Hoffnung auf Regen im Sahel

Von der aktuellen Hungerkrise im Sahel sind sie besonders betroffen: Frauen und Kinder © Bretz
rkrise im Sahel sind sie besonders betroffen: Frauen und Kinder © Bretz

Krise im Sahel – was das konkret bedeutet, habe ich auf meiner Fahrt ins Dorf Feneguene in der  Provinz BAM in Burkina Faso erfahren: Gemeinsam mit einem Kollegen aus unserem Büro und Mitarbeitern der langjährigen Partnerorganisationen Zood Noma bin ich in unser Millenniumsdorf Kongoussi gefahren. Gemeinsam mit der Bevölkerung prüfen wir, wie erfolgreich unsere bisherige Arbeit dazu beigetragen hat, die UN-Millenniumsziele zu erfüllen.

Der Harmattan, ein jährlich wiederkehrender Wüstenwind, bringt Hitze aus der Sahara mit und bläst orangefarbenen Staub übers Land. Der Staub legt sich auf Felder, Häuser, Straßen, Menschen und Tiere. Wie in der Hauptstadt Kongoussi, wo unsere Partnerorganisation ihr Büro hat, ist auch hier alles durch den roten Staub verfärbt. In Feneguene arbeiten die Welthungerhilfe und  Zood Noma erst seit neun Monaten zusammen. Etwa 150 Familien leben im Dorf und Umland. Die Böden in der Region sind hart und steinig und schlecht für den Anbau von Getreide und Gemüse geeignet. Die wenigen Bäume sehen verdorrt aus – erst mit dem Regen, der hoffentlich im Juni kommt, werden sie wieder ausschlagen. Einen einzigen funktionierenden Brunnen gibt es hier: Er befindet sich in der Nähe der provisorischen Schule und wurde mit unserer Hilfe erbaut.

Im Dorfversammlungshaus in der Mitte des Dorfes treffen wir ca. 40 Frauen, die gerade ihre Kinder mit einem nährwertreichen Brei füttern, den sie unter Anleitung einer Dorfberaterin hergestellt habe. Der Brei enthält viele Nährstoffe und Kalorien bei kleiner Menge und soll so helfen, den Bedarf der Kinder zu decken und die weit verbreitete Unterernährung zu bekämpfen. Er wird aus gemahlener Hirse mit Fisch und etwas Öl gekocht und mit Soumbala angereichert. Soumbala ist ein lokales Gewürz, das in mehreren westafrikanischen Ländern, so auch in Burkina Faso, verbreitet ist und hochwertiges Eiweiß und Spurenelemente enthält. Es wird aus den Samen des einheimischen Baumes Néré hergestellt, die während mehrerer Tage fermentiert, anschließend zu mehrere Monate lang haltbaren Kugeln geformt und auf dem Markt verkauft werden – eine Art Maggiwürfel. Den Kindern scheint es zu schmecken. Viele von ihnen halten den Löffel selbst in der Hand und schlecken ihn immer wieder ab – bis die kleinen Schüsseln leer sind.

Raymonde Savadogo, die Dorfberaterin erklärt mir, das Mütter mit ihren kleinen Kindern zwischen null und drei Jahren hierherkommen. Um ihr ordnungsgerechtes Wachstum zu überwachen, werden alle Kinder regelmäßig gemessen und gewogen. Durch die regelmäßige Ernährungsberatung seitens Zood Noma und der Welthungerhilfe haben die Mütter gelernt, wie sie einer Unterernährung ihrer Kinder entgegensteuern können. Sie erzählen mir, dass ihre Kinder nun seltener krank werden und sich besser entwickeln.

In diesem Jahr ist die Dürre besonders hart, und weil die Familien schon im letzten Jahr wegen längeren Trockenzeiten kaum etwas anbauen und fast nichts ernten konnten, ist die Not groß. Die Hirsespeicher sind fast leer, und so können die Mütter keine Hirse auf dem Markt verkaufen, um von dem eingenommenen Geld gesunde Lebensmittel wie Fisch, Erdnüsse und Soumbala zu erstehen. Dazu kommt, dass wegen der Knappheit die Preise auf dem Markt sehr stark gestiegen sind. Die Frauen wissen zwar mittlerweile, was ihre Kinder brauchen, aber sie haben keine Möglichkeit, das Gelernte anzuwenden. Die Familien sind sehr arm, viele der Männer sind in Goldfelder oder Städte abgewandert, um dort irgendwie Geld zu verdienen. Zurück geblieben sind Frauen, die alleine versuchen, ihre Kinder zu ernähren. Auch von ihnen gehen viele tagsüber in die illegalen Goldfelder, um dort mit etwas Glück nach stundenlanger harter Arbeit in der glühenden Sonne vielleicht ein bisschen Gold zu finden, das sie dann gegen ein wenig Geld eintauschen.

Viele Kinder, die ich in Feneguene sehe, sind sehr klein für ihr Alter, ein sicheres Zeichen für chronische Unterernährung. Aber auch viele der Frauen sind nicht gut genährt. „Schafft ihr es denn, eure Kinder, wie empfohlen, sechs Monate voll zu stillen?“, frage ich sie. Die meisten verneinen und erklären mir, dass sie schon früher anfangen müssen, ihren Kindern Wasser oder feste Nahrung zu geben, da ihre Milch einfach nicht reicht. Außerdem sagen die Frauen, dass sie von früh bis spät sehr hart arbeiten und wenig Zeit haben, ihre Kinder regelmäßig zu füttern.

Heute Morgen, so berichtet die Dorfberaterin, hat sie acht unternährte Kinder entdeckt. Die schweren Fälle werden im örtlichen Gesundheitszentrum aufgepäppelt, aber die leicht unterernährten Kinder sollen von ihren Müttern versorgt werden. Eigentlich leiden auch die etwas älteren Kinder bis fünf Jahre (und sogar darüber hinaus) häufig an Unterernährung. Doch leider haben wir nicht genug Kapazitäten, um auch noch ihnen helfen zu können. Die Mütter haben selbst nur wenig zu essen und so es gibt auch für die Erwachsenen höchstens zwei Mahlzeiten am Tag, immer öfter aber nur eine.

In Kongoussi  treffe ich Lamien Pofumbia, den Leiter des örtlichen Gesundheitszentrums. Er erläutert mir die größten gesundheitlichen Probleme in der Region: Unterernährung der Mütter während der Schwangerschaft, dadurch niedriges Geburtsgewicht, so dass die Kinder schon einen schlechten Start ins Leben haben. Unterernährung bei Kindern, insbesondere unter fünf Jahren,  weil sie nicht bedarfsgerecht versorgt werden, Vitaminmangelerscheinungen, Anämie, Krankheiten wie Parasiten, Malaria, und regelmäßige auftretenden Durchfallerkrankungen bedingt durch Salmonellen.

Klar ist, dass die Menschen in dieser ohnehin sehr armen Region, wo sie bereits ohne die aktuelle Dürre kaum Möglichkeiten haben, ihren Lebensunterhalt und ihre Ernährung angemessen zu sichern, mit der derzeitigen Krise überfordert sind. Bis zur nächsten Ernte sind es noch sechs Monate! Wenn nicht bald Hilfe kommt, wird sich die Lage weiter zuspitzen und es wird viele schwere Fälle von Unterernährung und vielleicht sogar tote Kinder geben. Um den insgesamt fast zwei Millionen Menschen, die laut der Regierung in Burkina Faso aktuell von der Dürre betroffenen sind, zu helfen, werden viele Programme notwendig sein. Aber selbst wenn diese Krise irgendwann überstanden sein wird, wird Unterstützung weiter nötig sein. Langfristige Ansätze wie Gemüseanbau, verbesserte Lagerhaltung, Verarbeitung und Vermarktung von Produkten etc. können dazu beitragen, die Armut der Menschen zu lindern und ihnen die Chance zu geben, ihren Lebensunterhalt und ihre Ernährung angesichts der klimatischen Veränderungen dauerhaft zu sichern.

Bewerten Sie diesen Artikel: 1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (Bisher keine Bewertungen)
Loading...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.



Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihren Kommentar erst prüfen, bevor dieser auf der Webseite erscheint. Weitere Informationen finden Sie in unserer Blog-Netiquette.