"Wer Hunger als Waffe einsetzt, rechnet heute wieder mit Straffreiheit"
Alex de Waal über das Verschwinden und die Wiederkehr von Hungersnöten – auch als Instrument in kriegerischen Auseinandersetzungen.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Die Zahl der Todesopfer ist wieder erschreckend hoch. Die Ursachen der Hungersnöte liegen in Kriegen in Jemen, Äthiopien, Sudan und Gaza. Seit 2020 verhungerten nach Daten der Tufts-University jährlich 200.000 bis 300.000 Menschen. Alex de Waal von der Hochschule im US-Staat Massachusetts ist eine international anerkannte Autorität auf dem Gebiet. Er erläutert die Lage im Interview mit Welternährung.
Welternährung: Weshalb ist Hunger zum Zweck der militärischen Kriegsführung besonders destruktiv?
Alex de Waal: Das hat mehrere Aspekte: Erstens definiert das humanitäre Völkerrecht Regeln für legitime Kriegsführung. Die wichtigste besagt, dass Kriegsparteien feindliche Kämpfer angreifen dürfen, dabei jedoch sicherstellen müssen, dass die Auswirkung auf Zivilpersonen verhältnismäßig bleibt. Hunger wirkt umgekehrt. Wenn Sie eine Stadt mit einer Zivilbevölkerung von 100.000 plus ein paar tausend bewaffneten Männern belagern, werden die Kämpfer die letzten sein, die zu wenig Nahrung bekommen. Die Verwundbarsten leiden dagegen am meisten Not. Das ist der Hauptgrund dafür, dass internationale Abkommen wie die Genfer Konventionen und das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs den Einsatz von Hunger als Waffe verbieten.
Zweitens ist Hunger nicht nur ein biologisches Phänomen, das langsam die Körper einzelner Personen auszehrt, sondern auch ein soziales Phänomen mit sehr erniedrigender und entmenschlichender Wirkung. Betroffene berichten, dass Menschen extrem egoistisch und manchmal auch gewalttätig werden. Zugleich verlieren sie ihre Fähigkeit, Pflichten gegenüber ihren Familien, Freunden und Gemeinschaften zu erfüllen. Das zersetzt umfassend das wechselseitige Vertrauen.
Und drittens wirken die Folgen von Hunger ein Leben lang weiter. Betroffene Kinder entwickeln nie dieselben körperlichen und geistigen Fähigkeiten wie andere ihrer Altersgruppe, die nicht in jungen Jahren Not leiden mussten. Tatsächlich können sogar Kinder der nächsten Generation beeinträchtigt sein, wenn die Mütter hungerten. Die seelischen Traumata sind ebenfalls von Dauer. Die Probleme enden also nicht mit der Verfügbarkeit von Nahrung. Daher muss wiederherstellende Gerechtigkeit langfrisitig körperliche und psycho-soziale Aspekte berücksichtigen.
Ist den Tätern bewusst, was sie anrichten?
Wo Menschen aus jüngerer Zeit Erinnerungen an Hungersnöte haben, ist ihnen das völlig klar. Im Sudan wissen die Kriegsparteien nach den vorherigen brutalen Konflikten in Darfur und Südsudan ganz sicher um das Ausmaß des Schadens. Im Fall von Israel und Gaza (der israelischen Militäroffensive im Gaza-Streifen/Anm.d.Red.) sind die Dinge etwas nuancierter.
Wie meinen Sie das?
Nach dem, was im Warschauer Ghetto, in Auschwitz, während der Belagerung Leningrads von 1941 bis 1944 oder dem holländischen Hungerwinter von 1944/45 geschah, weiß jeder, der die Geschichte von Nazi-Deutschland studiert hat, was Hunger bewirkt. Im Warschauer Ghetto betrieben jüdische Ärzte und Ärztinnen Pionierstudien, und viele Israelis kennen die entsprechenden Bücher. Es war aufschlussreich, wie Fachleute in Medizin und Psychologie aus Israel – aber auch andere Personen – den Zustand von freigelassenen Geiseln kommentierten, nach dem die (islamistische Anm.d.Red.) Hamas sie hatte hungern lassen. Dass diese Menschen gesund aussahen, warnten sie, bedeute nicht, dass sie tatsächlich gesund seien. Um so etwas zu sagen, muss man wissen, dass schwere Entbehrung in Gefangenschaft auch unsichtbare Folgen hat.
Israels Regierung und Streitkräfte bestehen darauf, ihr Handeln diene nur der Selbstverteidigung. Woran erkennen wir, ob das stimmt?
Natürlich gibt es das Recht auf Selbstverteidigung, aber das humanitäre Völkerrecht gilt trotzdem. Wir haben eine Reihe von Hinweisen darauf, dass Israel diese Normen verletzt hat. Dafür spricht zum Beispiel die hohe Zahl getöteter humanitärer Hilfskräfte. Auch die Zahlen der zerstörten Krankenhäuser oder der getöteten Journalisten sind unverhältnismäßig hoch, denn sie übertreffen, was in einem Krieg normalerweise zu erwarten wäre. Das zeigt, dass Israel nicht alles versucht hat, den zivilen Schaden zu begrenzen.
