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  • Wirtschaft & Menschenrechte
  • 06/2021
  • Michael Windfuhr

Recht auf Nahrung als Fundament resilienter Ernährungssysteme

Politischer Rahmen und Qualität von Institutionen sind zentral. Ein UN-Gipfel muss Verantwortlichkeit einfordern – und den Welternährungsausschuss einbinden.

Bäuerin in Sierra Leone. Die Regierung erhält Finanzmittel zur Unterstützung von Kleinbauern im Rahmen von FAO-Programmen zur Umsetzung des Rechts auf Nahrung. © FAO/Caroline Thomas

Die Umsetzung des zweiten nachhaltigen Entwicklungsziels (SDG 2), die Beendigung des Hungers bis zum Jahr 2030, ist jetzt schon sehr unwahrscheinlich. Das Ziel existiert zwar seit den Welternährungsgipfeln der 1970er und 90er-Jahre und wurde mit der Annahme der SDGs bestätigt und noch einmal angeschärft. Die Fortschritte sind allerdings ausgesprochen begrenzt. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Hungernden, der Unter- und Fehlernährten wieder an. In der Tat hat das globale Ernährungssystem gravierende Schwachpunkte und schafft es nicht, Hunger zu beenden oder wenigstens substanziell zu reduzieren. Darüber hinaus weisen ökologische Grenzüberschreitungen, Klimawandel und Verlust von Artenvielfalt auf viele weitere profunde Probleme im Ernährungssystem hin.

Nach Angaben des Ernährungsberichts der FAO von 2020 sind 746 Millionen Menschen weltweit schwer von Ernährungsunsicherheit betroffen, d.h. sie hungern, und weitere 1,25 Milliarden Menschen moderat, d.h. sie sind unterernährt (FAO et al. 2020: State of Food Security and Nutrition in the World). Die Covid-Pandemie wird nach FAO-Schätzungen die Zahl der Hungernden verstärken ­– um 83 bis 132 Millionen –, da viele Menschen weniger Einkommen haben (FAO et. al. 2020). Alle Formen von Nährstoffmangel aber auch von Übergewicht und Fettleibigkeit betreffen sogar rund 3,4 Milliarden Menschen, also etwa 45 Prozent der Weltbevölkerung (HLPE 2020).

Weit über die Hungerzahlen hinaus besteht somit ein enormer Handlungsbedarf, über das Ernährungssystem nachzudenken. So schätzt die FAO, dass nicht-übertragbare Krankheiten, die auf einer schlechten Ernährung beruhen, der erste Grund für vorzeitige Todesfälle sind (FAO et. al 2020). Zudem trägt die derzeitige Form der Landwirtschaft substanziell zum Klimawandel und zum Artenschwund bei. Die Landwirtschaft ist weltweit gefordert zu einer Transformation unter Anerkennung der planetaren Grenzen.

Vor diesem Hintergrund hat der UN-Generalsekretär zu einem UN-Food Systems Summit im September 2021 eingeladen, um die Aufmerksamkeit auf notwendige Reformen im Ernährungssystem zu lenken. Um die Organisation und Ausrichtung des Gipfels gibt es eine größere öffentliche Auseinandersetzung, auf die erst am Ende eingegangen werden soll. Dieser Beitrag will vor allem klären, was für die Erreichung von Resilienz im globalen und in nationalen Ernährungssystemen zentral ist, und was damit auch zentral für jede Form der Veränderung sein sollte.

