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12.05.2020 | Projektupdate

Heuschreckenplage in Ostafrika

Sie ernten, was andere säen: In Ostafrika bedrohen riesige Heuschreckenschwärme die Existenzen von Millionen von Menschen. Besonders dramatisch: In den betroffenen Ländern ist die Nahrungsmittelversorgung bereits kritisch – die Welternährungsorganisation FAO warnt vor Hungersnöten durch die Heuschreckenplage.

Eine Frau steht mit dem Rücken zur Kamera, Heuschrecken schwirren um sie herum.
Eine Frau steht auf dem Feld, um sie herum schwirren Heuschrecken. © FAO
Kerstin Bandsom Team Communications

Die Schwärme aus Wüstenheuschrecken bestehen aus hunderten von Millionen Tieren und umfassen teilweise einen Umfang von bis zu 60 Kilometer Länge und 40 Kilometer Breite. In nur wenigen Minuten fressen sie ganze Felder und Weideflächen kahl: Am Tag können die Insekten bis zu 150 Kilometer zurücklegen, dabei frisst jede Heuschrecke täglich die Menge des eigenen Gewichts. Auf einen Schwarm hochgerechnet ist das etwa so viel, wie es braucht, um 35.000 Menschen zu ernähren. Die Vermehrung der Heuschrecken ist dabei exponentiell: In drei Monaten kann sich die Population verzwanzigfachen, in sechs Monaten ist die Zahl der Heuschrecken unter günstigen Bedingungen 400-mal, nach neun Monaten 8.000-mal so hoch.

Planen statt Pestizide gegen die Plage
Planen statt Pestizide gegen die Plage

Fallen ganze Ernten den Heuschrecken zum Opfer?

Vor allem für die ländliche Bevölkerung stellt dies eine enorme Bedrohung dar: Viehhirten finden kaum noch Futter für ihre Tiere, da Weideland zum größten Teil bereits von den Heuschrecken vernichtet wurde. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sorgen sich um ihre Ernten – wurde die Aussaat bereits begonnen, besteht wenig Chance, dass die Insekten die Ackerflächen verschonen. Viele Ernten sind bereits verloren, gleichzeitig beginnen die Preise für Nahrungsmittel und Tierfutter auf den lokalen Märkten zu steigen. Wer keine Reserven hat, findet sich in einer dramatischen Notlage wieder.

Bild von Matthias Späth.

Die schweren Regenfälle und Überschwemmungen haben die Verfügbarkeit von Grundnahrungsmitteln ohnehin schon sehr beeinträchtigt. Die Lebensmittelpreise steigen und jetzt kommen noch die Heuschrecken dazu. Es ist eine Katastrophe!

Matthias Späth Welthungerhilfe-Länderdirektor in Äthiopien
Ankunft der Schutzsuchenden im Flüchtlingscamp Bentiu, Südsudan. Lagebericht Südsudan

Wie Coronakrise und Heuschreckenplage die Menschen im jüngsten Staat der Welt bedrohen.

Klimawandel begünstigt Wetterextreme

Die Invasion begann bereits im Winter 2018 in Jemen und Oman. Viel Regen brachte die Wüste zum Grünen. Die Heuschrecken fraßen, vermehrten sich, bildeten Schwärme und zogen los. Denn inmitten des Bürgerkriegs kümmerte sich niemand um die Bekämpfung der Plagegeister. Bereits im Januar 2019 verbreiteten sich kleinere Gruppen bis in den Iran und nach Pakistan. Im Juni machten sich die Tiere auf in Richtung Horn von Afrika. 

Im Norden von Somalia, Äthiopien, Eritrea und Djibouti fanden sie dank der Regenfälle des „Indian Ocean Dipol“-Phänomens gute Bedingungen vor: Starkregen folgte auf Dürreperioden. Die Fluten im Oktober und November begünstigten die Vermehrung der Heuschrecken, die im feuchten Boden ideale Bedingungen vorfanden. Immer größere Schwärme fielen nun auch über Sudan und Kenia her. Inzwischen haben sie auch Südsudan, Uganda und Tansania erreicht. In acht Ländern sind rund 500.000 Hektar Land betroffen. 

25 Millionen Menschen von Hunger bedroht

Für Heuschrecken ist ein feuchter und warmer Boden die optimale Bedingung, um sich zu vermehren. Bis Juni könnte die Population um das 500-fache steigen - die Vereinten Nationen warnen, dass dann bis zu 25 Millionen Menschen von Hunger bedroht sein könnten. Bereits jetzt sind über 10 Millionen Menschen in Ostafrika von einer schweren Hungerkrise betroffen.

Eine Landkarte von Ostafrika mit der eingezeichneten Verbreitung der Heuschrecken.

Die Heuschreckenplage trifft weite Teile Ostafrikas. Die graue Fläche zeigt die Ausbreitung der Schwärme. Bei Klick auf die Karte öffnet sich die interaktive Grafik der FAO zum Thema.

