Frage nach dem "Hungermacher"

Frage nach dem "Hungermacher"

Gastbeitrag von Dr. Wolfgang Jamann in der Frankfurter Rundschau

(Januar 2013) Die Zahl der weltweit Hungernden stagniert. Trotz großer Fortschritte in Wissenschaft, Bildung, Gesundheit und ländlicher Entwicklung stehen viele Faktoren der Lösung des globalen Hungerproblems entgegen.

Ein Gemüsehändler in Dushanbe, Tadjikistan, verkauft Kartoffeln und Möhren. Starke Preisbewegungen bekommt auch er zu spüren.
Ein Gemüsehändler in Dushanbe, Tadjikistan, verkauft Kartoffeln und Möhren. Starke Preisbewegungen bekommt auch er zu spüren.
Weizen ist die weltweit drittwichtigste Getreidesorte. In Sodo, Äthiopien, will man die Ernte zu fairen Preisen handeln.
Weizen ist die weltweit drittwichtigste Getreidesorte. In Sodo, Äthiopien, will man die Ernte zu fairen Preisen handeln. © Tsegaye

Dazu gehören das Bevölkerungswachstum, die Konkurrenz um Anbauflächen, Klimakatastrophen und ein unfairer Welthandel. Und auch die steigenden und stark schwankenden Weltmarktpreise für Nahrungsmittel sind für die auf den Zukauf von Nahrungsmitteln angewiesenen Kleinbauern und die übrigen Einkommensarmen der südlichen Hemisphäre, zu denen das Gros der Hungernden gehört, eher schädlich als förderlich. Hunger ist vor allem ein Armutsproblem.

Seit Mitte des letzten Jahrzehnts wird auch die Rolle von Finanzmarktspekulationen mit agrarischen Rohstoffen im Zusammenhang mit dem globalen Hunger kontrovers diskutiert. Warentermingeschäfte mit Agrargütern sind in einer Marktwirtschaft zur Absicherung der Farmer und Verarbeiter gegen Preisrisiken unerlässlich. Seit einigen Jahren haben jedoch auch Finanzfonds und große Kapitalanleger den Warenterminmarkt für sich entdeckt. Neue Finanzprodukte und lasche Regeln ermöglichen ihnen hohe Gewinne. Diese Fonds sind für das Funktionieren der Warenterminmärkte verzichtbar. Mehr noch: Viele Indizien sprechen dafür, dass sie die Märkte stören, etwa indem sie Preisblasen weiter aufblähen.

Auf und Ab der Lebensmittelpreise immer unberechenbarer

Weiteren Auftrieb erhält diese Entwicklung durch eine Politik, mit der die Zentralbanken die Folgen der Finanzkrise von 2009 zu überwinden versuchen: Die großen Finanzinstitute kommen billig an Geld, für das sie dann lukrative Anlagen suchen. In dieser Situation ist der Agrarsektor besonders interessant, denn die landwirtschaftliche Produktion kann mit der steigenden Nachfrage kaum mehr Schritt halten. Neben Lebensmitteln werden zunehmend Pflanzen für Biokraftstoffe, Textilien und Futtermittel angebaut.

Lebensmittelpreise steigen im Trend weiter an, und das Auf und Ab wird immer unberechenbarer – eine fatale Situation auch für Kleinbauern in Entwicklungsländern, die nur zu oft ihre Ernte billig verkaufen und später Lebensmittel teuer hinzukaufen müssen, um ihre Familien ernähren zu können. Studien von Ökonomen der Weltbank, der Handelsorganisation der Vereinten Nationen und des International Food Policy Research Institutes in Washington zeigen starke Indizien für Wirkungsketten zwischen dem Engagement der Finanzfonds auf den Terminmärkten und den Entwicklungen auf den Spotmärkten auf. Sicher: Noch sind längst nicht alle Fragen geklärt, und angesichts der intransparenten Datenlage und der hohen Komplexität der Zusammenhänge werden sie wohl auch nicht sobald abschließend geklärt werden können. Trotz unterschiedlicher Einschätzungen von Experten haben 450 Wirtschaftswissenschaftler aus verschiedenen Ländern bereits im Oktober 2011 die G20-Finanzminister aufgefordert, die exzessive Spekulation auf den Warenterminbörsen endlich zu beschränken.

Deutsche Bank und Allianz spekulieren wieder mit Lebensmitteln

Einige Banken, Versicherungen und Investmentfonds haben sich temporär oder endgültig aus diesen moralisch fragwürdigen Geschäften zurückgezogen, nicht zuletzt auf Druck von Verbrauchern. Doch nach einer gewissen Schamfrist steigen einige dieser Unternehmen, unter anderem die Deutsche Bank und die Allianz, nun wieder in das hochprofitable Spekulationsgeschäft mit Agrargütern ein, auch mit Hinweis auf Aussagen von Wissenschaftlern, welche diese Zusammenhänge nicht sehen. Gleichzeitig werden Organisationen wie die Welthungerhilfe, welche die Auswirkungen auf die Hungernden hautnah beobachten können, als Faktenverweigerer diskreditiert. Und das, obwohl Politik, UN-Organisationen und viele Wissenschaftler eine stärkere Regulierung dieser Märkte fordern – „dem Wahnsinn ein Ende machen“, wie es Bundesfinanzminister Schäuble im letzten Jahr bekräftigte.

Die Welthungerhilfe wird weiterhin auf die Gefahren dieser Praktiken hinweisen und genau beobachten, welche schädlichen Folgen diese für den globalen Hunger haben. Wir werden Regulierung, Transparenz und Begrenzung von schädlichem Handel auch in Europa fordern, nachdem die USA bereits erste Schritte zur Korrektur eingeführt hat. Wir werden uns an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren, aber nicht darauf warten, bis Zusammenhänge bis ins Kleinste erforscht sind, um Konsequenzen zu ziehen. Denn es geht um den Schutz eines Menschenrechts, das zu häufig mit den Füßen getreten wird. Es geht um das Menschenrecht auf Nahrung für 870 Millionen Frauen, Männer und Kinder, für die sonst niemand spricht. In einer hoch industrialisierten Weltgemeinschaft, in der Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung von allen gesellschaftlichen Schichten gepredigt werden, ist das ein vermeidbarer und daher unerträglicher Missstand. Wir werden auch in Zukunft die Frage nach dem „Hungermacher“ stellen!

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