Deutsche Kaffeelieferketten: Wie Sozialaudits Verstöße besser aufdecken können
Für gerechte und faire Arbeitsbedingungen auf Plantagen können spezialisierte Befragungen einen bedeutenden Beitrag leisten.
Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.
Die globalen Kaffeelieferketten stehen vor erheblichen Herausforderungen, wenn es darum geht, Menschenrechtsverletzungen wie Kinderarbeit, Diskriminierung oder Belästigung aufzudecken. Solche Verstöße sind oft schwer erkennbar und erfordern von Auditor*innen fortgeschrittene Fähigkeiten. Um komplexe Machtverhältnisse zwischen Arbeitnehmenden und ihren Arbeitgebern, Produzent*innen oder Vorgesetzten zu navigieren, braucht es spezifische Techniken und viel Erfahrung. Während Umweltverstöße meist durch visuelle Überprüfung von Anlagen, Pestizidetiketten oder anhand dokumentarischer Nachweise nachweisbar sind, stützt sich die Feststellung sozialer Verstöße und Risiken stark auf Interviews als zentrale Informationsquelle.
Eines der führenden unabhängigen Zertifizierungssysteme ist 4C (Certification for Climate, Conservation, and Communities). Es setzt sich weltweit für die Förderung verantwortungsvoller Lieferketten für Kaffee und Kakao ein. Produzent*innen, Unternehmen – wie Exporteure und Importeure, Röster oder Einzelhändler – und Interessengruppen werden miteinander verbunden, um auf der Grundlage von Glaubwürdigkeit, Zusammenarbeit und kontinuierlicher Weiterentwicklung eine nachhaltige Verbesserung für Menschen, Umwelt und Märkte zu bewirken. Je robuster die Systeme zur Aufdeckung von Menschenrechtsverstößen sind, desto höher ist die Glaubwürdigkeit von Siegeln und Zertifizierungen auch für Verbraucher.
Trotz des soliden Rahmens des 4C Code of Conduct bestehen Verbesserungspotentiale im Standard-Auditverfahren, um während eines Audits die Ursachen sozialer Risiken effektiv zu identifizieren. Deshalb arbeitet 4C gemeinsam mit zwei Partnern an Lösungen, um diese Herausforderung anzugehen. Meo Carbon Solutions (MCS) ist ein unabhängiges Beratungsunternehmen für die Optimierung des CO2-Fußabdrucks, Klimastrategien, CO2-Märkte, Nachhaltigkeitszertifizierungen und Sorgfaltspflichten in der Lieferkette. MCS betreut kurz- und langfristige Projekte für Unternehmen, Ministerien und Institutionen in Europa, Asien, Afrika und Amerika.ISCC (International Sustainability and Carbon Certification) ist ein weltweit führendes Zertifizierungssystem, das darauf abzielt, rückverfolgbare, nachhaltige, abholzungsfreie und klimafreundliche Lieferketten von landwirtschaftlicher Biomasse, biogenen Abfällen, sowie nicht biologisch erneuerbare Materialien und recycelten kohlenstoffbasierte Materialien zu fördern.
Das gemeinsame Projekt „Fostering Social Auditing: Enhancing Issue Detection and Risk Identification through Responsive and Context-Specific Approaches” entwickelt verbesserte Auditmethoden und -instrumente, mit denen in der Kaffeeproduktion soziale Risiken präzise bewertet, bearbeitet und gemindert werden können, um das Wohlergehen und die Rechte aller beteiligten Personen zu gewährleisten.
Während der Basisstudie des Projekts wurden mehrere Herausforderungen im Bereich der Sozialaudits identifiziert und mit Best Practices und zukünftigen Lösungen abgeglichen. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse wurde ein umfangreiches Schulungsprogramm für 4C-Managing Entities (Produzentenorganisationen und Zertifizierungsstellen (Certification Bodies) entwickelt und durchgeführt. Produzentenorganisationen verwalten die Farmer, von denen sie Kaffee einkaufen. Das können Kooperativen sein, aber auch Exportfirmen oder nationale Föderationen, die eine Gruppe von Produzenten unter einem Zertifikat führen. Zertifizierungsstellen sitzen in den Anbauländern und auditieren dort, meist im Auftrag verschiedener Standards.
