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06.03.2020 | Projektupdate

Wird die Plage zur Katastrophe?

Heuschreckenschwärme so groß wie das Saarland ziehen derzeit durch Ostafrika und bedrohen die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen. Thomas Hoerz, Welthungerhilfe-Programmleiter in Somaliland, spricht im Interview über das Ausmaß der Bedrohung, deren Entstehung und mögliche Lösungsansätze.

Viele fliegende Heuschrecken, im Hintergrund sieht man Bäume und Gebüsche.
Ein Heuschreckenschwarm in Samburu, Kenia. Derzeit sind weite Teile Ostafrikas von der Plage betroffen, darunter auch Äthiopien und Somaliland. © FAO
Thomas Hoerz Programmleiter Somaliland

Sie kennen das Gefühl, in so einem Schwarm zu stehen. Können Sie das einmal beschreiben?

Thomas Hoerz: Wenn man im Auto sitzt und fährt, zerplatzen auf einmal sehr viele schwere Insekten auf der Windschutzscheibe, das macht einen ziemlichen Lärm und die Sicht ist sofort stark behindert – das Körperfett der Heuschrecken verschmiert die Scheibe sehr schnell, noch bevor sie bemerkt hätten, dass sie sich einem Schwarm nähern. An ein Weiterfahren ist nicht zu denken. Mitten im Schwarm ist es merkwürdig dunkel, das Zirpen und Flügelschlagen macht einen Höllenlärm und Sie müssen sofort Ihr Gesicht schützen, weil die Tiere mit ziemlicher Wucht aufprallen. Die Dinger wiegen soviel wie ein Cent Stück. Alles in allem eine fast schon apokalyptische Stimmung.

Droht nun also eine Hungersnot, oder ist es gar schon soweit?

Ein Mann wird halb verdeckt von einem Heuschreckenschwarm, er schaut angestrengt. Die Schwärme fressen alles

Ostafrika und Südasien werden derzeit von einer der schlimmsten Heuschreckenplagen seit 25 Jahren heimgesucht.

Thomas Hoerz: Somaliland hat Glück gehabt, ein Großteil der Ernte war im Dezember schon eingefahren, als die ersten Schwärme auftraten. Allerdings basiert ein Großteil der Einkommen in Somaliland und allen Trockengebieten am Horn von Afrika auf der Viehhaltung – im Augenblick ist die Baum- und Buschvegetation noch sehr grün. Sehr gute Bedingungen für Kamele, Ziegen - und Heuschrecken. Wenn die Weiden kahlgefressen sind, bleibt für die Nutztiere nichts übrig, die Milchleistung und das Gewicht der Tiere geht zurück und damit die Einkommen der Menschen. Die Welthungerhilfe arbeitet seit Jahren daran, die Folgen von Dürren und den Hunger zu bekämpfen. Mit den guten Regenfällen 2019 hatten wir erstmals seit Jahren Hoffnung, den Hunger dort besiegen zu können. Und nun die Heuschrecken. Drei biblische Plagen nacheinander.

Wie entstehen solche Plagen?

Thomas Hoerz: Gute Regenfälle und viel grüne Vegetation mästen Kamele und Heuschrecken gleichermaßen. Allerdings waren die Regenfälle von Mai bis Dezember 2019 sehr ungewöhnlich andauernd und ergiebig. Das hat die Vermehrung der Heuschrecken entscheidend begünstigt. In Somaliland wird das Problem zur Katastrophe, wenn sich der Trend von überdurchschnittlichen Regenfällen fortsetzt. Und alle Heuschrecken, die in Somaliland brüten und schlüpfen, sind mit einiger Wahrscheinlichkeit auch bald in Äthiopien.

Wir befragen nun unsere Kontakte in Dörfern, wie wir schon die Brut der Heuschrecken erwischen und eliminieren können, damit nicht großflächig Insektizide eingesetzt werden müssen.

Thomas Hoerz Programmleiter Somaliland

Wie reagieren die Regierungen der betroffenen Staaten?

Thomas Hoerz: Einige Regierungen haben den nationalen Notstand ausgerufen. Hier in Somaliland arbeiten drei Ministerien mit NGOs und der UN zusammen, die Informationen zusammenzutragen, um Empfehlungen zu formulieren und die Mittel bereitzustellen für eine möglichst groß angelegte Bekämpfung. Das wiederum hilft der Welthungerhilfe, um für Spenden zu werben und bei unseren Gebern Mittel anzufragen, was wir gegenwärtig mit Hochdruck tun. Wir befragen nun unsere Kontakte in allen Dörfern, mit denen wir kooperieren, ob es lokales Wissen gibt, wie wir schon die Brut der Heuschrecken oder die noch flugunfähigen Tiere erwischen und eliminieren können, damit nicht großflächig Insektizide eingesetzt werden müssen. Wir geben lieber Geld für viele Helfer aus, als teure Chemie zu kaufen. Das Geld bleibt im Dorf und die Gemeinden lernen, wie man sich selbst wehrt. Und viele Millionen nützlicher Tiere bleiben am Leben.

Fakten zur Heuschreckenplage

Sie sind ja von Hause aus Agraringenieur. Fressen die Heuschrecken alles, was grün ist?

Thomas Hoerz: Dafür sind sie berühmt. Ich wüsste selbst nicht, was sie NICHT fressen, aber da gibt es bestimmt das eine oder andere bittere Kraut. Für uns gilt: die fressen all das, was auch die Kamele fressen könnten.

Was können die Menschen der Region unternehmen?

Thomas Hoerz: Zunächst einmal müssen die Dörfer herausfinden, wo die Tiere ihre Eier ablegen. Weil eine solche Plage an einem Ort nur alle paar Jahrzehnte auftritt, etabliert sich das Wissen darüber im Dorf nicht, wir müssen also zusammen mit den Menschen im Dorf versuchen, das herauszufinden. Man kann flache Gräben ausheben und die flugunfähigen Tiere dort hineintreiben, verbrennen oder vergraben, man kann auch die Gelege ausgraben und verbrennen oder vergraben. Aber wir sind uns durchaus bewusst, dass das alles zu wenig und zu spät sein könnte. Dann hilft nur noch großflächiger Einsatz von Sprühflugzeugen. Aber mir wird übel, wenn ich an die Folgen für die Umwelt denke.

Eine vielleicht etwas gewagte Frage: Heuschrecken sollen ja essbar sein...

Thomas Hoerz: Das stimmt, in einigen Ländern Westafrikas und Asiens stehen sie auf dem Speisezettel. Ernährungskulturen ändern sich nur langsam nach Bedarf und Angebot. Da sehe ich keine schnelle Abhilfe. Aber auf lange Sicht könnte das helfen, die Heuschrecken dauerhaft zu dezimieren.

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Wenn nichts anderes hilft: Wie sieht's mit chemischer Bekämpfung aus?

Thomas Hoerz: Wie schon angedeutet, Millionen vergifteter Heuschrecken vergiften hunderttausende Vögel und zig Millionen andere Insekten. Wenn Hilfe mit dem Flugzeug kommt, lernen die betroffenen Nomaden und Bauern außerdem nicht, sich selbst wehren zu können. Ich bin sehr skeptisch, ob das langfristig sinnvoll ist. Ich bin aber auch kein erfahrener Heuschreckenbekämpfer – zugegeben.

Reicht die internationale Hilfe?

Thomas Hoerz: Zurzeit ist noch nicht abzusehen, mit welchen Mitteln die großen Geber, darunter die Bundesregierung oder die EU, helfen werden. Erste Mittel wurden bereits bewilligt, vom Auswärtigen Amt zum Beispiel. Aber das muss sicher noch deutlich aufgestockt werden, sobald auch die technischen Möglichkeiten geschaffen sind um zusätzliche Mittel aufzunehmen und sinnvoll umzusetzen.

Presse-Infos

Die Welthungerhilfe ist vor Ort und bietet Interviewpartner zur Situation und Projekten in der Türkei und Syrien an.

Und noch eine Prognose, bitte: Wann geht die Plage erfahrungsgemäß vorbei?

Thomas Hoerz: Heuschreckenplagen, das ist die gute Nachricht, dauerten nie mehrere Jahre. Aber es gab auch nie zuvor so langeanhaltende Dürren und noch nie zuvor gab es einen Wirbelsturm in Somaliland, der, wie im Mai 2018, über 300.000 Tiere erfrieren ließ, gerade mal 1000 km vom Äquator entfernt. NIE ist ein schwieriges Wort geworden in Zeiten des Klimawandels, daran werden wir uns gewöhnen müssen.

Letzte Aktualisierung 22.06.2020

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