Der Grund: Extremwetterphänomene wie Dürren und teilweise auch Überschwemmungen haben ihre Länder in den vergangenen Jahren heimgesucht, gerade die Landbevölkerung hat keine Reserven mehr. Nun verschärfendie Heuschreckenschwärme die Lage zusätzlich.

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Viele fliegende Heuschrecken, im Hintergrund sieht man Bäume und Gebüsche. Wird die Plage zur Katastrophe?

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Heuschreckenschwärme müssen schnell bekämpft werden

Obwohl die Plage absehbar war, haben Regierungen und Behörden zahlreicher Länder viel zu spät darauf reagiert.  Darüber hinaus erschweren nun die Einschränkungen infolge der weltweiten Coronakrise eine zügige Bekämpfung der Schädlinge. Die meisten Regierungen haben mit Unterstützung einheimischer und internationaler Landwirtschaftsexperten – vor allem von der UN-Landwirtschaftsorganisation – begonnen, die weitere Ausbreitung der Schädlinge einzudämmen. Doch die Zeit drängt. Im schlimmsten Falle könnten die Heuschrecken sich in Richtung Westafrika weiterbewegen, wenn ihre Vermehrung nicht drastisch eingedämmt wird.

Wenn wir jetzt in Kenia nicht die Kontrolle zurückgewinnen wirkt sich der Heuschreckenbefall vor allem verheerend auf die Ernten, die Viehwirtschaft und natürlich auf die Versorgung der betroffenen Menschen mit Nahrungsmitteln aus. In einigen Bezirken könnten bis zu 65 Prozent der Anbaugebiete von der Heuschreckeninvasion betroffen sein.

Kelvin Shingles Welthungerhilfe-Landesdirektor Kenia

Kenia versucht, die Plage durch Pestizide aus der Luft in den Griff zu bekommen. Der Griff zur Chemie ist allerdings gefährlich - und lösen das Problem nicht nachhaltig. Nicht nur die Heuschrecken, sondern auch Nützlinge werden getötet. Landwirtschaftliche Flächen werden ebenfalls kontaminiert und Menschen nehmen das Gift später über die Nahrung auf. Dies kann gesundheitsgefährdende Folgen haben.

Zwei sich paarende Heuschrecken.
Wüstenheuschrecken passen sich den Wetterbedingungen an. Ihre Geschlechtsreife entwickelt sich erst bei günstigen Umweltbedingungen - Wenn es regnet, erreichen alle Insekten die Geschlechtsreife auf einmal. © Adam Matan/CC_BY-SA-3.0
Wie die FAO gegen die Wüstenheuschrecke kämpft

Ob der Kampf gegen die Plage in Afrika gelingen kann, hängt vom Geld, dem Wetter und der Corona-Krise ab.

Anstatt kurzfristiger Maßnahmen durch Pestizidkontrolle, die angesichts des dramatischen Ausmaßes zwingend sind, sollte man sich parallel dazu unbedingt auf den langfristigen Schutz der Lebensgrundlagen der Bevölkerung konzentrieren. Denn die Heuschrecken könnten bis zu zwei Jahre bleiben. Hierzu zählen auch Vorsorgemaßnahmen und der Aufbau von Frühwarnsystemen: Das heißt, die Gebiete ausfindig zu machen, in denen die Heuschrecken vor der Schwarmbildung noch als Einzelgänger unterwegs sind. Die regelmäßige Beobachtung möglicher Brutgebieten ist dabei zentral. Außerdem können dann biologische Schädlingsbekämpfungsmittel statt der Chemiekeulen zum Einsatz kommen, die für Menschen, Tiere und Pflanzen weniger schädlich sind.

Warum die Heuschrecken nicht als Nahrung gegen den Hunger dienen

Heuschrecken sind reich an Eiweiß und werden auch in vielen Ländern gegessen. Dennoch lässt sich bei Heuschreckenplagen das Einfangen und Verwerten nicht so einfach umsetzen, da die riesigen Schwärme über Regionen im wahrsten Sinne des Wortes herfallen. So ist in Kenia ein Heuschrecken-Schwarm unterwegs, der fast so groß ist, wie das Saarland – 2400 Quadratkilometer. Die Massen an Tieren lassen sich gar nicht so schnell einfangen, wie sie zerstören. Außerdem können Heuschrecken allein den Ernährungsplan der Menschen nicht decken. Und bei der Bekämpfung gibt es noch ein weiteres Dilemma: Das Vernichten der Tiere geht einher mit der Belastung der Landwirtschaft durch Gift. Vergiftete Tiere sollten aus gesundheitlichen Gründen nicht von Menschen verspeist werden.

Das macht die Welthungerhilfe vor Ort:

Somaliland

Äthiopien

Kenia

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