Im Folgenden werden zwei der Herausforderungen für Sozialaudits und bewährte Praktiken näher beleuchtet.
Kenntnisse und Fähigkeiten des Auditors/der Auditorin
Sozialaudits erfordern ausgeprägte soziale Kompetenzen. Da sich Audits traditionell stark auf Umweltaspekte wie den Einsatz von Pestiziden, Agrochemikalien oder Düngemitteln konzentrieren, sind viele Auditor*innen hauptsächlich in technischen Bereichen ausgebildet und geschult. Für soziale Kriterien ist hingegen entscheidend, Vertrauen zu den Befragten aufzubauen, da sich viele von ihnen eingeschüchtert fühlen. Eine einladende Atmosphäre vor Beginn des Interviews ist daher zentral. Bewährte Praktiken sind eine freundliche und vertrauenswürdige Haltung gegenüber den Arbeiter*innen, eine sanfte Gesprächsheranführung, bevor man mit den Fragen beginnt, das Formulieren offener Fragen, die Durchführung von Gruppeninterviews bevor man zu Einzelinterviews übergeht, sowie die Weitergabe der Kontaktdaten des/der Auditors/*in.
„Wenn ich ein Interview beginne, versuche ich nicht wie jemand zu wirken, der bewertet, denn letztendlich bewerten wir nicht die Arbeitnehmer, sondern die Organisation (…)“, erläutert ein Auditor in Lateinamerika. „Es ist wichtig, auf Arbeiter*innen zuzugehen, ihnen Vertrauen zu vermitteln und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie nicht bewertet werden und dass ihre Aussagen ihnen nicht schaden können. Das ist das Erste, was ich tue.“
Komplexe Machtverhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeiter*innen, oder mit anderen Personen in Machtpositionen, wie etwa Familienoberhäuptern, erschweren soziale Audits. Ein Auditor in Vietnam berichtet, dass die Experten „in der Regel von einem lokalen Gesandten der Produzentenorganisation (Managing Entity) begleitet und unterstützt [werden], um die zu befragenden Personen zu treffen“. Diese bitten sie zwar vor dem Interview, den Raum zu verlassen, doch könnten sich manche Befragte unsicher oder überwacht fühlen. Dann gelte es, sensibel abzuwägen: Ermutigung zum Teilen von Informationen darf nicht in Druck umschlagen, der zu falschen Aussagen führt. Eine gängige Strategie ist es, die Stichprobe zu vergrößern und mehr Menschen zu befragen, wenn Unsicherheiten bestehen oder ein Risiko vermutet wird.
Eine Auditorin in Kolumbien beschreibt dies so: „Wenn eine Arbeiter*in nicht befragt werden möchte, überlegen wir, warum. Es könnte Nervosität sein – aber wenn wir einen anderen Grund vermuten, erweitern wir die Stichprobe, um zu verstehen, ob es lediglich Schüchternheit ist oder ein potenzielles Risiko in der Organisation.”
Zudem ist ein menschenrechtsspezifischer Ansatz entscheidend: Auditor*innen sollten mit dem lokalen Kontext, den relevanten Gesetzen, den kulturellen Normen und dem sozioökonomischen Umfeld der Produktionsländer und -regionen vertraut sein. Auch Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit der Befragten sollten bei der Auswahl der zu auditierenden Person berücksichtigt werden – etwa durch weibliche Auditorinnen für Gespräche mit Frauen.
Ebenso wichtig ist es, Warnsignale für Menschenrechtsverletzungen erkennen zu können. Die Fähigkeit, Anzeichen von Kinderarbeit, Zwangsarbeit oder Belästigung frühzeitig zu identifizieren, setzt spezielle Sensibilisierung und Erfahrung voraus. „Viele Auditor*innen sind traditionell studierte Agronomen und daher in Umweltfragen gut geschult. Die Fähigkeiten, die für Sozialaudits wichtig sind, erfordern jedoch in der Regel mehr Zeit und Schulung“, erklärt Katia Masia-Bröcker von Meo Carbon Solutions. Das Projekt hat deshalb ein mehrstufiges Trainingsprogramm in Vietnam und Kolumbien entwickelt und pilotiert, um diese Kompetenzen gezielt zu stärken.
