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27.08.2020 | Gastbeitrag

Wenigstens eine Mahlzeit

In der indischen Hauptstadt Delhi unterstützt die Organisation Jan Pahal, als Teil des Netzwerkes, mit dem die Welthungerhilfe zusammenarbeitet, tausende Tagelöhner*innen und Saisonarbeiter*innen mit regelmäßigen Mahlzeiten. Sie haben aufgrund der Ausgangssperre ihre Einkünfte, oft auch ihr Dach über dem Kopf verloren. Fotoreporter Florian Lang begleitete die Teams. Sein Bericht erlaubt einen Blick auf Lebensrealitäten, deren Härte die Corona-Krise schonungslos enthüllt.

Mehrere Menschen, darunter auch Kinder, mit Mundschutz stehen in einer Schlange. Sie alle haben eine Metall-Schüssel in der Hand.
Arbeitsmigrant*innen in einem Slum am Rande von Delhi, die ihren Lebensunterhalt durch das Einsammeln, Sortieren und Verkaufen von Müll verdienen. Aufgrund der Ausgangssperre während der Corona-Pandemie sind sie auf die Vergabe von Lebensmitteln angewiesen. © Florian Lang/Welthungerhilfe
Florian Lang Fotoreporter

Im Nordosten Delhis erreichen wir die erste Unterkunft. Privatsphäre gibt es keine, Social Distancing: unmöglich. Zumindest gibt es sanitäre Einrichtungen und vor allem regelmäßig etwas zu essen. Einfache, aber sättigende Mahlzeiten wie Reis, Gemüse und Linsen, bereitgestellt von der indischen Organisation Jan Pahal.

Wenigstens etwas Positives hat die Ausgangssperre: Varun ist glücklich, bei seinem Vater sein zu dürfen.

Florian Lang Fotoreporter

Mir fallen ein Vater und sein Sohn auf. Sie sitzen etwas abseits und wir kommen ins Gespräch. Rikscha-Fahrer Madan Mohan lebt eigentlich auf der Straße, doch dort darf er sich im Moment nicht aufhalten. Da seine Frau starb, lebt sein siebenjähriger Sohn Varun in einem Waisenhaus im Zentrum von Delhi. Wenigstens etwas Positives hat die Ausgangssperre: Varun ist glücklich, bei seinem Vater sein zu dürfen.

Ein Mann und ein Junge sitzen nebeneinander auf einer Stufe und bekommen Essen auf einen Teller geschöpft.
Madan Mohan (38) und sein Sohn Varun (7) bekommen Mittagessen von Mitarbeiter*innen und Helfer*innen der Organisation Jan Pahal, die zum Netzwerk der Welthungerhilfe gehört. © Florian Lang/Welthungerhilfe

Lockdown im Slum: Kein Abstand, keine Perspektive

Am Nachmittag kommen wir in eine Siedlung am Stadtrand von Delhi, an der Grenze zum Nachbarstaat Uttar Pradesh. Auf einer weiten staubigen Fläche leben hier rund 1.000 Menschen in Hütten aus Bambuspfählen, Plastik-Planen, Stoffresten und Wellblech. Dazwischen türmen sich Kleidungsabfälle, Schaumstoff-Reste, alte Matratzen und Plastik.

Das Einzige, was sie haben, sind die täglichen Mahlzeiten von Jan Pahal.

Florian Lang Fotoreporter
Eine Frau beim Abwasch. Im Slum leben rund 1.000 Menschen in Hütten aus Bambuspfählen, Plastik-Planen, Stoffresten und Wellblech. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Ein Mädchen sitzt auf einem Haufen von Schaumstoffresten und alten Matratzen. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Ein Mann sortiert alte Kleidung. Im Slum türmen sich Kleidungsabfälle, Schaumstoffreste, alte Matratzen und Plastik. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Bewohner*innen in einem Slum auf dem Grenzgebiet zwischen Uttar Pradesh und Delhi. Aufgrund der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Ausgangssperre sind sie auf die Lebensmittelspenden von Organisationen angewiesen. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Viele der Slum-Bewohner*innen klagen über unzureichende Versorgung mit Nahrung. Sozialarbeiter Sanjeev Mali (34) ist Mitarbeiter der Organisation Jan Pahal, die zum Netzwerk der Welthungerhilfe gehört, und kümmert sich um sie. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Die Slum-Bewohner*innen hören dem Vortrag von Sanjeev Mali (34) zu. Der Sozialarbeiter der Organisation Jan Pahal klärt die Bewohner über Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung einer weiteren Ausbreitung der Corona-Pandemie auf. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Die Bewohner*innen verdienen ihren Lebensunterhalt als Kabari-Walas, Müllsammler*innen, die wiederverwertbaren Abfall aus den Haushalten abholen, sortieren und verkaufen und so Teil eines informellen Recycling-Systems sind. Jetzt aber können die Männer und Frauen weder in die Wohnsiedlungen, um dort Abfall zu sammeln, noch kommen die Abnehmer*innen für ihre Ware in den Slum.

