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Nutrition Smart CommUNITY

Wo kein Kind hungrig schlafen geht: Ein Pilotprogramm der Welthungerhilfe unterstützt Dorfgemeinschaften dabei, den vielschichtigen Ursachen von Hunger mit ebenso vielschichtigen Lösungen entgegenzuwirken.

Im Treffpunkt eines Nutrition Smart Villages in Indien kommen Frauen und Kinder zusammen, um sich Wissen über ausgewogene, nahrhafte Ernährung und Gesundheits- wie Hygienestandards anzueignen. © Zeitz / Welthungerhilfe
Philippe Dresrüsse Landesbüro Indien

Weltweit haben bis zu 828 Millionen Menschen nicht genug zu essen, über zwei Milliarden leiden an Unterernährung. Ein Pilotprogramm der Welthungerhilfe unterstützt besonders betroffene Dorfgemeinschaften dabei, den vielschichtigen Ursachen von Hunger mit ebenso vielschichtigen Lösungen entgegenzuwirken. In sogenannten Nutrition Smart CommUNITYs vernetzen sich eine Vielzahl von Menschen, lokale Organisationen und auch Behörden, um gemeinsam Entwicklung in der Landwirtschaft, bei Gesundheit und Ernährung voranzutreiben. Nach 670 Modelldörfern in Indien, Bangladesch und Nepal weiten wir das Konzept nun auf weitere Regionen aus.

Wo kein Kind hungrig schlafen geht

Arun wuchs langsamer als die anderen Kinder im Dorf Nayagaon im indischen Distrikt Sheopur. Er schrie, war reizbar, ängstlich und ständig müde. Dass all dies Symptome von Unter- und Fehlernährung waren, war seiner Mutter Sunita Adiwasi nicht bewusst. „Wann immer Arun weinte, beruhigte ich ihn mit Keksen“, sagt sie und meint ein Stück Roti, eine Art Fladenbrot, auf dem viele Kinder im Dorf stundenlang kauten, bis ihre Mütter vom Feld zurückkehrten. Bei Beginn des Projektes der Welthungerhilfe 2018 war Arun eines von 70 unterernährten Kindern in Nayagaon. „Die Frauen im Dorf verbrachten nicht viel Zeit damit, die Kinder richtig zu füttern“, sagt Sunita. „Alles, was gerade zur Hand war, war erste Wahl.“

Und längst nicht immer war etwas zur Hand. Wenn der Sommer beginnt, bestimmen Dürren und Wassermangel den Distrikt: Bis zu 47 Grad herrschen über vertrocknetem Grasland, wo magere Rinder nach Futter suchen, das längst nicht mehr wächst. Spätestens jetzt gibt es weder Arbeit noch genug zu essen. Es ist die Zeit der Migrationsreisen, in der ganze Familien über weite Distanzen dorthin gehen, wo die Eltern als Tagelöhner*innen gerade genug Geld zum Überleben zu verdienen hoffen. Zurück kehren sie meist immer noch arm – und oft mit kranken und unterernährten Kindern.

Nayagaon ist eines der Modelldörfer im Konzept der Welthungerhilfe, die sich zu sogenannten Nutrition Smart Villages entwickeln. Ihr Ziel ist es unter anderem, dass dort kein Kind mehr hungrig schlafen geht, und dass niemand das Dorf verlassen muss, um den Lebensunterhalt anderswo zu sichern. Doch für Hunger gibt es nicht die eine Ursache, sondern viele unterschiedliche miteinander verwobene Faktoren – und ebenso viele Möglichkeiten zu intervenieren. Deshalb hat die Welthungerhilfe die Erfahrungen und Methoden, die sich aus Ernährungsprojekten weltweit als vorbildhaft herausgebildet haben, in ein übergreifendes Konzept fließen lassen. Als Rahmen dient es dazu, mit systemischen Maßnahmen auf allen Ebenen den Ursachen von chronischem Hunger und von Fehlerernährung entgegenzuwirken. Und zwar lokal, kostengünstig und für andere Regionen reproduzierbar. Die Basis bilden miteinander verknüpfte Ansätze:

Ernährungsbewusstsein schaffen

Solange Sunita Adiwasi nicht weiß, dass sich ihr Sohn Arun nicht altersgemäß entwickelt, weil sie ihn falsch ernährt, Mütter ihre Kinder nicht mit gesunder Muttermilch stillen und die Felder der Familien nur wenige Sorten tragen, steht das Dorf als System still. Verhalten ändert sich erst im Einklang mit Wissen. In den Modelldörfern lernen die Frauen, was gesunde Ernährung ist, aber auch, welch wichtige Bedeutung Hygiene, sauberes Wasser und Gesundheitsvorsorge haben. Unter Anleitung üben sie die Zubereitung ausgewogener Mahlzeiten, sie stillen und füttern ihre Kinder, die regelmäßig gewogen und gemessen werden. „Arun ist gewachsen“, sagt Sunita lächelnd. „Und er weint nicht mehr.“ Nur noch drei von vormals 70 Kindern in Nayagaon zeigen Anzeichen von Unterernährung.