Auditgestaltung und -techniken
Neben der vertrauensvollen Interviewatmosphäre spielen auch die Sprache und die Terminologie eine wichtige Rolle. Fachbegriffe wie „Zwangsarbeit“ (forced labour) können von Befragten missverstanden werden, besonders in Regionen mit verschiedenen lokalen Sprachen. „Wir hatten in der Vergangenheit Auditoren, die auf unsere Farm kamen und die Arbeiter*innen direkt fragten, ob sie hier Zwangsarbeit (trabajo forzoso) verrichten würden“, berichtet eine Farmmanagerin aus Kolumbien. „Die Arbeiter*innen kannten diesen Begriff nicht und verstanden ihn einfach als Arbeit, die viel körperliche Kraft erfordert, und sie antworteten: Ja, sicher, wir arbeiten hier wirklich hart.“ Um Missverständnisse zu vermeiden, sollten Auditor*innen einfache, der Situation angepasste Sprache verwenden, lokale Sprachen berücksichtigen und gut geschulte Dolmetscher einsetzen.
Für die Umsetzung spezifischer Audit-Inhalte bieten Zertifizierungssysteme Audit-Checklisten an, die Vorgaben des Systems in Kriterien und Checkpunkte unterteilen, wie zum Beispiel „Kinder unter 15 Jahren (oder unterhalb des lokalen gesetzlichen Schulalters) sind nicht Teil der regulären Belegschaft“. Solche herkömmlichen Checklisten mit Ja-Nein-Fragen, wie etwa „Beschäftigen Sie Kinder auf dieser Farm?“, liefern in sensiblen Interview-Situationen selten verlässliche Ergebnisse. Viele Befragte wissen, welche Antwort erwartet wird – oder interpretieren Begriffe anders. Zudem ist die Grenze zwischen erlaubter Mithilfe von Kindern im Familienkontext und verbotener Kinderarbeit oft schwer zu erkennen. Hilft ein Kind den Eltern nach der Schule für eine begrenzte Zeit bei der Hausarbeit, oder nehmen Tätigkeiten dem Kind seine Kindheit und behindern seine Bildung?
Bewährt haben sich in diesem Zusammenhang offene und kontextbezogene Fragen wie „Ich habe gehört, dass die Leute in dieser Region schon mit dem Kaffeeanbau groß werden. Würden Sie sagen, dass das stimmt?“. Ergänzen können kontextbezogene Fragen zu Risikofaktoren wie der Entfernung zur nächsten Schule, den (öffentlichen) Transportmitteln, den regulären Schul-, Pausen- und Ferienzeiten, oder eine Überprüfung vor Ort (z.B. um festzustellen, ob Wanderarbeiter*innen mit ihren Familien auf der Plantage leben). Ebenso empfiehlt sich eine Gegenprüfung mit anderen Informationsquellen wie Schulregistern, Schulpersonal, Gemeindevorstehern oder NGOs.
Die im Rahmen des Projekts durchgeführten Trainings haben genau diese Fähigkeiten vermittelt. Sie gaben den Teilnehmenden konkrete Werkzeuge an die Hand, um soziale Risiken besser zu erkennen und Sozialaudits wirkungsvoller umzusetzen. Das wurde in positivem Feedback mehrfach gewürdigt, und es zeigte sich seitens der Auditor*innen verschiedener Zertifizierungsstellen eine ermutigende Offenheit, ihre Erfahrungen und Best Practices auszutauschen. Das Projekt wird im weiteren zusätzliche Leitfäden und praktische Instrumente für Auditor*innen und Produzentenorganisationen entwickeln.
4C arbeitet mit der Welthungerhilfe in verschiedenen Projekten zusammen, vor allem bei der Zusatzzertifizierung zum Food Security-Standard, die von Meo Carbon Solutions und der WHH zusammen entwickelt wurde.


