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  • Krisen & Humanitäre Hilfe
  • 12/2025
  • Alba Nakuwa

Rationen gekürzt: Wie der Sparkurs von Gebern Existenzen im Lager Kakuma bedroht

Während die humanitäre Hilfe der UN-Organisationen versiegt, berichten Menschen in dem kenianischen Lager von Unterernährung, wachsenden Spannungen und Verzweiflung.

Essensration für Neuankömmlinge im Aufnahmezentrum der Kalobeyei-Siedlung, die zum Geflüchtetenlager Kakuma in Kenya gehört. Kinder bekamen im Oktober 2025 noch zwei Mahlzeiten pro Tag. © Courtesy of UNHCR/Eric Bakuli

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

Im Geflüchtetenlager Kakuma haben mehr als 200.000 Menschen aus Konfliktländern wie Südsudan, Somalia, Burundi und der Demokratischen Republik Kongo Zuflucht gefunden. Seit vielen Jahren ist diese große Siedlung im Nordwesten Kenias ein Symbol für Vernachlässigung wie auch für Durchhaltevermögen. Unter sehr harten Bedingungen bemühen sich die Menschen dort, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Lange hing die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse von internationalen Institutionen ab, doch in diesem Jahr haben Budgetkürzungen ihre Lage weiter verschlimmert.

Die beiden wichtigsten internationalen Organisationen für Kakuma sind das Welternährungsprogramm (World Food Programme/WFP) und die UNO-Flüchtlingshilfe (UN Refugee Agency/UNHCR). Beide haben mitgeteilt, dass sie das Niveau ihrer Unterstützung nicht halten können. Die multilateralen Organisationen hängen von Geberregierungen ab, wobei die USA bislang alleine für rund 70 Prozent der WFP-Finanzierung in Kakuma aufkamen.

Gleich nach seinem zweiten Amtsantritt im Januar begann US-Präsident Donald Trump die Behörde für internationale Entwicklung (US-Agency for International Development/USAID) zu demontieren. Angeblich diente das seinem Programm, Amerika wieder groß zu machen. Aber auch andere wichtige Geberländer wie Deutschland, Kanada oder Großbritannien haben ihre Entwicklungshaushalte gekürzt.

Die harten Einschnitte haben das Lager in Kakuma in eine humanitäre Krise gestürzt. Die Wasserversorgung wurde zurückgefahren; die nach Wohnblöcken verteilten Wasserstellen werden nur in den Morgenstunden geöffnet. Ein drastischer Schritt, da die umliegende Turkanaregion zu den heißesten Gegenden Kenias gehört. Vor allem aber versiegt die Nahrungsmittelhilfe, und es wurden ergänzende finanzielle Zuweisungen gestrichen. Flüchtlingsfamilien sollen nun für ihre Kinder Schulgebühren zahlen.

Eine Verteilstelle für Rationen von Grundnahrungsmitteln im Flüchtlingslager Kakuma. © Courtesy of Ben Michael

Die Folgen sind weitreichend, wie Lagerbewohner berichten. Familien fühlen sich nicht mehr sicher. Besonders unter jungen Arbeitslosen wächst die Verzweiflung. Menschen verlieren ihre Existenzgrundlage und geben die Hoffnung auf, das Lager könne ein echtes Zuhause werden. Die Kleinkriminalität nimmt zu.

Das WFP-Büro in Nairobi teilt auf Anfrage mit, dass seit Mai 2025 die Lebensmittelrationen auf etwa ein Drittel des Mindestwarenkorbs reduziert werden mussten. Unklar bleibt, welcher Anteil der Bewohner von diesem herben Einschnitt betroffen ist. Weiterhin erläuterte das WFP-Büro die Einführung eines Systems der „differenzierten Unterstützung“, wonach der Gruppe der Bedürftigsten 60 Prozent der Mindestversorgung gewährt werden solle, die am wenigsten Bedürftigen aber künftig ganz leer ausgingen. Ergänzend hieß es, die Finanzsituation soll sich dank neuer Zuweisungen etwas gebessert haben, sodass die Hoffnung bestehe, künftig wieder mehr Nahrungsmittel verteilen zu können. 