Landwirtschaft auf Ernährung fokussieren

Die Familien in den Dörfern werden darin unterstützt, ein breites Spektrum an Nahrungsmitteln anzubauen, von denen alle gesund leben können – auch in den Sommermonaten. So lernen Familien, Hausgärten anzulegen, Landwirt*innen erhalten Schulungen in nachhaltigen Anbaumethoden und Biodiversität. Einer von ihnen ist Ram Charan aus Acharwala Seharna im Bundesstaat Madhya Pradesh. Die schmächtige Statur des 45-Jährigen ist eine sichtbare Folge der Wachstumsstörungen durch Mangelernährung im Kindesalter. Er will, dass es seinen drei Kindern und sechs Enkeln besser ergeht, und nun weiß er auch, was er dafür tun muss. „Im Sommer wachsen jetzt in meinem Garten Bittermelone, Okra, Kürbisse, Koriander und Chilis“, sagt er nicht ohne Stolz. „Außerdem gedeihen verschiedene Getreidesorten rund ums Jahr, und meinen Biodünger stelle ich selbst her.“ Ram Charans Zeit als Tagelöhner ist vorbei. Die Zeit, in der die Nahrung seiner Familie nahezu keine Vitamine enthielt, auch. Und obendrein die Zeit, in der sie nicht einmal wussten, was Vitamine sind.

Auch das nepalesische Paroha entwickelt sich durch Verhaltensänderungen auf Familien- und Gemeindeebene zu einem Nutrition Smart Village. © Wetlhungerhilfe

Teilhabe ausweiten

In Indien, Bangladesch und Nepal gibt das Gesetz jedem Dorf das Recht, einen eigenen Gemeindeentwicklungsplan und den Finanzhaushalt dafür festzulegen. In der Realität bleibt dies jedoch oft den mächtigsten Gemeindemitgliedern vorbehalten, die nach ihrem Gutdünken vorgehen. Die Nutrition Smart CommUNITY-Initiative bestärkt und schult Gemeindemitglieder deshalb darin, sich aktiv in kommunale Planungsverfahren einzubringen, ihr Mitspracherecht wahrzunehmen und wenn nötig auch einzufordern.

Institutionen stärken

Dreh- und Angelpunkt für die Mobilisierung der Dorfbevölkerung sind starke Selbsthilfegruppen, bäuerliche Organisationen oder Dorfausschüsse. Und es sind Menschen wie Sokina Khatun. Die 40-Jährige leitet in den abgelegenen Modelldörfern der indischen Chittagong Hills eine Frauen-Selbsthilfegruppe mit 35 Mitgliedern, die beratend in der Region tätig sind. „Ich arbeite hier mit rund 180 Familien, darunter 76 Kinder unter fünf Jahren“, beschreibt sie ihren ausgefüllten Alltag. „Viele Mädchen und Jungen sind unterernährt. Niemand hat hier bislang geholfen.

Als Sokina nach dem Tod ihres Vaters heiraten musste, war sie noch ein Kind. Das hat sie geprägt. „Kinderehen müssen verhindert werden“, sagt sie entschieden, „und Frauen müssen ihr Potenzial entwickeln dürfen.“ Studien bestätigen, dass der Status der Frau einen direkten Einfluss auf die Unterernährungsrate hat – die der Frauen selbst und die ihrer Kinder. Auch über Familienplanung klärt Sokina die Frauen auf: „Weniger Kinder bedeuten mehr Gesundheit und weniger Armut“.

Allem voran jedoch ist Sokina Khatun so etwas wie eine Dorfmanagerin. Im Rahmen der Nutrition Smart CommUNITY hat sie sich dafür ausbilden lassen. Sie leitet die Gemeindemitglieder an, die Probleme ebenso wie die Potenziale im Dorf zu analysieren und eigene Lösungen zu entwickeln. Und sie arbeitet mit lokalen Behörden zusammen, um sicherzustellen, dass die Familien Saatgut, Düngemittel und andere landwirtschaftliche Betriebsmittel erhalten. So setzt sie Impulse an verschiedenen Stellen, die alle darauf einzahlen, dass das Dorf als System funktioniert, und die Menschen lernen, sich selbst zu helfen.