Eine Frau bedeckt mit einem Tuch Mund und Nase, sie hält ein Kind auf dem Arm und ein weiteres vor sich.
Eine Frau mit zwei Kindern wartet in der Schlange bei der Essensausgabe, organisiert durch Helfer*innen der Organisation Jan Pahal, die zum Netzwerk der Welthungerhilfe gehört, und Mitglieder einer christlichen Gemeinde. © Florian Lang/Welthungerhilfe

Die meisten der Bewohner*innen sind offiziell in ihren Heimatorten registriert. Lebensmittelrationen an den staatlichen Ausgabestellen stehen ihnen deshalb nicht zu. Das einzige, was sie haben, sind die täglichen Mahlzeiten von Jan Pahal. Als das Team beginnt, riesige Töpfe aus dem Minibus zu hieven, strömen zunächst Männer und Kinder herbei und reihen sich in der sengenden Mittagshitze auf.

Noch bevor die Situation chaotisch wird, ziehen die Mitarbeiter*innen mit Kalkstaub Kreise auf dem Boden. Der Versuch sicherzustellen, dass die Menschen Abstand wahren. Doch das ist wohl die einzige Situation im Alltag der Bewohner*innen, in der sie auf Distanz gehen – gehen können.

Florian Lang Fotoreporter
Die Helfer der Organisation Jan Pahal, die zum Netzwerk der Welthungerhilfe gehört, werden schon erwartet. Sie verteilen gleich Essen an die Menschen im Slum. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Essensausgabe in einem Slum in Delhi: Ein Mitarbeiter der Organisation Jan Pahal bittet die Bewohner*innen, den empfohlenen Abstand zu wahren, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Ein Mädchen bei der Essensausgabe: Das Essen besteht meist aus Reis, Gemüse und Linsen. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Ein Junge freut sich über die bevorstehende Mahlzeit. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Social Distancing in einer Supermarktschlange: Die aufgemalten Kreise sollen helfen, den nötigen Abstand zueinander zu wahren. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Guddi (rechts) und ihre Tante Lakho Devi (links) leben mit ihrer Familie in einem Slum auf dem Grenzgebiet zwischen Ghaziabad und Delhi. Sie sind Wanderarbeiterinnen aus Rajasthan und verdienen ihren Lebensunterhalt mit Schusterarbeiten und Schuhe putzen. Aufgrund der Corona-Pandemie können sie momentan nichts verdienen und sind auf Lebensmittel Spenden angewiesen. Während sie jetzt hier festsitzen, ist Guddis Mutter in Rajasthan und kann nicht zu ihrer Familie. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Geduldiges ausharren, bis der Lockdown vorüber ist

Unser nächstes Ziel ist eine Obdachlosenunterkunft in Dwarka im Südwesten von Delhi. Im Schatten einer aufgespannten Plane kochen zwei Mitarbeiter von Jan Pahal Reis und Dal für rund 500 Menschen. Hier leben unter anderem Wanderarbeiter*innen. Sie wurden beim Versuch irgendwie in ihre Dörfer zurückzukehren von der Polizei aufgegriffen und hierher gebracht.

Viele der Plastiksandalen vor dem Schlafsaal zeugen von langen Fußmärschen, ein Paar roter Flip-Flops wurde notdürftig zusammengeflickt, an den Fersen sind große Löcher in die Sohlen getreten.

Florian Lang Fotoreporter
Ausgetretene Flip Flop-Sandalen mit Löcher.
In einer Unterkunft für Obdachlose: Ausgetretene Flip Flop-Sandalen zeugen von langen Fußmärschen. Viele der derzeitigen Bewohner*innen sind gestrandete Wanderarbeiter*innen, die von der Corona-Pandemie und dem Indien weiten Lockdown überrascht wurden. © Florian Lang/Welthungerhilfe

Was mir besonders auffällt, ist die Duldsamkeit der hier Gestrandeten. Streit gibt es nur ab und an um die Steckdosen zum Laden der Mobiltelefone, der einzigen Möglichkeit, mit der Familie in Kontakt zu bleiben. Und bei Temperaturen bis zu 43 Grad geht es um die begehrten Schlafplätze unter den Ventilatoren. Auch aus einem weiteren Grund:

'Wenn wir nicht an Corona sterben, dann fressen uns die Moskitos!', sagt einer der Arbeiter, und das nur halb im Scherz. Denn Malaria und Denguefieber sind in Delhi eine reelle tödliche Gefahr.

Florian Lang Fotoreporter
Akash (22) telefoniert mit seiner Familie. Akash arbeitete als Schreiner in Jaipur, im indischen Staat Rajasthan. Als er von dem indienweiten Lockdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie erfuhr, machte er sich zu Fuß auf in seine ca. 450 Kilometer entfernte Heimatstadt Haridwar. Nach tagelangem Fußmarsch wurde er schließlich an der Grenze zu Delhi von der Polizei aufgegriffen und in dieser Obdachlosenunterkunft einquartiert. Wie viele seiner Mitbewohner*innen wartet er darauf, die Reise in seine Heimat fortsetzen zu können. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Ranjeet Kumar mit seinem fünf Monate alten Sohn Abhinash. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Effektiver Schutz vor Corona ist für die Menschen, die im Slum am Rande von Delhi leben, fast unmöglich. © Florian Lang/Welthungerhilfe
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Stefanie Koop Team Marketing Communications

Der Bericht des Fotoreporters Florian Lang erschien in voller Länge im Welthungerhilfe-Spendermagazin, Ausgabe 3/2020.

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Letzte Aktualisierung 27.08.2020

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