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Angebot auf einem Markt in Äthiopien, 2016.

Ernährungssysteme: Hungrig nach Wandel

Unser Ernährungssystem muss von Grund auf erneuert werden

Lisa Maria Klaus Policy and External Relations

Unser weltweites Ernährungssystem (Food System) ist weder gerecht noch nachhaltig oder krisenfest. Das verdeutlichen u.a. die steigenden Hungerzahlen infolge der Corona-Pandemie und Klimakrise. Das Paradoxe daran: Weltweit werden mehr Lebensmittel produziert als je zuvor. Doch nur wer Geld hat oder selbst ausreichend Nahrungsmittel produziert, kann sich gesunde Lebensmittel leisten. Alle anderen Menschen hungern oder ernähren sich schlecht. Bis zu 811 Millionen Männer, Frauen und Kinder hungern weltweit. Drei Milliarden Menschen können sich keine gesunde Ernährung leisten. Ein Viertel der Weltbevölkerung ist übergewichtig – und täglich werden es mehr, mit schweren Folgen für die Gesundheitssysteme.

Verkauf auf einem Markt im Kongo: Frauen halten Tabletts mit Obst in die Höhe. Oben rechts ist das "Kompass 2021"-Logo. Gerechte Ernährungs­systeme

Eine fundamentale Transformation ist erforderlich, damit unser Ernährungs­system gerecht und nachhaltig wird.

Der Weg der nicht nachhaltig produzierten Lebensmitteln vom Acker bis auf den Teller schadet massiv der Umwelt, verursacht ein Drittel der gesamten Treibhausgasemissionen, beschleunigt den Verlust der Artenvielfalt und treibt so die Klimakrise voran. Um grundlegende Fehler in unserem Ernährungssystem zu beseitigen, trifft sich die Weltgemeinschaft im September 2021 zum ersten UN-Gipfel rund um das Thema Ernährungssysteme in New York. Dort geht es um dauerhafte Lösungen für eine Welt ohne Hunger. Die Welthungerhilfe mit ihrer langjährigen Expertise beteiligt sich an Diskussionen rund um den Gipfel und nimmt am Vorgipfel vom 26.-28. 7.2021 in Rom teil. In ihrer Projektarbeit setzt sie sich seit langem für das Menschenrecht auf angemessene Ernährung ein.

Zentralafrikanische Republik Central African Republic, Ngoulekpa und Boussamoa: Marktplatze, market
Marktszene in der Zentralafrikanischen Republik. Eigentlich werden weltweit genügend Nahrungsmittel für die gesamte Weltbevölkerung produziert. Trotzdem hungern bis zu 811 Millionen Männer, Frauen und Kinder. © Kai Loeffelbein

Was ist ein Ernährungssystem?

Ernährungssysteme sind komplex: Sie umfassen den Weg der Lebensmittelherstellung vom Feld bis hin zu den Mahlzeiten, die wir täglich zu uns nehmen. Dabei geht es um vier Bereiche:

Wie diese unterschiedlichen Bereiche im Detail funktionieren, hängt jeweils von politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und ökologischen Rahmenbedingungen ab. Sie entscheiden auch darüber, ob Produktionsrisiken in der gesamtem Lieferkette fair verteilt werden. Ein gerechtes, nachhaltiges und krisenfestes Ernährungssystem nimmt die gesamten Abläufe in den Blick und sorgt dafür, dass das Menschenrecht auf Nahrung für alle Menschen weltweit umgesetzt wird.

Ein neues System für die Ernährung
Ein neues System für die Ernährung
Infografik Food system, WHH.
Unser Enährungssystem umfasst die verschiedensten Elemente – einschließlich der Akteure und Aktivitäten –, die sich auf die Produktion, die Verarbeitung, den Vertrieb, die Zubereitung, den Verzehr und das Wegwerfen von Lebensmitteln beziehen. © Lisa Schmidt

Eine genauere Erläuterung der Grafik finden Sie im Artikel "Unser Ernährungssystem läuft nicht rund" des Fachjournals Welternährung.

Frau bei der Ernte Gesunde Nahrung ist ein Menschenrecht

Die globale Landwirtschaft produziert genug Nahrung für alle, doch die ist extrem ungleich verteilt.

Es gibt ein Menschenrecht auf Nahrung

Jeder Mensch hat das Recht auf angemessene, ausreichende und gesunde Nahrung – so steht es in der Menschenrechtserklärung von 1948 und in Artikel 11 des UN-Paktes über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. 162 Staaten haben sich völkerrechtlich dazu verpflichtet, das Menschenrecht auf Nahrung zu achten, zu schützen und zu gewährleisten; ärmere Länder im Globalen Süden ebenso wie Industriestaaten. Die Umsetzung des Nachhaltigkeitsziels Zero Hunger bis 2030 der Vereinten Nationen ist also in erster Linie eine Frage des politischen Willens.

