Wege zu besserer Arbeit in der Landwirtschaft von einkommensschwachen Ländern
Menschenwürdige Arbeit trägt zu Produktivität, Stabilität und nachhaltiger Entwicklung bei – und ist damit von zentraler Bedeutung für das Erreichen der Agenda 2030.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Für die Nahrungsmittelproduktion weltweit ist menschliche Arbeit von grosser Bedeutung - es sind die Landwirt*innen und landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, die unsere Lebensmittel anbauen, ernten und verarbeiten. In der Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei arbeiten global rund 900 Millionen Menschen, davon 400 Millionen als angestellte Landarbeiter*innen. Die Weltlandwirtschaft beschäftigt etwa jede achte Arbeitskraft und ist damit einer der größten Arbeitgeber in einkommensschwachen Regionen sowie ein zentraler Sektor für Ernährungssicherheit und Armutsbekämpfung.
Trotz dieser zentralen Bedeutung sind die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft häufig prekär. Wissenschaftliche Studien und Medienberichte dokumentieren kontinuierlich gravierende Verstöße gegen Arbeitsrechte: Kinderarbeit in der Kakao- und Kaffeeproduktion, Zwangsarbeit bei der Zuckerrohrernte, Diskriminierung und sexuelle Belästigung in Erdbeerfeldern sowie Belastung durch extreme Hitze, gefährliche Chemikalien und potentiell gefährliche Maschinen. Diese Risiken führen zu hohen Unfallraten und Gesundheitsproblemen.
Besonders gefährdet sind die rund 400 Millionen angestellten Arbeitskräfte – insbesondere Migrant*innen, Saisonarbeiter*innen oder informell Beschäftigte. Sie verfügen oft weder über schriftliche Arbeitsverträge noch über sozialen Schutz oder kollektive Mitbestimmungsrechte und sind selten gewerkschaftlich organisiert. Schwache Arbeitsinspektionen und Kontrollen, fragmentierte Beschäftigungsverhältnisse und der informelle Charakter vieler landwirtschaftlicher Tätigkeiten verschärfen diese Probleme und lassen Millionen ohne wirksamen Schutz vor Ausbeutung.
Interesse an besseren Arbeitsstandards wächst
In jüngeren Jahren hat der Mangel an sozialer Nachhaltigkeit in globalen Agrar- und Ernährungssystemen zunehmend öffentliche und politische Aufmerksamkeit erlangt. Regierungen, internationale Organisationen, die Zivilgesellschaft und private Unternehmen versuchen gleichermaßen, über Gesetze, politische Maßnahmen und freiwillige Zertifizierungssysteme verbesserte Arbeitsstandards durchzusetzen.
Die meisten Länder verfügen über formelle Arbeitsstandards – wie etwa Verbote von Kinderarbeit oder Mindestlohngesetze. Private Initiativen wie Fairtrade, Rainforest Alliance oder andere Nachhaltigkeitszertifizierungen gehen teilweise darüber hinaus: Sie verbieten nicht nur Kinder- und Zwangsarbeit, sondern fördern auch Geschlechtergleichstellung und verlangen oft formelle Arbeitsverträge oder das Recht, sich in Gewerkschaften und anderen Gruppen zu organisieren. Diese Programme fordern zudem häufig, dass Arbeiter mindestens den nationalen Mindestlohn erhalten – wenn nicht sogar ein Einkommen, das ein grundlegendes Existenzniveau sichert.
Parallel dazu werden Arbeits- und Menschenrechtsstandards zunehmend in internationale Handelsabkommen und Lieferkettengesetze integriert. Diese Entwicklungen tragen dazu bei, dass Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft stärker in den Fokus von Politik und Wirtschaft rücken.
Zertifizierungen nutzen den Kleinbauern
Die bisherigen Forschungsergebnisse zu der Frage, ob Standards und Zertifizierungen die Arbeitsbedingungen verbessern, sind gemischt – aber teilweise ermutigend.
Öffentliche Mindestlöhne führen in der Regel wie beabsichtigt zu höheren Durchschnittslöhnen, obwohl es für den Agrarsektor nur begrenzte Evidenz gibt. Vorliegende Studien deuten jedoch darauf hin, dass höhere Löhne Landwirte bisweilen veranlassen könnten, weniger Arbeitskräfte einzustellen – ein potenzieller Zielkonflikt zwischen Qualität und Quantität von Arbeitsplätzen. In vielen Ländern halten Mindestlöhne mit Inflation oder Produktivitätswachstum nicht Schritt und tragen daher wenig zur Armutsbekämpfung bei – was die Frage aufwirft, ob private Standards diese Lücke schließen können.
