Wie viele Menschen hungern weltweit? Wo ist der Hunger am größten? Und warum?
Kinder & Hunger
Hunger betrifft 645 Millionen Menschen auf der ganzen Welt – besonders stark leiden Kinder darunter. Unterernährung stellt eine ernsthafte Bedrohung für das Wohlbefinden und die Gesundheit von Kindern dar und kann schwerwiegende Folgen für Wachstum, Entwicklung und Überlebenschancen haben.
Wie viele Kinder leiden an Hunger?
- 43 Millionen Kinder unter fünf Jahren leiden weltweit an Auszehrung ("wasting"), haben also in Bezug auf ihre Größe ein zu niedriges Gewicht, was als Hinweis auf akute Unterernährung gewertet wird.
- 150 Millionen Kinder unter 5 Jahren zeigen Wachstumsverzögerungen ("stunting"), ein Indikator für chronische Unterernährung. Armut, Krieg, politische Instabilität und zunehmend häufiger auftretende Naturkatastrophen können die Ernährungssituation von Kindern weiter verschärfen.
Armut, bewaffnete Konflikte, Klimawandel, Wirtschaftskrisen – es gibt vielfältige Gründe, aus denen Menschen in manchen Weltregionen Hunger leiden. Oft kommen viele Faktoren zusammen, wenn eine Hungerlage entsteht. Grundsätzlich betrifft eine solche Hungerkrise sowohl Erwachsene als auch Kinder. Kinder sind allerdings in einer schwächeren Position.
Warum Kinder Hunger leiden
Kinder haben weniger Möglichkeiten, für sich selbst Nahrung zu beschaffen und sind in der Regel von der Fürsorge durch Erwachsene abhängig. Wenn in Krisensituationen Familienstrukturen zerfallen oder nicht mehr gut funktionieren, können Kinder in sehr prekäre Lebenslagen geraten. In Extremfällen sind sie auf sich allein gestellt – etwa als Straßenkinder in großen Städten oder als unbegleitete Minderjährige auf der Flucht.
Aber auch wenn Kinder in intakten Strukturen leben, können ihre Bedürfnisse stärker gefährdet sein als die von Erwachsenen. Kinder sind stark abhängig vom Ernährungsverhalten ihrer Familie. Da sie als Heranwachsende andere Ernährungsbedürfnisse haben, können auch Ernährungsgewohnheiten, mit denen Erwachsene leidlich gut zurechtkommen, bei Kindern zu Mangelernährung führen. Manchmal fehlt Eltern auch einfach das Wissen, wie Mahlzeiten zusammengestellt sein müssen, damit Kinder alles bekommen, was sie brauchen.
Weshalb trifft Hunger Kinder besonders hart?
Hunger und Mangelernährung wirken sich bei Kindern besonders schwer aus, weil ihr Körper und ihr Gehirn noch wachsen. Für eine gesunde Entwicklung benötigen Kinder ausreichend Energie sowie wichtige Nährstoffe wie Eiweiß, Vitamine und Mineralstoffe. Fehlen diese über längere Zeit, kann dies zu dauerhaften gesundheitlichen und sozialen Folgen führen.
- Beeinträchtigung von Wachstum und körperlicher Entwicklung
Nährstoffmangel hemmt die Zellbildung und damit die Entwicklung von Knochen, Muskeln und Organen. Chronische Unterernährung kann zu Knochendeformationen, verzögerter Pubertätsentwicklung und eingeschränkter Leistungsfähigkeit führen. Lebenslange Gesundheitsbeeinträchtigungen können die Folge sein, bis hin zu schwersten Konsequenzen wie Blindheit oder geistiger Behinderung. - Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung
Die ersten Lebensjahre sind entscheidend für die Entwicklung des Gehirns. Erhalten Kinder in dieser Phase nicht ausreichend Nährstoffe, können sich Lernfähigkeit, Gedächtnis und Konzentration schlechter entwickeln. Dies kann ihre schulischen Leistungen beeinträchtigen und langfristig ihre Bildungs- und Berufschancen verringern. - Schwächung des Immunsystems
Auch das Immunsystem kann sich bei Nährstoffmangel nicht voll entwickeln. Unterernährte Kinder sind häufiger krank und leiden unter Umständen noch im Erwachsenenalter unter den Folgen. Darüber hinaus nimmt der kranke Körper schlechter Nährstoffe auf, wodurch ein Teufelskreis entstehen kann: Nährstoffmangel – Krankheit – noch mehr Nährstoffmangel. Am Ende können schwere Krankheitsbilder stehen – und der Tod. Nach Angaben der WHO sterben unterernährte Kinder bis zu 9-mal häufiger an Infektionen als gesunde Kinder. - Höheres Risiko bei Nahrungsmangel
Kinder haben einen höheren Grundumsatz beim Stoffwechsel, gleichzeitig aber weniger Energiereserven in Form von Fett oder Muskelsubstanz. Bei Nahrungsmangel geraten Kinder daher viel schneller in einen bedrohlichen körperlichen Zustand als Erwachsene. - Psychische Folgen von Hunger
Hunger bedeutet Stress und kann traumatisieren. Wer als Kind oft hungern musste, kann später anfälliger für Depressionen oder Angststörungen sein. - Auswirkungen auf Bildung und Zukunftschancen
Kinder, die aufgrund von Unterernährung körperlich geschwächt sind, können oft nicht zur Schule gehen. So kommt zum körperlichen Entwicklungsrückstand auch noch ein Bildungsrückstand.
