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02.12.2021 | Projektupdate

Afghanistan: So steht es um unsere Safran-Kooperative

Die humanitäre Not in Afghanistan war bereits vor der Machtübernahme der islamistischen Taliban groß – nun ist sie dramatisch. Wie steht es um die Welthungerhilfe-Projekte, vor allem um jene, an denen Frauen beteiligt sind? Die Journalistin Andrea Jeska reiste im Oktober nach Herat und traf dort Frauen der Safran-Kooperative.

Eine Frau kniet auf dem Boden und Pflückt Krokus-Blüten.
Die Safran-Kooperative in Herat, Afghanistan, bietet Frauen die Chance auf mehr Selbstständigkeit und ein eigenes Einkommen. © Ilir Tsouko/Welthungerhilfe

Im Westen Afghanistans, in einer Landschaft voller Staub und Trockenheit, liegt die Stadt Herat, umgeben von Wüste. Am Horizont erstrecken sich die flachen Berge der Dau Shakh Kette, und durch das breite Flussbett des Heirut ziehen sich nur Rinnsale. Seit Jahren wartet man hier auf genug Regen, doch in diesem Sommer fiel so wenig, dass der Weizen noch am Halm vertrocknete. Schon immer konnten die Bäuer*innen hier ihre Familien kaum ernähren, doch seit diesem Sommer sind die, die über die Runden kamen, arm und die Armen bitterarm.

Merajudin Shahabi aus dem Dorf Gabighan kämpfte viele Jahre mit der Not, die aus der Trockenheit der Wüste entsprang. Der Bauer baute Kartoffeln und Zwiebeln an, hielt einige Schafe und Kühe, und schaffte es, in guten Jahren 3.000 Afghani, umgerechnet 30 Euro, im Monat zu verdienen. In schlechten Jahren waren es nur 2.000 Afghani – weniger, als ein 25-Kilo-Sack Reis kostet. Die gesamte Last des Geldverdienens lag allein auf seinen Schultern – Merajudin sagt: „Ich fühlte mich sehr allein.“

Zweites Einkommen dank Safrananbau

Bibi Gul, Merajudins Ehefrau, hat die Hälfte der Last, wenn nicht mehr, vor zwei Jahren von ihrem Mann genommen. Indem sie Teil einer Frauenkooperative wurde, die Safran anbaut, erntet, verarbeitet und vermarktet. Nicht irgendeinen Safran, sondern solchen, der zu den Weltbesten zählt. Zwei Sätze bringen auf den Punkt, welchen Unterschied das für die Familie macht. „Ich bin jetzt sichtbar und werde respektiert“, sagt Bibi Gul. „Ich bin nicht mehr allein“, sagt Merajudin.

Ein Korb voller Krokusblüten.
Aus den Blüten der violetten Krokusart lässt sich kostbarer Safran gewinnen. Die Frauen aus der Kooperative bekommen jeweils 400 Safranzwiebeln. © Ilir Tsouko/Welthungerhilfe

Der Safranverband „Socio-agricultural women of Pash toon Zarghoon District“ ist eine Initiative der Welthungerhilfe. Deren lokaler Partner RAADA (Rehabilitation Association and Agriculture Development for Afghanistan) hat seinen Sitz in Herat. Die Stadt war das wohlhabende Zentrum der Dichter und Musiker, der Sufi-Meister, der besten Teppichknüpfer, Sitz der renommierten Balkh-Universität. Am 12. August dieses Jahres wurde Herat nach tagelangen Kämpfen an die Taliban übergeben.

Nach der Machtübernahme der Taliban kehrt der Alltag so langsam zurück

Nach den ersten angstvollen Wochen, in denen sich kaum ein Mensch auf die Straße wagte und vor allem die Frauen daheimblieben, hat sich die Lage normalisiert. Das bunte Treiben ist wieder erwacht, entlang der Straßen bieten Händler Kleidung und Gewürze an, es riecht nach Zimt und Kardamom. Das Büro von Nazir Ghafoori, Direktor von RADAA, liegt in einem Hinterhof mitten in Herat. Seit vielen Jahrzehnten engagiert er sich für die Rechte und die Stärkung der Frauen auf dem Land. Er hat ein halbes Dutzend Initiativen auf den Weg gebracht, um diesen Frauen ein eigenes Einkommen und zumindest minimale Freiheiten zu ermöglichen. Aus der Kooperation mit der Welthungerhilfe entstand die Idee des Safrananbaus.

