07.01.2010 | Blog

Kalembe Raha

Der Traum vom einfachen Leben

Kenianische Kinder.
Im eigenen Land vertrieben: Die Kamba in Kenia mussten einem Naturschutzgebiet weichen.
Iris Krebber Landesbüro Kenia (bis 2010)

Makueni in Südostkenia im Januar 2010. Unser Welthungerhilfe-Team hat u.a. die Aufgabe, diejenigen Familien ausfindig zu machen, die unsere Unterstützung am dringendsten brauchen, aber keine arbeitsfähigen Angehörigen haben. Bei diesen Bemühungen sind die KollegInnen sehr bald auf eine notdürftige Siedlung gestoßen, die alles, was sie bisher gesehen hatten, in den Schatten stellt. Statt mir ihre Eindrücke in aller Detailfülle zu beschreiben, verfrachten sie mich direkt ins Auto und bringen mich an den Ort ihrer schockierenden Erlebnisse. Als wir uns unter sengender Sonne der Siedlung nähern, sehe ich ein paar erschreckend dürre, zerlumpte Gestalten auf unser Fahrzeug zulaufen. Überall sind Kinder, kleine, sehr kleine, etwas ältere, alle völlig zerlumpt und abgemagert. Mit Gesichtern, die Ernst und Hoffnungslosigkeit widerspiegeln, wie man sie sonst nur bei alten und vom Leben enttäuschten Menschen findet.

Schon als ich aussteige, kann ich meinen eigenen Augen kaum trauen. Vor mir erstreckt sich auf dem dürren Acker eine Reihe notdürftiger Verschläge und Grashütten, die so erbärmlich aussehen, dass man nicht einmal seine Ziegen darin unterstellen wollte. Sofort sind wir umringt von schmutzigen, zerlumpten Menschen, die mich an die Hand nehmen und in die Mitte dieser Hüttenansammlung führen. Eine dünne, erschöpft und ausgemergelt aussehende Frau neben mir ergreift das Wort: „Willkommen! Wir freuen uns wirklich, dass dein Team dich hierher zu uns gebracht hat, damit du sehen kannst, wie wir hier leben. Nicht einmal Vieh würde man so halten. Aber wir sind seit vielen Jahren hier, aus unserem Zuhause vertrieben, vergessen und ohne alle Hilfe.“

Ich erfahre, dass der Name der Frau Diana ist. Ihr eigentlich schönes Gesicht ist gezeichnet von einem Leben voller Entbehrungen. Diana ist 54 Jahre alt und wie der Rest der SiedlungsbewohnerInnen bereits seit 1992 hier. In diesem verhängnisvollen Jahr beschloss die damalige kenianische Regierung, u.a. unter dem Druck der internationalen Naturschutzlobby, ihre Naturschutzgebiete auszuweiten. Die mich umringenden Menschen lebten damals ganz rechtmäßig als Bauern und Viehhirten in den nahen Chulubergen an der Grenze zum Nachbarland Tansania. Praktisch über Nacht kamen die Behörden zu ihnen und vertrieben sie von ihrem Grund und Boden, denn Chulu stand ab sofort unter Naturschutz.

Ihre Häuser wurden oft angezündet, das Vieh vertrieben und die Familie von ihrem Land weggejagt und in alle Winde zerstreut. Manche wissen bis heute nicht, was aus ihren Kindern geworden ist. Diejenigen, die sich nach diesen traumatischen Erlebnissen wieder zusammenfanden, wurden von der Regierung auf das trockene Feld gebracht, auf dem wir jetzt stehen. Es hieß damals, man werde sie von dort bald umsiedeln und ihnen dabei helfen, an einem neuen Ort wieder Fuß zu fassen und sich eine Existenz aufzubauen. Das ist jetzt 17 lange Jahre her. Hat sich seitdem etwas getan? Mitnichten. Die Menschen erzählen mir, dass sie ihre Siedlung voller Galgenhumor „Kalembe Raha“ genannt haben. Ich weiß, dass Kalembe der Name des jetzt abgewählten lokalen Parlamentsabgeordneten ist. „Raha“ bedeutet in der Sprache Kiswahili so viel wie Freude oder Glück. Mir wird erklärt, dass Kalembe und andere Politiker, u.a. sein Nachfolger, mit ihren „großen, schicken Autos“ immer wieder zu ihnen gekommen seien und ihnen für ihre Stimme bei den Wahlen sofortige Unterstützung und ein besseres Leben versprochen hätten. Viele haben voller Hoffnung gewählt, und was tat sich dann? Gar nichts. Der Politiker kam ins Parlament, wurde reich, und die Vertriebenen sitzen weiterhin auf ihrer vertrockneten Ackerscholle und wissen nicht, wie sie von heute auf morgen überleben sollen.