Resilienz und Ernährungssysteme

Der Begriff Resilienz im Kontext der Ernährungssysteme ist seit der Verabschiedung der SDGs im Jahr 2015 auf dem Vormarsch – und zwar als Schlüsselstrategie, um den Grundstock an Hungernden und Unterernährten ebenso wie die regelmäßigen Zyklen von Ernährungsunsicherheiten weltweit zu überwinden. Laut einer IFPRI-Definition von 2017 ist ein resilientes Ernährungsystem ein System, „das die Fähigkeit hat, einem Schock zu widerstehen, die Auswirkungen eines Schocks zu absorbieren und nach dem Schock wieder in den normalen oder sogar besseren Zustand zurückzukehren, was die Ernährungssicherheit betrifft.(1)

Nach der Lebensmittelpreiskrise: FAO-Generaldirektor Jacques Diouf empfängt Papst Benedikt XVI. zum Welternährungsgipfel 2009 in Rom. © FAO/Alessandra Benedetti

Wichtig ist es zu unterscheiden: Zu den Schocks gehören sowohl kurzfristige Notlagen, beispielsweise durch Naturkatastrophen, Zyklone, Dürren etc., auf die mit humanitärer Hilfe und Nothilfe reagiert wird, wie auch langfristige Effekte durch den Klimawandel, darunter Temperaturanstieg, Veränderungen der Klimazonen, die Niederschlagsverteilung im Jahresgang, die Ausdehnungen von Dürreregionen sowie Auswirkungen verlorener Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt. 

Drei Handlungsebenen unterteilt das IFPRI Institut dabei (Iyappan / Babu 2018): Nationale Strategien, sektorbezogene Initiativen und solche, die Resilienz (Widerstandsfähigkeit) auf Gemeindeebene oder von Individuen stärken sollen. Auf allen Ebenen hängt Resilienz von stimmigen Rahmenbedingungen ab: dem Zugang zu Technologien und Wissen (Bildung/ Capacity), der Ausgestaltung von Politik (z.B. Agrarpolitiken), der Einrichtung und Absicherung von funktionierenden öffentlichen Institutionen und allgemein einer funktionierenden Regierungsfähigkeit – kurz Governance. 

Gerade in dieser Kombination von Faktoren wird deutlich, es sind weder technologische Lösungen allein noch die Vermittlung von Wissen, die langfristig ein Ernährungssystem stärken. Zentral sind vor allem die politischen Rahmenbedingungen sowie die Qualität der Institutionen und des Regierens, um Ernährungssysteme widerstandsfähig zu machen und sie zudem an die ökologischen Herausforderungen begrenzter Ressourcen anzupassen. Es wird deutlich, dass dabei der menschenrechtliche Rahmen des Rechts auf Nahrung besonders helfen kann, Kriterien für die Qualität von Regierungshandeln und von funktionierenden Institutionen abzustecken.

Der menschenrechtliche Rahmen: Das Recht auf Nahrung

Der menschenrechtliche Rahmen ist zentral, denn er lenkt den Blick auf staatliche Verpflichtungen und auf Verantwortlichkeiten aller anderen Akteure. Seit Jahrzehnten werden weltweit ausreichend Nahrungsmittel produziert. Hunger und fehlender Zugang zu Nahrungsmitteln kann also nicht vorrangig agrar- und produktionstechnisch erklärt werden.

Der größte Teil der Hungernden lebt in ländlichen Regionen. Der Zugang zu Nahrung von über 500 Millionen Kleinbauernfamilien oder etwas mehr als 2,5 Milliarden Menschen hängt davon ab, dass sie selbst Ihr Einkommen über die Landwirtschaft erzielen. In Ermangelung von Sozialhilfegesetzen, ist es vor allem ein  sicherer Zugang zu produktiven Ressourcen, wie Land oder Saatgut, der über die Frage mitentscheidet, ob die Familien genug Nahrungsmittel selbst produzieren oder ein Einkommen aus der Landwirtschaft erzielen können, das zur Ernährung reicht. Hinzu kommen einige hundert Millionen Pastoralisten und Fischerfamilien.

Es sind die Rahmenbedingungen für diese Gruppen, die oft entscheidend erklären, warum Hunger so persistent ist. Landtitel, oder besser Landnutzungszugänge, sind oft nicht abgesichert, in Afrika fehlt die Sicherheit zu fast 90 Prozent. Mögliche Unterstützung für Kleinbauernfamilien fehlt oft gänzlich, angefangen von Wetterinformationsdiensten, Lagerhaltung, Agrarberatungsdiensten bis hin zu vergügbaren Krediten und Bankdienstleistungen etc. Angehörige von Minderheitengruppen und insbesondere Frauen und Haushalte, die von Frauen geführt werden, sind dabei häufig noch schlechter gestellt.

