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Welthunger-Index
Wie steht es um die Hungersituation weltweit? Wurden Fortschritte erzielt oder sind Rückschläge zu verzeichnen? Der Welthunger-Index liefert eine umfassende Berechnung und Bewertung der globalen Hungersituation.
Der Welthunger-Index (WHI, auf Englisch: Global Hunger Index, GHI) misst und vergleicht jährlich die Ausprägung von verschiedenen Hungerindikatoren wie Unterernährung und Kindersterblichkeit in der Welt, verschiedenen Regionen und einzelnen Ländern. Er soll zu einer erhöhten Aufmerksamkeit für das Engagement gegen den Hunger führen, zeigt auf, in welchen Weltregionen zusätzliche Ressourcen am dringendsten benötigt werden, und liefert Handlungsempfehlungen, um den Hunger zu beenden.
Welthunger-Index 2025: In krisenhaften Zeiten fällt der Fortschritt aus
Es geht nicht mehr voran – die Anstrengungen zur Überwindung des Hungers, die in den letzten Jahrzehnten so große Erfolge erzielten, bringen in einer Zeit sich zuspitzender Krisen derzeit kaum noch Verbesserungen zustande. Bei allen vier Indikatoren, aus denen der Index sich zusammensetzt – Unterernährung, Wachstumsverzögerung bei Kindern, Auszehrung bei Kindern und Kindersterblichkeit – bleiben die Fortschritte hinter den internationalen Zielvorgaben zurück. Der globale WHI-Wert liegt 2025 bei 18,3; im Vergleich zum letzten methodisch vergleichbaren Wert aus dem Jahr 2016 – 19,0 – ist das kaum noch eine Verbesserung. (Niedrigere Werte bedeuten weniger, höhere Werte bedeuten mehr Hunger.) In 27 Staaten hat der Hunger seit 2016 sogar wieder zugenommen.
Derzeit klassifizieren die nationalen WHI-Werte die Ernährungslage in 7 Ländern als „sehr ernst“: Burundi, Demokratische Republik Kongo, Haiti, Jemen, Madagaskar, Somalia und Südsudan. In weiteren 35 Ländern gilt die Situation als „ernst“.
Das Ziel „Zero Hunger 2030“ ist in Gefahr. Wenn das Entwicklungstempo so langsam bleibt, wie es derzeit ist, werden 56 Länder die Reduzierung des Hungers auf das Niveau „niedrig“ bis 2030 nicht schaffen.
Die Gründe für diese besorgniserregenden Tatsachen liegen in der Verschärfung einer Reihe von Krisen, die sich überlagern und gegenseitig verstärken. Bewaffnete Konflikte wie in Gaza und im Sudan sind derzeit die größten Hungertreiber. Sie sind oft zugleich Folge und Ursache wirtschaftlicher Instabilität mit überregionaler Ausstrahlung. Die Auswirkungen der Klimakrise kommen hinzu; sie bedrohen weiterhin regionale Ernährungssysteme: 2024 war das heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Weltgemeinschaft hat angesichts der bedrohlichen Auswirkungen der Krisen auf die Ernährungslage nicht mit mehr Engagement für Humanitäre Hilfe und Entwicklung reagiert. Im Gegenteil: Ausgaben für Hilfsmaßnahmen sind stark gekürzt worden, während Rüstungsausgaben weiter steigen.
Angesichts all dieser Probleme ist besonders bemerkenswert, dass sich in mehreren Ländern die Werte entgegen dem Trend deutlich verbessert haben: Mosambik, Ruanda, Somalia, Togo und Uganda. Vor allem in Mosambik und Somalia bleibt das Hungerniveau aber trotz der Fortschritte besorgniserregend hoch.
Hunger ist regional ungleich verteilt
Der globale WHI-Wert von 18,3 steht für eine mäßige Bedrohung durch Hunger. Dies ist allerdings ein Durchschnittswert für den gesamten Planeten. Schaut man auf einzelne Regionen und Länder, sieht die Lage oft anders aus.
In Afrika südlich der Sahara gibt es nach wie vor den meisten Hunger (Bedrohungsniveau „ernst“). Zwar hat sich die Situation seit dem Jahr 2000 in 35 von 47 Ländern verbessert. Seit 2016 ist dieser Fortschritt aber fast zum Stillstand gekommen. Am stärksten betroffen sind Somalia, der Sudan und Burundi.
Auch in Südasien bleibt die Lage ernst. In Afghanistan, Pakistan und Sri Lanka hat sich die Lage seit 2016 verschlechtert, während andererseits Bangladesch und Nepal deutliche Fortschritte erzielt haben.
In Westasien und Nordafrika ist weiterhin ein mäßiges Hungerniveau zu verzeichnen. Verglichen mit 2016 konnte in dieser Region am wenigsten Fortschritt verzeichnet werden. Sonderfälle sind katastrophale Krisen der Ernährungssicherheit in Gaza und im Jemen, die sich im Gefolge der dort stattfindenden Kriege entwickelt haben.
Lateinamerika, die Karibik, Ost- und Südostasien weisen mäßige bis niedrige Hungerniveaus auf. In Haiti ist das Hungerniveau seit 2016 von ernst auf sehr ernst angestiegen. Für Nordkorea wird trotz schwacher aktueller Datenlage das Hungerniveau als ernst eingeschätzt.