Projekte der Welthungerhilfe

Wie engagiert sich die Welthungerhilfe für ein gerechtes Ernährungssystem?

Teaserbild Policy Brief Hungrig nach Wandel Hungrig nach Wandel

Forderungen der Welthungerhilfe an die Bundesregierung im Hinblick auf den UN-Gipfel zu Ernährungssystemen.

Um ungerechte und nicht nachhaltige Strukturen im weltweiten Ernährungssystem zu überwinden und so das Ziel Zero Hunger bis 2030 zu erreichen, fordert die Welthungerhilfe einen grundlegenden Systemwechsel auf allen Ebenen. In eigenen Programmen und Projekten stärkt sie die bäuerliche, standortgerechte Landwirtschaft. Zusammen mit ihren Partnern unterstützt sie zivilgesellschaftliche Organisationen, damit diese sich für die Verwirklichung des Menschenrechts auf Nahrung in ihren Ländern einsetzen können. Regionale Verwaltungen sowie Regierungen sollen bei der Umsetzung in die Pflicht genommen werden. Und es gibt erste Erfolge: In Peru und Bolivien gelten inzwischen rechtliche Rahmenbedingungen, die die nachhaltige Produktion gesunder Lebensmittel fördern sollen. Dazu gehören zum Beispiel Zertifizierungsverfahren für offizielle Bio-Label.

In Deutschland und Europa engagiert sich die Welthungerhilfe für nachhaltige Ernährungssysteme sowie nachhaltigen Konsum, so auch in Diskussionen rund um den UN Food Systems Summit im September 2021.

Was sind Ziele des UN-Ernährungsgipfels?

Mit dem UN Food Systems Summit im September 2021 erklärt UN-Generalsekretär António Guterres das fehlerhafte Welternährungssystem zur Chefsache. Ziel des Gipfels ist, Ernährungssysteme weltweit auf den Prüfstand zu stellen mit Blick auf die Agenda 2030. Schon jetzt steht fest: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Nur mit grundlegenden Veränderungen kann die Weltgemeinschaft Hunger und Armut bis zum Jahr 2030 überwinden und die Klimakatastrophe abwenden. Der Gipfel muss deshalb konkrete Ergebnisse erzielen.

Was die Welthungerhilfe von der deutschen Regierung erwartet

Der UN Food Systems Summit im September muss dringend die Weichen für eine Transformation unseres globalen Ernährungssystems stellen:

1. Regierungen sollten Vorreiter mit Blick auf einen grundlegenden Wandel des Ernährungssystems sein, statt Minimallösungen anzustreben.

Regierungen dürfen sich nicht hinter dem Multi-Akteurs-Format des Gipfels verstecken, sondern müssen sich zu konkreten Maßnahmen verpflichten: Diese müssen auf bestehenden Vereinbarungen wie den UN-Nachhaltigkeitszielen, dem Pariser Klimaabkommen, Menschenrechtsverträgen und ILO-Konventionen basieren und dürfen nicht dahinter zurückfallen. Hierbei geht es weniger um technische Lösungen als um strukturelle Veränderungen des Ernährungssystems. Auch die Privatwirtschaft ist verpflichtet, aktiv zur Bekämpfung von Armut und Fehlernährung sowie zum Schutz der Umwelt beizutragen.

2. Regierungen müssen menschenrechtliche und ökologische Sorgfaltspflichten in der landwirtschaftlichen Produktion und in Lieferketten durchsetzen.

Soziale und ökologische Kosten unseres Produktions- und Konsumverhaltens müssen sich in Lebensmittelpreisen widerspiegeln. Der UN-Gipfel muss dafür die notwendigen Maßnahmen einleiten. Regierungen im Globalen Norden und Süden sollten steuerliche Anreize, wie z.B. Agrarsubventionen so umwidmen, dass sie einen Beitrag zu Umwelt- und Klimazielen sowie zur Bereitstellung bezahlbarer und gesunder Lebensmittel leisten. Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU ist in diesem Zusammenhang ein entscheidender Hebel für einen Kurswechsel, den die deutsche Regierung entschlossen vorantreiben sollte. Darüber hinaus sollte sich Deutschland für ein ambitioniertes europäisches Lieferkettengesetz einsetzen, das das Recht auf Nahrung adressiert. Hier kann der UN-Gipfel dafür genutzt werden, ein starkes Signal zu senden, dass ein rechtlicher Rahmen für die Gewährleistung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten, Umwelt- und Sozialstandards in globalen Lieferketten unabdingbar ist. In diesem Zusammenhang sollte sich die Bundesregierung aktiv an der Entwicklung eines verbindlichen UN-Vertrags zu Wirtschaft und Menschenrechten beteiligen sowie weitere UN-Mitgliedsstaaten dafür gewinnen.

