Wenn Frühwarnungen verhallen
Risikokommunikation muss in der vorausschauenden Hilfe durch Dialog, Vertrauen und gemeinsame lokale Lösungen neu gedacht werden.
Frühwarnsysteme sollen möglichst alle Menschen weltweit vor wetter-, wasser- oder klimabedingten Gefahren schützen. Die wirksame Kommunikation über potenzielle Auswirkungen und Risiken von Naturgefahren ist dabei ein zentraler Bestandteil der vorausschauenden Hilfe (Anticipatory Action, AA)(1). Sie bildet das entscheidende Bindeglied zwischen Frühwarninformation und der Fähigkeit von Menschen in Risikosituationen, sich vorzubereiten und rechtzeitig sinnvolle Maßnahmen zu ergreifen. Neben Kenntnis und Verständnis von Katastrophenrisiken, der Erkennung und Vorhersage von Gefahren sowie der Umsetzung von Vorsorgemaßnahmen und vorausschauender Hilfe ist die Kommunikation und Weitergabe von Warnungen daher eine der vier zentralen Säulen eines Frühwarnsystems (Early Warning System, EWS).
Frühwarnsysteme sollen Vorsorge und vorausschauendes Handeln ermöglichen, um Leben, Lebensgrundlagen und Vermögenswerte von gefährdeten Menschen zu schützen. Angesichts der Klimakrise, welche die Häufigkeit und Intensität klimabedingter Gefahren deutlich erhöht und ihre Auswirkungen teilweise unberechenbar macht, ist eine globale Abdeckung durch Frühwarnsysteme dringender denn je. Das Büro der Vereinten Nationen für Katastrophenvorsorge (UNDRR) geht davon aus, dass wir bei unveränderten Trends bis 2030 mit rund 560 Katastrophen pro Jahr konfrontiert sein werden – ein Anstieg um 40 Prozent gegenüber den letzten Jahren, bedingt durch die Klimakrise und unzureichendes Risikomanagement. Eine weitere Analyse des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) warnt, dass bis 2050 etwa zusätzliche 1,1 Milliarden Menschen starken Niederschlägen und weitere 900 Millionen Menschen intensiven Dürren ausgesetzt sein werden. Vor diesem Hintergrund rief UN-Generalsekretär António Guterres im Jahr 2022 die Initiative „Early Warnings for All“ (EW4All) ins Leben, mit dem Ziel, bis Ende 2027 alle Menschen weltweit durch lebensrettende Frühwarnsysteme zu schützen.
Abb. 1: Die vier Säulen der EW4All-Initiative, WMO 2022
Der Bericht Global Status of Multi-Hazard Early Warning Systems 2025 zeigt, dass inzwischen 60 Prozent aller Länder über ein Multi-Gefahren-Frühwarnsystem (Multi-Hazard Early Warning System, MHEWS) verfügen und berichten. Die wachsende Abdeckung sowie Fortschritte im Risikoverständnis und in der Vorhersage ermöglichen es auch Organisationen wie der Welthungerhilfe (WHH) und ihren lokalen Partnern, kritische Schwellenwerte zu definieren, die auf bevorstehende Extremereignisse hinweisen. Werden diese überschritten, werden im Voraus entwickelte Notfallpläne (Anticipatory Action Plans, AAPs) ausgerollt und zuvor vereinbarte Mittel freigegeben, um vorausschauende Maßnahmen umzusetzen. Diese sollen humanitäre Auswirkungen reduzieren oder ganz verhindern, noch bevor sie sich vollständig entfalten.
Wenn Warnungen nicht ankommen
Doch die Herausforderungen gehen über reine Abdeckungslücken hinaus. Erfahrungen aus schnell eintretenden Extremereignissen wie den verheerenden Flutkatastrophen in Deutschland 2021 und Spanien 2024 sowie jüngeren Überschwemmungen in Pakistan zeigen, dass Menschen und Gemeinschaften trotz erheblicher Fortschritte in den Fähigkeiten von Frühwarnsystemen häufig unvorbereitet bleiben und unsicher sind, wie sie im Risiko- oder Gefahrenfall handeln sollen.
