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  • Krisen & Humanitäre Hilfe
  • 10/2025
  • Marina Zapf

Wer bezahlt weltweit die humanitäre Hilfe

UN-Mitgliedstaaten finanzieren humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz auf freiwilliger Basis. Nur wenige Staaten schultern die wesentlichen Kosten.

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

Es vergingen nur wenige Stunden. Kurz nach dem schweren Erdbeben in Afghanistan Anfang September 2025 stellte das Nothilfebüro der Vereinten Nationen (OCHA) 10 Mio. Dollar bereit. Weitere Gelder sollten im Anschluss von UN-Mitgliedstaaten und Spendern folgen. Die UN-"Feuerwehr" für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz hatte den Anfang gemacht, damit Soforthilfe anlaufen konnte. Aber auch abseits des Schlaglichts auf Afghanistan brummt der UN-Apparat – versorgt Flüchtlinge aus dem Sudan, Flutopfer in Pakistan, oder Hungernde in Somalia.

Die internationale Gemeinschaft verlässt sich heute auf OCHA, um humanitäre Hilfseinsätze nach Naturkatastrophen und menschengemachten Unglücken zu koordinieren, wo die Kapazitäten nationaler Behörden nicht ausreichen. Denn die UN-Charta hat zum Ziel, „eine internationale Zusammenarbeit herbeizuführen, um internationale Probleme wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und humanitärer Art zu lösen und die Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten für alle ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion zu fördern und zu festigen".

Die globalen humanitären Dienste werden zu 87 Prozent auf freiwilliger Basis von UN-Mitgliedstaaten finanziert. Auch hier stimmt das geflügelte Wort, „Wer zahlt, bestimmt“: wo, wofür und von welcher Organisation die Mittel zu verwenden sind. Doch ein Blick auf die Beiträge, die OCHA für das Gesamtsystem erfasst, zeigt ein höchst ungleiches Bild, wer im Wesentlichen die Kosten schultert.

Insgesamt erreichte die humanitäre Hilfe laut OCHA 2024 einen Umfang von 36,5 Mrd. Dollar. Der Anteil der humanitären Hilfe an den Gesamtausgaben des UN-Systems lag laut der Statistik des Chief Executives Board for Coordination 2023 bei 44 Prozent; es ist der größte Ausgabenbereich – gefolgt von den zwei anderen Hauptaufgaben nachhaltige Entwicklung (30 Prozent) und Friedensoperationen (12 Prozent). In den zehn Jahren davor stiegen die Bedürfnisse von in Not geratenen Zivilbevölkerungen kontinuierlich an – was in wachsendem Ausmaß auf Konflikte zurückzuführen ist, welche die UN angesichts geopolitischer Blockaden der Großmächte im Sicherheitsrat nicht verhindern oder beenden konnte. Dadurch ist die Finanzierung der humanitären Hilfe zur größten Herausforderung für die Vereinten Nationen geworden.

Welche UN-Institutionen leisten Humanitäre Hilfe? 

Zentraler Baustein im System und wichtige Schaltstelle ist OCHA, das "Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten". Es ist im UN-Sekretariat angesiedelt und verantwortet die systemübergreifende Koordinierung von Nothilfemaßnahmen. OCHA kann dabei sofortige und lebensrettende Nothilfeaktionen auf der ganzen Welt aktivieren, und zwar über den Fonds für die Reaktion auf Notsituationen CERF. Dieser Central Emergency Relief Fund erhält ganzjährig freiwillige Beiträge.  

Die Hauptrollen in der Bereitstellung von Nothilfe oder humanitären Maßnahmen spielen das Welternährungsprogramm (World Food Programme/WFP), das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF), das Hohe Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (Office of the United Nations High Commissioner for Refugees/UNHCR) und das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East/UNRWA), sowie das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), das verantwortlich ist für operative Einsätze zur Vorbeugung, Vorsorge und Folgenbegrenzung von Naturkatastrophen. 

Freiwillige vor

Die humanitären Maßnahmen der UN sind stark abhängig von Finanzierung durch die wohlhabendsten Mitgliedstaaten. Schaut man auf den ordentlichen oder "regulären" Haushalt der UN, der sich aus Pflichtbeiträgen speist, so reihen sich zwar auch wirtschaftlich erstarkte Schwellenländer wie China, Brasilien oder Russland in die elf Top-Finanzierer ein, die mehr als 70 Prozent dieses Haushalts stemmen. Aber die Pflichtbeiträge von Mitgliedstaaten (assessed contributions) für die laufenden Kosten, wie Personal, Amtssitze und "politische Missionen", machen ungefähr nur ein Fünftel aller Einnahmen aus.

