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  • Wirtschaft & Menschenrechte
  • 12/2025
  • Dr. Pierre Girard, Guillaume Soullier, Dibyaudh Das *

Ein notorisches Defizit: menschenwürdige Arbeit im Agrar- und Ernährungssektor

Ob Entlohnung, Sicherheit oder sozialer Schutz: Arbeitsumfelder sind so vielfältig wie Produktionsweisen. Erkenntnisse in Ghana zeigen, wo Besserung ansetzen kann.

Ein Gelegenheitsarbeiter wird entlohnt. Bei einem Projekt für ländliche Investitionen und gute Arbeit kooperieren die ILO und die Regierung von Madagaskar. © Zoll Rabe/ILO via Flickr CC BY-NC-ND 2.0

Alle in der Welternährung geäußerten Ansichten sind die der Autor*innen und spiegeln nicht zwangsläufig die Ansichten oder die Positionen der Welternährungsredaktion oder der Welthungerhilfe wider.

Ein großer Teil der Weltbevölkerung ist im Agrar- und Ernährungssektor beschäftigt. Global sind dies schätzungsweise 1,2 Milliarden Menschen. Mehr als 3,8 Milliarden Menschen leben in Haushalten, deren Existenzgrundlagen von der Agrar- und Ernährungswirtschaft abhängen (Davis et al., 2023)(1). Doch trotz der großen Bedeutung dieses Wirtschaftszweigs für die Beschäftigung vieler Länder weist er notorisch wenig menschenwürdige Arbeitsplätze auf (Meemken et al., 2025).

Deshalb ist das Thema dringlicher denn je, vor allem in einer Zeit, in der technologische Innovationen und Klimabelastungen den Agrar- und Ernährungssektor in einer globalisierten, volatilen und von wachsenden Ungleichheiten geprägten Welt neu gestalten. Um die gegenwärtigen Defizite bei menschenwürdiger Arbeit besser zu verstehen, gilt es zu analysieren, wie Arbeit organisiert ist und welchen Einfluss verschiedene Agrar- und Ernährungsmodelle auf die Arbeitsbedingungen haben.

Das Konzept der menschenwürdigen Arbeit neu definieren

Das Konzept der menschenwürdigen Arbeit wurde 2008 mit der Erklärung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) über soziale Gerechtigkeit für eine faire Globalisierung institutionalisiert. Die ILO definiert menschenwürdige Arbeit als „produktive Arbeit für Frauen und Männer unter Bedingungen der Freiheit, Gleichheit, Sicherheit und Menschenwürde“. Dieses Konzept beruht auf vier Säulen:

1) Zugang zu produktiver und angemessen vergüteter Arbeit;

2) Rechte am Arbeitsplatz, die Sicherheit und Gesundheit gewährleisten;

3) Zugang zu sozialer Sicherheit, die Arbeitnehmer:innen vor den Risiken des Lebens schützt;

4) Freiheit der Menschen, ihre Rechte im Rahmen des sozialen Dialogs auszuüben.

Das Konzept wurde ursprünglich im Rahmen der formellen Lohnarbeit entwickelt, es ist deshalb nur begrenzt auf den Agrar- und Lebensmittelsektor anwendbar. Denn dort herrschen oft Familienarbeit, Informalität und vielfältige Vertragsvereinbarungen vor (Contzen et al., 2025).

Um das Konzept in heutigen Agrar- und Ernährungssystemen sinnvoll anzuwenden, müssen wir über bestehende Standarddefinitionen hinausgehen. Es müssen vor allem die verschiedenen Kategorien von Arbeitnehmer:innen und ihre Aufgaben sowie die Arbeitsorganisationen berücksichtigt werden. Diese sind im  Agrar- und Ernährungssektor sehr unterschiedlich. (Girard et al., 2025).

Informelle Jobs in der Fischerei: Männer und Frauen beim Trocknen von Fisch in Bangladesh. © Muhammad Amdad Hossain/ILO via Flickr CC BY-NC-ND 2.0

So sind Arbeitende allein oder in Gruppen, an unterschiedlichen Arbeitsplätzen und mit verschiedenen Qualifikationen tätig. Sie verrichten Aufgaben, die sich hinsichtlich Intensität, Vergütung, Flexibilität, Arbeitssicherheit oder Gesundheitsrisiken unterscheiden. Deshalb sind die Indikatoren für menschenwürdige Arbeit an die jeweiligen Sektoren anzugleichen, um die Vielfalt der Agrar- und Ernährungssysteme zu berücksichtigen, einschließlich der informellen, familienbasierten und oft befristeten Beschäftigungsverhältnisse.

