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  • Wirtschaft & Menschenrechte
  • 12/2020
  • Molly Namirembe
Schwerpunkt

Von der Kinderarbeiterin zur Aktivistin: Eine Geschichte aus Uganda

Wie eine Hilfsorganisation Mädchen und Jungen aus der Kinderarbeit holt und bei Behörden Überzeugungsarbeit leistet.

Regelmäßig trifft sich ein "Club" zur Aufklärung über Kinderrechte. Die Organisation ECO hat in Uganda in fünf Jahren rund 1200 Mädchen und Jungen aus der Kinderarbeit herausgeholt. © ECO

In Uganda gibt es über zwei Millionen Kinderarbeiter, 70 Prozent davon arbeiten in der Landwirtschaft. Kinderarbeit ist einer der Hauptgründe für die Verletzung von Kinderrechten. Nur wenige Fälle werden aber strafrechtlich verfolgt, da vor allem in ländlichen Gebieten die Meinung weit verbreitet ist, arbeitende Kinder seien stark und widerstandsfähig und deshalb auch in der Zukunft erfolgreich. Viele Menschen begründen ihren Erfolg sogar damit, dass sie schon als Kind hart gearbeitet hätten.

Ich selbst war elf Jahre alt, als ich nach dem Tod meiner Eltern begann, mit anderen Kindern auf einer Teeplantage in Masaka in Zentral-Uganda zu arbeiten. Es war der einzige Weg für uns, Geld zum Überleben zu verdienen. 

Wir standen jeden Tag sehr früh auf. Durch den nassen Tau ging es zu den Teeplantagen zum Pflücken, bevor um acht Uhr die Schule begann. Die Arbeit war äußerst anstrengend und ermüdend, Insekten stachen uns, und wir waren schutzlos dem Versprühen von Pestiziden ausgesetzt. Niemand verurteilte diese Ausbeutung, im Gegenteil, wir wurden gelobt und galten für andere Kinder als Vorbild. Ich werde die Zeit, die uns große Schmerzen und Wunden zugefügt hat, niemals vergessen. 

Viele Kinder, die zur Kinderarbeit in der Landwirtschaft verdammt sind, werden ihre Träume und Talente leider niemals verwirklichen können. Viele junge Mädchen heiraten viel zu früh und bekommen Kinder, um dieser Arbeit zu entfliehen. Ich kann aufgrund meiner Erfahrung nur sagen: Ein Kind unter 18 Jahren sollte niemals zur Kinderarbeit gezwungen werden.  

Ein Kind unter 18 Jahren sollte niemals zur Kinderarbeit gezwungen werden.

Molly Namirembe, ehemalige Kinderarbeiterin

Es gibt viele unterschiedliche Gründe für Kinderarbeit: dazu gehören Armut, kulturelle Faktoren, begrenzter Schulbesuch besonders in ländlichen Gegenden, der Tod von Eltern sowie hohe Arbeitslosigkeit. Hinzu kommt, dass Arbeits- und Kinderschutzgesetze kaum durchgesetzt werden und die verantwortlichen Behörden hoffnungslos unterfinanziert sind. 

Ich arbeite inzwischen für Ecological Christian Organization (ECO), eine ugandische Nichtregierungsorganisation, die sich für den Schutz von Kindern einsetzt. Wir stützen uns auf die SCREAM-Methode der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und versuchen, mit Theater, Musik, kreativem Schreiben und Medienarbeit über Kinderarbeit aufzuklären. 

Wir haben es geschafft, in den vergangenen fünf Jahren rund 1200 Mädchen und Jungen aus der Kinderarbeit herauszuholen. Wir haben für sie eine Berufsausbildung organisiert, sie über Möglichkeiten informiert, eine eigene kleine Firma zu gründen und ihre Familien unterstützt. Wer an unseren Programmen teilnimmt, kann selbst entscheiden, entweder zur Schule zu gehen, oder gleich einen Beruf zu erlernen. 

In einigen Dörfern hat ECO Projektgruppen gebildet, in denen geschulte Mitglieder des Dorfes über die Gefahren von Kinderarbeit aufklären. © ECO

Wir versuchen aber auch, Kinderarbeit vorbeugend zu bekämpfen. So haben wir in einigen Dörfern Projektgruppen gegen Kinderarbeit gebildet, von uns geschulte Mitglieder des Dorfes klären über die Gefahren von Kinderarbeit auf. Wir unterstützen außerdem kleine Unternehmen dabei, mit konkreten Regeln Kinderschutz umzusetzen. 