Wer erst im Erwachsenenalter in eine Hunger-Situation gerät, kann sich von den Strapazen der Unterernährung oft gut erholen, sobald Nahrung wieder in ausreichender Menge und Qualität vorhanden ist. Die Folgen von Unterernährung im Kindesalter dagegen beeinträchtigen einen Menschen unter Umständen ein Leben lang.
Im schlimmsten Fall endet das junge Leben, bevor es richtig begonnen hat. Fast die Hälfte aller Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren sind nach Schätzungen von UNICEF direkt oder indirekt auf Unterernährung zurückzuführen. Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Ernährungslage und der Höhe der Kindersterblichkeit. Studien zeigen, dass eine Verbesserung der Ernährung (z. B. durch Stillförderung, Vitamin-A- oder Zink-Supplementierung) die Sterblichkeitsrate deutlich senken kann.
Viele Kinder in der Klasse meines Sohnes erschienen nicht zum Unterricht. Sie waren einfach zu schwach.
Dorothy Mulamba, Malawi Jahrelang musste sie mit ansehen wie ihr Sohn und weitere Kinder an Hunger litten. Später konnten diese Kinder eine Grundschule besuchen, die an einem Hilfsprojekt der Welthungerhilfe teilnimmt.Unter den Spätfolgen von Unterernährung bei Kindern leiden nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern auch die Gesellschaften als ganze. Daten von UNICEF, WHO und Weltbank zeigen, dass Menschen, die als Kinder unterernährt aufwachsen, später im Durchschnitt wirtschaftlich weniger produktiv sind und bis zu 20 Prozent weniger Einkommen erzielen. Dies beeinträchtigt die wirtschaftliche Entwicklung von Ländern, in denen viele Kinder hungern; zumal da Unterernährung auch mit höheren Gesundheitsausgaben einhergeht.
Wo Kinder am häufigsten von Hunger betroffen sind
Der Welthunger-Index berechnet und bewertet die globale Hungersituation.
Kinder leiden vor allem in Ländern Subsahara-Afrikas und Südasiens unter Hunger und Mangelernährung. In fünf Ländern stirbt mehr als eines von zehn Kindern vor seinem fünften Geburtstag: Niger, Nigeria, Somalia, Tschad und Südsudan (Stand: 2025). Sehr ernst ist die Lage auch in Ländern wie Burundi, wo mehr als 50% aller Kinder von Wachstumsverzögerung betroffen sind, oder wie Indien und Sudan, in denen beinahe jedes fünfte Kind an Auszehrung leidet.
Der Welthungerindex (WHI) berechnet jedes Jahr den Schweregrad der Hungersituation in betroffenen Ländern. Drei wichtige Indikatoren im WHI beziehen sich auf die Lage von Kindern: die Auszehrung (Wasting), die Wachstumsverzögerung (Stunting) sowie die Kindersterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren. Der WHI ist damit eine wichtige Quelle, wenn es um Kinder und Hunger geht.
Aufgrund der erhobenen Daten wird jedes Land in eine Kategorie eingeordnet:
Gesunde Ernährung von Anfang an: Was die Welthungerhilfe gegen Hunger bei Kindern unternimmt
Mangelernährung im Kindesalter muss durch verschiedene Strategien angegangen werden. Sowohl akut und schnell als auch nachhaltig und langfristig.
In Krisengebieten oder bei einer Hungersnot sichert die Welthungerhilfe die Grundversorgung von Kindern und deren Familien vor allem durch die Verteilung von Lebensmitteln. Ziel dieser Nothilfe ist es zu verhindern, dass sich eine ohnehin schon prekäre Ernährungssituation weiter verschlechtert. Darüberhinaus stärken Programme zur Krisenvorsorge die Widerstandskraft der Menschen und Dorfgemeinschaften (Vorausschauende Humanitäre Hilfe), um sie in die Lage zu versetzen, künftige Krisen aus eigener Kraft zu bewältigen. Langfristig sollen in Projekten der Entwicklungszusammenarbeit strukturelle Hungerursachen im Ernährungssystem aufgedeckt und behoben werden. Dabei muss die Ernährungssituation in Dorfgemeinschaften und Familien insgesamt stabilisiert werden, um Unterernährung von Kindern zu bekämpfen.
