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26.11.2020 | Projektupdate

Die Schule bietet Schutz

Als ihre Schule im ugandischen Karamoja aufgrund der Corona-Krise geschlossen wurde, waren 24 Schülerinnen tief besorgt. Aus Angst vor Genitalverstümmelung und Zwangsheirat bleiben sie in ihrer Schule.

Gruppenfoto von Mädchen mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln in der Hand, Kalas, 2020.
Die Mädchen freuen sich über Lebensmittel und Hygieneartikel. Das hilft die Corona-Zeit zu überbrücken und nimmt die Angst nach Hause zurückkehren zu müssen. © Welthungerhilfe
Stefanie Koop Team Marketing Communications

Als ihre Schule im ugandischen Karamoja aufgrund der Corona-Krise geschlossen wurde, waren 24 der Schülerinnen tief besorgt. Die Mädchen vom Stamm der Pokot sollten wie alle anderen Schüler*innen zurück in ihre Dörfer geschickt werden. Doch dort wird in gewissem Umfang Genitalverstümmelung praktiziert, auch Zwangsheirat ist nicht unüblich. Die Welthungerhilfe ermöglichte den Mädchen, bis heute in der Schule zu bleiben. Projektleiter Dirk Ullerich spricht im Interview über die Hintergründe. Der erfahrene Entwicklungsexperte arbeitet schon lange in Karamoja, was ihm tiefe Einblicke in das gewährt, was die Menschen dort bewegt.

Wie wurdet ihr auf die Mädchen aufmerksam?

Seit Jahren ist die Welthungerhilfe in Karamoja im Bereich Wasser, Sanitär und Hygiene tätig. Dazu gehört auch die Hygiene während der Menstruation. In Sekundarschulen unseres Projektgebietes haben wir Menstruationstassen für alle Mädchen bereitgestellt, die diese Methode anwenden wollen. Auch Unterrichtung über reproduktive Gesundheit ist fester Bestandteil des Programms. Bei unserer Arbeit wurden wir auf die Mädchen an der Kalas-Schule aufmerksam gemacht, in der wir bislang nicht tätig waren. Wir stellen nun Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs für sie zur Verfügung.

Warum setzten diese Mädchen alles daran, weiter in der Schule bleiben zu dürfen?

Familienzusammenhalt ist bei den Stämmen von Kleinbäuer*innen und Hirt*innen in Ostafrika sehr stark. Es gelten die Entscheidungen des Haushaltsvorstands, in aller Regel der Vater. Wenn sich, wie in diesem Fall, minderjährige Mädchen von 12 bis 14 Jahren dagegen auflehnen, ist das eine große Ausnahme. Das Leben dieser Stämme ist immer noch stark von Traditionen geprägt. Viele davon sind gut, doch manche verstoßen heute nicht nur gegen unsere Moralvorstellungen, sondern ebenso gegen Recht und Gesetz auch in Uganda. Dazu gehören weibliche Genitalverstümmelung und die Zwangsverheiratung minderjähriger Mädchen. Dies ist es, was diese Mädchen bei ihrer Rückkehr nach Hause fürchteten.

Was ist weibliche Genitalverstümmelung?

Gezielt herbeigeführte Verletzungen der äußeren und/oder inneren weiblichen Geschlechtsorgane werden als weibliche Genitalverstümmelung bezeichnet:

Weltweit sind laut UN über 200 Millionen Frauen und Mädchen betroffen. Die Verstümmelung führt häufig zu schweren körperlichen und seelischen Schäden.

In welchem Umfang gibt es Genitalverstümmelung noch?

Nach unserer Kenntnis kommt die Genitalverstümmelung bei Frauen in Uganda nur noch bei den Stämmen der Sebei und den Pokot vor. Die Sebei leben an der Grenze zu Kenia, die Pokot leben auf beiden Seiten der ugandisch-kenianischen Grenze. In Kenia wird Genitalverstümmelung stärker geduldet und auch von weiteren Stämmen praktiziert. Deshalb werden Mädchen häufig von Uganda nach Kenia geschickt, um den Eingriff dort vornehmen zu lassen.