In welchem Umfang Spezialorgane wie das WFP oder das UNHCR über den regulären Haushalt finanziert werden, entscheidet die UN-Generalversammlung. Viele der humanitären und entwicklungspolitischen UN-Organisationen erhalten sehr wenig bis gar keine Pflichtbeiträge. Zu einem Löwenanteil finanzieren sie sich aus freiwilligen staatlichen Beiträgen, die sich in zwei Arten aufteilen: die Kernbeiträge (core), die die jeweiligen UN-Organisationen flexibel verwenden können, und die – überwiegenden – zweckgebundenen (earmarked) Mittel, die an Bedingungen der Geldgeber geknüpft sind, etwa für bestimmte Notlagen oder Programminhalte in ausgewählten Ländern.  

Große Abhängigkeit des Systems von wenigen Geberstaaten

In der staatlichen Finanzierung internationaler humanitärer Hilfe dominierten in den vergangenen Jahren klar die USA, gefolgt von Deutschland und Großbritannien. Im Financial Tracking System (FTS) von OCHA ist abzulesen, wie das gesamte System sich zu weit mehr als der Hälfte seiner Einnahmen auf nur zehn führende Beitragszahler stützt.

Die Konzentration prägt das UN Development System (UNDS) und dort den Ausgabenbereich Entwicklung (operational activities for development/OAD), der auch humanitäre Leistungen umfasst: 65 Prozent seiner Mittel stammen von Mitgliedern im OECD-Entwicklungsausschuss (DAC) – also von traditionellen Geberstaaten des eher westlichen Lagers. Eingegrenzt auf die humanitären Aktivitäten konzentriert sich die Finanzierung noch stärker auf wenige Staaten: Die Top-Fünf-Geber – USA, Deutschland, EU, Großbritannien und Schweden – stellten 2024 63,5 Prozent aller UN-koordinierten humanitären Hilfe.

Regierungen außerhalb des Industriestaatenclubs OECD, wie etwa die Ländergruppe G77 des globalen Südens, stehen den von OECD-Regierungen dominierten humanitären UN-Strukturen generell skeptisch oder passiv gegenüber. Unter diesen Ländern, die dem DAC OAD-Beiträge für Entwicklung und Humanitäre Hilfe melden, führt China – allerdings mit verschwindend geringem Interesse. Während im OCHA Tracking System Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) 2024 den sechsten und achten Platz einnehmen (Katar den 17.), sind die Beiträge prominenter Schwellenländer wie etwa dem Club der BRICS+ (acht Länder) zur humanitären Hilfe nur auf den hinteren Rängen zu finden. Ohne Saudi-Arabien kommen sie zusammen auf 47,3 Mio. Dollar 2024, etwas mehr als Österreich.

Eine weitere Quelle für humanitäre Hilfe sind organisationsübergreifende "Pooled Funds" (Inter-agency pooled funds). Diese Sammeltöpfe für freiwillige Beiträge werden zum einen für Krisen wie der schwindenen Artenvielfalt angelegt, zum anderen für einzelne Krisenherde, können aber flexibler gehandhabt werden als Zuweisungenen an einzelne UN-Organisationen. Neben dem Notfallfonds CERF gehören z.B. der Afghanistan Humanitarian Fund dazu, Pools für ukrainische Gemeinden oder zur Vorbeugung von Tropensturmschäden in Risikoländern. Von diesen Mitteln fließen durchschnittlich 60 Prozent (2010-2022) in humanitäre Maßnahmen. 2024 kamen in Pooled Funds aus staatlichen und nicht-staatlichen Beiträgen dafür 1,66 Mrd. Dollar zusammen. 

Die Sammeltöpfe waren in den vergangenen Jahren auch eine Reaktion auf die Schwächen des UN-Systems, zu denen die Unterfinanzierung einzelner Krisen oder Sektoren, die häufig langsam erfolgende Finanzierung und die große Abhängigkeit von wenigen Geberstaaten gezählt werden. Die Frage, wie eine Reform des Gesamtsystems für humanitäre Hilfe aussehen könnte, wird in diesem Jahr – unter dem Druck des Rückzugs der Regierung von Donald Trump – wieder intensiv diskutiert (Stichwort Humanitarian Reset). Frühere Vorschläge von UN-Generalsekretär Antonio Guterres, dass alle UN-Mitgliedstaaten erhöhte Pflichtbeiträge auch für dieses Aufgabenfeld entrichten sollten, stoßen offenbar weiterhin auf wenig Gegenliebe.

So wird alle Jahre wieder der weltweit absehbare Bedarf für lebensrettende Aktionen im Voraus ermittelt, global, regional und lokal. Diese Kalkulation des UN-Nothilfekoordinators und OCHA-Chefs im Dezember in Genf legt die Basis für freiwillige Beiträge – und absehbare Finanzierungslücken. Für Afghanistan etwa blieb dieser Bedarf für 2024 (3,1 Mrd. Dollar) zu 47 Prozent unterfinanziert. Und 2025 fehlten – Stand September – sogar 72 Prozent. 

Marina Zapf, Journalistin, berichtet seit 20 Jahren aus Berlin über Themen der Außen, Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik.
Marina Zapf Team Welternährung.de
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