• Jeder soll satt werden!
    Weil viele Kinder mit leeren Mägen in den Unterricht kommen, stellt die Welthungerhilfe, wie hier in einer Schule in Mali, ein kostenloses Mittagessen zur Verfügung.
  • Hungersnot im Südsudan?
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Hunger und Ernährungssicherung – Kernthema der Welthungerhilfe

Was ist Hunger?

Zwei Milliarden Menschen leiden an Mangelernährung

Nach Definition der Welternährungsorganisation (FAO) ist Hunger ein quantitativer Begriff: Hunger tritt ein, wenn die tägliche Energiezufuhr für einen längeren Zeitraum unter dem Bedarf liegt, der für einen gesunden Körper und ein aktives Leben benötigt wird.

 

Als Schwellenwert gibt die FAO 1.800 Kilokalorien täglich an. Doch nicht nur eine ausreichende Energiezufuhr ist für ein gesundes Leben entscheidend, sondern auch eine ausgewogene Ernährung. Nahezu zwei Milliarden Menschen leiden aufgrund von Vitamin- und Mineralstoffmangel an Mangelernährung. Der Welthunger-Index berücksichtigt in der Bemessung von Hunger auch diesen "versteckten Hunger".

Chronische Unterernährung ist häufig nicht auf den ersten Blick sichtbar, denn viele betroffene Menschen sind dünn, wirken aber nicht abgemagert. Die Folgen sind dennoch dramatisch: Der Körper gleicht unzureichende Ernährung dadurch aus, dass er körperliche und geistige Aktivitäten einschränkt, dadurch den Menschen ihre Initiative und Konzentrationsfähigkeit raubt und sie apathisch werden lässt. Bei Kleinkindern wird durch chronische Unterernährung die geistige und körperliche Entwicklung unumkehrbar beeinträchtigt.



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Kontakt

Dr. Rafaël
Schneider

Fachreferent

Tel.: +49 (0)228-22 88 147

Mit POWA gegen den Hunger

Der Kampf gegen den Hunger wird auf dem Land entschieden – G8-Nationen müssen sich stärker engagieren! Zum 2015 in Deutschland stattfindenden G7/G8-Gipfel fordern die Welthungerhilfe und ihre Partner mehr Unterstützung für kleinbäuerliche Landwirtschaft in Entwicklungsländern. Darum geht es beim Projekt POWA.

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Hunger und Ernährungssicherung – Mehr zum Thema

Das Recht auf Nahrung

Ein Instrument zur Bekämpfung des Welthungers

Jeder Mensch hat ein Recht auf Nahrung. Hierzulande, wo wir in Supermärkten zwischen dutzenden verschiedenen Joghurtsorten wählen können, kommt uns das reichlich abstrakt vor. Doch für 805 Millionen Menschen ist der tägliche Kampf ums Überleben bittere Realität. 

 

Hunger hat gravierende Folgen: Er schwächt die Menschen und fügt damit auch der Wirtschaft in den Entwicklungsländern gravierende Schäden zu. Das Recht auf Nahrung ergibt sich aus Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte (WSK-Pakt), den die Generalsversammlung der Vereinten Nationen 1966 verabschiedet hat. Bis zum Jahr 2011 haben mehr als 160 Staaten diesen Vertrag unterzeichnet. Im November 2004 haben 187 Nationen im Rat der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) die "freiwilligen Leitlinien" zum Recht auf angemessene Nahrung einstimmig angenommen.

Reiszubereitung in Sengaratoppu, Indien. © Lohnes
Reiszubereitung in Sengaratoppu, Indien. © Lohnes

Industrieländer müssen Verantwortung übernehmen

Verantwortlich sind also zunächst die Regierungen in den Hungerländern selbst. Allzu oft regiert dort jedoch eine städtische Elite, die sich wenig um die Sorgen und Nöte der hungernden Bevölkerung schert. Dabei ist es eine erschreckende Tatsache, dass gerade dort gehungert wird, wo Nahrungsmittel erzeugt werden – drei von vier Hungernden leben auf dem Land!
Die Verantwortung für das Recht auf Nahrung trifft aber auch uns in den Industrieländern. So werden zum Beispiel für die sogenannten Biokraftstoffe Pflanzen in Energie umgewandelt. Die landwirtschaftliche Fläche, die Investoren in Entwicklungsländern zum Anbau von Energiepflanzen im großen Stil aufkaufen, steht nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion zur Verfügung.

