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05.03.2019 | Projektupdate

Den Menschen fehlt es an allem

Etwa 110.000 Syrerinnen und Syrer suchen in den Flüchtlingscamps in Azaz im Norden des Landes Schutz. Die Welthungerhilfe unterstützt dort Familien mit Nahrungsmittelpaketen. Mit Blick auf die EU-Geberkonferenz Mitte März 2019 in Brüssel fordert Landesdirektor Dirk Hegmanns von der internationalen Gemeinschaft angemessene Versorgung der Menschen.

Ein Junge sitzt hinter einem Gitter und schaut in die Kamera. Im Hintergrund steht ein Paket der Welthungerhilfe.
Ein Junge in einem Flüchtlingscamp in Azaz. © Welthungerhilfe
Dirk Hegmanns Regionalbüro Türkei, Syrien & Libanon

Das Interview führte Welthungerhilfe-Mitarbeiterin Jessica Kühnle.

Wie kann man die derzeitige Lage in den Camps für Binnenflüchtlinge in Azaz im Norden Syriens beschreiben? 
Die Lage ist besorgniserregend. Der viele Regen in den letzten Wochen lässt die Menschen und Zelte im Schlamm versinken. Gerade jetzt in der kalten Jahreszeit erkranken viele der Geflüchteten, vor allem Kinder und ältere Menschen. Sanitäre Anlagen sind bis auf einige wenige Latrinen nicht vorhanden. Es gibt weder fließendes Wasser noch Elektrizität. Viele Menschen sind aus Aleppo oder sogar aus dem südlichen Teil Syriens nach Azaz geflohen. Die meisten stammen jedoch aus Idlib. Insgesamt leben etwa 110.000 Binnenvertriebene in den Camps in Azaz. Jeder einzelne von ihnen ist auf humanitäre Hilfe angewiesen. 

Lebensmittelpakete werden von einem Truck geladen
Verteilung von Lebensmittelpaketen in einem Flüchtlingscamp in Azaz im Norden Syriens. © Welthungerhilfe

Wer kontrolliert diese Camps? 
Azaz gehört zu den syrischen Gebieten westlich des Euphrat-Flusses, die von der Türkei kontrolliert werden, dementsprechend liegt die Zuständigkeit für die Camps in Azaz bei der türkischen Regierung.

Was benötigen die Menschen in diesen Camps am dringendsten und warum?

Vorschaubild Factsheet Syrien. Factsheet Syrien

Das Factsheet fasst die aktuelle Lage in Syrien zusammen und gibt einen Ausblick auf die Zukunft.

Den Menschen fehlt es an allem. Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist zwar weitgehend gedeckt, doch ohne die kontinuierliche Verteilung von Nahrungsmittelpaketen wüssten viele Familien nicht, wie sie über die Runden kommen sollten. Ein großes Problem stellen die provisorischen und größtenteils undichten Zelte dar. Die Menschen leben unter miserablen Bedingungen. Vor allem in den Wintermonaten bieten die Zelte keinen ausreichenden Schutz vor der Nässe und Kälte. Hinzu kommt, dass es in den Camps keine Stromversorgung gibt. Das ist besonders für die Schulen ein Problem, da der Unterricht am späten Nachmittag oder am Abend stattfindet und die Kinder ohne eine ausreichende Beleuchtung unterrichtet werden müssen. Es gibt kein fließendes Wasser und nicht ausreichend Latrinen, was die Hygienesituation und somit die Gesundheit vieler Menschen immens verschlechtert. 

Was macht die Welthungerhilfe, um die Menschen in diesen Camps zu unterstützen?
Die Welthungerhilfe unterstützt 2.500 binnenvertriebene Familien mit Nahrungsmittelpaketen in insgesamt vier verschiedenen Camps in Azaz. Die Pakete beinhalten unter anderem Reis, Speiseöl, Salz, Tomatenpaste, Zucker, Bulgur, Butter und Kichererbsen, also Zutaten, die bei syrischen Familien regelmäßig auf den Tisch kommen. Mit einem solchen Paket kann eine Familie mit durchschnittlich zwei bis drei Personen rund zwei Monate über die Runden kommen. Die letzten Pakete wurden diese Woche verteilt. Nun sind wir dabei, in Verhandlungen mit institutionellen Gebern zu treten, um die Menschen in Azaz auch in Zukunft unterstützen zu können.

Porträtbild von Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien und die Türkei, während eines Interviews.

Ohne eine Beendigung der Kämpfe und eine stabile Sicherheitslage ist an den Wiederaufbau Syriens nicht zu denken.

Dirk Hegmanns Landesdirektor Syrien

Wie stellt die Welthungerhilfe sicher, dass die Hilfslieferungen auch bei den Menschen ankommen? 
Die Welthungerhilfe ist mit eigenem Personal vor Ort und dadurch in der Lage, die Verteilungen selbst zu koordinieren und durchzuführen. Außerdem werden vor Beginn der Verteilungen sogenannte Assessments durchgeführt, die uns einen Einblick in die derzeitigen Lebensbedingungen der Familien geben. So stellen wir sicher, dass die Hilfe auch die Menschen erreicht, die unsere Unterstützung am dringendsten benötigen. 

