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  • Krisen & Humanitäre Hilfe
  • 06/2020
  • Marina Zapf
Schwerpunkt

Wie der Corona-Lockdown Indiens Landwirten zusetzt

Die Krise kam zur Erntezeit, versperrte den Weg zu Märkten und verschreckte Millionen Wanderarbeiter. Eine Hungerkrise wurde verhindert, aber die Lage kann sich noch zuspitzen.

Keine Märkte, keine Hochzeiten, geschlossene Tempel: Indische Gärtnereien verkaufen Ringelblumen als Tierfutter für Kühe © Outlookindia.com

Die Landesdirektorin der Welthungerhilfe für Indien und Bangladesch, Nivedita Varshneya, erlebt mit, wie Indien in den vergangenen Monaten von einer Dreifach-Tragödie heimgesucht wird: Die Wanderheuschrecken, die in Afrika ihr Unwesen treiben, zerstören auch in Teilen Indiens Ernten. Fünf Millionen Menschen fliehen vor dem Zyklon Amphan, der Verwüstungen anrichtete, wo schon die Angst vor dem Coronavirus umging. Dem begegnet die Regierung mit Ausgangssperren für 1,3 Milliarden Menschen. Im Interview spricht Nivedita Varschneya über die Folgen von Corona für die Ernährungssicherheit.

Indien ist einer der größten Produzenten von Getreide, Zuckerrohr, Gemüse und Milch. Als die Zentralregierung wegen der Corona-Pandemie den Lockdown verhängte, was passierte da auf den Feldern?

Nivedita Varshneya: Anfangs lief in der landwirtschaftlichen Erzeugung noch alles rund. Am 20. April lockerte die Regierung die zuvor für Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion gültigen Ausnahmen von den Ausgangsbeschränkungen weiter. Die Winterernte von Getreide und Hülsenfrüchten, aber auch Früchten und Gemüse konnte beginnen. Es kam dann aber doch zu großen Problemen, weil es ernsthafte Engpässe von Arbeitskräften gab, es fehlten Transportmittel und Fahrer, um die Erzeugnisse zum Markt zu bringen. Unzählige Bauernhöfe und tausende Landwirte befanden sich im freien Fall. Dass doch sehr viele Lieferketten unterbrochen waren, zeigte sich erst allmählich.

Welche Landwirte hat es denn besonders getroffen?

Das Land von 1,3 Milliarden Einwohnern ist ja sehr unterschiedlich. In einigen Staaten, wo vor allem große Farmen komplett von Saison- und Wanderarbeitern abhängen, zeigte sich die Krise deutlicher. Sie hatten plötzlich keine Arbeiter mehr. Unter den Wanderarbeitern verbreitete sich Panik wegen der Ansteckungsgefahr. Sie packten ihre Sachen und machten sich mit ihren Familen auf den Weg in ihre Heimat. Das betraf vor allem die größeren Agrarunternehmen im Süd- oder Nordwesten. Die Familienbetriebe oder kleineren Bauern vor allem im Osten Indiens haben nicht so gelitten, sie konnten zunächst weiter ernten fanden dann aber häufig keine Absätzmärkte. Saisonarbeiter, die zu ihren Familien oder Verwandten zurückkehrten, fanden dort ein Auskommen.

Zu einem richtigen Stillstand kam es aber nicht, oder doch?

Nein, die Landwirtschaft lief schon weiter, zumindest die Erzeugung. Aber wegen der Kampagne "Break the chain" und den Ausgangssperren konnte die Ernte nicht vermarktet und verkauft werden wie sonst. So blieben viele Landwirte auf ihrer Ware sitzen und mussten überschüssige Feldfrüchte wieder unterpflügen, weil es keine Abnehmer gab. Das traf vor allem den Anbau von Blumen und Pflanzen, aber auch verderbliche Früchte und Gemüse, oder Fisch und exotische Produkte. Es zeigte sich, dass viele Landwirte in Indien nicht genug Möglichkeiten haben, ihre Ware ordentlich zu lagern, oder sie können es sich nicht leisten.

Die indische Regierung wurde von internationalen Organisationen für ihre geistesgegenwärtige und schnelle Reaktion am Anfang der Pandemie auf dem Subkontinent gelobt. Aber der Lockdown erfolgte auf dem Höhepunkt der Erntezeit, und die Hälfte der indischen Arbeitskräfte sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Hat die Regierung das bedacht?