Vergangenen August ging ein Beitrag auf der Genfer Website "The New Humanitarian" auf die Lage in Kakuma ein und schätzte, ein Drittel der Haushalte in dem Lager äßen höchstens noch eine Mahlzeit am Tag. Die durchschnittliche Einnahme von Kalorien sei unter 1650 pro Person und Tag gefallen. Ein Wert, der nur knapp über der Mindestversorgung für Erwachsene liegt, aber für viele nicht ausreicht, um gesund zu bleiben.

Luftaufnahme des Lagers Kakuma in der kenianischen Region Turkana West, im Vordergrund das Kalobeyei Settlement, in dem auch Neuaufnahmen notversorgt werden. © Courtesy of UNHCR

Die humanitäre Versorgung war in Kenia schon immer knapp, doch die Situation wird ständig prekärer. Der Regierung in Nairobi fehlen die Mittel, um ausbleibendes Gebergeld zu ersetzen. Die Fähigkeit des Landes, Geflüchtete aufzunehmen, werde "plötzlich und ernsthaft" eingeschränkt, sagte ein Regierungsvertreter im Mai. Nairobi unterstützt aber weiter die Verwaltung und die Sicherheitsdienste des Lagers.

Geplatzte Träume eines Dolmetschers

Telefonisch kontaktierte Lagerbewohner berichten, dass die Situation sich schnell verschlimmere. So wie Dominic Longolol, der unmittelbar betroffen ist. „Erst bekamen wir weniger Wasser, dann wurde der monatliche Geldtransfer ,Bamba Chakula’  gestrichen“, sagt er. „Jetzt sollen wir Schulgeld bezahlen. Alles wird unmöglich.“ Der Südsudanese lebt seit acht Jahren in Kakuma. Wegen Einsparungen auch beim kenianischen Roten Kreuz, das vom Staat und von Schwesterorganisationen im Ausland unterstützt wird, hat er seinen dortigen Job als Dolmetscher und humanitärer Helfer verloren. Nach seiner Einschätzung ist das neue System der Lebensmittelverteilung das größte Problem.

Laut dem Nairobi-Büro des WFP sieht das System vier Kategorien vor:

Elf Prozent der Haushalte wurden laut WFP nicht kategorisiert, unbegleitete Minderjährige gebe es in Gruppe eins und zwei.

Eine junge Frau holt Wasser für ihren Haushalt im Kalobeyei Township in Kakuma. © Courtesy of UNHCR/Natalia Jidovanu

Dominics Familie bekommt demnach überhaupt keine Unterstützung mehr, sagt er, weshalb er das System unfair findet. Seine Familie wurde Gruppe 4 zugeschlagen, obwohl er seinen Arbeitsplatz verloren hat. „Niemand hat die Kriterien erläutert“, klagt er. „Eines Morgens wachten wir auf, und uns wurde gesagt, zu welcher Gruppe wir gehören.“  Die mangelnde Transparenz habe Verwirrung, Enttäuschung und aggressive Reaktionen ausgelöst. So sei es auch gelegentlich zu Übergriffen auf UNHCR-Personal sowie unter Geflüchteten gekommen. Wer früher Rationen mit anderen geteilt habe, tue das nicht mehr – aus Angst, die eigenen Zuteilungen zu verlieren. Es gebe mehr Streitigkeiten, Diebstahl und Raub.

Dominic will nun nach Südsudan zurückkehren – in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden und seiner Frau Geld schicken zu können, damit sie sich in Kakuma besser um die Kinder kümmern könne. Derzeit hingen sie alle von Dominics Mutter ab, die als Seniorin zur Gruppe zwei zähle. Sie teile ihre Rationen von Grundnahrungsmitteln mit der Familie, aber alle litten Not. 