Woher kommt diese Praxis und wie wird sie begründet?

Die Genitalverstümmelung bei Frauen gibt es leider noch in vielen Ländern Afrikas. Es ist bei einzelnen Stämmen ein jahrhundertealter Brauch. Den Mädchen wird erzählt: Nur wenn die als schmutzig bezeichnete Klitoris entfernt werde, seien sie vollwertige Frauen und gute Ehefrauen. Auch würden sie durch die Operation später beim Gebären weniger Schmerzen haben. Tatsächlich entrichtet ein Mann für eine beschnittene Frau auch einen höheren Brautpreis. Es spielt wohl die Angst vor der weiblichen Sexualität eine Rolle, ebenso der Wunsch nach Unterordnung und Gehorsamkeit der Frau. Und es gibt den Aberglauben, beschnittene Frauen würden nicht fremdgehen.

Was sind die Folgen des Eingriffs der Beschneidung?

Bei den Pokot wird die weibliche Genitalverstümmelung ohne Betäubung und ohne hygienische Maßnahmen durchgeführt. Die medizinischen Folgen können langwierige Blutungen, Vereiterungen, Verwachsungen sein, bis hin zur Unfruchtbarkeit. Genauso schlimm sind die psychischen Langzeitfolgen, Trauma und Depressionen.

Warum gab es Widerstand von Mädchen nur an dieser Schule?

Es ist eine der wenigen Grundschulen mit Internat, die Kinder kommen nur in den Ferien nach Hause. So sind die Mädchen dem Druck der Familie weniger ausgesetzt und werden selbständiger. Grundsätzlich ist das Elternhaus für die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit sehr wichtig. Ein Internat kann gerechtfertigt sein, wenn die Eltern einen Teil des Jahres mit ihren Herden umherziehen, oder junge Mädchen in einem Umfeld leben, das ihrer Entwicklung schadet. Solch eine Situation liegt an der Kalas-Schule vor.

Hilfsgüter bedeuten für die Mädchen, dass sie in der sicheren Schule bleiben können. © Welthungerhilfe

Die Mädchen sagten, sie fürchteten sich auch vor Zwangsverheiratung. Auch dies ist durch Gesetz verboten. Warum die Furcht?

Üblich ist hier die traditionelle Heirat nach Stammesritus, die nach Verhandlung zwischen den Familien durch Übergabe des Brautpreises in Form von Rindern, Schafen und Ziegen an den Vater des Mädchens besiegelt wird. Durch schwere Dürren und Viehkrankheiten in der Region hat die Zahl der Tiere stark abgenommen, das Aufbringen des Brautpreises wird immer schwieriger. Wenn also einer der wohlhabenden Stammesältesten dem Vater eines Mädchens ein hohes Angebot macht, ist es für ihn schwer zu widerstehen. Ein solcher Mann kauft sich also ein minderjähriges Mädchen und ist oft selbst zwei Generationen älter. 

Eine ebenfalls verbotene Praxis ist die „Ehe durch Vergewaltigung“. Ein junger Mann und seine Freunde entführen ein Mädchen, zum Beispiel beim Wasserholen oder Holzsammeln. Der Mann vergewaltigt das Mädchen, hält es einige Wochen lang versteckt, geht dann zu ihrem Vater und bietet zur Vergebung einen Brautpreis. Dem Vater bleibt nur, dies zu akzeptieren. Ginge er zur Polizei, wäre seine Tochter in der Gemeinschaft bloßgestellt. Diese Praktiken werden bestraft, aber wo kein Kläger, auch kein Richter.

Wie sehen die Eltern den Schulbesuch ihrer Töchter?