Ein Problem ganz eigener Art ist in einigen Ländern und Regionen die Datenlage. Gerade dort, wo die Ernährungslage besonders kritisch ist, fehlen teilweise verlässliche Daten zur genauen Berechnung des WHI, z.B. weil Berichtssysteme zusammenbrechen. Das betrifft derzeit vor allem den Gaza-Streifen (wo überhaupt kein WHI berechnet werden kann), Nordkorea, Burundi, Sudan und Jemen. Hier droht eine Spirale der politischen Vernachlässigung von Ernährungsproblemen. Wo es keine Informationen gibt, gibt es keine Aufmerksamkeit; und wo es keine Aufmerksamkeit gibt, gibt es keine Hilfe.
Bei allen Problemen: Gezielte Politik und nachhaltige Investitionen können nach wie vor zu echtem Fortschritt bei der Überwindung des Hungers führen. Denn in den zwanzig Jahren seit dem ersten Welthunger-Index sind wir bei der Entwicklung von Lösungsansätzen immer weiter vorangekommen. Auch das zeigt der Bericht zum WHI 2025.
Wo stehen wir bei der Bekämpfung des Hungers? Eine Zwischenbilanz nach zwanzig Jahren Welthunger-Index
Der zwanzigste Welthunger-Index ist auch Anlass, auf die letzten beiden Jahrzehnte der Anstrengungen zur Überwindung des Hungers zurückzublicken. Bis 2016 waren ermutigende Fortschritte zu verzeichnen. Als in diesem Jahr die Agenda 2030 der Vereinten Nationen in Kraft trat, schien das dort proklamierte Ziel von “Zero Hunger bis 2030” in greifbare Nähe gerückt. Es folgte jedoch eine Zeit der Stagnation, die mit der Verschärfung allgemeinerer Krisensymptome im globalen System zusammenhängt; einem Komplex aus Folgen des Klimawandels; der Corona-Pandemie; der Eruption gewaltsamer Konflikte, die das internationale System bislang nicht zu bändigen in der Lage war; wirtschaftlicher Instabilität, die mit den anderen Krisen in Verbindung steht.
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Trotz dieser und durch diese Krisen konnte die Weltgemeinschaft wichtige Erkenntnisse in Hinblick auf eine effektivere Reduzierung des Hungers gewinnen. Zu Beginn des Jahrtausends kreisten Entwicklungsstrategien vor allem um die Idee einer Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft. Über die Jahre wurde immer deutlicher, dass das nicht reicht. Wenn wir Hunger dauerhaft beenden wollen, müssen wir über die Grenzen der Ernährungssysteme hinaus in die Gesellschaften, in die nationale und die internationale Politik schauen. Gerechtigkeit, Resilienz, Governance, politische Führung und politische Verantwortung unter den Bedingungen der Klimakrise sind die Stichworte. Strategien müssen sektorübergreifend sein und Menschen befähigen, vorausschauend mit Risiken umzugehen.
Wenn diese Parameter nicht gestärkt werden, sind alle Produktivitätsfortschritte prekär – sie können der nächsten Krise wieder zum Opfer fallen. Wenn Politik aber ihrer Verantwortung gerecht wird und von Absichtserklärungen zu entschlossenem Handeln voranschreitet, können wir das Problem des Hungers nach wie vor lösen.
Wie wird der Welthunger-Index berechnet?
Die Hungersituation in den untersuchten Ländern wird anhand von vier Indikatoren als gravierend, sehr ernst, ernst, mäßig oder niedrig eingestuft. Je höher der Wert, desto stärker der Hunger im jeweiligen Land.
Die 4 Indikatoren des Welthunger-Index
- Unterernährung: der Anteil der Bevölkerung, dessen Kalorienbedarf nicht gedeckt ist.
- Wachstumsverzögerung bei Kindern: der Anteil von Kindern unter fünf Jahren mit einer zu geringen Größe in Bezug auf das jeweilige Alter, ein Beleg für chronische Unterernährung.
- Auszehrung bei Kindern: der Anteil von Kindern unter fünf Jahren mit einem zu niedrigen Gewicht in Bezug auf die jeweilige Größe, ein Beleg für akute Unterernährung.
- Kindersterblichkeit: der Anteil der Kinder, die vor ihrem fünften Geburtstag sterben, was zum Teil das fatale Zusammenwirken von mangelnder Nährstoffversorgung und einem ungesunden Umfeld widerspiegelt.
Ist bei einem Land oder einem Gebiet die Datenlage zu den Indikatoren ungenügend, wird der Schweregrad des Hungers vorläufig auf Grundlage anderer veröffentlichter Daten eingeschätzt. Für den Welthunger-Index 2025 wurde so bei sieben Ländern vorgegangen. Bei sechs weiteren Ländern war auch eine solche vorläufige Einschätzung nicht möglich.
Der Bericht wird gemeinsam von der Welthungerhilfe, dem Alliance2015-Partner Concern Worldwide und dem Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht der Ruhr-Universität Bochum herausgegeben.