Und wir versuchen, die angespannte wirtschaftliche Lage vieler armer Kleinbauernfamilien zu verbessern: mit Ziegenzucht, Hinterhofgärten, der Verteilung von Saatgut und Setzlingen und anderen Maßnahmen, die ihr Einkommen aufbessern. Lokale Spar- und Kreditvereine sollen den Eltern helfen, ihre Kinder auch langfristig unterstützen zu können. 

ECO arbeitet auch mit den ugandischen Behörden direkt zusammen, um Kinderarbeit zu beseitigen. So haben wir in den vergangenen fünf Jahren mit rund 40 gemeinsamen Kontrollen versucht, Kinderschutzrechte konkret durchzusetzen. Mit dem Direktorat für Geologische Untersuchungen im Bergbau haben wir ein Gesetz überprüft, das die Rechte von Kinderarbeitern, ein lukratives Geschäft in Ost- und Nordostuganda, schützen soll. 

Kinderclubs haben Verbot erreicht 

Wir sehen die Kinder nicht nur als Opfer an; sie sind für uns vielmehr wichtige Akteure, da sie Kinderarbeit aus eigener Anschauung kennen und sie gute Ideen zur Lösung des Problems haben. In Bugiri, einem Bezirk, in dem Kinder beispielsweise in der Fischerei, im Reis- und Zuckerrohranbau arbeiten, haben wir Kinderclubs organisiert, die von Behörden und anderen Interessengruppen verlangen, stärker gegen Kinderarbeit vorzugehen. Mit einer Eingabe an den Bezirksrat haben es Kinder dort geschafft, dass im November 2019 ein Gesetz verabschiedet wurde, das Kinderarbeit verbietet und diejenigen streng bestraft, die Kinder beschäftigen.   

Wir müssen endlich erreichen, dass mehr Entscheidungsträger auf allen Ebenen über Kinderschutzrechte aufgeklärt werden. Vertreter aller Interessengruppen bis hin zum Parlament müssen daran mitarbeiten, Kinderarbeit für immer zu beseitigen. Da die meisten Kinder in der Landwirtschaft arbeiten, sollte das Ministerium für Landwirtschaft, Viehzucht und Fischerei aktiv im nationalen Kommittee zur Beseitigung von Kinderarbeit mitarbeiten. Leider aber sind es die Ministerien für Gender und Bildung, die bei diesem Thema federführend sind, und nicht das Landwirtschaftsministerium.

Kinderschutz braucht Politikwechsel 

Vieles ist inzwischen geschehen, damit Kinder- und Zwangsarbeit zurückgehen. Uganda hat im Laufe der Jahre einige internationale Übereinkommen zur Kinderarbeit unterzeichnet und nationale Gesetze zum Kinderschutz erlassen. Doch reicht dies bei weitem nicht aus. Wir benötigen einen Politikwechsel und einen sensibleren Umgang mit Kinderschutz. Wir müssen Vorschriften überprüfen und ändern, die immer noch jegliche Form von Kinderarbeit ignorieren. So erkennt beispielsweise das Beschäftigungsgesetz Kinderarbeit im Haushalt nicht an, obwohl dies eine weit verbreitete Geißel ist, die von Tag zu Tag zunimmt. 

Wir brauchen auch ein neues Minen- und Mineraliengesetz, da das aktuelle Gesetz zum Thema Kinderarbeit schweigt. Auch das Kaffeegesetz von 2018 blendet das Problem völlig aus, obwohl doch viele Kinder beim Kaffeeanbau helfen. Auch könnte ein Mindestlohn, besonders in der Landwirtschaft, zu mehr Beschäftigung von Erwachsenen führen und billige Kinderarbeit damit langfristig zurückdrängen. 

Zur Beseitigung von Kinderarbeit und für den Kinderschutz werden ausreichend Mittel benötigt, an denen es leider oft mangelt. So gehört das Ministerium für Gender, Arbeit und soziale Entwicklung, das auch für den Kinderschutz zuständig ist, zu den am schlechtesten finanzierten Ministerien. Erschwerend kommt hinzu, dass Kinderschutzbüros lokal von den Bezirken finanziert werden. Deren Steuereinnahmen aber sind aufgrund der Corona-Pandemie und der ernsten Lage von Unternehmen stark eingebrochen. Ohne finanzielle Unterstützung werden die Kinderschutzbüros ihre Arbeit vermutlich einstellen müssen. 

Unsere Forderungen sind klar: Die Regierung muss dem Kinderschutz, der Bildung und der Beseitigung der Kinderarbeit Vorrang einräumen und dafür genügend Mittel bereitstellen. Unsere Kinder zu schützen ist keine Option, sondern eine wichtige und lebensnotwendige Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung unseres Landes.   

Molly Namirembe Ecological Christian Organization, Uganda
Letzte Aktualisierung 11.12.2020

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