3. Regierungen, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft müssen lokale und regionale Ernährungssysteme aufbauen und stärken.

Der UN-Gipfel sollte die Bedeutung lokal und regional verankerter Ernährungssysteme klar hervorheben, um deren Resilienz zu stärken und das Erreichen des Null-Hunger-Ziels voranzutreiben. Hier muss die Bundesregierung sicherstellen, dass auf dem Gipfel politische Maßnahmen und öffentliche Investitionen Priorität haben, die zur Stärkung ländlicher Wirtschaftskreisläufe und (klein-)bäuerlicher Betriebe beitragen: Hierbei sollten technische, soziale und politische Innovationen gemeinsam mit lokalen Gemeinschaften entwickelt werden unter Einbeziehung ihres traditionellen Wissens. Regierungen generell müssen Ernährungspolitiken künftig sektorübergreifend abstimmen und sicherstellen, dass Politikentscheidungen wie z.B. in Handel, Landwirtschaft oder Energie keine negativen Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit von Menschen haben – indem sie dazu führen, dass Menschen für den Anbau von Exportprodukten von ihrem Land vertrieben werden oder dass gesunde Lebensmittel teurer sind als ungesunde.

4. Arme und hungernde Menschen müssen im Zentrum ernährungspolitischer Ansätze stehen.

Ernährungsunsichere Menschen und die junge Generation, die von den Auswirkungen aktueller Politikansätze unmittelbar betroffen sind, müssen ihre Interessen einbringen und über die Umsetzung mitbestimmen können. Dafür braucht es politische Freiräume auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Die Bundesregierung muss die Notwendigkeit von Transparenz, Rechenschaftspflicht und inklusiver Beteiligung der Schwächsten im Prozess des UN-Gipfels berücksichtigen und diese auch im politischen Dialog mit Partnerregierungen betonen. Sie sollte die Mittel für das Empowerment von marginalisierten Gruppen und zivilgesellschaftlichen Akteuren deutlich erhöhen. Auch sollte sie sich dafür einsetzen, dass das UN-Komitee für Welternährung (CFS) als multilaterales und menschenrechtlich verankertes Forum mit etablierten Mitbestimmungsmöglichkeiten eine wichtige Rolle in zukünftigen ernährungspolitischen Debatten, bei der Entscheidungsfindung und dem Monitoring der Ergebnisse des UN-Gipfels zu Ernährungssystemen erhält.

5. Die Gleichstellung der Geschlechter muss eine Priorität bei der Transformation sein.

Damit Frauen und Mädchen im ländlichen Raum in Zukunft eine Chance auf Existenzsicherung und gerechtere Vergütung haben, müssen herrschende strukturelle Ausgrenzungen bzw. Benachteiligungen in Politikansätzen und Maßnahmen berücksichtigt werden. Regierungen müssen die Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen garantieren und dafür sorgen, dass deren Landrechte wie auch ihr Zugang zu Wissen, Betriebsmitteln, Finanzierung, würdiger Arbeit, natürlichen Ressourcen und Märkten gesichert und geschützt werden. Vor allem müssen Regierungen, Geberorganisationen und Wirtschaft einheimische zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für die Rechte von Frauen und Mädchen einsetzen, in die Planung und Umsetzung von Programmen einbeziehen. Geberländer müssen die Gleichstellung der Geschlechter und die Rechte von Frauen und Mädchen systematisch im Dialog mit den Partnerländern thematisieren.

6. Die Ergebnisse des Gipfels müssen regelmäßig und mit inklusiver Beteiligung überprüft werden.

Die Ergebnisse des UN-Gipfels müssen sich daran messen lassen, ob sie zu einer signifikanten Verbesserung für die Menschen führen, die an Unterernährung leiden und von den ökologischen und sozialen Folgekosten des globalen Ernährungssystems betroffen sind. Diese Gruppen müssen durch legitime Vertreter*innen am Monitoring der Gipfel-Ergebnisse auf nationaler und internationaler Ebene aktiv beteiligt werden.

Quellen und weiterführende Informationen: