Abitur, und dann?! Welthungerhilfe! – Gedanken eines Auszubildenden

Fabio: An meinem Arbeitsplatz in der Welthungerhilfe.
Fabio: An meinem Arbeitsplatz in der Welthungerhilfe.

Hi! Ich bin Fabio, 20 Jahre alt und Azubi bei der Welthungerhilfe. Ich arbeite bereits seit ziemlich genau zwei Jahren hier. Wie es dazu kam? Eigentlich hab ich einfach nur Glück gehabt. Wie so viele stand ich nach dem Abi ohne Plan da. 13 Jahre lang der gleiche Trott und von heute auf morgen war alles vorbei. Jetzt hatte ich mein Abitur bestanden – wenn auch mit eher mäßigem Erfolg. Doch was nun?

So viele verschiedene Studiengänge, Ausbildungsberufe und Möglichkeiten. „Jetzt geht der Ernst des Lebens los!“ hieß es immer. Doch wie soll der bitte aussehen? Die Masse an Informationen, die es zu durchforsten gab, überforderten einen eher gemütlichen 18-jährigen Schüler wie mich völlig und ich glaube, da war ich nicht der einzige.

Von meiner enorm engagierten Mutter, die sich Sorgen um die Zukunft ihres Sohnes machte, hagelte es Vorschläge in Form von ausgedruckten Internetseiten und Zeitungsannoncen. Doch was ist das einzige, was man nach 13 Jahren Schule im Kopf hat? Richtig, erst mal chillen!

„Genug gechillt“

Wie unendlich entspannt der Alltag eines Schülers eigentlich ist, sollte ich schon bald am eigenen Leib erfahren. Wie verwöhnt ich doch war, mich über die siebte und achte Stunde Italienisch-Unterricht eines jeden Montags zu beschweren! „Du hast jetzt mal genug gechillt!“ lautete das einstimmige Fazit meiner Eltern nach einigen Monaten Feiern der neu erworbenen Freiheit und Ausschlafen bis 14 Uhr. Über eine Freundin meiner Mutter flatterte der nächste Zukunftsvorschlag bei mir ein: Ein Bundesfreiwilligendienst bei der Welthungerhilfe in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. „Einer von gefühlt tausenden“ dachte ich mir zunächst, doch es sollte der letzte bleiben. Was ich hörte und las gefiel mir unglaublich gut – und ich bewarb mich. Überraschend schnell bekam ich Rückmeldung. Bevor ich eigentlich wusste wie mir geschah hatte ich den Job!

Direkt am Montag nach dem Abiball ging’s los. In eine mir völlig fremde Welt. Das Pendeln von Köln nach Bonn und die 39 Arbeitsstunden in der Woche – wie gesagt, ich würde noch erkennen, wie viel Freizeit Schüler eigentlich haben – hauten mich ganz schön vom Hocker. Die ersten zwei Wochen meines Arbeitslebens bestanden nur aus Arbeiten und Schlafen, sobald ich zu Hause angekommen war. Fast alle meine Freunde hatten noch frei und es fiel mir schwer, Partys unter der Woche absagen zu müssen. Doch so langsam gewöhnte ich mich ans Berufsleben. Meine KollegInnen waren außerordentlich nett, ich fühlte mich willkommen und als Teil des Teams. Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun nachdem ich die letzten drei Schuljahre damit verbracht hatte, den Sinn von nicht enden wollendem Analysieren wirrer Texte von wirren Autoren und Beweisen der Richtigkeit irgendwelcher mir unbegreiflicher Funktionen in Frage zu stellen, tat mir unbeschreiblich gut.

Dinge anpacken

Der Job in der Öffentlichkeitsarbeit machte mir viel Spaß, war aufregend und witzig. Und auch mit der Welthungerhilfe an sich begann ich mich nach und nach immer mehr zu identifizieren. Der dauerhafte Umgang mit Erwachsenen ließ mich schnell sehr viel reifer werden. Von jedem einzelnen Mitarbeiter in meinem Umfeld konnte ich etwas lernen. Ich wurde viel selbstständiger und lernte, mich selbst zu organisieren. Ich würde mich heute als einen Typ beschreiben, der Dinge gerne anpackt und umsetzt, anstatt bloß davon zu reden etwas zu tun.