2003 hatten sich die Staaten der Afrikanischen Union darauf verständigt, wenigstens zehn Prozent ihrer nationalen Budgets für ländliche Entwicklung auszugeben. Bis heute haben knapp zehn Länder diesen Betrag erreicht. Die Vernachlässigung ländlicher Räume in der nationalen Politik erklärt maßgeblich, warum die Gruppe der bäuerlichen Familienbetriebe weltweit 70 Prozent der Hungernden ausmacht (FAO et. al. 2019). Die Staatlichkeit, ihre Institutionen in ländlichen Regionen funktionieren nur unzureichend. Die Betroffenen können deshalb gut als marginalisiert bezeichnet werden – marginalisiert in nationaler (Agrar-)Politik.

Michael Windfuhr, Stellvertretender Direktor, Deutsches Institut für Menschenrechte.

Der Begriff Resilienz muss unbedingt funktionierende, verantwortliche Regierungsfähigkeit umfassen und dabei menschenrechtlich verstanden werden als Überwindung von Diskriminierung und Exklusion.

Michael Windfuhr, Deutsches Institut für Menschenrechte

Der Begriff Resilienz muss deshalb unbedingt funktionierende, verantwortliche Regierungsfähigkeit umfassen und dabei menschenrechtlich verstanden werden als Überwindung von Diskriminierung und Exklusion.

Klimaveränderungen fordern Governance erst recht heraus

Sind unter diesen Bedingungen ländliche Regionen besonders vom Klimawandel betroffen wenn oder weil sich die ökologischen Parameter landwirtschaftlicher Produktion verändern, dann erhalten die Governance-Fragen noch zusätzliche Bedeutung. Die Gruppen, die ohnehin nicht im Zentrum nationaler Politik in ländlichen Regionen stehen, sind jetzt besonders den Auswirkungen ausgesetzt. Die Qualität nationaler Anpassungspolitik bestimmt deshalb wesentlich, wie die Folgen abgefedert werden können.

Gleiches gilt für die Nothilfe und die Katastrophenvorsorge. Gerade in Regionen, die in zunehmendem Maße klimabedingt von Katastrophen wie Stürmen, Fluten und Dürren heimgesucht werden, ist das Vorbereitet sein und die Qualität staatlicher Unterstützung entscheidend. Resiliente Ernährungssysteme müssen gerade für benachteiligte, marginalisierte Gruppen und Individuen funktionieren bzw. auf deren Schutz und Unterstützung ausgerichtet sein.

Hunger entsteht aber bei weitem nicht nur im Kontext von Familien, Gruppen und Individuen in ländlichen Regionen. Hunger und Unterernährung korrelieren mit Einkommensarmut: fehlenden Möglichkeiten, Nahrungsmittel selbst zu produzieren oder ein Einkommen aus Beschäftigung oder Transferleistungen zu bekommen. Bei der Frage nach resilienten Ernährungssystemen muss deshalb auch über Transfereinkommen und Beschäftigung nachgedacht werden – überall dort, wo Einkommensarmut der Grund für Mangelernährung und Hunger sein können, gerade auch in den wachsenden Armutsquartieren in städtischen Kontexten.

Schätzungen, was die Hungerbekämpfung kosten würde, müssen gerade auch hier ansetzen. Wenn viele Menschen sich selbst versorgen können, was bleibt an zusätzlichen Möglichkeiten, gerade im Bereich von sozialen Transfers (soziale Sicherungsnetze, Cash oder Food Transfer Programme), um Menschen Zugang zu Ernährung zu ermöglichen?