Ernährung langfristig sichern

Recht auf Nahrung bedeutet nicht nur, satt zu sein. Im WSK-Pakt steht die Würde des Menschen im Mittelpunkt. In der Schlange stehen, um sich eine Monatsration abzuholen - das kann kein Dauerzustand sein. Die Ernährung muss langfristig gesichert sein: Die Menschen benötigen genügend Ackerflächen, Saatgut und Wissen, um Nahrung für sich und ihre Familien anbauen zu können; oder sie müssen Arbeit finden, um genug für ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Es bedeutet auch, dass die Nahrungsmittel an die kulturellen Gewohnheiten der Menschen angepasst sind und alle notwendigen Nährstoffe enthalten . Nach Schätzungen von Ernährungswissenschaftlern der Universität Hohenheim bei Stuttgart leiden weltweit 2,5 Milliarden Menschen an einer chronischen Unterversorgung mit lebenswichtigen Mikronährstoffen wie Zink, Eisen und Jod. Dieser "verborgene" Hunger führt vor allem bei Kleinkindern zu Gesundheitsschäden.

Überprüfen ob sich Hunger vergrößert

Wünschenswert ist, dass das Recht auf Nahrung mehr normatives Gewicht erhält. Umso wichtiger ist es, dass wir im Norden es zu einem wichtigen Leitstern machen. Jedes staatliche Handeln sollte daraufhin überprüft werden, ob es den Hunger vergrößert, und jeder Einzelne sollte verantwortlich mit Ressourcen umgehen. Es ist Ziel der Welthungerhilfe, Menschen zu befähigen, sich selbst zu helfen und das Recht auf Nahrung von den eigenen Regierungen einzufordern. Der Hunger wurde von Menschen gemacht, er kann auch von ihm besiegt werden.



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Warum gibt es Hunger?

Hunger ist die Folge von Armut und Ungerechtigkeit

Viele glauben, dass Menschen hungern, weil es nicht genug Nahrung für alle gebe. Das ist falsch. Weltweit werden genug Lebensmittel produziert, um die ganze Menschheit ernähren zu können.

 

 
Eigentlich gäbe es genug zu für alle zu essen. Viele Menschen können sich die Nahrungsmittel nicht leisten. © Rottenecker

Hunger ist vielmehr die Folge von Armut, schlechter Regierungsführung, Krieg, Vertreibung, Ungerechtigkeit und von Naturkatastrophen. Wer kein ausreichendes Einkommen hat, sich aus der eigenen Landwirtschaft nicht angemessen ernähren kann und in einem Land lebt, wo es keine Sozialhilfe gibt, rutscht schnell in Armut und Hunger ab.

Hunger hat oft mehrere Ursachen

Häufig treffen gerade in armen Ländern mehrere Faktoren zusammen: Ist ein ohnehin armes Land von einer Naturkatastrophe betroffen, fehlen den Menschen oftmals die Mittel, um die Schäden allein zu beseitigen und ihre Lebensgrundlagen wieder aufzubauen. Dann sind die Betroffenen vorübergehend auf Hilfe aus anderen Ländern angewiesen.

Doch die Ursachen von Hunger sind in unserer globalisierten Welt bei Weitem nicht nur in den Entwicklungsländern zu suchen. So erschwert der von den Industrienationen ausgelöste Klimawandel Fortschritte in der Ernährungssicherung. Außerdem konterkarieren politische und wirtschaftliche Entscheidungen der Industrienationen die Hungerbekämpfung: 

  • Die massive Subventionierung unserer Landwirtschaft verhindert die Entwicklung der Kleinbauern in Hungerländern,
  • der explosionsartig zunehmende Einsatz von Biokraftstoffen führt zu Landraub in Entwicklungsländern,
  • die Spekulation auf Agrarrohstoffe macht Grundnahrungsmittel für arme Menschen unbezahlbar.