Das Timing war sicher nicht gut. Aber die Regierung hatte wirklich keine andere Wahl. Es war ein Notfall, und die Regierung hat sicher nicht die Konsequenzen für Millionen von Wanderarbeitern und Tagelöhner bedacht, also die Krise, die der Lockdown für den informellen Sektor Indiens auslöste. Die Eindämmung der Pandemie stand eindeutig im Vordergrund und vieles geschah sehr eilig und ohne Vorwarnung oder Übergangszeiten. Anfangs wurde das auch weitgehend als notwendig akzeptiert, auch in den ländlichen Gebieten. Und weil gerade Erntezeit war, hatten die meisten das Gefühl, es wird ja in allen Gegenden genug zu essen geben. Es wird keine Hungerkrise geben. Wir hatten ja auch genug, es wurde produziert, nur mit der Verteilung klappte das nicht so gut.

Indien soll rund 7000 Großmärkte und 25 000 kleinere Wochenmärkte haben. Waren die geschlossen?

In Indien sind die Großmärkte von dem so genannten Agricultural Produce Market Committee (APMC) reguliert. Anfangs mussten sie alle den Betrieb einstellen, oder es durfte nur unter strengen Auflagen gehandelt werden. Nach einer Weile hat die Regierung versucht, die Lieferketten wieder in Gang zu bekommen, aber die meisten Bauern haben ihre Ernte nicht regulär verkauft bekommen. Viele mussten in der Not außerhalb der Getreidemärkte an private Händler und Mühlenbetreiber zu Spottpreisen verkaufen, die ihre Ausgaben nicht decken und schon gar nicht reichen, um eine Kredit abzuzahlen. Das betraf auch vor allem schnell verderbliche Lebensmittel. Das war wirklich ein Elend.

Viele Bauern mussten in der Not ihre Ernte außerhalb der Märkte zu Spottpreisen verkaufen.

Nivedita Varshneya

Weiß man, wie viel der Ernte verdorben ist?

Es gibt sicher Schätzungen. Am meisten haben die Obst- und Gemüsebauern und die Gärntereien an Einkommen verloren, weil sie auf ihrer Ware sitzen blieben. Früchte wie Trauben, Erdbeeren, Wassermelonen oder Bananen fanden keine Abnehmer, oder Gemüse wie Broccoli, Salat, radieschen oder Kohl. Die meisten Menschen kauften nur das nötigste, alles Exotische blieb liegen. Größere Erzeuger, die dafür in Gewächshäuser investiert hatten, zahlten einen hohen Preis. Auch auf Exportware wie Gewürzen blieben Bauern sitzen und bekamen weniger dafür. So viele Lebensmittel sind verdorben oder wurden als Tierfutter oder Dünger gebraucht, weil es zu wenig Lager gibt. Kleinbauern haben viel verloren, weil es sich gar nicht gelohnt hätte, ihre Ernte irgendwohin zu bringen.

Arbeiter bei der Weizenernte. Nach und nach bekam die Landwirtschaft in den meisten indischen Bundesstaaten Ausnahmen vom Lockdown. © PTI

Sind die Lebensmittelpreise allesamt in den Keller gefallen?

Die traurige Ironie ist, dass die Preise in den Städten tatsächlich explodierten, weil es weniger Angebot gab und die Leute egal was zahlten. Die unregulierten Verkäufer, die sonst auf Wochenmärkten oder am Straßenrand verkaufen, durften das nicht mehr. Große wie kleine Anbieter mussten sich registrieren. Vor allem in den Städten – das sind bisher die meisten "roten Zonen" – war alles so extrem eingeschränkt, dass das Angebot völlig aus dem Lot geraten ist. Die Städte sind unterversorgt und alles ist teuer, und auf dem Land gibt es Nahrungsmittel zuhauf, aber keinen Vertrieb. Zuletzt wurden die Verkehrsbeschränkungen stark gelockert, das sollte für Entspannung sorgen.

Versucht die Regierung, die Einkommensverluste der Landwirte aufzufangen? Gibt es Kaufprogramme oder Überbrückungsgeld für weggebrochene Einnahmen?

Die Regierung macht sehr viele Ankündigungen. Eine davon betrifft den Mindeststützpreis für Einkäufe zugunsten des Öffentlichen Verteilungssystems, das Familien unter der Armutsgrenze mit Marken für subventionierte Lebensmittel versorgt. Dieser Preis wurde für Getreide, Ölsaaten, Hülsenfrüchte und Hirse erhöht. Aber weil die Verteilungswege nicht funktionieren, bekommen die meisten Bauern diese Preise gar nicht; sie verkaufen notgedrungen vom Hof weg für weit weniger. Vielen sind auch die Warteschlangen zu den Ankaufzentren zu lang, sie geben auf. Die Beschaffung muss wirklich verbessert werden. Die Speicher der Regierung quellen über, aber sie sind schlecht gemanagt, so dass auch die Verteilung viel zu schleppend verläuft. Dabei gibt es so viele hungrige Menschen, die Nahrung brauchen.

Und die Armut wird steigen...