Marginalisiert: Weder die Regierung noch andere Organisationen unterstützten das Dorf in Somaliland beim Bau einer Zisterne für die Bewässerung seiner Äcker. © Welthungerhilfe

Rechenschaftspflicht ist Schlüssel

In der Allgemeinen Bemerkung Nr. 12 des UN-Ausschusses für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte von 1999 wurde beschrieben, was von Staaten bei der Umsetzung des Rechts auf Nahrung verlangt wird (UN-CESCR 1999). Bestätigt wurde dies durch die Freiwilligen Leitlinien zum Recht auf Nahrung, die 2004 im Rahmen der FAO von allen Mitgliedern einstimmig angenommen wurden (Voluntary Guidelines 2004). Zunächst muss der Staat sicherstellen, dass Nahrungsmittel verfügbar sind, alle Menschen sollen Zugang haben, physisch, also auch in entlegenen Regionen, sowie ökonomisch, also über Mittel verfügen, Nahrung selbst zu produzieren oder ein Einkommen zu erzielen, dass für eine qualitativ ausreichende Ernährung reicht. Der Zugang muss „affordable“, also bezahlbar sein, ohne auf andere Rechte, wie den Schulbesuch der Kinder oder den Zugang zu Gesundheitsversorgung verzichten zu müssen.

Staaten müssen dabei den Nachweis führen, dass sie für diese Zielsetzung das Maximum der verfügbaren Ressourcen einsetzen und ambitioniert an der Umsetzung arbeiten. Reichen nationale Ressourcen nicht aus, sind sie verpflichtet, sich um internationale Unterstützung zu bemühen.

Deutlich wird, es ist die Rechenschaftspflichtigkeit staatlichen Handelns, die im Zentrum der menschenrechtlichen Überlegungen steht. Diese beziehen auch das Handeln anderen Akteure mit ein. Staaten haben eine Schutzpflicht, private Akteure so zu regulieren, dass diese nicht zu Verletzungen des Rechts auf Nahrung beitragen. Private Akteure haben aber auch selbst eine Verantwortlichkeit – und dies wurde mit der einstimmigen Verabschiedung der UN-Leitprinzipien zu Wirtschaft und Menschenrechte 2011 im Menschenrechtsrat bekräftigt: Sie haben die Verantwortung sicherzustellen, dass Ihr eigenes Handeln nicht zu Verletzungen von Menschenrechten beiträgt („do no harm“) (UN-Guiding Principles 2011).

Staatliche und private Rechenschaftspflicht muss im Zentrum der Resilienz von Ernährungssystemen stehen. Viele Veränderungen, die notwendig wären, sind längst bekannt, es mangelt an Umsetzung. Viele Regierungen kümmern sich wenig um die Gruppen und Individuen, die besonders von Hunger und Fehlernährung betroffen sind. Deshalb ist das Recht auf Nahrung so zentral ist für die Reform und die Resilienz von Ernährungssystemen – und auch der Grund, warum es gerade bei der Umsetzung des SDG 2 so große Umsetzungsdefizite gibt.

Die ehemalige UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung (2014-2020), Hilal Elver, (links) bei einer Sitzung des Civil Society Mechanism Forum (CSM) in der FAO-Zentrale in Rom 2018. © FAO/Giulio Napolitano

Diese menschenrechtliche Perspektive müsste eigentlich im Zentrum des Gipfels stehen. Der aktuelle UN-Sonderberichterstatter zum Recht auf Nahrung, Michael Fakhri, hat im März dieses Jahres mit seinen Vorgängern Hilal Elver und Olivier de Schutter gewarnt, dass gerade diese Perspektive bei der Gipfelvorbereitung fehlt (Fakhir et al. 2021).

Das Ernährungssystem benötigt eine Transformation zur Nachhaltigkeit:

Die zunehmende Gefährdung der ökologischen Rahmenbedingungen für die weltweite Agrarproduktion hat in doppelter Hinsicht auch gravierende Effekte auf die Realisierung des Rechts auf Nahrung. Da die Gruppe der Menschen, deren Einkommen von der Agrarproduktion direkt abhängt - wie beschrieben - sehr groß ist, sind die Veränderungen ökologischer Rahmenbedingungen hoch relevant. Hungerbekämpfung muss auf nachhaltige Überwindung des Hungers setzen, d.h. diejenigen die ihr Einkommen in der Landwirtschaft erzielen, müssen dies nachhaltig erreichen.