Lebensmittelpakete mit Welthungerhilfe-Aufdruck
Lebensmittelpakete, die die Welthungerhilfe in Azaz, Syrien, verteilt. © Welthungerhilfe

Was muss Ihrer Meinung nach passieren, damit sich die Situation für die Menschen in Azaz sowie in anderen Teilen Syriens nach acht Jahren Krieg endlich verbessert? 
Das Wichtigste ist, dass die Hilfsorganisation freien und geschützten Zugang zu den Bedürftigen haben. Dies ist in vielen Teilen Syriens noch immer nicht möglich. Der Zugang zu verschiedenen Gebieten wird teils nicht gewährt und die instabile Sicherheitslage macht es gerade für internationales Personal unmöglich, in einigen Teilen des Landes zu arbeiten. Außerdem muss sichergestellt werden, dass humanitäre Hilfe nicht für politische oder wirtschaftliche Interessen manipuliert und instrumentalisiert wird.

Mit der Machtübernahme der al-Qaida nahen Terrormiliz HTS in Idlib könnte eine Offensive der syrischen Regierung und ihrer Verbündeten zur Rückeroberung der Stadt möglich sein. Welche Auswirkungen hätten erneute Kämpfe in Idlib auf die Situation in Azaz? 

Ein lachendes Mädchen in Gummistiefeln steht auf einer matschigen Straße. Im Hintergrund sieht man ein weißes Zelt. Warmes Essen im Flüchtlingscamp

Die Welthungerhilfe versorgt Flüchtlinge in Idlib mit Nahrungsmittelpaketen und Trinkwasser.

Kurzfristig besteht wohl keine Gefahr eines massiven Angriffs auf Idlib von Seiten der syrischen Armee. Jedoch betont der Machthaber Baschar Al-Assad immer wieder sein Vorhaben, ganz Syrien wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Die Rückeroberung Idlibs könnte hunderttausende Menschen in die Flucht zwingen. Es wird vermutet, dass viele versuchen würden, Schutz in Azaz zu finden. Die Infrastruktur in den Camps stößt jetzt schon an ihre Grenzen. Ein Zustrom von weiteren Familien würde die Lage immens verschlechtern. Deshalb versucht die Welthungerhilfe, auch in Zukunft in der Region tätig zu bleiben, um vorbereitet zu sein und die eventuell neuankommenden Familien schnell und effektiv unterstützen zu können.

Kann schon über die Zukunft Syriens diskutiert werden? Ist die Lage stabil genug, um an Wiederaufbau und Rückführungen zu denken? 
Stabilität in Syrien kann derzeit nur durch Waffenstillstandsvereinbarungen zwischen den rivalisierenden Akteuren geschaffen werden. Diese Vereinbarungen müssen wiederum auf internationaler Ebene überwacht werden. Ohne eine Beendigung der Kämpfe und eine stabile Sicherheitslage ist an den Wiederaufbau Syriens nicht zu denken. Alle unternommenen Anstrengungen könnten durch erneute Kampfhandlungen wieder zunichte gemacht werden. 

Vom 12. bis zum 14. März 2019 findet in Brüssel die dritte große Geberkonferenz für Syrien und die Region statt. Es soll dabei vor allem um die Zukunft des Landers und der Nachbarregionen gehen. Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen? Welche Punkte sollten die Veranstalter auf die Agenda setzen?

Title image of 'Syria: Humanitarian Access Dilemmas' Dossier: Herausforderung für Nothilfe in Syrien

Einschränkungen im humanitären Zugang nach Syrien stellt die Nothilfe vor enorme Herausforderungen. Eine Analyse von Dr. Esther Meininghaus (BICC) und Michael Kühn (Welthungerhilfe) mit fünf konkreten politischen Empfehlungen.

Die größte Herausforderung liegt meiner Meinung nach in der Unvereinbarkeit der Interessen der zahlreichen Akteure in Syrien. Zählt man alle involvierten Parteien zusammen, kommt man auf 25 Länder. Alleine alle Akteure an einen Tisch zu bringen, ist eine Aufgabe an der bereits einige UN-Sondergesandte für Syrien gescheitert sind. Dass sich alle auf eine gemeinsame Richtung für die Zukunft Syriens einigen können, wird nicht einfach werden.

Mit Blick auf die Nachbarregionen und somit die Länder mit der größten Anzahl von syrischen Flüchtlingen, wie die Türkei, der Libanon oder Jordanien, ist es essentiell, Anstrengungen zur Integration der Syrerinnen und Syrer weiter und stärker zu fördern. Es müssen Sozialsysteme geschaffen bzw. ausgebaut werden, die die Flüchtlinge miteinbeziehen. Außerdem ist ein wichtiger Punkt die Schaffung von Arbeitsplätzen und die damit verbundenen Integration der Menschen in den Arbeitsmarkt. Denn, betrachtet man die Situation in Syrien realistisch, werden auch in den nächsten Jahren viele Syrerinnen und Syrer nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Sei es aufgrund der immer noch anhaltenden Kämpfe in einigen Teilen des Landes oder infolge des fehlendem Vertrauen in die syrische Regierung.

Welche Forderungen haben Sie an die Geberkonferenz?

Die EU, die Vereinten Nationen und weitere Gebernationen müssen auch in Zukunft dafür sorgen, dass die Menschen in Syrien und die, die in den Nachbarländern Schutz suchen, weiterhin angemessen versorgt und in bestehende Systeme integriert werden. Selbst, wenn in nächster Zukunft Frieden in Syrien herrschen sollte, werden die Menschen noch für lange Zeit auf Hilfe angewiesen sein. Der Großteil des Landes wurde in den letzten acht Jahren zerstört. Das Land wiederaufzubauen, sodass die syrische Bevölkerung wieder auf eigenen Beinen stehen kann, wird Jahre dauern.

Letzte Aktualisierung 16.07.2019
Deutsche Welthungerhilfe e. V., Sparkasse KölnBonn IBAN DE15 3705 0198 0000 0011 15, BIC COLSDE33
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