Ja, der Staat hat Lebensmittel- und Sozialhilfen anbekündigt, und muss sicherstellen, dass niemand hungert. Vor allem in den Städten steigt die Kriminalität, Raubüberfälle, unter den Wanderarbeitern, die es nicht in die Heimat geschafft haben und verzweifelt sind. Das System zur Verteilung von Lebensmitteln lässt zu wünschen übrig und muss dringend verbessert werden.  Die Armen in Indien haben ein Konto, das an den Ausweis gebunden ist. Die Regierung könnte auch einfach ein  Grundeinkommen zum Überleben überweisen.

Indien hat bereits das größte staatliche System von Nahrungsmittelhilfe (PDS). Hat sich das in der Krise bewährt?

Ja wir haben ein gutes Sicherungssystem für Ernährung. Und das von der Regierung am 26. März verkündete Rettungsprogramm von 22,6 Mrd. Dollar enthält auch eine Komponente für Lebensmittelhilfe. Normalerweise berechtigen die Gutscheine zu monatlichen Rationen von fünf Kilo Reis oder Getreide ­ sonst nichts, kein Gemüse, keine Früchte, kein Öl. Das ist unzureichend aber besser als nichts. In Zeiten der Pandemie soll es so eine Ration extra umsonst, plus ein Kilo Hülsenfrüchte geben. Problematisch ist dabei, dass die Gutscheine in der Regel für Haushalte gelten. Tagelöhner oder Wanderarbeiter, die in den Städten unterwegs waren, gehen leer aus. Das war auch einer der Gründe, warum sie, nun da sie keine Arbeit mehr hatten, unbedingt in ihre Dörfer zurückwollten.

In der Hoffnung, dort versorgt zu werden?

Dort würden sie Essen von der Familienkarte bekommen, statt in den Städten für teures Geld Essen auf dem Markt zu kaufen und auch noch Miete zu zahlen. Deshalb marschierten sie hunderte Kilometer, auf gefährlichen Sraßen, auf Autobahnen, an Bahngleisen entlang, und setzten ihr Leben unfassbaren Gefahren aus, um diese fünf Kilogramm Ernährungssicherheit zu bekommen oder auf einem Stück Land der Familie etwas anbauen zu können. Jetzt hat die Regierung angekündigt, die PDS Gutscheine werden ab März 2021 als "One Nation, One Ration Card (ONORC) überall gelten, aber sie können nach wie vor nicht aufgesplittet werden.

Eine Hungerkrise wurde unmittelbar aber erst einmal verhindert?

In den Dörfern, ja, da hat das Sytem besser funktioniert als sonst. Die Menschen bekommen wirklich ihre Rationen. Die Regierung passt besser auf. Und in den Städten brach die Versorgung zwar nicht zusammen, aber von den Armen bekommt etwa nur die Hälfe diese Gutscheine. Die übrigen sind in der Regel eben Wanderarbeiter. Es gab auch ein Bargeld-Programme, aber das ist alles arg bürokratisch, und die meisten Menschen wissen gar nicht, wie sie das beziehen könnten. Es wurden auch staatliche Tafeln organisiert, aber schlecht, und viel zu wenige für die Massen von Menschen in Not. Die Städte waren sehr grausam zu diesen Menschen. Eine Krise wurde verhindert, aber die Tragödie der Wanderarbeiter ist wirklich schlecht gehandhabt worden. Man hätte ihnen sagen müssen, dass sie versorgt werden. Das verdirbt die Bilanz der Regierung.

Eine Marktszene in Jamshedpur, im indischen Bundesstaat Jharkhand. Im Corona-Lockdown erreichten viele Lebensmittel die Märkte nicht, weil die Transportmittel fehlten. © Rommel/Welthungerhilfe

Hält dieser Exodus denn noch an?

Die meisten Wanderarbeiter haben es irgendwie nach Hause geschafft, nachdem die Regierung das Ausmaß der unaufhaltsamen Wanderung erkannt und schließlich Busse und Sonderzüge eingesetzt hat. Anfangs sah es aus wie eine große humanitäre Katastrophe, und so viele starben bei Unfällen, Zugunglücken oder schlicht an Hitze und Hunger. Jetzt wo der Lockdown stellenweise gelockert wird, versucht die Regierung sie zur Rückkehr auf ihre Baustellen oder Fabriken zu bewegen, aber nach Umfragen wollen drei von zehn nicht in die Städte zurück. Wir Nichtregierungsorganisationen glauben, dass es bis 2021 eher sechs bis sieben sein werden. Sie haben Angst vor einer zweiten oder dritten Welle. Indien hat ja nicht einmal den Höhepunkt überschritten. Und nun haben die Wanderarbeiter Covid-19 aufs Land gebracht – dort sind fast 80 Prozent der Neuinfektionen. Bald werden wir rote Zonen und neue Lockdowns auf dem Land haben, wer weiß.