Dazu wird es nachhaltiger landwirtschaftlicher Produktion, geeigneter Unterstützung, mit einem besonderen Fokus auf Frauen bedürfen, die viele Familienbetriebe führen. Es bedarf verlässlicher Institutionen aber auch vieler Innovationen, Forschung und Beratung, die gerade für diese benachteiligten Gruppen funktionieren müssen. Gelingende Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel - sowohl in der Katastrophenvorsorge wie im Umgang mit den langfristigen Veränderungen der Klimaparameter - sind dabei essentiell, auch für die nachhaltige Realisierung des Rechts auf Nahrung.

Neue Strukturen nötig?

Zurück zu Anfangsfrage nach dem Setting des UN-Gipfel zur Zukunft der Ernährungssysteme. Der Agrarökonom und Leiter des wissenschaftlichen Beirats für das UN-Gipfeltreffen, Joachim von Braun, verweist in einem Interview an dieser Stelle darauf, dass wir allein mit den existierenden Institutionen nicht die fundamentalen Probleme lösen können, die er vergleichbar in der Dimension beschreibt. Und er verweist darauf, dass es nicht mit einer kleinen Weiterentwicklung des Settings getan ist, das offensichtlich die Probleme nicht hinreichend gelöst hat. „Wir überschreiben planetare Grenzen und haben eine enorme Ungerechtigkeit. Wir brauchen wirksame institutionelle und technologische Innovation und müssen dabei pragmatisch sein.“ (von Braun, 2021)

Dem ist sicherlich zuzustimmen. Es sei hier aber noch einmal darauf verwiesen, wie aufwändig und partiell mühsehlig es war, nach der letzten großen Welternährungskrise 2007/ 2008 den Welternährungsausschuss CFS (Committee on World Food Security) mit einem neuen, an den wirklichen Problemlagen ausgerichteten Mandat auszustatten. Der CFS war in den Jahrzehnten davor eine der größten und vor allem die bedeutungsloseste Schwatzbude der Vereinten Nationen. Man kam zusammen, um sich zu berichten, welche guten Pilotprojekte es wo gibt und welche Länder irgendwo Fortschritte erzielt haben. Motto: „Some states did some progress in some areas“. Es fehlte jede Ambition, strategisch über mehr Nachhaltigkeit, die Überwindung von Unverantwortlichkeiten und Vernachlässigungen des gesamten Sektors angemessen nachzudenken.

Seit dem Welternährungsgipfel von 1996 und der stärkeren Bedeutung des Rechts auf Nahrung gibt es Veränderungen, die mit den freiwilligen Leitlinien zur Umsetzung des Rechts auf Nahrung von 2004 bekräftigt wurde. Bis hin zu dem nach 2008 erneuerten Mandat des CFS hat die multilaterale Governance einen Zugewinn erreicht. Das neue Mandat setzt auf mehr Nachhaltigkeit und reale Beteiligung von Betroffenen und auch Unternehmen. Wenn diese Struktur, die alle in Rom angesiedelten UN-Agenturen umfasst, noch keine ausreichende Wirkung erzielt, liegt dies vor allem an mangelnder nationaler Umsetzung.

Räder neu erfinden?

Der UN-Gipfel sollte deshalb überlegen, wie diese erarbeitete Stärkung der multilateralen politischen Steuerung (Governance) weiter gestärkt werden und wie die nationale Umsetzung besser gefördert, unterstützt und eingefordert werden kann. Die Widerstände kommen vielfach von Ländern, die am Zugang zu Ressourcen nichts verändern möchten und kein Interesse an der Stärkung der armen Landbevölkerung oder der Anerkennung der Rechte von Indigenen haben.

