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  • Krisen & Humanitäre Hilfe
  • 08/2026
  • Christoph Bals
Schwerpunkt

Schlafwandelt die Welt in eine epochale Hungerkrise?

Hormus, El Niño und drastisch gekürzte Mittel – die internationale Gemeinschaft und Deutschland werden der Polykrise nicht gerecht.

Küchengärten im Dorf Nyamlell in Südsudan. Gemüseanbau für den Eigenverbrauch und Verkauf auf lokalen Märkten stärkt die Widerstandskraft gegen externe Schocks. © Welthungerhilfe/Katja Dombrowski

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

Durch die Corona-Pandemie, die Klimakrise und El Niño-Ereignisse, Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und zahlreiche bewaffnete Konflikte hat sich laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) seit 2016 die akute globale Ernährungsunsicherheit (Phase 3-5) bis 2024 verdreifacht. In den letzten drei, vier Jahren hat sich diese Zahl zwar leicht und regional unterschiedlich verbessert, was die FAO in jüngsten Veröffentlichungen hervorhebt, aber die Größenordnung dieser Verschlechterung stimmt nach wie vor.

Die gestiegene Ernährungsunsicherheit geht mit der eskalierenden Klimakrise einher. Höhere Temperaturen und vermehrte Hitzewellen steigern Verdunstung und damit Trockenheit der Böden, verschlechtern die Wachstumsbedingungen der Pflanzen. Auch veränderte Niederschlagsmuster verknappen regional – zum Teil auch nur saisonal – das verfügbare Wasser. Das erhöhte Tempo des Temperaturanstiegs erschwert es Pflanzen und Landwirt:innen sich anzupassen.

Der afrikanische Kontinent ist am stärksten von Dürreereignissen betroffen. Mehr verdunstetes Wasser in der Atmosphäre führt zu mehr Starkregenereignissen und Überflutungen. Der beschleunigt ansteigende Meeresspiegel droht zudem Anbaugebiete in Küstenebenen und Flussdeltagebieten zu überfluten oder Böden und Grundwasser zu versalzen.

In der EU könnten allein die diesjährigen Hitzewellen bis Juli die gesamte Getreideerzeugung um knapp 9 Prozent gegenüber 2025 reduzieren. Für die USA schätzt der staatliche Informationsdienst World Agricultural Supply and Demand Estimates (WASDE) die hitzebedingten Ernteverluste bei Mais auf 8–12 Prozent, bei Sojabohnen auf 5–10 Prozent und bei Weizen auf 3–5 Prozent. Die Nachrichtenagentur Reuters fasst die weltweit erwarteten hitzebedingten Ernteverluste mit einem Gesamtverlust für Getreide von 40–60 Millionen Tonnen (5–7 Prozent der globalen Ernte) zusammen und erwartet eine Preissteigerung auf dem Weltmarkt von 15–25 Prozent. Das liegt deutlich über dem erwarteten jährlichen klimawandelbedingten Anstieg der globalen Nahrungsmittelpreise, den die Europäische Zentralbank und das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) bis 2035 pro Jahr auf 0,9-3,2 Prozent beziffern.

Drei Risikomultiplikatoren befeuern die Ernährungskrise zusätzlich

Aktuell zeichnen sich drei weitere Risikomulitiplikatoren ab, die vermutlich die globale Ernährungskrise weiter verschärfen: erstens die Folgen des Iran-Krieges und der Blockade der Straße von Hormus, zweitens das sich derzeit aufbauende neue El Niño-Ereignis und drittens die drastisch gekürzten Finanzmittel für humanitäre Hilfe und die Transformation der Landwirtschaft.

Hormus: Der Persische Golf war bislang auch die Quelle für 20-30 Prozent unverzichtbarer Rohstoffe für Düngemittel des industriell betriebenen Teils der globalen Landwirtschaft. Harnstoff, Ammoniak, Phosphate und Schwefel sind solche zentralen Inputs. Schon jetzt ist klar, dass viel Dünger nicht rechtzeitig auf den Feldern landete, was zeitversetzt Folgen für die Ernte haben wird. Es ist weiterhin unklar, wann die Straße von Hormus wieder vollständig geöffnet sein wird, und selbst dann wird es Monate dauern, bis sich der Schiffsverkehr normalisiert. Inzwischen wird von den pro-iranischen Huthi-Milizen im Jemen auch das Bab al-Mandab, eine Meerenge am Roten Meer, für saudische Schiffe gesperrt. Dies betrifft die Alternativroute insbesondere für saudische Erdölexporte Richtung Asien und damit die Energiepreise.

