05.08.2011 | Blog

Staub, Hitze und weit und breit kein Wasser

Ein Besuch im nordkenianischen Marsabit

Günther Schramm im Gespräch mit mehreren Kenianern.
Nothelfer Günther Schramm spricht mit Dorfbewohnern im Nordosten Kenias. Die Menschen leiden unter der schwersten Dürre seit 60 Jahren.
Gunther Schramm Team Humanitarian Directorate

Liebe Leserinnen und Leser,

für eine Woche hat mich die Welthungerhilfe in den Norden Kenias geschickt, um die Auswirkungen der aktuellen Dürre systematisch zu erfassen und die erforderlichen Nothilfemaßnahmen vorzubereiten. Als Nothelfer reise ich immer dorthin, wo Menschen aufgrund einer Katastrophe oder eines Konflikts dringend schnell Hilfe benötigen. Diese Gegend kenne ich besonders gut, denn ich habe mehr als vier Jahre als Kameltierarzt in den trockenen Gebieten Nordkenias gearbeitet. Auch wegen dieser persönlichen Beziehung zu der Region, den Menschen und ihren Problemen bereitet mir die Dürre große Sorge.

In der Region Marsabit ist die Trockenheit besonders schlimm. Meine erste Aufgabe ist es, mit den Menschen zu sprechen und zu erfahren, was sie jetzt am dringendsten brauchen. Keine einfache Aufgabe, denn die kleinen Dörfer liegen weit auseinander und die Straßen sind schlecht. In diese Regionen dringen kaum Hilfsorganisationen vor und die Not der Menschen ist groß.

Auf einer völlig unwegsamen Strecke fahren wir als erstes in das Dorf Diidadhi. Der kleine Ort ist auf keiner Karte eingetragen. Wer es finden will, muss seine Koordinaten kennen: Nord 02° 20’ 50’’ und Ost 038° 04’ 69’’. Hier leben die Frauen, Alten und Kinder des Nomadenstammes Borana, während die Männer auf der Suche nach Weidegründen mit ihren Tieren von Ort zu Ort ziehen.

Im Schatten eines Baumes erzählen uns die Menschen, wie sehr die Dürre ihnen zu schaffen macht – eine tragische Geschichte: In Marsabit sind die letzten zwei Regenzeiten komplett ausgefallen, die beiden nahe gelegenen Dämme sind seit langem ausgetrocknet. Fast alle Tiere sind verhungert oder verdurstet. Die Frauen laufen jeden Tag zu einem 20 Kilometer entfernten Brunnen, um Wasser für die Familie zu holen. In 20-Liter-Kanistern tragen Sie das wertvolle Nass zurück ins Dorf. Das Wasser wird ausschließlich zum Trinken und Kochen verwendet, zum Waschen reicht es nicht. Sieben bis acht Stunden sind die Frauen jeden Tag unterwegs. Wenn dann noch Zeit ist, versuchen sie Holzkohle zu machen, um durch den Verkauf etwas Geld für Nahrungsmittel zu verdienen. Einmal im Monat bringt das Welternährungsprogramm  der Vereinten Nationen Grundnahrungsmittel wie Mais, Erbsen und Öl, die unter den Bewohnern aufgeteilt werden. Die kleinen Felder der Familien geben schon seit drei Jahren keine Erträge mehr. Es ist einfach kein Wasser da.

Wir reden einige Stunden mit den Dorfbewohnern. Die Erwartungen an uns sind hoch: Es waren bis jetzt noch keine Vertreter anderer Hilfsorganisationen hier und die nächste Regenzeit wird erst im November erwartet. Das ist noch sehr lange hin – wenn sie dann überhaupt eintritt.

Erst in der Abendsonne fahren wir zurück. Die Gespräche im Auto drehen sich um  die Geschichten der Dorfbewohner und über Möglichkeiten, hier zu helfen. In so einer Situation bietet sich die sofortige Versorgung mit Trinkwasser an, das mit Tanklastern in die vorhandenen Wassertanks gefüllt wird. Zusätzlich müssten die vorhandenen Dämme vergrößert werden, um – wenn der Regen wieder eintritt – mehr Regenwasser sammeln und speichern zu können. Diese Arbeit kann von den Dorfbewohnern erledigt werden, die dafür Geld bekommen. Mit diesen „Cash for Work“-Maßnahmen werden die Menschen in die Lage versetzt, sich selbst mit Nahrungsmitteln und anderen notwendigen Dingen zu versorgen. Zusätzlich denken wir darüber nach, Heu zu verteilen, um den noch lebenden Ziegen eine bessere Futtergrundlage zu bieten und die Milchproduktion zu ermöglichen. Denn Milch ist ein wichtiges Grundnahrungsmittel der Nomaden. Eines ist klar: Hier gibt es viel zu tun!

Unser Lager erreichen wir, als es bereits dunkel ist. Ich falle sofort todmüde ins Bett. Neben all den Sorgen habe ich das gute Gefühl, schon einen entscheidenden Schritt weitergekommen zu sein. Ich denke, eine sinnvolle Unterstützung der Menschen in Diidadhi ist möglich.
Liebe  Leserinnen und Leser, nach einem Tag im kenianischen Nordosten entlasse ich Sie wieder in Ihren Alltag. Wie dieser auch aussehen mag: Vergessen Sie bitte die Menschen nicht, die wie die Dorfbewohner in Diidadhi in diesem Augenblick ums Überleben kämpfen.

Bis zum nächsten Mal!
Gunther Schramm

Letzte Aktualisierung 17.08.2017

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