Aruns Mutter Sunita Adiwasi und andere Frauen aus Nayagaon berichten inzwischen in Nachbargemeinden über gesunde Ernährung und gute Hygiene. Ram Charan gibt sein Wissen und seine Erfahrungen in der Landwirtschaft an andere Besitzer*innen von Hausgärten und Äckern weiter. Sokina Khatun hat ein Ernährungscamp für unterernährte Kinder organisiert. Sie ist mittendrin im Dorfgeschehen – zwischen Müttern, Kindern, Rezepten, Händewaschen, kleinen und großen Sorgen und Hoffnungen.

Landwirtschaftliche Schulungen richten den Blick der Familien auf Anbauvielfalt und Nachhaltigkeit. © Welthungerhilfe

670 Modelldörfer auf zwei Kontinenten

All diese Erfahrungen und erfolgreichen Ansätze dienen nun über Kulturen und Kontinente hinweg als Vorbild für andere Dorfgemeinschaften. Denn die Nutrition Smart CommUNITY-Initiative bezieht nun Sierra Leone, Malawi, Äthiopien, Burundi und Tadschikistan ein und tritt damit in ihre zweite Phase. Bereits bei Projektstart war alles an diesem Konzept darauf ausgelegt, seine Wirksamkeit mit vertretbarem Aufwand skalieren zu können, also stetig zu vergrößern. Aus zwei Nutrition Smart Villages beim Start des Programms in Asien wurden 670. Über einen Zeitraum von vier Jahren sind sie alle zu Wissens- und Lernzentren geworden, auch für die angrenzenden Gemeinden. Zu den vielversprechenden Ergebnissen zählt eine deutliche Verbesserung der Nahrungsvielfalt der Familien, sie betreiben mehr ökologische Landwirtschaft und auch der Zugang zu staatlichen gesundheits- und ernährungsbezogenen Leistungen hat sich verbessert.

Vor allem für die Frauen ist es wichtig, mehr entscheiden zu können. Bei der Dorfplanung steht sauberes Trinkwasser ganz oben. © Welthungerhilfe

Das indische Dorf Nayagaon trennen rund 10.000 Kilometer Luftlinie vom Dorf Langarama in Sierra Leone. Doch die Nutrition Smart CommUNITY-Initiative spannt so etwas wie einen roten Faden zwischen den beiden Gemeinschaften, in denen die Probleme ebenso ähnlich sind wie mögliche Lösungen. Erfolgreiche Skalierung beruht aber nicht nur darauf, eine Methode von einem Land in ein anderes zu übertragen. Es heißt auch, viele Länder, Projekte und Beteiligte unter einem Dach zu versammeln und kontinuierlich die Arbeitsweisen und Arbeitsmaterialien anzupassen, standortgerecht zu machen und zu verbessern. Netzwerke werden Dörfer zwischen Asien und Afrika verbinden, um Mitverantwortung, Wissensaustausch, Verbreitung und Reproduzierbarkeit voranzubringen.

Die Grafik illustriert 10 verschiedene Maßnahmen die im Konzept der Nutrition Smart Villages einbezogen werden.
Der Nutrition Smart Village-Ansatz vereint vielfältige unterschiedliche Ansätze um die Ernährung in Dorfgemeinschaften zu verbessern. © Welthungerhilfe

Zunehmend werden staatliche Stellen, die Zivilgesellschaft sowie nationale und internationale Entwicklungsorganisationen auf die Initiative der Welthungerhilfe aufmerksam. Immer mehr Menschen und Institutionen klinken sich ein und vergrößern das Netz an Kompetenz, Kooperation und Handlungsfähigkeit. Künftig wird eine globale digitale Plattform die Zusammenarbeit aller Beteiligten und gegenseitiges Lernen erleichtern. Sie wird dafür sorgen, dass sich das Konzept weiterverbreitet, sich die roten Fäden vervielfältigen und immer mehr Gemeinschaften „Nutrition Smart“ werden.

Philippe Dresrüsse, Programmkoordinator, und Sweta Banerjee, Ernährungsexpertin, arbeiten im Team der Welthungerhilfe in Indien und koordinieren die Initiative Nutrition Smart CommUNITY

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