Menschenwürdige Arbeit - zentrale Herausforderungen

Die erste große Herausforderung menschenwürdiger Arbeit ist die anhaltende ungleiche Entlohnung. In einem Sektor, in dem die Arbeit von Familien direkt mit den Einkommen der landwirtschaftlichen Betriebe verbunden ist, kann menschenwürdige Arbeit nicht von Themen wie schwankenden Agrarpreisen und der Verteilung von Wert entlang der Wertschöpfungskette getrennt werden. Die Machtverhältnisse innerhalb der Wertschöpfungsketten sowie die Art der Integration in die Weltmärkte beeinflussen alle, wer Wert für sich beansprucht.

Ein höheres Einkommen der Erzeuger oder der Wertschöpfungskette führt jedoch nicht unbedingt zu einer besseren Bezahlung aller Beschäftigten. Die große Vielfalt der Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitsformen – darunter Frauen, Familienangehörige, Festangestellte, Tagelöhner, Akkordarbeiter und Pächter – führt zu sehr ungleichen Vergütungsregelungen, die oft die Schwächsten benachteiligen (Oya & Pontara, 2015).

Eine zweite Herausforderung betrifft die Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz sowie das Arbeitsumfeld (OSHE). Dieses Thema wird häufig übersehen. Es gibt Belege dafür, dass es in der Landwirtschaft weitaus häufiger zu Arbeitsunfällen kommt als in anderen Wirtschaftszweigen. Es sind vor allem Frauen, die sich unverhältnismäßig häufig im Globalen Süden bei der Arbeit schwer verletzen (Sherrer 2019). Wegen oft mangelnder Ausbildung sind Landwirte und Landarbeiter durch Maschinen und den Einsatz von Pestiziden zusätzlich gefährdet. Schwere körperliche Arbeit bleibt eine zentrale Herausforderung, denn ein guter Teil der landwirtschaftlichen Arbeit wird nach wie vor von Hand verrichtet.

Mechanisierung kann Schwerarbeit zwar verringern, Überlastung von Arbeitskräften mindern und dazu beitragen, die Anbauflächen zu vergrößern. Doch stellt sich dann die Frage, wer die zusätzliche Arbeitsbelastung aufgrund der vergrößerten Flächen übernimmt und wie ein übermäßiger Abbau von Arbeitskräften zu vermeiden ist. Dies ist insbesondere in Afrika ein Problem. Denn dort muss der Sektor auch in Zukunft Arbeitsplätze für eine große Zahl junger Menschen schaffen, die in ländlichen Gebieten in den Arbeitsmarkt drängen.

Eine dritte Herausforderung stellt sich in den informellen Produktionsstrukturen. Viele landwirtschaftliche Betriebe und Lebensmittelunternehmen haben keine Rechtspersönlichkeit. Und das formelle Arbeitsrecht greift deshalb nicht. So haben die Beschäftigten weder durchsetzbare Rechte, noch Sozialschutz oder berufliche Anerkennung. Die Informalität schwächt zudem die Möglichkeit der Arbeitnehmer, sich zu organisieren. Da die wenigsten von ihnen einer Gewerkschaft angehören, gibt es keine Struktur für Tarifverhandlungen. Die im Globalen Süden vorherrschenden vielfältigen Strategien, den Lebensunterhalt zu bestreiten, bedingen recht heterogene Interessen unter Arbeitern und Landwirten. Dies verstärkt den geringen Grad gewerkschaftlicher Organisation und schränkt die Fähigkeit ein, gemeinsam für kollektive Interessen einzustehen (Meemken et al., 2025).

Eine letzte Herausforderung ist der Mangel an verlässlichen und nach Kategorien aufgeschlüsselten Daten zur Beschäftigung in der Landwirtschaft. Obwohl das Problem prekärer Beschäftigungsverhältnisse in Agrar- und Ernährungssystemen weithin gesehen wird, sind die verfügbaren Indikatoren begrenzt und selten nach Kategorien von Arbeitenden unterteilt (Oya, 2016). Dieser Datenmangel schränkt die Möglichkeiten von Regierungen erheblich ein, wirksame Maßnahmen zu entwickeln, um die Qualität von Beschäftigung zu verbessern. Initiativen wie das ghanaische Projekt JobAgri (2) tragen dazu bei, dieses Problem anzugehen.