 

 



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Land Grabbing führt zu Hunger

Felder und Weiden werden an ausländische Investoren vergeben

In mehreren Ländern sind Bauern, mit denen die Welthungerhilfe im Rahmen von ländlichen Entwicklungsprojekten zusammenarbeitet, direkt durch "Land Grabbing" betroffen.

 

Dort wo sie leben, wo sie ihre Felder haben und ihr Vieh weiden lassen, werden große Ackerflächen an ausländische Investoren vergeben, die das Land "entwickeln" wollen. Sie legen Plantagen an, auf denen Lebensmittel oder Energiepflanzen für den Export angebaut werden. Die lokale Bevölkerung verliert ihre Lebensgrundlage. Die einzige Alternative ist die Arbeit als Tagelöhner auf den Plantagen der Investoren.

Reisernte in Sierra Leone

Zum Beispiel vergibt die Regierung Kambodschas großzügig Landkonzessionen ohne Rücksicht auf die Bevölkerung. Die leidet Hunger und Armut, während die Investoren Profit machen. Auch in Sierra Leone wird das Landgeschäft ohne Beteiligung der lokalen Bevölkerung abgewickelt. Anfängliche Hoffnungen auf eine Verbesserung der Infrastruktur und des Arbeitsangebots wurden bisher enttäuscht. Stattdessen haben die Familien ihr Land verloren und ihre Ernährungssituation hat sich verschlechtert.

"Die Welthungerhilfe verurteilt Land Grabbing in Gänze. Koordinierte großflächige Landinvestitionen sollten mit Beteiligung von lokalen Organisationen und Kleinbauern umgesetzt werden", betont die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann. "Sie müssen sozial verträglich sein und den Menschen eine Perspektive bieten. Alternative Modelle landwirtschaftlicher Entwicklung wie Genossenschaften und Vertragsanbau müssen stärker in Betracht gezogen werden."

 

Weiterführende Links zum Thema Land Grabbing

Landraub in Kambodscha


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Ausmass und Folgen von Hunger

Die Mehrheit der Betroffenen lebt in Entwicklungsländern

Weltweit hungern rund 805 Millionen Menschen. Die Mehrheit von ihnen lebt in Entwicklungsländern

 
In Zeiten großen Hungers suchen Notleidende Hilfe in Flüchtlingslagern in den Städten. © Meissner

Auch in Industrieländern gibt es Hungernde – immerhin 19 Millionen.

Etwa zwei Drittel aller Hungernden leben auf dem Land und damit ausgerechnet dort, wo Nahrung produziert wird. Die meisten von ihnen leben in kleinbäuerlichen Familien, die sich jedoch von dem, was sie anbauen, ernten und verkaufen, nicht ausreichend ernähren können. Besonders Frauen sind von Hunger betroffen. Wenn die Männer auf der Suche nach einem besseren Einkommen in die Städte ziehen, werden sie mit den Kindern zurückgelassen. Dann sind sie allein für das Überleben der Familie – und damit für Haushalt und Landwirtschaft – verantwortlich. Zwar steigt die Anzahl der städtischen Hungernden in vielen Teilen der Welt aufgrund des Verstädterungsprozesses rapide an, doch noch bis Mitte dieses Jahrhunderts wird die Mehrzahl der Hungernden in ländlichen Räumen leben.

Hunger bedeutet auf der einen Seite enormes individuelles Leid, auf der anderen Seite stellt er eine ungeheure Belastung für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes dar. Insbesondere der Verlust an Produktivität und Arbeitskraft wirkt sich auf das ganze Land aus: Eine Gesellschaft, die von Hunger geprägt ist, kann sich wirtschaftlich und sozial nicht entwickeln.



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Was kann man gegen Hunger tun?

Ländliche Räume in Entwicklungsländern stärken

Hunger und Armut haben viele Ursachen, die meist miteinander verknüpft sind. Deshalb kann es auch keine einfachen Lösungen für eine nachhaltige Ernährungssicherung geben. Zugang zu ausreichender und angemessener Nahrung ist ein Menschenrecht.