Ähnliche Problemlagen zeigen sich bei schleichenden Gefahren wie Dürren. In Ostafrika haben wiederkehrende Dürreperioden zu anhaltenden Ernteausfällen, Weideflächenverlusten und hoher Viehsterblichkeit geführt und setzen damit die Lebensgrundlagen von pastoralen und agropastoralen Gemeinschaften massiv unter Druck. Obwohl Prognosen Niederschlagstrends und potenzielle Auswirkungen inzwischen Wochen oder Monate im Voraus vorhersagen können und somit ein Zeitfenster für vorausschauende Hilfe eröffnen, bleiben viele Gemeinschaften und Institutionen unzureichend vorbereitet.
Als Hauptursachen für ineffektive Frühwarnsysteme werden häufig begrenzte öffentliche Haushalte, Lücken in der Finanzierung, geringe Kapazitäten in der Katastrophenvorsorge und -management sowie mangelnde Koordination genannt. Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhält hingegen die Rolle der Risiko- und Frühwarnkommunikation – und die anhaltende Kluft zwischen Frühwarnsystemen und den Menschen, die sie eigentlich schützen sollen.
Unabhängig von der Fortschrittlichkeit von Frühwarnsystemen bleibt Risiko- und Frühwarnkommunikation häufig technisch, top-down und von den Lebensrealitäten der Menschen entkoppelt. Warnmeldungen werden oft ohne Beteiligung der gefährdeten Gemeinschaften entwickelt, in technischem Jargon oder in Sprachen formuliert, die für die Zielgruppen ungewohnt sind. Und sie werden über Kanäle verbreitet, zu denen nur wenige Personen Zugang haben, oder zu Zeitpunkten versendet, wenn ihre Wirksamkeit eingeschränkt bleibt.
In der Folge werden entscheidende Warnungen missverstanden, ignoriert oder nicht als vertrauenswürdig wahrgenommen – und entsprechend nicht in Handeln umgesetzt. Diese „Entkopplung“ kann Vorsorgemaßnahmen und vorausschauende Hilfe untergraben, selbst dort, wo Katastrophenschutzsysteme und vorfinanzierte, gut koordinierte AAPs existieren.(2)
Risikokommunikation neu denken
Um diese Kluft zu überwinden, müssen Institutionen und humanitäre Akteure neu denken. Es gilt, Risikokommunikation als kooperativen, inklusiven und kontextspezifischen Prozess zu verstehen und fest in ihre Ansätze des Risikomanagements zu integrieren. Frühwarnsysteme müssen lokal verankert sein und mitgetragen werden – was bedeutet, Gemeinschaften als gleichberechtigte Partner in die Gestaltung von Inhalten, die Auswahl von Verbreitungskanälen und die Definition konkreter Maßnahmen einzubeziehen. Systeme müssen inklusiv sein und insbesondere marginalisierte und besonders gefährdete Gruppen erreichen. Informationen und Handlungsempfehlungen müssen klar und zugänglich sein und in Sprache, Format und Verbreitungswegen an lokale Präferenzen, Fähigkeiten und Infrastruktur angepasst werden. Nicht zuletzt müssen sie handlungsorientiert sein, indem Vorhersagen mit klaren, vorab abgestimmten Maßnahmen verknüpft werden.
In der Praxis erfordert die Umsetzung dieser Prinzipien die Entwicklung konkreter Instrumente und Prozesse. Die Welthungerhilfe setzte hierfür ein Information Ecosystem Mapping (IEM) ein – eine partizipative Methode, um ein gemeinsames Verständnis darüber zu entwickeln, wie Frühwarninformationen fließen: wer sie produziert, wer sie weitergibt, wer sie empfängt und wer möglicherweise ausgeschlossen bleibt. Diese Arbeit ist Teil der Welthungerhilfe Anticipatory Humanitarian Action Facility (WAHAFA), die vom Auswärtigen Amt kofinanziert wird und von Mai 2023 bis April 2026 läuft.
Das Programm wird von der Welthungerhilfe geleitet, und im Turkana County in Kenia zusammen mit Malteser International (MI) und den Africa Inland Church Health Ministries (AIC HM) umgesetzt. Vorgestellt und moderiert wurde die IEM-Methode von der britischen Organisation Resurgence und dem kenianischen Partner Kounkuey Design Initiative (KDI). Sie baut auf Erfahrungen aus deren DARAJA-Projekt auf, in dem der Ansatz – Daraja heißt Brücke – bereits erfolgreich zur Stärkung gemeindebasierter Frühwarnkommunikationpraktiziert wurde.