Erkenntnisse aus Ghana: das JobAgri Projekt

JobAgri liefert wichtige Erkenntnisse über die Arbeitsbedingungen im ghanaischen Agrar- und Lebensmittelsektor. Im vergangenen Jahr hat das Projekt in der Region Bono East umfassend Daten erhoben und dabei 960 landwirtschaftliche Erzeugerhaushalte, 30 Großbetriebe, 664 Unternehmen in der Mais-Wertschöpfungskette sowie 1.200 Arbeiter befragt. Die Region, die sich durch sehr unterschiedliche Anbausysteme und Strukturen von Wertschöpfungsketten auszeichnet, liefert wertvolle Einblicke in die Realität menschenwürdiger Arbeit vor Ort.

Erste Ergebnisse zeigen eindeutig, dass „menschenwürdige Arbeit“ nicht für alle Arbeitenden dasselbe bedeutet. Entlang der Wertschöpfungskette bei Mais gehört beispielsweise das Schleppen und Verladen von Säcken zu den wichtigsten Aufgaben. Diese Arbeit erledigen nach wie vor männliche Gelegenheitsarbeiter von Hand. Auch wenn die Anzahl der Arbeitsplätze in dem Bereich auf den ersten Blick positiv erscheint, werfen die damit verbundene körperliche Belastung und Mühsal ernsthafte Fragen auf, was die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz betrifft.

Bei den Arbeiten auf den Farmen sind die Risiken unterschiedlich verteilt (Abbildung 1). So erfolgt beispielsweise das sogenannte Anhäufeln von Erde an der unteren Basis von Yamswurzeln ausschließlich durch Männer. Es sind meist Gelegenheitsarbeiter oder Tagelöhner. Diese arbeitsintensive Tätigkeit, die oft gebückt oder in der Hocke ausgeführt wird, kann leicht Beschwerden am Rücken verursachen. Das eigentliche Pflanzen, das in der Regel sowohl von männlichen als auch von weiblichen Familienmitgliedern erledigt wird, birgt weniger Risiken. Beim Einsatz von Herbiziden sind sowohl Familienmitglieder als auch Gelegenheitsarbeiter, meistens Männer, erheblichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Hautverbrennungen durch Pestizide sind keine Seltenheit.

Abb. 1: Arbeitsverteilung nach unterschiedlichen Aufgaben

Quelle: JobAgri Survey (Legende: chemische und manuelle Unkrautbekämpfung + Pflanzen/Umpflanzen + Anhäufeln)

Zudem belasten Umweltrisiken die Arbeit in der Landwirtschaft. Laut einer Umfrage von JobAgri leiden rund 90 Prozent der Arbeitnehmer unter Hitze und 80 Prozent unter Staubbelastung. Lärm und schwere Lasten kommen bei der Feldarbeit weniger vor, entlang der Wertschöpfungskette bei Mais jedoch umso häufiger. Auch der Stress, dem viele Betriebsleiter (farm manager) ausgesetzt sind, wird oft übersehen.

Darüber hinaus gibt es eine große Ungleichheit zwischen Festangestellten und Saisonarbeitern. Kam es im vergangenen Jahr zu einem Arbeitsunfall oder zu einem anderen Gesundheitsproblem, übernahmen die Arbeitgeber bei 68 Prozent der Festangestellten die medizinischen Kosten, aber nur bei 29 Prozent der Gelegenheitsarbeiter. Grundsätzlich gilt: je höher die Risiken, desto geringer der Schutz.

Die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den Einkommen zeigen ein ähnliches Bild. Weibliche Arbeitskräfte sind die am stärksten benachteiligte Gruppe unter den Gelegenheitsarbeitern und verdienen im Durchschnitt 42 Prozent weniger als Männer. Diese Differenz variiert je nach Kulturpflanze und Aufgabe stark. So verdienen Frauen beim Maisanbau beispielsweise 68 Prozent weniger als Männer, während sich bei der Ernte der Unterschied auf etwa 10 Prozent verringert. Um diese Gender Gaps auf den ländlichen Arbeitsmärkten zu verringern, sind daher jeweils aufgaben- und kulturspezifische Interventionen erforderlich.

Es geht um mehr als nur die Zahl der Arbeitsplätze

Dies alles zeigt, dass menschenwürdige Arbeit im Agrar- und Ernährungssektor davon abhängt, wie Landwirte und Arbeitnehmer organisiert sind, welche Tätigkeiten sie ausführen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten, welche Technologien sie einsetzen und mit welchen Marktstrukturen sie zu tun haben. Die Verteilung von Aufgaben wird beeinflusst durch die Größe der Betriebe, technische Entscheidungen sowie den Grad der Integration in die Wertschöpfungsketten. Kurz gesagt: Das Ziel einer besseren Qualität der Arbeitsplätze kann nicht losgelöst werden von der breiteren Debatte, welches Agrar- und Ernährungsmodell Ghana fördern möchte.