Dieses erste Jahr in der „Welt der Erwachsenen“ hat mich sehr geprägt. Dementsprechend traurig war ich, als es zu Ende ging. Doch meine Kolleginnen und Kollegen versicherten mir „warte mal ab, wer einmal bei der Welthungerhilfe war, kommt immer wieder“. Und sie sollten Recht behalten, denn der eigentliche Plan, ein Geografie- oder Politikstudium zu beginnen, scheiterte an meinem Notendurchschnitt. Zunächst ein herber Rückschlag – wieder nicht wissen was nun kommt. Eine sinnvolle Möglichkeit zur Überbrückung der Wartezeit musste her – und sie kam.

Einstieg in die Entwicklungszusammenarbeit

Seit Oktober 2012 bin ich Azubi zum Bürokaufmann der Welthungerhilfe. In zwei Jahren durchlaufe ich alle kaufmännisch relevanten Abteilungen, startete mit vier spannenden Monaten im Einkauf, lernte viel über die wichtigen finanziellen Hintergründe der Organisation in der Abteilung „Finanzen und Rechnungswesen“ und bin nun für zwei Monate in der Presse eingesetzt.

Die Welthungerhilfe hat mich gepackt. Ich bin stolz, hier arbeiten zu dürfen. Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, macht sich immer mehr in mir breit und ich habe mir mittlerweile fest vorgenommen, später im  Bereich Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten. Ich habe begriffen, in welch einem maßlosen Überfluss wir hier in Deutschland eigentlich leben. Eine wichtige Erkenntnis, die meiner Meinung nach viel zu vielen Menschen in meinem Alter fehlt und die ich ohne die Arbeit bei der Welthungerhilfe vermutlich auch erst viel später oder gar nicht gehabt hätte. Wenn ich meine jetzige Situation mit der von vor zwei Jahren direkt nach dem Abitur vergleiche, muss ich sagen, dass ich absolut den richtigen Weg gegangen bin. Ich denke es war wichtig für mich, vor Beginn eines Studiums (was ich nach der Ausbildung nach wie vor gerne beginnen möchte), eine so lehrreiche und prägende Arbeitserfahrung zu sammeln.

Die Welt auf eigene Faust erkunden

Vom naiven Schüler zum naiven Studenten zu werden, mit 23 den Bachelor fertig zu haben, um dann mit 25 immer noch ohne wirklichen Plan, Persönlichkeit und Selbstbewusstsein auf dem Arbeitsmarkt zu landen, wo hätte das denn hingeführt? Unbezahlte Praktika für die nächsten zwei Jahre, weil mich ohne Berufserfahrung niemand einstellt? Vermutlich. Was bringt dem Arbeitsmarkt ein großes Angebot an Überfliegern, wenn diese noch Kinder sind?! Ich kann allen jungen Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation wie ich damals befinden, nur empfehlen, sich diesem Gesellschaftszwang nicht hinzugeben und die Welt auf eigene Faust zu erkunden. Erst durch das „mich ausprobieren“ in der Arbeitswelt habe ich einen Entschluss fassen können, was ich mit meinem Leben einmal anstellen möchte. So ganz genau kann ich mir zwar noch nicht vorstellen, wie das Ganze dann am Ende in der Praxis aussehen soll, doch ich habe einen Plan und ein Ziel.

Als Rentner möchte ich auf mein Leben zurückblicken und sagen können, dass ich etwas in der Welt bewegen, sie ein Stück besser machen und mich dabei stets mit dem identifizieren konnte, was ich tat. Das ist für mich eines der wichtigsten Ziele im Leben. Dank der Welthungerhilfe ist der erste und vielleicht auch schwierigste Schritt hierfür getan und ich bin zuversichtlich, dieses Ziel eines Tages zu erreichen!

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