Eine umfangreiche Forschungsliteratur zeigt, dass Kleinbauern durch eine Zertifizierung oft von höheren Preisen, besseren Erträgen und höheren Einkommen profitieren. Weit weniger untersucht wurde jedoch, ob dies auch angestellten Arbeitskräften in Kleinbetrieben, auf Plantagen oder in Genossenschaften nutzt. Verfügbare Studien belegen, dass Zertifizierung Arbeitsbedingungen verbessern, Löhne erhöhen und Beschäftigungssicherheit stärken kann – insbesondere in größeren Betrieben und Genossenschaften, die leichter zu überwachen sind. Bei kleineren, abgelegenen oder informell arbeitenden Betrieben gibt es hingegen kaum Verbesserungen, wobei die Datenlage begrenzt ist. Dies verweist auf eine zentrale Herausforderung aller öffentlichen und privaten Initiativen: wie sie überwacht und durchgesetzt werden können.
Arbeitsstandards zu kontrollieren ist oft schwierig und teuer
Arbeitsstandards zu überwachen und einzuhalten – sei es durch den Staat oder private Akteure – ist ressourcenintensiv und logistisch schwierig. Die Landwirtschaft umfasst Millionen von Betrieben, die meist klein und weit verstreut sind und oft Saison- oder Wanderarbeiter*innen beschäftigen. In vielen einkommensschwachen Ländern sind Arbeitsinspektionen meistens unterfinanziert und im informellen Sektor eher selten.
Für Zertifizierungsorganisationen wie Fairtrade oder die Rainforest Alliance gibt es ähnlichen Hürden. Auditor*innen können nur einen Bruchteil der landwirtschaftlichen Betriebe einer Genossenschaft besuchen, die hunderte oder sogar tausende Mitglieder umfassen kann. Daher lässt sich die Einhaltung von Standards in großen, gut organisierten Einheiten zuverlässiger durchsetzen als in kleineren Betrieben.
Digitale Überwachungslösungen eröffnen neue Möglichkeiten – beispielsweise durch Fernerkundung, mobile Datenerfassung oder digitale Beschwerdesysteme für Arbeiter. Diese Technologien können die Kontrolle ausweiten und Kosten reduzieren. Derzeit konzentrieren sie sich allerdings überwiegend auf Umweltaspekte wie die Entwaldung. Um auch soziale Bedingungen zu berücksichtigen, sind Investitionen, Innovationen und eine Kooperation zwischen Regierungen, Unternehmen und Zivilgesellschaft erforderlich. Lieferkettengesetze und Handelsregeln könnten, wenn sie breitere Anwendung finden, diesen Prozess beschleunigen, indem sie stärkere Anreize für digitale Transparenz schaffen.
Armut ist das Grundproblem
Keine Überwachung, und sei sie noch so perfekt, kann die tieferliegenden strukturellen Ursachen schlechter Arbeitsbedingungen beheben. Zu vielen Verstößen – von Kinderarbeit bis zu unbezahlten Überstunden – kommt es vor allem dort, wo Armut herrscht. Wenn Kleinbäuerinnen und Kleinbauern darum kämpfen, ein existenzsicherndes Grundeinkommen zu erzielen, sind sie möglicherweise selbst auf Familienarbeit, auch von Kindern, angewiesen, oder sie können Arbeitern keine fairen Löhne zahlen.
Dieses Problem verweist auf einen grundlegenden Konflikt zwischen der wirtschaftlichen Existenz von Landwirt*innen und dem Wohlergehen von Arbeitskräften. Landwirt*innen stehen unter dem Druck volatiler Märkte und mächtiger Abnehmer, niedrige Preise zu akzeptieren – was zu Kostensenkungen führen kann, die zulasten menschenwürdiger Arbeit gehen. Eine Lösung erfordert somit nicht nur strengere Standards, sondern auch eine gerechtere Wertverteilung entlang der Lieferkette.
Arbeitsplätze schaffen und Sozialsysteme stärken
Aus ökonomischer Sicht steigen die Löhne, wenn das Angebot an Arbeitskräften knapper wird – also wenn Arbeitskräfte bessere oder alternative Beschäftigungsmöglichkeiten haben. Viele Länder mit niedrigem Einkommen weisen jedoch eine geringe Beschäftigungsdynamik außerhalb der Landwirtschaft, ein starkes Bevölkerungswachstum und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit auf. Um die Arbeitsmärkte zu stärken ist daher eine umfassendere Entwicklungs-, Bildungs- und Infrastrukturpolitik erforderlich, die Beschäftigungsmöglichkeiten jenseits der Subsistenzlandwirtschaft schafft.