Die Workshops brachten Produzent:innen und Nutzer:innen von Frühwarninformationen aus den vier Bezirken Kakuma, Lopur, Nanam und Songot zusammen, in denen Malteser und die NGO AIC Health Ministries AAPs für Dürren und Überschwemmungen entwickeln. Zu den Teilnehmenden gehörten Mitglieder der Ward Climate Change Committees (WCCCs) – einer von den Gemeinschaften gewählten Vertretung von Frauen, Jugendlichen, Ältesten, Pastoralist:innen und Menschen mit Behinderungen. Darüber hinaus nahmen Geflüchtete, traditionelle Seher (Emurons)(3), Vertreter:innen von lokalen Regierungen, der meteorologischen und mit Dürremanagement befassten Behörden auf County-Ebene, von zivilgesellschaftlichen Organisationen (CBOs) und Betreiber:innen von Gemeinderadios teil.
Die Teilnehmenden identifizierten zentrale Kommunikationsmuster und mehrere wesentliche Herausforderungen. Dazu zählten der eingeschränkte Zugang zu Frühwarninformationen aufgrund schlechter Netzabdeckung, fehlende Geräte zum Empfangen von Warnungen (Radios, Smartphones, TV) sowie begrenzte Teilhabemöglichkeiten für Gruppen oder Personen, die nicht an Gemeinschaftsversammlungen (Barazas) teilnehmen können. Zudem wurden Warnsysteme als fragmentiert und unkoordiniert wahrgenommen; mehrere Akteure verbreiteten Warnungen ohne abgestimmte Botschaften oder klare Handlungsmaßnahmen, was zu Verwirrung führt.
Weitere Hürden betrafen Sprache, Alphabetisierung und Fachterminologie, da viele Warnmeldungen textbasiert oder technisch formuliert sind und somit für manche Empfänger:innen unverständlich bleiben. Schließlich traten auch Vertrauens- und kulturelle Herausforderungen zutage, etwa Widersprüche zwischen wissenschaftlichen Prognosen und traditionellen Vorhersagen, zu vage oder unsichere Aussagen sowie fehlender Lokalbezug von Risikoinformationen. All dies trägt dazu bei, dass Vertrauen in Frühwarnungen und deren Nutzung untergraben wird.
Abb. 2: Informationsökosystemkarte der Frühwarnung, November 2025
Szenariobasierte Rollenspiele simulierten, wie Informationen üblicherweise fließen, wer an Entscheidungsprozessen beteiligt ist und wie sich Handeln und Verhalten je nach Lebensrealität unterscheiden. Die partizipative Lern- und Reflexionsübung half zu klären, wer was kommuniziert, wie Informationen aufgenommen und interpretiert werden, welche Maßnahmen ergriffen werden, wer ausgeschlossen bleibt und wo Unsicherheit und Misstrauen entstehen. Sie ermöglichten allen Beteiligten – von den Produzent:innen von Risiko- und Frühwarninformationen über die Vermittler:innen bis hin zu den Nutzer:innenen –, Alltagserfahrungen zu teilen, bestehende Lücken gemeinsam zu verstehen und eine gemeinsame Vision für Verbesserungen zu entwickeln.
In darauffolgenden Co-Design-Workshops wurden zentrale Herausforderungen, die während der Kartierung und Rollenspiele identifiziert wurden, gezielt aufgegriffen. Die Teilnehmenden arbeiteten in Kleingruppen an Kombinationen von drei Schlüsselfragen: Kommunikations- und Zugangsbarrieren, geringes Vertrauen in Risiko- und Frühwarninformationen sowie die Fragmentierung des Frühwarnsystems. Jede Gruppe analysierte die Ausgangslage, entwarf ein verbessertes Zukunftsszenario und einigte sich auf praxisnahe Lösungen. In moderierten Diskussionen, Reflexions- und Skizzenübungen entwickelten die Teilnehmenden konkrete, inklusive, kontextspezifische und handlungsorientierte Instrumente der Risiko- und Frühwarnkommunikation.