Halten Sie die Ernährungssicherheit für ernsthaft gefährdet?

Die Studie einiger führenden NGOs besagt, dass 50 Prozent der Haushalte die Zahl ihrer Mahlzeiten reduziert haben, um während der Ausgangsbeschränkungen über die Runden zu kommen. Und bis zu 70 Prozent ernähren sich eintöniger. Vor allem mit Blick auf die nächste Ernte kündigt sich eine Kaskade von höheren Preisen an. Demnächst beginnt mit dem Monsun die Zeit der Aussaat für die nächste Ernte. Und die Vorzeichen stehen gar nicht gut. Wenn die Saisonarbeiter wegen der Angst vor Corona – und nach dem, was sie durchgemacht haben – nicht im bisherigen Maß in andere Bundesstaaten wandern, dann wird das für die Farmer, die von ihnen abhängen – wie in den südlichen Staaten Kerala, Karnataka und Tamil Nadu, oder im Nordwesten wie im Punjab – ziemlich teuer. Und es wird weniger gesät. Das wird dann voraussichtlich eine Preisspirale auslösen.

Die Vorzeichen für die nächste Ernte stehen nicht gut.

Nivedita Varshneya

Es heißt, die Regierung will für den Bau und die Industrie Sonderzüge bereitstellen, damit Wanderarbeiter zurückkommen. Die Landwirtschaft scheint ihr nicht so wichtig zu sein?

Für die Regierung steht die Digitalisierung des Landes über allem. Aber das Rückgrat der Wirtschaft ist die Landwirtschaft, das hat sich in dieser Krise wieder gezeigt. Die Regierung sieht den Agrarsektor aber als Selbstläufer. Würde sie schnell viel investieren – in Infrastruktur, Lagerkapazitäten, Marktzugang, Lieferketten und Bewässerungssysteme –, würde das aus meiner Sicht einen großen Teil des ökonomischen Schocks der Corona-Krise abfedern. Es wird viel geredet, dass die Landwirtschaft, die so viele Menschen ernährt, widerstandsfähiger werden muss. Aber all die angekündigten Krisenprogramme werden dafür kritisiert, dass es sie in anderen Formen schon gibt aber eben nicht bei den Menschen angekommen waren. Nur ein Bruchteil hat davon profitiert.

Was wäre denn nötig?

Insgesamt bietet die Regierung mehr langfristige Mittel an, Versicherungen oder Aussicht auf Kredite, oder Strukturreformen, die Bauern jetzt mehr Freiheiten geben, ohne Zwischenhändler direkt an unterschiedliche Kunden zu verkaufen. Das ist sehr gut. Aber was fehlt, ist Soforthilfe auf die Hand. Und weil so viele Wanderarbeiter nicht mehr in hunderten oder tausenden Kilometer Entfernung arbeiten wollen, ist es außerordentlich wichtig, in die Landwirtschaft zu investieren, damit dort neue Jobs entstehen. Ich weiß nicht, wie das werden soll? Der Staat sieht da keine Priorität.

Kinder waschen sich die Hände vor der EssensverteilungKinder in einem Ernährungscamp: Solche Hygienetrainings werden nun auf die Ansteckungsgefahren durch Covid-19 abgestimmt. © Rommel / Welthungerhilfe

Wie hat die Corona-Krise die Arbeit der Welthungerhilfe verändert?

Unser Arbeitsgebiet in Zentral- und Ostindien gehört zu den ärmsten Regionen Indiens. Wir machen Überstunden und versuchen, durch Programme wie "Arbeit gegen Lebensmittel" und die Verteilung von Hygiene-Kits dem unmittelbaren Mangel zu begegnen.  Wir passen unser "Green Skills"-Programm an, das Jugendliche in Fähigkeiten zum Anbau, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln schult, und wir führen große Kampagnen zur Ernährungs- und Hygieneberatung in ländlichen Gemeinden durch. Dort kommen massenweise Migranten zurück. Wir stellen ihre Identität fest und liefern Informationen über öffentliche Hilfsprogramme zur Versorgung oder zur Beschäftigung, zum Beispiel einem neuen ländlichen Entwicklungsprogramm. Die Regierungen machen viele gute Ankündigungen, und die Zivilgesellschaft muss gemeinsam mit der Verwaltungsebene sicherstellen, dass sie sich in der Praxis nicht als Luftnummern erweisen.

Marina Zapf, Journalistin, berichtet seit 20 Jahren aus Berlin über Themen der Außen, Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik.
Marina Zapf Team Welternährung.de
Letzte Aktualisierung 18.06.2020

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