaps.

Es wurde inzwischen deutliche Kritik an den G20-Staaten laut, denen vorgeworfen wird, das Problem trotz eines Schuldenmoratoriums nicht engagiert genug anzugehen. Der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown warnte , fehlendes Handeln von seiten der Industrie- und Schwellenländer für die Ärmsten komme “einem möglichen Todesurteil” gleich.

Migranten überweisen weniger

Als Folge der Corona-Krise sind auch die Rücküberweisungen von Migranten an Familienangehörige  eingebrochen, auf die in vielen armen Ländern Millionen Menschen für ihren Lebensunterhalt und den Kauf von Nahrung angewiesen sind. Diese Geldtransfers in Höhen von rund 350 Milliarden Dollar (2018) waren für viele Staaten die wichtigste Kapitalzufuhr, mehr als ausländische Direktinvestitionen, Portfolioinvestitionen und Entwicklungszusammenarbeit zusammen. Die Weltbank rechnet für 2020 wegen der Corona-Krise mit rund 100 Milliarden Dollar weniger Überweisungen. Vielen Migranten droht der Arbeitsplatzverlust in den Gastländern, und sie könnten gezwungen sein, in ihre Heimatländer zurückzukehren.

Eine Frau mit Maske hinter ihrem Marktstand, Angola.
Strenge Auflagen. Auf diesem Markt in Luanda, Angola, prüfen Vertreter der Welternährungs- und Weltgesundheitsorganisation regelmäßig die Einhaltung von Hygienevorschriften. © FAO / C. Marinheiro

Auch der Währungsverfall durch die Aufwertung des Dollars macht vielen Schwellen- und einkommensschwachen Staaten zu schaffen. Dies gilt besonders für arme Länder, die Nahrungsmittel importieren. Viele von ihnen haben nicht konvertierbare Währungen und sind stark auf Devisenreserven angewiesen, um auf internationalen Märkten Nahrungsmittel einkaufen zu können. Während sie selbst unter sinkenden Rohstoffpreisen leiden, müssen sie mit höheren Nahrungsmittelpreisen rechnen.

Dies trifft auch die kleinen Inselstaaten, die schon den Ausfall von Rücküberweisungen stark zu spüren bekommen und einen tiefen und in manchen Fällen totalen Ausfall im Tourismussektor bewältigen müssen.

Mehr Arme und akut Hungernde

Der zu erwartende starke Wirtschaftsabschwung im globalen Süden wird zu mehr Armut und Unterernährung führen. Menschen werden Arbeit und Einkommen verlieren und weniger Nahrungsmittel kaufen können. Die Weltbank erwartet, dass bei einem Wachstumseinbruch von fünf Prozent im Globalen Süden das Millionenheer der absolut Armen, die von 1,90 Dollar am Tag leben, in diesem Jahr um etwa 71 Millionen Menschen anschwellen wird. Bei einem Armutseinkommen von 3,20 Dollar täglich stiege die Zahl der Armen um 176 Millionen. Der Zuwachs wird in Subsahara-Afrika mit rund 23 Millionen Menschen am stärksten sein, gefolgt von Südasien und besonders Indien.

In den ärmsten Ländern kommt die Covid-19-Krise auch noch zu anderen Katastrophen dazu. Allein aufgrund von Kriegen, Krankheiten, Klimawandel, Unwettern und wirtschaftlicher Unterentwicklung litten schon rund 820 Millionen Menschen an chronischem Hunger und 135 Millionen an akuter Unterernährung. Die massive Heuschreckenplage in Ostafrika droht sich dort wie in Südwestasien weiter zu verschärfen und könnte zu enormen Ernteausfällen führen.

Die gesundheitlichen, vor allem aber wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie werden die Lage noch verschärfen. Das Welternährungsprogramm geht für dieses Jahr davon aus, dass 130 Millionen Menschen mehr akut Hunger leiden werden. Wegen geschlossener Schulen haben über 350 Millionen Schüler keine regulären Mahlzeiten bekommen.

Was ist zu tun?

Die Corona-Krise hat gezeigt, wie anfällig die Agrar- und Ernährungssysteme in vielen Ländern sind. Die Landwirtschaft garantiert weltweit zwar eine hohe Nahrungsmittelproduktion, sie verursacht aber auch ein Drittel der Treibhausgasemissionen, trägt zum Verlust von Artenvielfalt bei und übernutzt knappe Ressourcen wie Böden und Wasser. Deshalb sollten die Covid-Hilfen nicht nur die akute Krise überwinden helfen, sondern auch als Hebel dienen, um Agrar- und Ernährungssysteme nachhaltiger und widerstandsfähiger zu machen – auch mit Blick auf zukünftige Krisen wie den Klimawandel. 

Erwin Northoff ist ehemaliger Leiter der Presseabteilung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und Mitglied im Redaktionsbeirat von "Welternährung.de".
Erwin Northoff Mitglied im Redaktionsbeirat

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