Nun liegt der Fokus auf der Umsetzung und Erprobung der gemeinsam vereinbarten Kommunikationsinstrumente, Nachrichtenformate und Verbreitungsstrategien. Über diese konkreten Ergebnisse hinaus haben die IEM- und Co-Design-Workshops bereits die Risikokompetenz gestärkt, das Verständnis für Vorhersagen und damit verbundene Unsicherheiten vertieft, den Austausch und das Vertrauen in Institutionen gefördert sowie die Fähigkeit der Gemeinschaften gestärkt, Warnungen zu interpretieren und entsprechend zu handeln.
Perspektiven der Gemeinschaften ernst nehmen
Die Auswirkungen von Naturgefahren weltweit zeigen deutlich, dass hochentwickelte Frühwarnsysteme allein nicht ausreichen. Ohne eine kontinuierliche Kommunikation, die die Perspektiven der Gemeinschaften ernst nimmt und Vertrauen schafft, führen Frühwarnungen häufig nicht zu Handeln. Risikokommunikation darf daher nicht als Einbahnstraße verstanden werden, und die Verbreitung von Warnungen nicht als einmalige, standardisierte Aktivität, die erst beim Überschreiten von Schwellenwerten einsetzt. Institutionen und humanitäre Akteure müssen deutlich weiterdenken. Weder die bloße Einführung eines Common Alerting Protocol (CAP) noch vorformulierte, generische Botschaften über Megafone oder Plakatkampagnen schaffen informierten Dialog, verändern Risikoverhalten oder motivieren zu Handeln.
Stattdessen muss Risikokommunikation fest in Katastrophenmanagement-Prozesse eingebettet sein. Sie ist ein integraler Bestandteil aller vier Säulen von Frühwarnsystemen und muss kontinuierlich erfolgen – vor, während und nach einem Gefahrenereignis. Ein Ansatz, der Menschen in den Mittelpunkt stellt, erfordert eine wechselseitige Kommunikation, die informierte Gespräche zwischen Gemeinschaften, Fachkräften und Entscheidungsträger:innen ermöglicht. Idealerweise entwickelt sich daraus ein partizipativer Prozess, der Dialog fördert, neue Räume für vertiefte Beteiligung und gemeinsame Wissensproduktion schafft – und am Ende sinnvolles Handeln und nachhaltige Verhaltensänderungen unterstützt.(4)
Letztlich muss Risiko- und Frühwarnkommunikation gemeinsam entwickelt, gemeinsam getragen, inklusiv und handlungsorientiert sein. So sieht ein menschenzentrierter Ansatz in der Praxis aus: Sich Zeit zu nehmen, Risiken gemeinsam zu verstehen, Räume für Dialog zu schaffen und Entscheidungen so zu gestalten, dass Gemeinschaften statt passive Empfänger:innen von Warnungen aktive Akteur:innen im Zentrum von Frühwarnsystemen und vorausschauender Hilfe sind. Nur dann können Frühwarnungen tatsächlich zu Handeln führen – und Leben wie Lebensgrundlagen schützen sowie die Resilienz ganzer Gemeinschaften stärken.
Fußnoten:
1) Vorausschauende Hilfe wird definiert als Handeln im Vorfeld eines vorhergesagten Gefahrenereignisses, um Auswirkungen auf Leben, Lebensgrundlagen und humanitäre Bedarfe zu verhindern oder zu verringern, bevor sie sich vollständig entfalten. Dies funktioniert besonders dann gut, wenn Maßnahmen sowie Auslöser bzw. Entscheidungsregeln im Voraus vereinbart sind und Entscheidungen so getroffen werden, dass die schnelle Freigabe zuvor zugesagter Mittel gewährleistet ist. (Grand Bargain Caucus on Scaling Up Anticipatory Action, veröffentlicht auf ReliefWeb, 20.12.2024)
2) GP 2025: Risk communication is essential for disaster risk reduction | Global Platform for Disaster Risk Reduction
3) In den Kulturen Kenias, insbesondere bei den Turkana und Iteso, ist ein Emuron (oder emurwon) ein verehrter Seher, Prophet und traditioneller Heiler, der als Hauptvermittler zwischen der Gemeinschaft und dem Göttlichen fungiert. Ein emuron zu werden, ist keine Entscheidung oder Fähigkeit, die man durch eine Ausbildung erlernen kann; es ist ausschließlich eine göttliche Berufung.