Traditionell sieht insbesondere der Vater den Wert seiner Töchter in ihrer Arbeitskraft für seinen Haushalt und in ihrem späteren Brautpreis. Wenn das Mädchen zur Schule geht, kann sie weniger für ihre Eltern und Geschwister arbeiten und sie wird selbstbewusster. Mädchen haben es deshalb meist nicht leicht, ihren Eltern die Genehmigung zum Schulbesuch abzutrotzen. Der Staat führt Kampagnen wie ‚Alle Mädchen zur Schule‘ durch. Das hilft, aber viele Mädchen verlassen die Schule trotzdem schon nach wenigen Monaten.

Von der Polizei wurden zu den 24 Mädchen, die nicht zu ihren Eltern zurückkehren wollten, vier weitere Mädchen in die Schule gebracht, die beim Versuch, sich in Kenia freiwillig einer Beschneidung zu unterziehen, aufgegriffen wurden. Wie kommen die Mädchen miteinander aus?

Natürlich führt dies zu Spannungen und zu gegenseitigen Vorwürfen zwischen den Mädchen. Unsere Haltung zu weiblicher Genitalverstümmelung ist eindeutig. Trotzdem ist es wichtig, auch diese vier Mädchen nicht ins Abseits zu stellen, sondern das Thema mit ihnen zu besprechen. Die Situation ist schwierig, denn die Schule ist offiziell wegen COVID geschlossen, nur die Schulleiterin und ihre Stellvertreterin sind dort. Zu dem Problem der Verpflegung der Mädchen kommt auch die Untätigkeit. Das verschärft die Spannungen. Wir haben uns deshalb überlegt, die Mädchen sinnvoll zu beschäftigen: mit Handarbeiten und der Herstellung von traditionellem Glasperlenschmuck. Dabei arbeiten die Mädchen zusammen, das schafft eine Basis.

Spricht euer Projekt weibliche Genitalverstümmelung im Rahmen der Sexualaufklärung an?

Die Regierung fürchtet, ausländische Organisationen könnten Jugendliche zu sexueller Freizügigkeit ermuntern, und erlaubt es deshalb nur staatlichen Lehrer*innen, Sexualkunde zu unterrichten. Diese gehen aber nicht konkret auf das Thema ein - dabei ist es wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen. Die Maxime ‚Schutz durch Nichtwissen‘ dagegen ist fatal. Die hohe Zahl ungewollter Schwangerschaften bei Schülerinnen und damit einhergehend der Abbruch ihrer Schulausbildung ist eine direkte Folge. Wir fassen das Thema weiter - als reproduktive Gesundheit. Das Bildungsministerium stimmte zu, dass wir darüber in den Schulen mit Mädchen, Jungen und auch Eltern sprechen. Wir halten uns strikt an die Leitlinien des Ministeriums. Zum Glück ist es uns erlaubt, alle Fragen der Schüler*innen zu beantworten, die oft sehr direkt sind, aber auch von großer Unkenntnis zeugen. Unsere beiden Sozialarbeiterinnen im Projekt gehen gut damit um. Wir ziehen immer eine Krankenschwester oder Hebamme mit hinzu.

Wie geht es nun für die Mädchen der Kalas-Schule weiter?

Mit der Unterstützung dieser Mädchen hat die Welthungerhilfe auch ein Stück Verantwortung für sie übernommen. Man kann sie nicht ein paar Monate lang unterstützen und dann alleinlassen. Ziel muss es sein, die Versöhnung mit den Eltern zu erreichen, aber auch die Eltern davon zu überzeugen, dass ihr Verhalten nicht gut für ihre Töchter ist. Das ist nicht einfach, denn der Gehorsam gegenüber den Eltern ist Pflicht, es geht auch um Dinge wie Ehre und Stolz. Deshalb kann es nicht in jedem Fall funktionieren. Das bedeutet für uns die Verpflichtung, die Mädchen weiter zu unterstützen, unter Umständen für Jahre. Dem müssen wir uns stellen.

Die Unterstützung der Mädchen an der Kalas-Schule wird finanziell durch die Initiative EVA ermöglicht, die die Schauspielerin Gesine Cukrowski mit der Welthungerhilfe ins Leben gerufen hat.

Letzte Aktualisierung 17.03.2021

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