Eine Frau hält Safranzwiebeln in der Hand. Frauenpower: Mehr Wissen bedeutet mehr Einfluss

Endlich die Chance auf ein eigenes Einkommen: Die Safran-Frauenkooperative in Afghanistan.

Kaum verlässt man die breiten Straßen von Herat auf dem Weg in die umliegenden Dörfer, wird das Land karg. Die wenigen Läden, die es dort noch gibt, verkaufen gerade mal die Grundnahrungsmittel. In das Safran-Projekt werden vor allem jene Frauen aufgenommen, die mit großer Not zu kämpfen haben. „Wir fahren in die Dörfer und schauen, welche Familien am ärmsten sind. Voraussetzung ist, dass sie ein Stück Land besitzen, auf dem die Frauen anbauen können. Dann reden wir mit den Dorfältesten und den Ehemännern. Wir erklären ihnen, welche Vorteile es hat, wenn die Frauen Geld verdienen. Wir stoßen selten auf Schwierigkeiten, denn die Einsicht der Männer ist groß“, sagt Nazir Ghafoori. Die ausgewählten Frauen, 100 sind es zurzeit, erhalten je 400 Safranzwiebeln von der Welthungerhilfe und ein Training über den Anbau. Um in der Kooperative ihre Waren selbstständig vermarkten zu können, gibt es auch Alphabetisierungs- und Buchhaltungskurse. Bei allen Fragen und Problemen werden die Frauen von RADAA beraten und engmaschig betreut.

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Mindestens ein Viertel der Familien wird von Frauen ernährt

Mit der Machtübernahme der Islamisten in Afghanistan und deren Ankündigung einer rigiden islamischen Staatsführung, die Frauen das Recht auf Arbeit und Bildung verwehrt, kam die bange Frage auf, wie es mit der Kooperative weitergehen würde. Dass die Frauenorganisation ihre Arbeit bislang fortsetzen darf, verdankt sie den Verhandlungen der Welthungerhilfe mit den Gemeinderäten und der engagierten Vermittlungsarbeit von RAADA. Denn jene Taliban, die in den Dörfern um Herat das Sagen haben, so erklärt Ghafoori, seien Einheimische, die die prekäre Lebenssituation der Menschen verstünden. „Viele Männer sind arbeitslos oder verdienen nur wenig Geld. Mindestens ein Viertel aller afghanischen Familien wird komplett von Müttern oder Töchtern ernährt, ein weiteres Viertel mit deren Hilfe. Ihnen die Mitarbeit zu verwehren, würde zu katastrophaler Not führen.“

Eine Frau mit Mundschutz sitz an einem Tisch.
Eine Frau zupft die wertvollen Safran-Faden aus den Krokus-Blüten. © Ilir Tsouko/Welthungerhilfe

Wirtschaftlich gesehen ist die neue Lage dennoch eine existenzielle Bedrohung. Die Taliban-Regierung hat kein Geld, mehr als 70 Prozent der Bevölkerung sind nun ohne Arbeit. Die Vereinten Nationen warnen vor einer Hungersnot, wenn nicht weiterhin in großem Format humanitäre Hilfe ins Land kommt. Zudem steht der Winter vor der Tür, zum Heizen fehlt den Menschen das Geld, in manchen Gebieten fällt für viele Stunden am Tag der Strom aus. Die Kosten für Grundnahrungsmittel wie Reis, Mehl und Öl sind um 30 bis 50 Prozent gestiegen. Bereits jetzt liegen in den Krankenhäusern unterernährte Kinder, hat sich die Zahl der Bettelnden in den Städten vervielfacht.

Wie es mit der Frauenkooperative weitergeht, ist ungewiss

Auch die Frauenkooperative leidet unter der wirtschaftlichen Talfahrt. Schon mit Beginn der Corona-Pandemie fiel der Preis für Safran um 50 Prozent, nun fällt er weiter. Auch deshalb, weil Afghanistan jetzt isoliert ist, das Bankensystem noch immer nicht funktioniert und der Export ins Ausland schwierig bis unmöglich geworden ist. Wie die Zukunft für den Safrananbau und für die Frauen in seinem Land aussieht, weiß auch Nazir Ghafoori nicht einzuschätzen. „Es sind dunkle Zeiten“, sagt er, „und wir können nur hoffen, dass sie wieder heller werden.“

Verfasserin des Textes ist Andrea Jeska. Er ist in voller Länge in unserem Magazin erschienen.

Letzte Aktualisierung 20.01.2022

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