Der Welternährungsausschuss CFS (Committee on World Food Security) in Rom, hier eine Tagung 2019, gilt als das inklusivste Gremium in der internationalen Governance. © FAO/Pier Paolo

Die bisherigen Strukturen der Governance rund um das CFS wurden kaum oder nur unzureichend in die Planungen des Gipfels einbezogen. Das gilt somit auch für die gemeinsame, weit entwickelte Organisationsstruktur der Zivilgesellschaft in diesem Sektor, beides entstanden nach der Welternährungskrise 2007/08. Dahinter liegt der politische Streit um effektive und funktionierende Governance- Strukturen auf Internatioanler Ebene.

Es wäre empfehlenswert, den neuen Summit auf dieser Struktur aufzubauen statt neue parallele Multistakeholder-Strukturen aufzubauen. Der Gesundheitssektor sollte eine Warnung sein. Hier sind viele multilaterale Organisation außerhalb der oft für mangelnde Effizienz kritisierten Weltgesundheitsorganisation aufgebaut worden. Mit dem Effekt, dass gerade in Zeiten der Krise deutlich wird, wie schwach die zersplitterte multilaterale Governance geworden ist. Händeringend wird nach Wegen gesucht, wie die geschwächte WHO oder eine krisentaugliche multilaterale Governance wieder gestärkt werden kann.

Das CFS hat Widerstände hervorgerufen, auch weil manche Politikempfehlung nach systemischen Veränderungen in vielen Ländern nicht nur des Südens verlangt, hin zu mehr nachhaltigen Agrarpolitiken und zur Förderung benachteiligter marginalisierter Gruppen. In dem Sinne haben sich das Steering Committee des mit dem CFS geschaffenen Interface Wissenschaft-Politik und der CFS-Vorsitzende selbst zu Wort gemeldet: Sie empfehlen, gerade im Wissenschaftsbereich die Arbeit des High Level Panel of Experts (HLPE) zu stärken und beim Gipfel auf ihr aufzubauen, statt die „Räder neu zu erfinden“ (CFS / HLPE: Open letter May 2021).

Die beim CFS erreichte Beteiligung der Zivilgesellschaft ist äußerst wichtig, um wirklich funktionierende Lösungen für Nachhaltigkeit und Resilienz zu finden, die auch jenen helfen, die am Rande von Hunger und Mangelernährung leben. Seit 2008 ist in keinem anderen Feld multilateraler Politik eine so gute Koordination und Absprache zivilgesellschaftlicher Organisationen mit einer zentralen Rolle von Betroffenenorganisationen, Indigenen, Bauern, Fischern etc. entstanden. Dies sollte gepflegt und gestärkt werden. In einer gemeinsamen strategischen Überlegung mit Organisationen aus ländlichen Regionen liegt eine enorme Chance, Verantwortlichkeiten (Accountability) zu stärken, unwillige nationale Politik zu stellen und zu echten Veränderungen zu bewegen. Dies sind Aufgaben, die die Vereinten Nationen bei einem Summit 2021 in den Blick nehmen müssen.

Gereifte Struktur nutzen

Wir benötigen ein gemeinsames Gespräch, wie Nachhaltigkeit hergestellt werden kann, die nicht nur technisch verstanden wird, sondern gerade die großen Ungerechtigkeiten überwinden kann, die im Kern das Hungerproblem konturieren und mitbestimmen. Dies ist mit der bisherigen Einbindungspolitik für den Gipfel noch nicht gelungen. Internetbasierte Beteiligungsformate und Möglichkeiten, in Ideenpools Input zu liefern, können das Mitreden und Mitentscheiden von Organisationen Betroffener nicht ersetzen. In dem Sinn ersetzt „Multistakeholderism“ nicht faire und echte Partizipation. Es wäre schade, wenn der UN–Gipfel diese gereifte Struktur nicht nutzt. Gerade für ein Monitoring der Ergebnisse wird ein Forum gebraucht wie das CFS, wo Betroffene Effekte von beschlossenen Follow-up-Maßnahmen mitbewerten können.