 
Nur in Notsituationen verteilt die Welthungerhilfe Nahrungsmittel an Hungernde. © Pilar

Es verpflichtet Regierungen von Hunger betroffener Länder dazu, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es Menschen ermöglichen, aus eigener Kraft Zugang zu ausreichender, gesunder und kulturell angepasster Nahrung zu erhalten. Eine Chance auf Erfolg besteht nur, wenn ernst zu nehmende Bemühungen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene miteinander koordiniert und umgesetzt werden. Dabei müssen die Gründe für den Hunger wie auch seine Folgen bekämpft werden. Eine entscheidende Rolle spielen in diesem Zusammenhang:

  • die Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktion (bessere Ernten, Vermeidung von Nachernteverlusten) in armen, ländlichen Regionen,
  • der Erhalt und die Sicherung des Zugangs zu natürlichen Ressourcen und die Anpassung an den Klimawandel,
  • der Ausbau von Infrastruktur und Märkten im ländlichen Raum,
  • Förderung des Selbsthilfepotenzials durch Wissenstransfer und Stärkung der Zivilgesellschaft

Auch Regierungen der reichen Länder stehen bezüglich des Menschenrechts auf Nahrung in der Pflicht: Politische Entscheidungen dürfen keine Verschärfung der Hungersituation in anderen Ländern zur Folge haben. Dies ist beispielsweise bei einer massiven Subventionierung der Landwirtschaft (Marktverzerrung) oder der verstärkten Nutzung von Bioenergie (Konkurrenz um Anbauflächen) genau zu prüfen.



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Wespen als Wunderwaffe

Interview: Von einer genialen Idee zum Alternativen Nobelpreis

Interview mit Dr. Hans Rudolf Herren, Träger des Alternativen Nobelpreises. Mit einer genialen Idee bewahrte er rund 20 Millionen Menschen vor dem Hungertod.

Der Schweizer Dr. Hans Rudolf Herren (66) hat mit seinen Programmen zur Schädlingsbekämpfung und zur Förderung des Ökolandbaus die Agrarwissenschaft revolutioniert. Doch Regierungen des Nordens und die Industrie ignorieren seine Empfehlungen.

 

Der Weltagrarbericht

Von 2002 bis 2008 haben über 400 Wissenschaftler mehrere Tausend Studien ausgewertet, um herauszufinden, wie die Welt nachhaltig ernährt werden kann.

Als junger Mann haben Sie 1,6 Millionen Wespen mit einem Flugzeug über 24 afrikanischen Ländern abgeworfen. Was war da los?

Dr. Hans R. Herren: In den 70er und 80er Jahren gab es ein Riesenproblem mit einer schädlichen Schmierlaus, die vom Senegal bis nach Madagaskar alle Maniokpflanzen zerstörte – das Grundnahrungsmittel für 200 Millionen Menschen. Die Regierung von Zaire (heute: Demokratische Republik Kongo) hatte bereits Insektizide gesprüht, doch die hatten den Pflanzen und den Menschen mehr zugesetzt als der Laus. Da rief mich ein nigerianisches Forschungsinstitut zu Hilfe. Und ich hatte eine Idee.

Wespen! Und das zu Hochzeiten der „Grünen Revolution“, die auf technische Lösungen wie Insektengifte und Hochleistungssorten setzte! Wie haben die Forscher reagiert?

Sicher, anfangs gab es viele Spötter und Skeptiker. Biologische Schädlingsbekämpfung war zwar nicht neu, aber in diesem Ausmaß hatte es noch niemand probiert.

Schlupfwespe aus Paraguay bekämpft Schmierlaus in Afrika. © H. R. Herren
Angola - eine Frau verarbeitet Maniok zu Mehl. Die Schmierlaus ist ein Schädling für Maniokpflanzen. © Lyons

Sie waren damals erst Anfang 30. Woher nahmen Sie den Mut eine fremde Spezies einzuführen?

