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20.10.2021 | Projektupdate

In der Heimat neu beginnen

Nach und nach kehren die Menschen im Norden Iraks in ihre Heimat zurück. Als der sogenannte Islamische Staat 2014 einmarschierte, waren Tausende vor der Gewalt geflohen. Auch Dalal Hassan suchte Schutz in den Bergen. So wie viele der Zurückgekehrten steht er nun vor dem Nichts. Doch seine Bienenzucht gibt ihm Hoffnung.

Menschen in Imker-Schutzkleidung stehen um Holzkisten herum. Darin befinden sich vermutlich Bienen.
Im Norden des Iraks arbeitet die Welthungerhilfe gemeinsam mit Binnenflüchtlingen, Rückkehrer*innen sowie Mitgliedern der aufnehmenden Gemeinschaften an Ausbildungs- und Verdienstmöglichkeiten. Unter anderem unterstützt sie Imker*innen dabei, hre Bienenzucht profitabler zu machen. © Almas Khidder/Welthungerhilfe
Jessica Kühnle Landesbüro Türkei/Syrien/Irak

Dalal Hassan kann die dunklen Zeiten nicht vergessen, seine inneren Wunden sind tief und werden noch lange brauchen, um zu verheilen. Bis Ende 2017 kontrollierte der sogenannte Islamische Staat weite Teile des Iraks und wurde von der irakischen Armee und Verbündeten bekämpft. Auch nach dem offiziellen Ende der Kämpfe leidet die Zivilbevölkerung unter den Folgen. „Der Krieg hat Gewalt und Zerstörung mit sich gebracht. Unsere Häuser wurden geplündert, unsere religiösen Stätten geschändet. Wer nicht rechtzeitig floh, musste Schreckliches erleben“, erzählt der 65-Jährige, während seine Augen über die steinigen Hügel des Sinjargebirges schweifen.

Alles verloren zu haben, schweißt zusammen

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Dalal Hassan und seine Familie konnten entkommen. Mit anderen versteckten sie sich über Monate in den naheliegenden Sinjar Bergen in Höhlen, lebten von den wenigen Tieren, die ihnen geblieben waren, und von ihren Bienenkolonien. Dann begannen sie, auf den kargen Flächen im Schutz der Berge ihr Leben neu aufzubauen. „Wir stammen aus verschiedenen Orten, die meisten sind Jesid*innen, aber auch Schiit*innen haben hier Schutz gefunden, wir übten unterschiedliche Berufe aus, doch wir wurden zu Brüdern und Schwerstern“, erinnert sich Dalal Hassan. Alles in der alten Heimat verloren zu haben und bei Null in der neuen Heimat beginnen zu müssen, schweißt sie zusammen.

Da es während des Krieges keine Arbeit gab, halfen ihnen die Bienen, irgendwie über die Runden zu kommen. „Mit dem Honig, den wir in der Umgebung verkauften, verdienten wir etwas Geld, Stein für Stein haben wir davon unsere Häuser errichtet. Das ging nur sehr langsam voran, denn der Ertrag war zunächst sehr gering“, erzählt Dalal Hassan. Es fehlten moderne Geräte und notwendige Materialien wie Bienenzucker oder Bienenkästen. Zudem gab es keine Möglichkeit, den frischen Honig zu lagern, teils fehlte es an Expertise und Wissen.

Menschen in weißen Imker-Anzügen. Einer hält eine Bienenwabe, die anderen schauen zu.
In den Schulungen lernen die Imker*innen neue Methoden der Bienenzucht kennen. © Almas Khidder

Neubeginn mit Bienen

Im Norden des Iraks arbeitet die Welthungerhilfe gemeinsam mit Binnenflüchtlingen, Rückkehrer*innen sowie Mitgliedern der aufnehmenden Gemeinschaften an Ausbildungs- und Verdienstmöglichkeiten. Sanitäranlagen in Schulen werden instandgesetzt, ebenso Wasserleitungen, Pumpen und Abwassersysteme. Gefördert von Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt sie nun auch Hassan und weitere Imker*innen in den umliegenden Dörfern im Sinjargebirge dabei, ihre Bienenzucht profitabler zu machen.

Ein Mann steht an einer Wand und schaut in die Kamera. Neuanfang mit Bienen

Als Shamo mit seiner Familie vor dem IS floh, verlor er alles. Eine Schulung in Bienenzucht ermöglicht den Neustart in der alten Heimat.

So hörte der 47-jährige Familienvater Shamo von Freund*innen, dass die Welthungerhilfe Schulungen anbot, um Einkommensmöglichkeiten in dem von Krieg zerrütteten Gebiet zu eröffnen und die Lebensgrundlagen der heimkehrenden Bevölkerung zu verbessern. Er entschied sich, an einem Training zur Bienenzucht teilzunehmen, und hoffte, seine Arbeit in diesem Beruf wieder aufnehmen zu können. Shamo besaß schon viel Praxis als Imker, formell hatte er aber nie etwas über die Bienenzucht gelernt. „Es war eine gute Erfahrung für mich. Ich lernte neue Methoden kennen, wie wichtig die Fütterung in der Nebensaison ist, und wie man Bienenwachs herstellt und verarbeitet“, erläutert er. Vom Projekt, gefördert von der Europäischen Union, erhielt Shamo einen kleinen Kredit. Davon kaufte er sich eine Ausrüstung, um die Bienenzucht wieder in Gang zu bringen. Nun hofft er auf gute Einnahmen.

Zwei Männer sitzen an einer Wand. Vor ihnen sieht man mehrere Gegenstände.
Shamo unterhält sich mit einem Welthungerhilfe-Mitarbeiter. Vor ihm sieht man sein Equipment, das er für seine Bienenzucht gekauft hat. © Barfe Aido/Welthungerhilfe

"Wenn die Bienen sterben, stirbt unsere Lebensgrundlage"

Auch Dalal Hassan berichtet von Fortschritten: „Wir haben ein neues Lagerhaus gebaut, das die umliegenden Dörfer mit nutzen können. Vorher hatten wir keine Möglichkeit, unsere Ausrüstung und den frischen Honig sicher aufzubewahren. Außerdem haben wir eine Schulung erhalten, in der wir beispielsweise lernten, wie wir unsere Bienenkolonien pflegen sollten, um Krankheiten vorzubeugen. Wir sind abhängig von den Bienen, deshalb ist es umso wichtiger, dass sie gesund sind. Wenn die Bienen sterben, stirbt unsere Lebensgrundlage“, sagt Dalal Hassan.

Der Kampf ums Überleben vereint die Dorfbewohner*innen im Sinjargebirge. Sie waren Fremde in der Not und wuchsen zu einer Gemeinschaft zusammen, die füreinander sorgt, ungeachtet der Herkunft, Religion oder Stellung in der Gesellschaft. Die Bienen geben ihnen eine Perspektive und Mut für den Neuanfang.

Letzte Aktualisierung 22.10.2021

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