Ich schaue mich um. Keine festen Wände, keine regendichten Dächer, in keiner Hütte irgendwelche nennenswerten Besitztümer, keine Toiletten, nirgendwo ein Wasserhahn. Dafür aber jede Menge zerrissener Kleider, schmutzige, abgemagerte Körper und kranke Kinder. Katiwa, die 89-jährige Urgroßmutter aus Dianas Familie zeigt mir ihren Grasverschlag. Eine notdürftige Pritsche, davor ein erkaltetes Feuer, ein alter Wasserkanister, sonst nichts. Das ist ihr einziges Besitztum, seit 17 Jahren. Traurig erzählt mir Katiwa, dass sie sich ihre „goldenen Jahre“ anders vorgestellt hatte. Ihre Lebensfreude erlosch, als sie vertrieben wurde und ihre Kinder weggingen, um wenigstens sich und die Enkel woanders irgendwie durchzubringen. Wehmütig denkt sie an die schönen Jahre in Chulu zurück, als sie Land, ein Haus und Vieh hatte und nicht so bitterarm war wie heute. „Wenn die Regierung uns nur vertreibt und sich dann nicht mehr um uns kümmert, was soll dann nur aus uns werden?“ hat sie sich oft gefragt. Die Antwort ist brutal, aber offensichtlich: Eine armselige, hungrige, kranke und vergessene Gruppe Menschen, die sich allein nicht aus ihrer Situation befreien kann.

Ich frage mich, wie so etwas in Kenia, dem „Vorzeigeland“ westlicher Geber in Ostafrika, heute noch sein kann. 17 Jahre und keine Hilfe! Warum haben sie denn keinen Krach geschlagen oder sind weggegangen? frage ich. Resigniert zucken die mich umringenden Menschen die Schultern. Wer hätte ihnen denn schon zugehört? Was hätten sie denn zu bieten? Wohin hätten sie gehen sollen? Sie hatten ja alles verloren, ohne eigenes Verschulden. Kaum einer hat Verwandte in der Stadt, wo man mit der Großfamilie als Anlaufpunkt sein Glück hätte versuchen können. Und die meisten hatten kleine Kinder und alte Leute, um die sich doch auch jemand kümmern musste. Mitnehmen konnte man die doch nicht. Also was kann man anderes tun als da zu bleiben und ums reine Überleben der Familie zu kämpfen, das von Tag zu Tag schwieriger wird. Sie leben ohne Zaun und sind doch gefangen – in der Armutsfalle, so drängt es sich mir auf.

An die 250 Menschen drängeln sich hier in der Siedlung auf einem geradezu mickrigen Fleckchen Land. Ich kann gar nicht glauben, dass sie seit 17 Jahren hier vor sich hin leiden. In meinem Heimatland wäre jede Regierung über einer solchen Unmenschlichkeit zu Fall gekommen. Leider aber gibt es in diesem Land und auf dem afrikanischen Kontinent so viele solcher Unsäglichkeiten, dass sie fast schon achselzuckend hingenommen werden. Wer soll das denn ändern? Wie soll es denn anders werden? Die meisten Menschen haben mit der alltäglichen Hölle ihres eigenen Überlebenskampfes schon mehr als genug zu tun. Da bleibt keine Energie mehr übrig, um sich auch noch um Schläge ins Gesicht der Menschlichkeit, wie Kalembe Raha einer ist, zu kümmern.

Die resigniert drein blickenden Menschen sind trotz allem erfreut, dass sich endlich mal jemand für sie interessiert. Sie erzählen lebhaft davon, wie sie bei Regen nachts wie Schafe eng aneinandergedrängt dastehen und warten, dass der Regen aufhört. So hoffen sie, sich nicht zu sehr zu verkühlen. Ihre armseligen Verschläge halten weder Wind, noch Regen, noch den hier allgegenwärtigen Staub ab. Trotz aller Vorsicht sterben viele an Lungenentzündung oder an Durchfall, weil sie ja auch keine saubere Wasserquelle oder anständige Toiletten haben.

Wovon leben sie denn hier, wo auf dem bisschen Land vor allem während der Dürre nur wenig wächst? will ich wissen. Na ja, meinen sie achselzuckend, wenn es auf den Feldern der umgebenden, etwas wohlhabenderen Bauern keine Tageslohnarbeit gibt und auch der Verkauf von heimlich irgendwo geschnittenem Gras (oder besser Heu) nichts einbringt, gehen die Frauen heimlich im nahen Chulu-Naturschutzgebiet Brennholz sammeln, das sie per Bündel für umgerechnet ¼ Euro an der Hauptstrasse zwischen Mombasa und Nairobi verkaufen. In der Zwischenzeit brennen die Männer im selben Naturschutzgebiet heimlich Holzkohle, die fast einen Euro pro Sack bringt. Ich weiß, dass beides in Kenia gesetzlich verboten ist. Als ich in die Menge frage, wer denn schon mal erwischt und verhaftet wurde, schnellen die Hände fast aller Jugendlichen und Erwachsenen in die Höhe. Und um von der Polizei dann wieder freigelassen zu werden, muss man noch mehr Schulden machen, als die meisten Familien ohnehin bereits haben, denn irgendwer muss ja das „Lösegeld“ an die Polizei zahlen.