Ich hatte schon für meine Dissertation in der Schweiz zu diesem Thema geforscht und meinen Postdoc an der Universität Berkeley beim Guru der biologischen Schädlingsbekämpfung Robert van den Bosch geschrieben. Daher wusste ich: Wenn man es richtig anpackt, ist es möglich. Dass diese Schmierlaus bis zu ihrem plötzlichen Auftauchen in Afrika völlig unbekannt war, machte mir Mut. Denn das bedeutete, dass es ein anderes Insekt, eine Krankheit, einen Virus oder ein Bakterium gab, das sie unter Kontrolle hielt. Jetzt mussten wir es nur noch finden und für uns arbeiten lassen. Nach langer Suche fanden wir die Schmierlaus und die Schlupfwespe in Paraguay. Von dort war die Laus nach Afrika eingeführt worden, wo sie sich ohne ihren natürlichen Feind prächtig vermehrte.

Hatten Sie keine Angst, dass die Wespen das Ökosystem zerstören wie die Nilbarsche, die im Viktoriasee ausgesetzt wurden und dort einheimische Arten fast ausrotteten?

Ich habe alles getan, um das Risiko zu verringern. Beim Viktoriasee waren Laien am Werk, die niemanden um Rat gefragt haben. Wir haben das Ökosystem in Paraguay genau untersucht und dann in britischer Quarantäne getestet, was passiert, wenn wir die Wespe auf einem Maniokfeld auf die Laus loslassen. Der Erfolg in Afrika war kein Zufall, sondern genau kalkuliert: Die Schlupfwespen attackierten gezielt nur diese Schmierläuse; bis heute halten sich beide Populationen auf niedrigem Niveau im Gleichgewicht – genau wie im Ursprungsland.

Momentan bedrohen Wanderheuschrecken die Nahrungssicherheit von vier Millionen Menschen in Madagaskar. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die madagassische Regierung sprühen jetzt Pestizide auf zwei Millionen Hektar Land. Ist das eine gute Idee?

Nein, das zeigt nur, wie diese Institutionen ticken. Wenn die FAO Frühwarnsysteme einrichten würde, könnte sie so eine Population früh genug entdecken und dann einen Duftstoff zusammen mit dem Metarhizium-Pilz sprühen – diese Mischung hindert die Wanderheuschrecken am Weiterziehen und tötet sie. So könnte man das Problem kleinräumig und ohne Chemie lösen. In der Sahelzone gab es in diesem Frühling auch eine Heuschreckenplage, die sich am Ende bis nach Israel verbreitet hat; dabei hätte man sie schon im Sudan stoppen können. Leider ist niemand bereit in Prävention zu investieren bis es zur Katastrophe kommt. Dabei kostet es ein Vielfaches, das Unglück abzuwarten und all die Chemikalien zu importieren – ganz zu schweigen vom Ökosystem, das auf Jahre hinweg zerstört wird. Außerdem sind die Ernten schon fast hinüber, bis das Gift erst mal im Land ist – Wanderheuschrecken fressen extrem schnell; es ist ein Erlebnis, ihnen dabei zuzuhören!  

„Ökologische Landwirtschaft ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können, solange fast eine Milliarde Menschen hungern“, sagen Verfechter der „Grünen Revolution“. Was sagen Sie dazu?

Das ist Blödsinn! Wir produzieren heute schon genug Kalorien für 14 Milliarden Menschen und können auch mit nachhaltiger Landwirtschaft alle Menschen ernähren. Das Problem liegt im Zugang zur Nahrung. Mithilfe der so genannten „Zweiten Grünen Revolution“ werden zum Beispiel in Indien Überschüsse produziert und trotzdem hungern dort mehr Leute als anderswo, vor allem Kinder.

Die Politik wünscht sich ein Patentrezept, deshalb ist die „Grüne Revolution“ auch so erfolgreich. Aber Landwirtschaft ist sehr komplex, man kann nicht einfach mehr Dünger oder mehr Samen auf die Äcker werfen. Die „Grüne Revolution“ setzt auf intensive Bewässerung, Düngung und Pestizide. Damit verbraucht die industrielle Landwirtschaft im Durchschnitt zehn Kalorien, um eine Kalorie zu produzieren, und dieser Input stammt mehrheitlich aus Erdöl. Das ist doch keine Art Nahrungsmittel zu produzieren! Wir brauchen einen Kurswechsel hin zu einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft mit angepasster Technik, die auf Arbeitskraft statt auf Naturressourcen setzt. Das haben wir 2008 im Weltagrarbericht klar gezeigt.