Staatliche Beschäftigungsprogramme (Public Works Programs) sind ein bewährtes Instrument, um in mageren Zeiten der Agrarsaison Jobs zu schaffen und Einkommen zu sichern. Wenn sie gut ausgestaltet sind, können sie zugleich zur ländlichen Entwicklung beitragen – etwa durch den Bau von Bewässerungssystemen und Straßen, oder durch Hochwasserschutz, wodurch sich die landwirtschaftliche Produktivität erhöht.
Sozialsysteme wie Bargeldtransfers, Arbeitslosenversicherungen oder Renten können Haushalte gegen Einkommensschocks absichern und verhindern, dass sie auf problematische Bewältigungsstrategien wie Kinderarbeit zurückgreifen müssen. Berufsbildung und technische Qualifizierung können zudem die Beschäftigungsfähigkeit verbessern und den Übergang in besser bezahlte sowie weniger gefährliche Tätigkeiten erleichtern.
Chancen und Risiken neuer Technologien
Der technologische Wandel birgt sowohl Risiken als auch Chancen für die Arbeit in der Landwirtschaft. Mechanisierung und Digitalisierung können körperlich belastende Tätigkeiten verringern und die Produktivität steigern. Dies erfordert jedoch neue Kompetenzen. Traktoren ersetzen zwar körperliche Arbeit, es entsteht jedoch Bedarf an Arbeitskräften, die diese Maschinen bedienen und reparieren können. Digitale Dienstleistungen – etwa für Beratung, Zahlungen oder Kreditvergabe – können die Leistung von Betrieben steigern und gleichzeitig neue, höher qualifizierte Arbeitsplätze schaffen – von App-Entwickler*innen bis zu lokalen Serviceanbieter*innen.
Um diese Chancen nutzen zu können, sind deutlich höhere Investitionen in die ländliche Bildung und in digitale Kompetenzen erforderlich. Wenn junge Menschen technische und unternehmerische Fähigkeiten vermittelt bekommen, kann ihnen das helfen, neue Rollen in den sich wandelnden Agrar- und Ernährungssystemen zu übernehmen. Dies kann sicherstellen, dass technologischer Fortschritt zu sozialem Fortschritt führt.
Der Weg nach vorn
Die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft zu verbessern ist nicht nur moralisch geboten, sondern auch wirtschaftlich und sozial notwendig. Menschenwürdige Arbeit trägt zu Produktivität, Stabilität und nachhaltiger Entwicklung bei – und ist damit von zentraler Bedeutung, um die Ziele der Agenda 2030 zu erreichen.
Dies umzusetzen erfordert eine gemeinsame Verantwortung:
- Regierungen sollten Arbeitsgesetze stärken und durchsetzen, die Entwicklung von Arbeiterorganisationen fördern, sozialen Schutz ausbauen sowie in Bildung und Infrastruktur investieren.
- Private Unternehmen müssen sich zu fairen Einkaufsmethoden, Mindestlöhnen, menschenwürdigen Arbeitsstandards und transparenten Lieferketten verpflichten.
- NGOs und Gewerkschaften spielen eine entscheidende Rolle bei der Organisation von Arbeitern, bei Interessenvertretung und Kontrolle.
- Verbraucher und Journalisten können öffentlichen Druck ausüben, dass Lebensmittel unter ethischen Kriterien produziert werden.
- Mehr Forschung und systematische Daten zu Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft sind notwendig, um eine evidenzbasierte Politikgestaltung zu ermöglichen und Fortschritte messen zu können.
Für den Weg nach vorn gibt es nicht die eine Lösung, sondern nur die Kombination aus starken Institutionen, fairen Handelsbeziehungen, befähigten Arbeitskräften und inklusivem Wirtschaftswachstum. Nur so können diejenigen, die die Welt ernähren, unter sicheren, fairen und würdigen Bedingungen arbeiten.
Quellen:
Meemken, E.-M., Aremu, O., Fabry, A., Heepen, C., Illien, P., Laitha, A., and Kammer, M. (2025). Policy for decent work in agriculture. Agricultural Economics. https://doi.org/10.1111/agec.70009
Aremu, O., Fabry, A., and Meemken, E.-M., 2024. Farm size and the quality and quantity of jobs—Insights from Nigeria. Food Policy. https://doi.org/10.1016/j.foodpol.2024.102731
Meemken, E.-M., Charlton, D., Maertens, M., Oya, C., Reardon, T., Christiaensen, L., Stemmler, H., 2024. Better data for decent work in the global food system. Nature Food. https://doi.org/10.1038/s43016-024-01002-0


