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03.08.2021 | Blog

Explosion in Beirut: "Niemand wurde zur Verantwortung gezogen."

Welthungerhilfe-Mitarbeiter Lennart Lehmann berichtet im Interview über die Lage in Beirut ein Jahr nach der verheerenden Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt.

Ein Mann trägt nach einer Explosion ein Kind auf dem Arm, Beirut.
Ein Mann trägt nach der Explosion im Hafen von Beirut ein Kind auf dem Arm. © Marwan Tahtah/Polaris/laif
Lennart Lehmann Landesbüro Libanon

Die immense Explosion im Hafen von Beirut am 4. August 2020 machte schlagartig 300.000 Menschen obdachlos, eine große Anzahl der Geschäfte in den betroffenen Stadtvierteln wurden zerstört oder beschädigt. Aufgrund der Wirtschaftskrise des Libanons und der Coronavirus-Pandemie waren zu dem Zeitpunkt schon tausende Menschen arbeitslos. Bei der Expolsion haben viele von ihnen auch ihr Zuhause verloren. Welthungerhilfe Mitarbeiter Lennart Lehmann berichtet im Interview über die aktuelle Lage in der libanesischen Hauptstadt – ein Jahr danach.

Am 4. August jährt sich die Explosion in Beirut zum ersten Mal. Wie haben Sie und ihre lokalen Partnerorganisationen das Jahr in Beirut erlebt? 

Lennart Lehmann: Die Explosion verursachte Zerstörung und Verzweiflung in Beirut und brachte den Libanon ins Rampenlicht – ein Land, das sich schon seit Längerem in einer existenziellen politischen und wirtschaftlichen Krise befindet. Dazu kam die COVID-19-Pandemie. 

Aufgrund all der Ereignisse mussten wir flexibel agieren, um laufende Programme zur Unterstützung der von der Syrienkrise betroffenen Bevölkerung fortzuführen. Gleichzeitig mussten wir neue Programme entwickeln, die auf die veränderten Umstände reagierten. Dank zahlreicher privater Spenden und öffentlicher Zuwendungen ist uns das auch gut gelungen. 

Ein Jahr nach der Explosion kann man in den Stadtteilen am Hafen noch viele beschädigte und provisorisch gesicherte Gebäude sehen. Viele betroffene Kultureinrichtungen sind noch geschlossen.

Lennart Lehmann Welthungerhilfe Landesbüro Libanon

Wie ist die Situation in Beirut heute? Wie geht es den Bewohner*innen der Stadt?  

Lennart Lehmann: Die Stadt Beirut hat rund 2,3 Millionen Einwohner*innen und unterteilt sich in Bezirke mit völlig unterschiedlichen Charakteristiken. Am ärmsten sieht es in den Stadtbezirken aus, die aus Flüchtlingscamps hervorgegangen sind. Manche Straßen in traditionellen Stadtteilen sind mehrheitlich von Libanes*innen bewohnt, während Arbeiterbezirke auch Wohnort vieler Arbeitsmigrant*innen und Geflüchteter aus Asien und Afrika sind. Dementsprechend gestaltet sich das Befinden der Leute sehr unterschiedlich. Während die Mittelschicht sich derzeit vielleicht mehr um einen mittelfristigen drohenden wirtschaftlichen Abstieg sorgt, machen sich Menschen in den ärmsten Bezirken Gedanken, ob sie in nächster Zukunft noch genug Geld haben, um Nahrung und Wohnung zu bezahlen.

Eine zerstörte Straße nach der Explosion am Hafen.
Eine zerstörte Straße nach der Explosion am Hafen. © Lehmann/Welthungerhilfe

Sind die Folgen der Explosion noch in der Stadt spürbar? Nehmen Sie Veränderungen in der Stadt wahr? 