Die Einschätzung einer Freiwilligen im Gesundheitswesen

Susan Adit arbeitet als Freiwillige in mehreren Lagerkliniken. Sie stünden alle unter hohem Finanzdruck, berichtet Susan, aber die Arbeitsbelastung steige. Mangelernährung, unzureichende Wasserversorgung und schlechte Hygiene verursachten vermeidbare Krankheiten. Auch andere Stressfaktoren beeinträchtigten die Gesundheit. So habe das Kinderernährungsprogramm, das lange nährstoffreiche Milch und Erdnüsse verteilt habe, kaum noch etwas zu verteilen.    

Mit Sorge erfüllen Susan auch die Mittelkürzungen für Schulen. Das Bildungswesen sei lange eine wesentliche Stärke Kakumas gewesen. Als Tochter südsudanesischer Eltern wuchs sie im Lager auf und ist stolz auf das Zertifikat einer Gesundheitsfachkraft, das sie sich dort erarbeitete. Früher hätten alle in Kakuma ihren Status durch Bildung verbessern können, so wie es ihr selbst gelungen sei. Da den internationalen Organisationen das Geld ausgehe, würden die Kosten nun allerdings auf die Familien verlagert. „Ich habe jüngere Geschwister, und uns wurde gesagt, dass die Eltern nun einen Beitrag entrichten müssen“, erzählt sie. „Meine Eltern können das aber nicht, und ich kann auch nicht helfen, weil ich kein Geld verdiene.“

Deutsche Entwicklungshilfe hat in Kakuma auch Lehrmittel in der Shambe Schule finanziert. © Courtesy of UNHCR/Eric Bakuli

Susan erwartet, dass die Schulabbruchsquoten in Kakuma steigen werden. Der Trend der sich über die Jahre besserenden Bildungsergebnisse werde sich nun vermutlich umkehren. Sie hält das für ein Desaster, denn Bildung für Geflüchtete sei nicht bloße Wohltätigkeit, sondern Teil einer Zukunftsstrategie. Menschen bräuchten Wissen und Kompetenzen, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und um irgendwann, wenn das Leben in ihren Herkunftsländern wieder sicher sei, zu deren Wiederaufbau beizutragen. „Wenn die Förderung heute endet“, so Susans Urteil, „wird der Schaden eine ganze Generation lang anhalten."

Die Sicht einer Ladeninhaberin

Zu Gruppe 4 gehört Lucy Peter, und bekommt somit keine Lebensmittelhilfe mehr. Die alleinstehende Mutter aus dem Südsudan verkauft in einem kleinen Geschäft im Lager Dinge wie Lebensmittel und Kleidungsstücke. Es reiche kaum für die Kinder und sie selbst, sagt sie. Ihr Umsatz sei in diesem Jahr gering. Einen starken Cashflow habe es nie gegeben, aber hilfreich seien Verträge mit dem WFP gewesen, dank derer sie Lebensmittel gegen Gutscheine vertrieb. Die Mittelkürzungen erschwerten den Ladenbetrieb nun deutlich. Sie gebe Menschen aus ihrer Gemeinschaft auch Lebensmittel oder Wasser auf Pump. Manche beglichen die Schulden, andere nicht. Angesichts der aktuellen Not könne sie deshalb aber keine Vorwürfe machen.

Nach Lucys Einschätzung trifft die Krise junge Leute im Lager am härtesten: „Sie wollen ihre Familien unterstützen, aber es gibt keine Arbeit.“ Manche suchten außerhalb des Lagers Gelegenheitsjobs, aber es gebe schon für die Einheimischen kaum Beschäftigung. 

So wird für die Menschen in Kakuma die Lage immer schwieriger. Manche warten weiter auf  Lebensmittel, Wasser und irgendein Zeichen, dass die Welt sie nicht vergessen hat. Zugleich wächst die Zahl derer, die aus Verzweilfung in ihr Heimatland zurückkehren wollen, obwohl sie dort unberechenbare Gewalt jederzeit das Leben kosten kann. Wieder andere träumen davon, irgenwie einen Weg in ein reiches EU-Land zu finden, um dort ein besseres Leben zu führen. 

Alba Nakuwa Freie Journalistin

Alba Kakuwa ist freie Journalistin. Sie lebt in Nairobi, stammt aus Südsudan und wuchs in Kakuma auf.

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