Von der Hormus-Blockade sind ernährungstechnisch direkt vor allem stark importabhängige Staaten mit niedrigem Einkommen in Südasien und Ostafrika betroffen. Insbesondere dort steigen nun die Kosten für Treibstoff, Dünge- und Lebensmittel. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) geht davon aus, dass in den betroffenen Regionen nun zusätzliche Bevölkerungsgruppen von Hunger bedroht sein werden. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) fürchtet, dass 30 Millionen mehr Menschen in Armut gedrängt werden könnten. WFP und das International Rescue Committee warnen, es bleibe nur noch wenig Zeit, um rechtzeitig zu handeln.

El Niño: Der bereits begonnene, starke El Niño intensiviert sich laut der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) am 31.07.2026 weiter und wird zumindest von August bis Oktober das globale Klimamuster dominieren. In dem Sonderbericht des GEOGLAM Crop Monitor wird erwartet, dass die El Niño-Bedingungen voraussichtlich bis März 2027 anhalten, wobei der Höhepunkt mit einer Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit im Zeitraum November 2026 bis Januar 2027 liegen werde.

Durch die dann veränderten Meeresströmungen im Pazifik geraten Wettermuster weltweit aus dem Gleichgewicht. Regional drohen Rekordtemperaturen oder etwa starke Regenfälle und Dürren. Der Klimawandel verstärkt durch die in den Ozeanen zusätzlich gespeicherte Energie das natürliche El Niño-Phänomen. Durch dieses Zusammenspiel ist mit hoher Wahrscheinlichkeit damit zu rechnen, dass 2027 das weltweit bisher wärmste gemessene Jahr wird. Die globale Durchschnittstemperatur dürfte dann deutlich über dem 1,5°C-Limit möglicherweise 1,7°C oder noch höhere Werte erreichen.(1) Neue Studien deuten darauf hin, dass ein starker El Niño den Amazonas – erneut – vorübergehend zu einer CO2-Quelle statt einer -Senke machen könnte.(2) Der El Niño beeinflusst auch die klimatischen Bedingungen in entfernteren Regionen wie der Sahel-Zone und Ostafrika.

Was die Produktionsseite der Ernährungssysteme angeht, so könnte der große Exporteur Brasilien stark mit der Ernte von Soja und Mais unter Druck geraten, Australien bei Weizen, Hafer und Raps, und Südostasien in Bezug auf Palmöl. Argentinien könnte durch mehr Regen Gewinner sein.(3) Nach Analysen der Vermögensverwalter Goldman Sachs verursacht der beginnende El Niño derzeit bereits eine trockenere Monsun-Saison in Indien, einige Regionen erhalten nur ein Viertel, und Teile Zentralindiens nur die Hälfte des üblichen Regens. Die Erträge von Weizen, Reis und Zuckerrohr könnten betroffen sein. Reis scheint durch Bewässerung in Indien gut abgesichert. Aber für Soja, Mais, Getreide und Baumwolle zeichnen sich deutlich größere Risiken ab.(4)

In der Vergangenheit führten starke El Niño-Ereignisse laut FAO zu Preisanstiegen von 20 bis 40 Prozent bei Weizen, Reis und Mais. Goldman Sachs schätzt, dass dieser El Niño einen zusätzlichen Anstieg der globalen Preise von Nahrungsmittelrohstoffen um 15,8 Prozent auslösen wird. Dies würde in unterschiedlichem Maße auf alle Konsument:innen zukommen. Für die Eurozone werden bislang 1,3 Prozent Preisanstieg für Lebensmittel erwartet. Allerdings vermuten die Analyst:innen, dass diese Kosten weltweit wegen verschiedener Verzögerungseffekte erst in der zweiten Hälfte 2028 voll bemerkbar werden.