Lennart Lehmann: Die Explosion hat den Hafen und die Stadtteile, die unmittelbar am Hafen lagen, schwer beschädigt. Über 200 Personen kamen ums Leben, einige sind immer noch vermisst. Im Umkreis von bis zu zehn Kilometern gingen Scheiben und Türen zu Bruch. Ganze Straßenzüge im Zentrum waren über Monate unbewohnbar. Anfangs sprach man davon, dass mehrere Hunderttausend Menschen obdachlos geworden seien. Hunderte Geschäfte, Restaurants und Cafés waren komplett zerstört – davon betroffen waren besonders die Szeneviertel am Hafen in Ostbeirut. Die Mitarbeiter*innen dieser Betriebe verloren ihre Arbeit. Historische Bauten mussten teilweise abgerissen werden. Wichtige Kulturzentren sind auch heute noch nicht wieder hergestellt. Jedoch sind viele Häuser mittlerweile auch repariert worden und das Leben kehrt zurück in die betroffenen Bezirke. 

Lennart Lehmann berichtet für die Welthungerhilfe aus dem Libanon.

Die Aufarbeitung der Ursachen der Explosion kommt nicht voran. Die meisten Betroffenen erhielten keinerlei Schadenersatz. Das hat weiter dazu beigetragen, dass sich das Verhältnis zwischen Staat und Bevölkerung verschlechtert hat.

Lennart Lehmann Welthungerhilfe Landesbüro Libanon

Die Aufarbeitung der Ursachen der Explosion kommt nicht voran. Niemand wurde bisher zur Verantwortung gezogen. Die meisten Betroffenen erhielten keinerlei Schadenersatz. Das hat weiter dazu beigetragen, dass sich das Verhältnis zwischen Staat und Bevölkerung verschlechtert hat. Sie haben sicherlich das berühmte Foto des zerstörten Hafens von Beirut gesehen, wo im Vordergrund jemand die Aufschrift „My government did this!“ („Meine Regierung hat das getan.“) auf die Hafenmauer gesprüht hatte. Viele Internationale und auch Libanes*innen, die in Beirut als Selbständige arbeiteten, haben das Land verlassen. Die Explosion war besonders für Angehörige der Mittelschicht, die bereits mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, ein Niederschlag, der ihnen die Motivation zum Weitermachen genommen hat.

Wie hat die Stadt die massiven Schäden bewältigt? Wie sind die Beseitigung der Schäden und der Wiederaufbau abgelaufen? 

Eine Frau und mehrere Kinder sitzen und stehen auf einem Weg durch ein Camp für syrische Flüchtlinge im Libanon. Welthungerhilfe im Libanon

Die libanesische Wirtschaft ist seit Jahren auf Talfahrt, Nahrungsmittel und Alltagsgüter im Libanon sind knapp und teuer, die Löhne gering und die Arbeitslosenquote enorm hoch.

Lennart Lehmann: Die Ersten, die mit den Aufräumarbeiten begannen, waren Menschen aus der Bevölkerung. Bereits am Tag nach der Explosion fanden sich Hunderte ein, die halfen, Trümmer zu beseitigen, Straßen freizuräumen, Alte und Schwache zu unterstützen, Nahrungsmittel und Wasser in die am schwersten betroffenen Stadtteile zu bringen. Es reisten sogar selbstgegründete Aufräumkommandos aus anderen Städten wie Tripoli und Baalbek an. Das hat zu einem starken Gefühl der Solidarität geführt. Schon bald begannen auch nationale und internationale Hilfsorganisationen damit, Unterstützungsarbeit zu leisten. 

Ein Jahr nach der Explosion kann man in den Stadtteilen, die unmittelbar am Hafen liegen, noch viele beschädigte und provisorisch gesicherte Gebäude sehen. Viele betroffene Kultureinrichtungen sind noch geschlossen und werben um Spenden für den Wiederaufbau. Gleichzeitig haben zahlreiche Geschäfte und gastronomische Betriebe ihre Arbeit wieder aufgenommen. Wenn man abends durch die Szeneviertel am Hafen geht, herrscht viel Betrieb. Cafés und Restaurants, manche von ihnen inmitten von Ruinen, sind gut besucht.

Welche Herausforderungen bestehen? Wo ist noch (internationale) Unterstützung nötig?