Nach einigem Zögern erzählt eine Frau, dass auch viele Kinder weglaufen, weil sie das Elend nicht mehr ertragen. Natürlich erwartet sie die wirkliche Hölle erst an der nahen Mombasa Road, wo vorbeifahrende Lastwagenfahrer sie mitnehmen und häufig missbrauchen. Oft dauert es Monate, bis die Eltern ihren Nachwuchs wieder ausfindig gemacht und heim nach Kalembe Raha geholt haben. Junge Mädchen sehen sich oft zur Prostitution gezwungen, um überhaupt ein Zubrot nach Hause zu bringen. Da die Aufklärungsrate in der Vertriebenensiedlung gering sind, ist auch die Zahl die HIV-Infizierten hoch. Viele sehr junge Mädchen halten bereits ein Baby in ihren Armen.

Diana, die aufgeweckte, aber verstört wirkende Frau, die mich anfangs angesprochen hatte, erzählt von dem Teufelskreis des Elends, den sogar die jüngsten Kinder erfahren. Alle Eltern wollen ihre Kinder in die Schule schicken, damit sie es einmal besser haben. Aber sie haben kein Geld, um die Schuluniform zu bezahlen, und es gibt auch keine Wasserversorgung. Wenn die Kinder dann ungewaschen und in zerrissenen Kleidern in der Schule erscheinen, werden sie nicht nur ausgelacht, sondern vom Lehrer gleich wieder nach Hause geschickt. Zunächst einmal sollen sie sich waschen und eine anständige Schuluniform anziehen (die kostet etwa 3 bis 4 Euro), dann könnten sie wiederkommen. Das ist für die meisten Kinder das Ende ihrer Schulausbildung und sehr wahrscheinlich auch ihrer Zukunft.

Diana ist nach all den Jahren immer noch verärgert. Sie schaut mich an. „Weißt du, ich bin 54 Jahre alt. Ich habe 8 Kinder und bin seit Jahren verwitwet. Ich habe immer gedacht, in diesem Alter wäre es an der Zeit für mich, dass ich mein Leben genieße und mich um meine Familie kümmere. Statt dessen kämpfe ich jeden Tag erneut um unser aller Überleben.“ Und dann fügt sie etwas hinzu, dass mir fast das Blut gefrieren lässt. „Wären wir doch nur alle tot! Dann hätte dieses Elend endlich ein Ende.“ Ich mag es nicht glauben, was ich da höre und bohre nach einem Funken Optimismus. Es muss doch irgendeine Hoffnung geben, die ihnen geblieben ist. Was wäre denn, wenn jemand ihnen wirklich helfen könnte? Ich meine nicht nur den Brunnen und die Nahrungsmittel für die Zeit der Dürre, die sie von der Welthungerhilfe sowieso bekommen werden. Nach einigem insistierenden Nachfragen werden die Gesichtszüge weicher, und es wird förmlich sichtbar, wie die Menschen beginnen, sich an lang vergessene Wünsche zu erinnern.

Wir alle haben unsere Träume. Auch Diana, die mir eben noch völlig resigniert erzählt, sie wolle einfach nur noch sterben, damit das Elend endlich ein Ende habe, hat noch Träume, wenn auch tief vergraben in ihrem Innern. Sie wünscht sich ein Fleckchen Land irgendwo, das sie bestellen und auf dem sie eine Hütte bauen und sich und ihre Familie ernähren kann. Sie will nichts geschenkt. Na ja, vielleicht das Stückchen Land, ein paar Baumaterialien und etwas Saatgut für die erste Ernte. Alles Andere wird sie mit ihrer Familie schon in die eigenen Hände nehmen. Ein einfaches Leben, ermöglicht durch ihrer Hände harter Arbeit – aber ein Leben in Würde!

Beschämt verabschiede ich mich, fest entschlossen, diese sehr demütig stimmende Erfahrung meinen Landsleuten im doch so reichen und glücklichen Deutschland mitzuteilen. Wo sonst können wir noch Lebensträume für knapp 500 Euro verwirklichen? Wir haben die Macht dazu. Also worauf warten wir?!

Ein frohes neues Jahr wünscht Ihnen

Iris Krebber, Regionalkoordinatorin in Nairobi, Kenia

Letzte Aktualisierung 21.08.2017

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