Risikomanagement dringend gefordert

WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo hat Anfang August 2026 die Regierungen der Welt aufgerufen, das verbleibende Zeitfenster zu nutzen, um Risiken zu antizipieren und zu handeln, bevor die Auswirkungen des El Niño sich realisieren.(5)

Die neue Dringlichkeit ergibt sich vor dem Hintergrund bereits erhöhter Preise durch die hier beschriebenen aktuellen Effekte der Klimakrise und durch den Irankrieg. Preisanstiege in solchen Größenordnungen haben in der Vergangenheit mitunter zu sozialen Unruhen, Protesten und massiven Migrationsbewegungen geführt. Die Gesellschaftsverträge beruhen etwa im Mittleren Osten und Nordafrika zu einem guten Teil auf der politischen Sicherung von erschwinglichen Grundnahrungsmitteln durch Subventionen und Importe. In Ägypten waren beispielsweise 2011 explodierende Brot- und Nahrungsmittelpreise nach verschiedenen Wetterextremen in der Welt ein zentraler Auslöser für die Massenproteste der Bevölkerung.

Eine weitere dramatische Zuspitzung der Situation ergibt sich durch die eingeschränkte finanzielle Handlungsfähigkeit vieler Staaten infolge der Krisenkaskade der vergangenen Jahre und wegen des Inflationsanstiegs, getrieben u.a. durch die Preisschocks von fossiler Energie. Laut dem jüngsten Schuldenreport 2026 von Misereor leiden knapp 70 Staaten im Globalen Süden unter einer sehr hohen oder hohen Last von Auslandsschulden, wodurch ein untragbar hoher Teil der öffentlichen Einnahmen an ausländische Gläubiger fließt.

So verringert sich der Handlungsspielraum vieler ärmerer Länder, während zugleich in den letzten fünf Jahren die Zahl der Menschen in humanitärer Not um gut die Hälfte gestiegen ist – unter anderem durch mehr und heftigere Kriege, bewaffnete Konflikte und Wetterextreme.

Humanitäre Hilfe in der Finanzierungskrise

Bisher hätte man gedacht, dass die internationale Gemeinschaft dann aktiv wird. Nach der Zerschlagung der US-Entwicklungsagentur USAID und den Sparentscheidungen zahlreicher Geber wird aber die Kluft zwischen Bedürfnissen und Zahlungsbereitschaft bei humanitärer Hilfe immer größer. Letztere ist auf das Niveau von 2016 zurückgefallen. Nach Kalkulationen des Center for Global Development von Juni 2025 kosten alleine die US-Kürzungen bereits täglich über 5.000 Menschen ihr Leben. Laut einer Lancet-Studie könnten wegen der weltweiten Kürzungen der internationalen Entwicklungsausgaben mehr als 9,4 Millionen Menschen zusätzlich bis 2030 an den Folgen von Armut, Hunger, Krankheiten und Klimawandel sterben. 

LKWs des Welternährungsprogramms liefern Lebensmittelhilfe in Form von Speiseöl und Sorghum im Sudan. © UN Photo/Albert González Farran

Die in Bezug auf die Hungerfrage führenden internationalen Agenturen – FAO, IFAD, UNICEF, WFP und WHO – warnen in ihrem jüngsten gemeinsamen Flaggschiffbericht (SOFI) davor, dass der Irankrieg von 2026 zusammen mit Wetterextremen und den Kürzungen bei der öffentlichen Entwicklungshilfe und den humanitären Mitteln die bescheidenen Fortschritte der letzten drei Jahre bei der Eindämmung des weltweiten Hungers zu untergraben drohe. Für 2026 waren Ende 2025 international nur 30,4 Prozent der für die Bewältigung der weltweiten humanitärer Krisen notwendigen Mittel bereitgestellt. Seither sind neue Krisen durch Hitze, Irankrieg und El Niño hinzugekommen.

Mit dem Totalrückzug der USA aus ihrer bisherigen Führungsrolle richten sich viele Blicke auf Deutschland als nun größten Geberstaat der Entwicklungszusammenarbeit. Nicht nur im Ausland ist die Erwartung groß, ebenso im Inland: 2025 drängten laut repräsentativer Forsa-Umfrage 77 Prozent der Deutschen darauf, dass die neue Bundesregierung entschlossener im Kampf gegen den internationalen Hunger vorgehe.

Doch der Anfang Juli vom Kabinett vorgelegte Haushaltsentwurf der Bundesregierung für 2027 setzt weiterhin andere Akzente, bedauert der Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO): Die Mittel für humanitäre Hilfe im Etat des Auswärtigen Amtes werden demnach gegenüber 2024 halbiert. Sie würden damit bei nur 1,05 Mrd. Euro für 2027 liegen, was 0,19 Prozent des Gesamthaushalts entspricht – ein historischer Tiefstand. Auch die Mittel für internationale Zusammenarbeit sind stark zusammengestrichen, so etwa für den nachhaltigen Umbau von Ernährungssystemen um 33 Prozent gekürzt.