Um bedeutende Fortschritte zu erzielen, braucht es sowohl Technik wie auch Schulungen. Das Heben schwerer Lasten kann z.B. teilweise mechanisiert werden. Dies verlangt allerdings, Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen fortzubilden, um genau zu verstehen, wie sich körperliche Belastungen verringern lassen. Sollen die Bauern weniger Unkrautbekämpfungsmittel einsetzen, was in der Region ein wichtiges Anliegen ist, dann müssen ihnen praktikable Alternativen angeboten werden, und sie müssen umfassend über die mit Agrochemikalien verbundenen Gesundheitsrisiken aufgeklärt werden.

Für die Transformation der Arbeitswelt in der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Ghana reicht es nicht aus, lediglich die Zahl der Arbeitsplätze zu erfassen. Es bedarf einer genauen Analyse der Arbeitssysteme unter gleichzeitiger Berücksichtigung der ökologischen Nachhaltigkeit und Klimaresilienz. Um die Arbeitsplatzqualität zu verbessern, sind Maßnahmen erforderlich, die technisch angemessen, institutionell verankert und sozial inklusiv sind.

Ein bewährter Ansatz, um den Agrar- und Ernährungssektor zu einer Quelle menschenwürdiger Arbeit und nachhaltiger Lebensgrundlagen zu machen, ist eine Kombination aus sozialem Dialog, rechtebasierten Rahmenbedingungen und evidenzbasierter Politikgestaltung.

* Alle Autoren dieses Artikels:

Dr. Pierre Girard CIRAD, Agricultural Research Center for International Development.
Guillaume Soullier CIRAD, Agricultural Research Center for International Development
Sara Mercandalli CIRAD (Agricultural Research Center for International Development)
Jean-Michel Sourisseau CIRAD (French Agricultural Research Center for International Development)
Dibyaudh Das * International Labour Organization (ILO)

Fußnoten:

(1) Die Situation variiert von Kontinent zu Kontinent. Mit 792 Millionen Beschäftigten ist der Agrar- und Ernährungssektor in Asien am wichtigsten, gefolgt von Afrika mit 286 Millionen, Amerika mit 104 Millionen und Europa mit 46 Millionen Beschäftigten. Andererseits macht der Agrar- und Ernährungssektor 53 Prozent der Gesamtbeschäftigung in Afrika und 35 Prozent in Asien aus. In beiden Regionen umfasst die Landwirtschaft den größten Teil des Sektors (48 bzw. 29 Prozent).

(2) JobAgri ist ein vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziertes und von der ILO koordiniertes Projekt. CIRAD und das Institut für Sozial-, Statistik- und Wirtschaftsforschung der Universität Ghana sind für die Datenerhebung zuständig.

Referenzen:

Contzen, S., Santhanam-Martin, M., Beecher, M., Hostiou, N., & Nettle, R. (2025). Revisiting the concept of ‘decent work’ for agriculture. Journal of Rural Studies, 120, 103872. doi.org/10.1016/j.jrurstud.2025.103872

Davis, B., Mane, E., & Gurbuzer, L. Y. (2023). Estimating global and country-level employment in agrifood systems. FAO. doi.org/10.4060/cc4337en

Girard, P., Hostiou, N., Diallo, I., & Dedieu, B. (2025). Le travail décent en agriculture: L’appréhender au prisme de l’organisation familiale du travail et des modèles productifs en Afrique (Dialogues de Politiques Publiques). AFD.

Meemken, E., Aremu, O., Fabry, A., Heepen, C., Illien, P., Kammer, M., & Laitha, A. (2025). Policy for Decent Work in Agriculture. Agricultural Economics, e70009. doi.org/10.1111/agec.70009

Oya, C. (2016). Decent work indicators for agriculture and rural areas: Conceptual issues, data collection challenges and possible areas for improvement. 38. doi.org/10.1481/icasVII.2016.a05b

Oya, C., & Pontara, N. (2015). Understanding rural wage employment in developing countries. In Rural Wage Employment in Developing Countries: Theory, Evidence, and Policy (pp. 1–36). Taylor & Francis. books.google.co.za/books

Scherrer, C., & Radon, K. (2019). Occupational Safety and Health Challenges in Southern Agriculture: Vol. Volume 15 (Christoph Scherrer). Rainer Hampp Verlag. kobra.uni-kassel.de/items/4da69f12-d2e9-4e22-a835-e08e24316e54

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