Es beweist aber nicht den Einsatz von Hunger als Waffe...
Es gibt auch Evidenz, die sich spezifisch auf Hunger bezieht. Lassen Sie mich vier Dinge nennen: Hätte Israel ernsthaft Hunger vermeiden wollen, hätten die Verantwortlichen sich nicht auf die Gaza Humanitarian Foundation (GHF)(1) gestützt. Die GHF hatte über die Verteilstellen hinaus kein Monitoring-System. Offensichtlich konnten nur die stärksten und fittesten Palästinenser dorthin gelangen. Die am meisten gefährdeten Menschen blieben ausgeschlossenDas UN-System hatte dagegen viel mehr Verteilstellen und ein recht zuverlässiges Tracking-System mit QR-Codes auf den Verpackungen, strenger Revision und anderen Dingen.
Auch die Begründung der israelischen Regierung, warum sie die GHF benötigte, war Unfug. Offiziell hieß es, die Hamas habe Hilfsgüter gestohlen, deshalb würde es die Organisation treffen, wenn diese wegblieben. Es gab zwar tatsächlich Plünderungen und Raub, aber nachweislich war die Hamas als Organisation kaum involviert, sondern eher wohl individuelle Kämpfer. Die Regierung behauptete obendrein, die Hamas habe das UN-System massiv infiltriert, lieferte dafür aber keine Belege.
Verhungern ist drittens ein langsamer Prozess. Ein Krankenhaus kann aus Versehen bombardiert werden, aber es ist unmöglich eine Bevölkerung auszuhungern, ohne es zu merken. Wenn ein gesunder erwachsener Mensch einen Hungerstreik beginn, tritt Lebensgefahr erst nach 35 bis 40 Tagen ein. Es gibt also viel Zeit, eine sich zuspitzende Hungersnot zu beenden. Tatsächlich beobachtet Israel die Lage in Gaza genau. Immer, wenn der Druck aus Washington wuchs, ließ Israel wieder etwas mehr Hilfslieferungen zu. So war das im Frühjahr 2024, in den ersten Monaten 2025, noch einmal im Sommer und abermals seit dem fragilen Waffenstillstand vom Herbst. Jedes Mal hat sich die Lage etwas verbessert, aber die Lebensmittelversorgung wurde nie ausreichend. Auch was Israel derzeit nach Gaza hineinlässt ist zu wenig. Die Zeichen weisen darauf hin, dass die Situation knapp unter der Schwelle zur Hungersnot stabilisiert wurde. Von einer Rückkehr zu Ernährungssicherheit für eine gesunde Bevölkerung kann jedenfalls keine Rede sein.
Der Internationale Gerichtshof (IGH) entschied im Januar 2024, Israel müsse Maßnahmen ergreifen, um einen Genozid zu verhindern. Selbst Aharon Barak, der israelische IGH-Richter, stimmte zwei Maßnahmen zu: Israels Regierung sollte erstens ausreichende humanitäre Hilfe zulassen und zweitens genozidale Rhetorik unterbinden. Beides wurde nicht erfüllt.
Die Zeichen weisen darauf hin, dass die Situation knapp unter der Schwelle zur Hungersnot stabilisiert wurde.
Alex de WaalWeshalb schienen Hungersnöte bis vor rund einem Jahrzehnt fast ein Ding der Vergangenheit?
Um die Jahrtausendwende herum waren die meisten Faktoren, die in den vorangegangenen 200 Jahren Hungersnöte verursacht hatten, verschwunden. Früher trafen Naturkatastrophen Gemeinschaften hart, wenn sie isoliert von Verkehrswegen, integrierten Märkten und Behörden lebten. Obendrein mangelte es während der Kolonialherrschaft an Informationen und freier Presse, so dass Regierungen bei Hungerkatastrophen wenig Handlungsdruck spürten. Wie Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen gezeigt hat, sind Hungersnöte gesellschaftlich so unakzeptabel, dass sie in Demokratien nicht vorkommen. Derweil gab es unter kommunistischen Diktaturen Hungersnöte in der Sowjetunion, China, Kambodscha, Äthiopien und Nordkorea. Im Zweiten Weltkrieg setzte Nazi-Deutschland, wie gesagt, Hunger als Waffe ein, und die britische Regierung tat das auch. Die USA hatten Pläne, in einer "Operation Starvation" Japan auszuhungern, und hätten sie wahrscheinlich ausgeführt, wenn der Krieg länger angedauert hätte.
Auch am Ende des 20. Jahrhunderts herrschte aber nicht allen Ländern Demokratie...