Im Ernährungssystem sind substanzielle und systemische Veränderungen nötig. Verglichen mit anderen Politikfeldern, in denen die Grenzen des Planeten fortschreitend ernstgenommen werden und Ausstiege aus dem fossilen Zeitalter in der Energieversorgung, der Auto- oder der chemischen Industrie geplant und erarbeitet werden, in denen Ziele formuliert werden, wie Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und CO2-Neutralität bis 2050 erreicht werden kann, hinkt die Diskussion im Agrar- und Ernährungsbereich deutlich hinterher. Es fehlt die Bereitschaft, die mit der Hungerproblematik einhergehenden Ungerechtigkeiten und Marginalisierungen wirklich anzugehen.

Ein menschenrechtsbasiertes Vorgehen bietet die Chance, dass alle Akteure ihren Teil Verantwortung übernehmen. Das sollte ein UN-Gipfel im Jahr 2021 leisten. Das müsste im Zentrum eines an der Dimension der Herausforderungen orientierten UN-Food Systems Summit stehen. Und es würde das Welternährungssystem wirklich in Richtung Resilienz bringen.

Literatur:

Braun, J. von (2021): Dieser Gipfel darf sich nicht in ideologischen Grabenkämpfen verlieren, Interview in Welternährung, das Fachjournal der Welthungerhilfe, durch Marion Aberle und Erwin Northoff, 28.04.2021,  https://www.welthungerhilfe.de/welternaehrung/rubriken/agrar-ernaehrungspolitik/un-ernaehrungsgipfel-was-steht-auf-dem-spiel/

CFS / HLPE (High Level Panel of Experts) (2021): Open letter Food Systems science-policy interface: don´t reinvent the wheel, strengthen it!. zu finden auf der Startseite des CFS http://www.fao.org/fileadmin/templates/cfs/Docs2021/Documents/SPI_for_Food_Systems_-_No_need_to_reinvent_the_wheel__HLPE_Open_Letter_20_May_2021.pdf?fbclid=IwAR2el_qnbcxHsutjS0cRsV4UrhCArlpvdxi7qttmAAWpSzVJaKgJGDYIhrQ (Zugriff 12.06.2021).

FAO, IFAD, UNICEF, WFP and WHO. 2019. The State of Food Security and Nutrition in the World 2019. Safeguarding against economic slowdowns and downturns. Rome, FAO. Vgl auch. https://www.bmz.de/de/entwicklungspolitik/ernaehrungssicherung

FAO, IFAD, UNICEF, WFP and WHO (2020): The State of Food Security and Nutrition in the World 2020. Transforming Food Systems for Affordable Healthy Diets, Rome: FAO.

Fakhri, M.; Elver, H.; De Schutter, O. (2021): The UN Food Systems Summit: How Not to Respond to the Urgency of Reform, Opinion 22.03.2021,http://www.ipsnews.net/2021/03/un-food-systems-summit-not-respond-urgency-reform/

HLPE (2020): Food Security and Nutrition. Builiding a Global Narrative Towrds 2030. Rome: A Report by the High Level Panel of Experts on Food Security and Nutrition of the Committee on World Food Security.

Iyappan, Karunya and Babu, Suresh Chandra (2018): Building Resilient Food Systems An Analytical Review,  IFPRI Discussion Paper 01758, September 2018 http://ebrary.ifpri.org/utils/getfile/collection/p15738coll2/id/132818/filename/133028.pdf

UN-CESCR (Committee on Economic, Social and Cultural Human Rights) (1999): General Comment on the right to adeqauate food (Art. 11). UN-Doc: E/C.12/1999/5, 12 May 1999

United Nations Guiding Principles on Business and Human Right. Implementing the United Nations “Protect, Respect and Remedy” Framework, New York and Geneva 2011 https://www.ohchr.org/documents/publications/guidingprinciplesbusinesshr_en.pdf

VOLUNTARY GUIDELINES to support the progressive realization of the right to adequate food in the context of national food security, Rom 2004, FAO. 

Michael Windfuhr, Stellvertretender Direktor, Deutsches Institut für Menschenrechte.
Michael Windfuhr Deutsches Institut für Menschenrechte
Letzte Aktualisierung 11.08.2021

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