Hoch problematisch ist auch, dass fast die Hälfte aller Kürzungen im Entwicklungsministerium (BMZ) auf den Titel der strukturbildenden Übergangshilfe abgewälzt wird, und damit auf das zentrale Instrument der Bundesregierung zur Krisenbewältigung und zum Wiederaufbau.(6) Die Organisationen UNHCR, UNICEF, UNDP, UNFPA, IOM und WFP warnen gemeinsam: Der Haushaltsentwurf wird den globalen Krisen nicht gerecht.

Was tut die Bundesregierung?

Im Juni schrieb der Autor die deutschen Minister:innen des Auswärtigen Amts, im Entwicklungs- und im Landwirtschaftsministerium an und forderte zum koordinierten Handeln angesichts der sich mehrfach zuspitzenden Krisen auf. Eine Antwort kam von Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan. Sie betont, dass die drei Ministerien bereits intensiv an einer ressortübergreifend abgestimmten Reaktion auf das sich anbahnende Szenario arbeiten und sich auch international abstimmen. „Auf dieser Linie bündeln wir kurzfristige Krisenreaktionsmaßnahmen sowie mittel- und langfristige Ansätze zur Stärkung resilienter Agrar- und Ernährungssysteme in besonders betroffenen Ländern, insbesondere in Afrika und Asien", schreibt die SPD-Ministerin. "Zu den vorgesehenen Schwerpunkten gehören sowohl der Einsatz humanitärer Hilfe und strukturbildender Übergangshilfe.“

Wie die im Haushalt vorgesehenen starken Kürzungen gerade für diese beiden von ihr angesprochenen Bereiche zu dieser Aussage passen, erschließt sich allerdings nicht. Die Ministerin erklärt auch, sie wolle Beiträge zu multilateralen Initiativen zur Sicherung von Lieferketten (auch für Düngemittel) und eine dafür erforderliche Gewährleistung von Markttransparenz leisten.

Erfreulicherweise hebt Reem Alabali Radovan hervor, die Regierung wolle auch hinwirken „auf die Transformation von Agrar- und Ernährungssystemen hin zu krisen- und klimaresilienteren Strukturen sowie auf ein verstärktes Engagement im Energiebereich, um Partnerländer unabhängiger von Energieimporten und externen Schocks zu machen“. In der Tat sollte die Zuspitzung der Mehrfachkrisen – neben der dringend notwendigen akuten Unterstützung – Anstoß sein, menschenrechtsbasierte, nachhaltige und resiliente Ernährungssysteme sowie regionale Handelssysteme insgesamt zu befördern. Aber die Zeit, in der aus diesen Worten die notwendigen Taten werden können, läuft davon.

Mit Unterstützung von Katharina Hierl

Christoph Bals Germanwatch

Christoph Bals ist Geschäftsführender Vorstand Politik von Germanwatch und u.a. Mitglied des Kuratoriums des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und Mitglied der Independent High-Level Expert Group on Climate Finance.

Fußnoten:

(1) Zeke Hausfather, Climate research lead at Stripe and research scientist at Berkley Earth. https://lnkd.in/p/enguDK4X

(2) www.linkedin.com/posts/maheshwari-sonam_climatechange-amazon-elnino-share-7483231940548911104-wqRD/

(3) Agriculture by S&P Global Energy-Analyse, www.linkedin.com/posts/dipanshi-agarwal-6a6322205_el-nino-threatens-crop-production-in-the-ugcPost-7487817045200478209-zx-C/

(4) Agriculture by S&P Global Energy-Analyse, www.linkedin.com/posts/dipanshi-agarwal-6a6322205_el-nino-threatens-crop-production-in-the-ugcPost-7487817045200478209-zx-C/

(5) www.linkedin.com/posts/world-meteorological-organization_el-niño-continues-to-intensify-steadily-and-activity-7488990665557618688-SKm7/

(6) www.linkedin.com/posts/dr-thorsten-klose-zuber-986391136_bundeshaushalt-nothilfe-wiederaufbau-ugcPost-7479831726190682112-oUOU/

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