Der Bericht war das größte agrarwissenschaftliche Szenario, das je entwickelt wurde, geplant als Multi-Stakeholder-Approach. Doch dann sind viele Stakeholder abgesprungen und plötzlich scherte sich die Welt nicht mehr um Ihre Empfehlungen. Was ist da passiert?

Als sich in der Schlussphase herauskristallisierte, dass die Autoren des Berichts industrielle Landwirtschaft, Gentechnik und Handelsliberalisierung als nicht nachhaltig bewerten, sind viele Geldgeber abgesprungen: Nicht nur die Agrarkonzerne wie Monsanto, Syngenta und BASF, die um ihre Einnahmen bei Dünger und Saatgutpatenten fürchtete, sondern auch viele Regierungen: die USA, Kanada, Australien, England...

...und Deutschland?

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat nichts bezahlt, aber der deutsche Journalist und Co-Autor des Berichts Benedikt Haerlin hat erreicht, dass sich das Bundesumweltministerium finanziell beteiligt.

Ist der Agrarbericht damit Geschichte? Geben Sie sich geschlagen?

Ach wo, natürlich nicht! Beim Erdgipfel Rio+20 haben wir uns erfolgreich dafür eingesetzt, dass das Komitee für Ernährungssicherheit der FAO („Committee on World Food Security“ – CFS) Richtlinien für nationale Agrarberichte entwickelt. Die Erde hat so viele unterschiedliche Ökosysteme, dass es nur sinnvoll ist, wenn jedes Land sein eigenes Szenario entwickelt und sich fragt: Welche Politik brauchen wir, um unsere Landwirtschaft nachhaltig zu machen? Mit unserem Projekt „Kurswechsel Landwirtschaft” unterstützen wir gerade Behörden im Senegal, Kenia und Äthiopien, nationalen Agrarberichte zu entwickeln, die als Vorbild für andere Länder dienen können. In dieses Projekt fließt auch das Preisgeld des Alternativen Nobelpreises (knapp 60.000 Euro).

Kann städtische Landwirtschaft auch einen Beitrag zur Welternährung leisten oder ist das nur ein nettes Hobby?

Vor allem Gemüse lässt sich gut auf kleinem Raum in Städten anbauen, so lassen sich Brachflächen nutzen und Transportwege minimieren. Allerdings haben die meisten Stadtbewohner erst einmal wenig Ahnung von Landwirtschaft und verwenden deshalb viel Chemie – Training und Geduld sind also wichtig.

Haben Sie Ihren Lebensstil verändert, seit Sie über nachhaltige Ernährungssicherung nachdenken?

Ja, wir essen zu Hause kaum Fleisch und in der Schweiz fahre ich nur Zug und Tram. Das Problem ist, dass ich so viel in aller Welt herumfliege. Aber ich hoffe mich eines Tag pensionieren zu lassen und mehr Zeit auf meinem Rebberg in Kalifornien verbringen zu können. Jetzt sollen die jungen Leute mal übernehmen!

Das Interview führte Christina Felschen, Mitarbeiterin der Welthungerhilfe in Bonn für die Zeitung Welternährung.

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Aktuelles

Positionspapier Ländliche Entwicklung

Ausgerechnet dort wird am meisten gehungert, wo Nahrung produziert wird: auf dem Land. Das muss und darf nicht sein. Ernährungssicherheit für alle ist keine Utopie.

 

 
Eine Frau in Sierra Leone reinigt die Getreidekörner nach der Ernte.

Die Vision der Welthungerhilfe ist eine Welt, in der alle Menschen die Chance haben, ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Würde und Gerechtigkeit, frei von Hunger und Armut wahrzunehmen. Die ländliche Entwicklung ist einer der wichtigsten Bausteine, um dieses Ziel zu verwirklichen.