Nein, das stimmt. Es gab noch Hungersnöte in gescheiterten Staaten wie der Demokratischen Republik Kongo, in Schurkenstaaten wie Syrien und Sudan oder in Mischformen aus beidem, wie Jemen und Südsudan. Dennoch bildete sich allmählich ein Konsens heraus, dass Hunger als Kriegsstrategie nicht akzeptiert werden durfte. Im Mai 2018 hielt der UN-Sicherheitsrat das sogar ausdrücklich in Resolution 2417 fest – und zwar mit den Stimmen Russlands, Chinas und der ersten Trump-Regierung der USA. Zugegebenermaßen war das gewisserweise auch Heuchelei, denn Russland tolerierte, was das Assad-Regime in Syrien tat, und die USA ignorierten, was Saudi-Arabien im Jemen anrichtete. Dennoch war die Entwicklung positiv. Hätte sie angehalten, wäre heute das Kriegsverbrechen des Aushungerns wahrscheinlich ein Ding der Vergangenheit.
Was ist schiefgelaufen?
Wer Hunger als Waffe einsetzt, rechnet heute leider wieder mit Straffreiheit. Der Wendepunkt war der Bürgerkrieg in Äthiopien. Im Jahr 2021 zerstörte die Zentralregierung in einem grausamen Konflikt die Infrastruktur der Region Tigray und löste mit einer Lebensmittelblockade eine Hungersnot aus...
...und der Sicherheitsrat griff nicht ein?
Nein, das tat er nicht, obwohl Irland, das üblicherweise auf solche Dinge achtet, das Thema auf die Tagesordnung setzen wollte. Die Biden-Regierung schreckte aber zurück, denn sie wollte keine afrikanischen Probleme hoch oben auf der internationalen Agenda sehen. Sie hatte Sorge, Äthiopien könne sich Russland oder China zuwenden. Bald darauf schlich sich Hunger als Waffe in Sudans Bürgerkrieg ein. Im Gegensatz zu Gaza ist das eine afrikanische Krise, die international nur wenig Aufmerksamkeit bekommt.
Ist der Konflikt in Äthiopien denn beendet?
Ich fürchte nein, aber auch er wird international kaum beachtet. Mehrere Dinge finde ich beunruhigend: Äthiopien bekommt fast keine Nahrungsmittelhilfe mehr. Sie wurde vor allem von USAID bereitgestellt. Es stehen für humanitäre Hilfe bislang nur etwa elf Prozent der Mittel bereit, um die die UN dieses Jahr gebeten hatten. Es wird im Land viel gekämpft. Der Waffenstillstand zwischen der Zentralregierung und der Rebellenbewegung Tigrays scheint sehr wacklig, wobei es auch zwischen den verschiedenen Fraktionen dort ernstzunehmende Kriegsrisiken gibt. Die Zentralregierung scheint obendrein auf Krieg mit Eritrea erpicht, und ihr Säbelrasseln gibt Anlass zur Sorge. Das Horn von Afrika steht am Rand einer weiteren riesigen humanitären Katastrophe.
Wie kann dem Kriegsverbrechen des Aushungers ein Ende gesetzt werden?
Eigentlich wäre es leicht, aber die politische Umsetzung ist sehr schwierig. Wir haben die nötigen Instrumente, denn die multilateralen Regeln sind klar formuliert. Der moralische Konsens sollte ebenso klar sein: Hunger als Waffe ist nicht akzeptabel. Es hapert aber am politischen Handeln.
Kann der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) einen Unterschied machen?
Rechenschaftspflicht für Kriegsverbrechen ist wichtig, und der IStGH hat sicherlich geholfen, dem Thema Hunger als Waffe mehr Gewicht zu geben. Leider gibt es bisher aber zu wenig Verfahren, und diese laufen zu langsam, um dem IStGH große Wirkung zu verleihen. Ich finde es wichtiger, mit Nachdruck die Forderung nach der Verhinderung dieser Verbrechen zu stellen. Wichtig sind auch Schritte der Vergangenheitsbewältigung, wie die offizielle Entschuldigung der deutschen Bundesregierung für den Völkermord an den Herero und Nama 1904 im heutigen Namibia. Die Verantwortung trug das Deutsche Kaiserreich, das Hunger gezielt verursachte. Die Bundesregierung hat sogar Reparationen zugesagt, die allerdings weitgehend symbolisch bleiben und einen Bogen um die damals betroffenen Volksgruppen machen. Jedenfalls sind Taten der heutigen Regierungen von ehemaligen Kolonialmächten gefragt – und das gilt besonders für die britische. Das British Empire verursachte oder tolerierte eine ganze Reihe von Hungersnöten. So hätte die Regierung in London leicht Irlands Große Hungersnot in den 1840er Jahren beenden können, ließ aber eine Million Menschen sterben. In Irland gibt es heute viele Gedenkstätten, aber in London keine einzige.
Alex de Waal ist ein britischer Anthropologe. Er leitet die World Peace Foundation an der Fletcher School of Law and Diplomacy, der juristischen Fakultät der Tufts University in Massachusetts.
Das Gespräch führte Hans Dembowski.
Fußnote:
Die GHF hat eineinhalb Monate nach Inkrafttreten des Waffenstillstands im Gazastreifen ihre Hilfsmission Ende November 2025 beendet.