Lennart Lehmann: Die Krisen des Libanon sind nicht auf die Explosion beschränkt. Wegen der Coronakrise sind Kinder seit 18 Monaten nicht zur Schule gegangen. Aufgrund von Energieengpässen gibt es derzeit keine flächendeckende Stromversorgung. Die Inflation führt dazu, dass sich die Menschen Nahrungsmittel und Medikamente nicht mehr leisten können. Der Anteil der Bevölkerung, der unter die Armutsgrenze gefallen ist, hat sich in den letzten 18 Monaten verdoppelt. Die 1,5 Millionen syrischen Geflüchteten stecken nach wie vor im Libanon fest. Die meisten sind von externer Unterstützung abhängig. Ihre Aussicht ist nicht gut: Die Syrienkrise scheint eingefroren, die Lage in Syrien ist so schlecht und unsicher, dass eine Rückkehr keine Option ist.

Gleichzeitig erfahren sie immer mehr Anfeindungen aus der lokalen Bevölkerung, die die Unterstützungsleistungen, die Geflüchtete von internationalen Organisationen bekommen, für sich selbst einfordern. Die Arbeitslosigkeit hat immens zugenommen, besonders junge Leute sehen wenig Perspektiven und träumen von Auswanderung. Ländliche und industrielle Betriebe stehen vor dem Problem, dass sie dringend notwendige Investitionsgüter, die importiert werden müssen, etwa Saatgut, Dünger, Materialien oder Maschinen, nicht bezahlen können. Sie stehen vor dem Aus. Es gibt keine Sozialhilfesysteme oder Arbeitslosenunterstützung – der Libanon pflegt eine sehr freie Marktwirtschaft und der Staat nutzt kaum Möglichkeiten, diese fair zu gestalten oder Steuern für öffentliche Investitionen einzutreiben. Deshalb suchen viele Menschen Hilfe über persönliche Netzwerke. Diese Situation führt dann zu ausgeprägten Patronagesystemen, die dann auch Politik und Wirtschaft prägen. Deshalb ist es wichtig, dass in dieser verfahrenen Situation Nichtregierungsorganisationen wichtige Überbrückungshilfen leisten, bis ein politischer und wirtschaftlicher Reformprozess erfolgreich eingeleitet ist.

Vielfalt und Zusammenhalt schenken Hoffnung

Im Libanon bewirtschaften Einheimische und syrische Geflüchtete gemeinsam Felder, ernten Zusammenhalt und reduzieren Vorurteile.

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Welche Hilfe leistet die Welthungerhilfe noch in Bezug auf die Explosion? 

Lennart Lehmann: Die Welthungerhilfe hat unmittelbar nach der Explosion über ihre Partnerorganisationen und mit Hilfe privater Spenden 108 kleine und mittlere Betriebe und Geschäfte, die für die unmittelbare Versorgung der Bevölkerung in den am schwersten von der Explosion betroffenen Stadteilen wichtig sind, wiederhergestellt. Mitglieder aus 66 vulnerablen Familien wurden in Arbeitsmaßnahmen im Rahmen der Reparaturarbeiten involviert und erhielten dadurch ein temporäres Einkommen.  

Mittlerweile unterstützt die Welthungerhilfe im Großraum Beirut Arbeitsmaßnahmen für über Tausend vulnerable Menschen, die ein temporäres Einkommen garantieren, etwa durch Müllbeseitigung in Stadteilen, wo es keine staatlich organisierte Müllabfuhr gibt, oder in der Nahrungsmittelweiterverarbeitung. Die dadurch produzierten Nahrungsmittel werden an 3.600 vulnerable Familien in Flüchtlingscamps verteilt. 280 junge Leute erhalten berufliche Fortbildungen. 70 Betriebe erhalten Unterstützung über Material und Know-how, um die derzeitigen Herausforderungen besser zu bewältigen. In besonders vulnerablen Stadtteilen, in denen viele Flüchtlinge leben, fördert die Welthungerhilfe die Einrichtung von 20 Dachgärten zur eigenen Gemüseproduktion. Diese sind nicht nur ein Beitrag zum Haushaltseinkommen, sondern werten auch die teilweise depressive Stadtteilatmosphäre auf.

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Letzte Aktualisierung 03.08.2021

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