Nutrition Smart CommUnity: Dorfgemeinschaften stoppen chronischen Hunger & Unterernährung
Der Ansatz der Nutrition Smart CommUnitys soll die Ernährungssituation in ländlichen Gemeinden ausgewählter Regionen Afrikas und Asiens verbessern. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Dorfgemeinschaften zu Lernzentren für Ernährungssicherheit.
- Um chronischem Hunger und Unterernährung präventiv entgegenwirken zu können, werden zunächst die Ursachen für Ernährungsunsicherheit im Dorf ermittelt.
- Den Familien, die von Unterernährung bereits betroffen sind, wird gezielt geholfen.
- Es gibt Bildungsangebote zu Landwirtschaft und Ernährung, aber auch zum Beispiel zu Themen wie Familie und Geschlechtergerechtigkeit. Für Kinder besonders wichtig ist die Gesundheits- und Ernährungsberatung: Wie erkennen Eltern, ob ihre Kinder mangelernährt sind? Wie müssen Mahlzeiten zusammengestellt werden, damit Kinder auch unter schwierigen Bedingungen alle Nährstoffe erhalten, die sie brauchen?
- Gemeinsam mit den Menschen im Dorf werden Maßnahmen entwickelt, die geeignet sind, die Situation nachhaltig zu verbessern. Ziel ist immer, Menschen zu ermöglichen, sich selbst zu helfen. So werden zum Beispiel ertragreiche Küchengärten angelegt, um den Speiseplan um frisches Obst und Gemüse zu erweitern. Wir fördern auch die Haltung von Geflügel wie Enten oder Hühnern.
- Wir schaffen Bildungsprogramme für Gesundheitsberater*innen. Diese werden unter anderem darin geschult, Unterernährung bei Kindern rechtzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Zur gezielten Behandlung schwer unterernährter Kinder werden Gesundheitszentren geschaffen.
Bei all dem arbeiten wir mit Regierungsbehörden, lokalen Organisationen und internationalen Partnern zusammen. Ziel dabei ist es, bewährte Erfahrungen und Wissen zu verbreiten und weitere Gemeinden für den Ansatz der Nutrition Smart CommUnitys zu gewinnen.
LANN+ : Der breite Ansatz gegen den Hunger
Da Ernährungssicherheit, vor allem für Kinder, in der Familie beginnt, wurde das Entwicklungskonzept LANN+ zur integrierten Ernährungssicherheit ins Leben gerufen. Es unterstützt von Hunger und Mangelernährung bedrohte Familien in abgelegenen Regionen. Verbessert werden soll vor allem die Situation von Kindern, schwangeren Frauen und stillenden Müttern. Die Unterstützung der Mütter kommt ebenfalls den Kindern zugute, da Mangelernährung bei Schwangeren und Stillenden zu Gesundheitsschäden beim ungeborenen oder gestillten Kind führen kann.
LANN+ steht für "Linking Agriculture and Natural Resource Management towards Nutrition Security" und ist ein ernährungsbasierter Ansatz. Es verbindet die Arbeit in allen Sektoren, die für Ernährungssicherheit eine wichtige Rolle spielen, darunter Landwirtschaft, der Umgang mit natürlichen Ressourcen, Trinkwasserversorgung, Hygiene und Sanitärversorgung. Die Maßnahmen in diesen Bereichen werden aufeinander abgestimmt und in ein übergreifendes Trainingsprogramm integriert.
Das Ziel von LANN+ ist, Familien dabei zu unterstützen, ihr Handeln und Wirtschaften in unterschiedlichen Lebensbereichen stärker auf eine gesunde Ernährung auszurichten. Dazu entwickeln Berater*innen zusammen mit den Projektteilnehmer*innen an die Situation vor Ort angepasst Strategien. Die Menschen identifizieren ihre Probleme und entwickeln Lösungsansätze, wobei die Leitfrage immer ist: Wie wirkt sich diese Maßnahme auf unsere Ernährung aus?
Das LANN-Pilotprojekt in Laos wies 2009 den Weg für viele andere:
33 Frauen bewirtschafteten zum ersten Mal in ihrem Leben einen Garten. Das vitaminreiche Gemüse verarbeiteten sie mit Reis, wilden Früchten und Nüssen zu nahrhaften Mahlzeiten. Sie erkannten die fatalen Folgen von Ernährungstabus wie fleischfreier Kost im Wochenbett. Ihr Geld gaben die Frauen danach gezielt für gesunde Nahrungsmittel aus. Schwangere und stillende Mütter achteten auf den Nährstoffhaushalt aller Familienmitglieder. Das ermöglichte den Kindern einen guten Start ins Leben.
Hunger bei Kindern ist vermeidbar. Dazu müssen Wissen, Ressourcen und politische Entschlossenheit zusammenkommen. Wenn wir gemeinsam handeln und nachhaltige Lösungen fördern, können wir Kindern weltweit die Chance auf ein gesundes, sicheres und würdevolles Leben eröffnen.