Seit 50 Jahren unterstützt die Welthungerhilfe Projekte in ihrem Förderbereich „ländliche und regionale Entwicklung“. Das Positionspapier Ländliche Entwicklung baut auf diese langjährigen Erfahrungen auf. In 14 kurzen Kapiteln beschreibt es den Ansatz der Welthungerhilfe zur Förderung der Landwirtschaft und ländlichen Entwicklung. Hierbei stehen sowohl die Unterstützung der Kleinbauern als auch die soziale und wirtschaftliche Entwicklung ländlicher Räume im Vordergrund. Das Positionspapier macht deutlich, dass Entwicklungspolitik nur dann Erfolg haben kann, wenn sie in einem breiten und stimmigen Wirkungsgefüge stattfindet. Daher werden hier auch konkrete Forderungen an die Politik, an Regierungen der Entwicklungs- wie der Geberländer und nicht zuletzt an internationale Organisationen formuliert.



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Biokraftstoff: Abstimmung im EU-Parlament

Beimischquote wird auf sechs Prozent begrenzt

(11.09.2013) Das EU-Parlament hat am Mittwoch, den 11. September in Sachen Biokraftstoffpolitik die vom EU-Umweltausschuss vorgeschlagene Begrenzung der Biokraftstoffquote von fünf Prozent abgeschwächt und für eine Begrenzung von sechs Prozent gestimmt. Europaweit gesehen bedeutet dieses Ergebnis keine klare Trendwende, sondern eine weitere Steigerung des Verbrauchs an Biokraftstoffen, die aus Nahrungsmitteln hergestellt werden.

 
Maisverkauf auf einem lokalen Markt in Sierra Leone.

Immerhin: Von zehn auf sechs Prozent!

Die Begrenzung – wenn auch nicht in dem Ausmaße wie gewollt - zeigt aber, dass die negativen Folgen der Biokraftstoffpolitik für die Ernährungssicherung und Umwelt anerkannt werden. Doch noch immer müssen Menschen mit weiterem Landraub und steigenden Nahrungsmittelpreisen rechnen, denn die Devise scheint zu lauten: Vorerst für den Tank - später der Teller.

Es sind vor allem die Menschen in den Entwicklungsländern, die unter den Folgen der bisherigen Agrarkraftstoffpolitik der Europäischen Union leiden: Hunger und Armut nehmen zu, wenn Nahrungsmittelpreise infolge der Konkurrenz um knappe Anbauflächen, Wasser und Rohstoffe steigen. Oft kommt es zu Vertreibungen und Menschenrechts-verletzungen bei der Erschließung neuer Flächen für den Anbau von Energiepflanzen. Agrarkraftstoffe leisten zudem in vielen Fällen keinen Beitrag zum Klimaschutz, weil der erhöhte Bedarf an Anbauflächen über Verdrängungseffekte andernorts zur Zerstörung von Regenwäldern und anderen Ökosystemen führt.

Indirekten Landnutzungsänderungen in die Klimabilanz der Biokraftstoffe einberechnen?

Erfreulich ist zudem, dass das Votum zugunsten einer Einbeziehung der indirekten Landnutzungsänderungen in die Berechnung der Treibhausgasemissionen von Biokraftstoffen ausgegangen ist. Dadurch könnte ab 2020 der tatsächliche Klimanutzen der Biokraftstoffe dargelegt werden. Es würden damit die zusätzlichen Umweltbelastungen, die durch den Anbau von Biokraftstoffe entstehen, mit in die Klimabilanz der Biokraftstoffe einberechnet werden.

Vorerst ist aber nichts definitiv.

Nun müssen sich die EU-Mitgliedsstaaten im Rat auf einen gemeinsamen Standpunkt einigen. Sollte dieser von dem heutigen Votum abweichen geht es in die zweite Lesung. Eine klare Entscheidung in Sachen Biokraftstoffe wird daher noch einige Zeit auf sich warten lassen - nicht nur zu Lasten der Investoren, sondern vor allem der Armen, Hungernden und der Umwelt.



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