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16.06.2023 | Blog

Hunderttausende Menschen aus Khartum geflohen

Michael Gabriel ist Landesdirektor der Welthungerhilfe im Sudan. Im Interview spricht er über die aktuelle Lage, weitere Gefahren und Möglichkeiten für ein Ende des Konflikts.

Menschen bereiten die Verteilung von Hilfsgütern vor.
In Birao, einem Ort im Nordosten der Zentralafrikanischen Republik nahe der sudanesischen Grenze, werden Geflüchtete aus dem Sudan mit Hilfsgütern versorgt. © Welthungerhilfe
Michael Gabriel Welthungerhilfe

Wie ist die aktuelle Lage fast zwei Monate nach Beginn des Konflikts und angesichts des jüngsten Waffenstillstands? Wie geht es den Menschen?

Die Lage im Sudan ist nach wie vor äußerst instabil. Die Kämpfe in Khartum und in der Region Darfur dauern an. Erst vor kurzem hat die Gewalt eine neue Ebene erreicht, als der Gouverneur des Bundesstaates West-Darfur öffentlich hingerichtet wurde als er eine Rede hielt, in der er Gewalt und Völkermord anprangerte.

Im Osten des Landes, wo wir tätig sind (in den Bundesstaaten al-Bahr al-ahmar, Kassala und Al-Qadarif), und in einigen anderen Staaten ist die Lage noch relativ ruhig und stabil – aber das könnte sich ändern. Und auch wenn hier keine Kämpfe stattfinden, sind die Auswirkungen des Krieges überall zu spüren. Banken sind nicht voll funktionsfähig, Lebensmittel und Treibstoff sind teurer geworden, Hunderttausende Menschen sind aus Khartum geflohen, um in diesen Gebieten Zuflucht zu finden, die Regierung funktioniert nicht, die medizinische Versorgung und Medikamente sind knapp, und ganz allgemein ist die gesamte Wirtschaft größtenteils zusammengebrochen.

Viele sind in die Nachbarländer Tschad und Zentralafrikanische Republik geflohen. Die Bedingungen, die vor dem Konflikt dazu führten, dass fast zwölf Millionen Menschen in extremer Ernährungsunsicherheit lebten, haben sich nun exponentiell verschlechtert, sodass Millionen weitere Menschen von Hunger und Unterernährung bedroht sind.  

Was muss passieren, damit dieser gewaltsame Konflikt ein Ende findet?  

Die RSF (Rapid Support Forces) und die SAF (Sudanesische Streitkräfte) müssen einen Nutzen in der Beendigung der Gewalt erkennen. Dies erfordert koordinierte internationale Bemühungen, gewisse Anreize dafür zu schaffen und sie für den Bruch des Friedens zur Verantwortung zu ziehen. Aber im Moment glaubt jede Seite, dass sie gewinnen kann, und sieht daher keinen Grund, den Frieden dem Krieg vorzuziehen. 

Die RSF und die SAF müssen einen Nutzen in der Beendigung der Gewalt erkennen.

Michael Gabriel Landesdirektor Sudan

Was macht die Lage im Sudan so komplex? 

Es gibt viele Gründe. Da ist zunächst einmal das Erbe des Kolonialismus, der in ganz Afrika Grenzen geschaffen hat, die nichts mit den lokalen demografischen, kulturellen oder politischen Gegebenheiten zu tun hatten. Damit einher geht die jahrhundertelange Ausbeutung von natürlichen Ressourcen.

Die humanitäre Lage im Sudan spitzt sich weiter zu. Schwere Kämpfe verschlimmern die Situation für viele Menschen im Land.

Bevor sich der Südsudan abspaltete, war der Sudan das flächenmäßig größte Land Afrikas. Doch ohne moderne Straßen, Telekommunikation, Elektrizität, Schulen oder ein gemeinsames Bestreben, das die extrem unterschiedlichen ethnischen Gruppen sozusagen unter ein gemeinsames Dach bringt, war der Sudan nicht in der Lage, sich friedlich zu entwickeln.  

2019 gelang den Menschen im Sudan, einen echten Übergang zur Demokratie einzuleiten. Leider hat es der Globale Norden versäumt, eine kohärente und ausreichend starke Strategie zu entwickeln und umzusetzen, um sie zu unterstützen, und das Ergebnis ist das, was wir jetzt sehen.  

Ist es möglich, dass sich der Konflikt auf andere Länder wie etwa Südsudan ausweitet? 

Man könnte argumentieren, dass es sich bereits um einen Stellvertreterkrieg handelt, aber wenn er es jetzt noch nicht ist, könnte er leicht zu einem werden. Ich weiß nicht, ob der Konflikt leicht auf andere Länder übergreifen könnte; ich denke, die umliegenden Länder ziehen es vor, die Gewalt auf den Sudan zu beschränken. Aber die humanitären Folgen der Vertreibung sind bereits außerhalb des Sudan zu spüren. 

Wie könnten Nachbarländer, die Afrikanische Union oder sogar der Globale Norden Einfluss auf den Konflikt nehmen? 

Wenn sich der Globale Norden der Demokratie, den nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) und einem Afrika mit Frieden, Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit verpflichtet fühlt, dann wird er hier die Gelegenheit sehen, alle möglichen diplomatischen Bemühungen und wirtschaftlichen Hebel in Bewegung zu setzen, um die Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen.

Aber auch die sudanesische Zivilgesellschaft sollte einen zentralen Platz an diesem Tisch einnehmen. Ihre schwache Position in den 2019 vereinbarten Vereinbarungen zur Teilung der Macht hat zu dem Staatsstreich vom Oktober 2021 geführt, durch den die Zivilregierung abgesetzt wurde und die beiden militärischen Fraktionen auf direkten Kollisionskurs zueinander gebracht wurden.

Wie betätigt sich die Welthungerhilfe im Sudan und in den Nachbarländern?

Die Welthungerhilfe arbeitet aktuell im Osten des Landes, wo die Sicherheitslage stabil ist, mit den örtlichen Behörden und anderen Hilfsorganisationen zusammen, um den Hilfsbedarf vor Ort herauszufinden. Mit finanzieller Unterstützung des Auswärtigen Amtes werden Notunterkünfte, Wasser und sanitäre Anlagen für vertriebene Menschen bereitgestellt.

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