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  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • Jill Bernstein
Schwerpunkt

Welthunger-Index: Eine vertiefter Einblick in Spuren des Erfolgs

Die Ursachen von Hunger unterscheiden sich von Land zu Land. Wie auch die Wege, ihn zu meistern. Aber es gibt lehrreiche Gemeinsamkeiten

Frauen beim Bau einer Erosionsschutzmauer in Kenia.
Frauen arbeiten in einem Landstrich in Kenia an verbessertem Erosionsschutz. Die Ernährungssicherheit in Ostafrika litt 2016 und 2017 unter der vom Wetterphänomen El Niño verursachten Dürre – insbesondere in Äthiopien, Kenia, Malawi und Uganda. © Brockmann / Welthungerhilfe

Wenngleich bei der weltweiten Bekämpfung des Hungers Fortschritte erzielt wurden, sind dennoch viele Länder weit davon entfernt, das internationale Ziel „Kein Hunger“ bis 2030 zu erreichen. Jedes Jahr erstellen Welthungerhilfe und Concern Worldwide den Welthunger-Index (WHI), in dem die Ernährungslage auf internationaler, regionaler und nationaler Ebene beurteilt wird. Vergangenes Jahr hat das WHI-Team zusammen mit lokalen Partnern der Welthungerhilfe und von Concern untersucht, welche die entscheidenden Faktoren sind und was dazu beigetragen hat, den Hunger in den acht Ländern Bangladesch, Burkina Faso, Äthiopien, Haiti, Kenia, Malawi, Niger und Uganda zu verringern.

Dabei kamen neben bemerkenswerten Gemeinsamkeiten auch mehrere auffällige Unterschiede ans Licht, und es wurden lehrreiche Erfahrungen für das weitere Vorgehen gegen Hunger und Unterernährung gesammelt. In jedem der acht Länder sind aktuell die WHI-Werte niedriger als im Jahr 2000, was darauf schließen lässt, dass Hunger und Unterernährung seither zurückgegangen sind. Gleichwohl bestehen für jedes der ausführlich untersuchten acht Länder enorme Probleme fort, zumal ihre jeweilige Hungersituation auf der Schwereskala des Index als ernst eingestuft wird. 

Klimawandel als Hungertreiber

Die Anfälligkeit für Folgen des Klimawandels war ein durchgängiges Problem in allen acht Ländern.  Sie alle waren in den letzten Jahren von Extremwetterereignissen betroffen. Im März 2019 verursachte der Zyklon Idai katastrophale Überschwemmungen in Malawi, die zu Ernteausfällen und Viehverlusten führten. In Haitis Norden verzögerten Dürrezustände die Ernte und verschärften 2018-  2019 die Ernährungsunsicherheit in Teilen des Landes. Die Ernährungssicherheit in Ostafrika litt unter der vom Wetterphänomen El Niño verursachten Dürre in 2016 und 2017 – insbesondere in Äthiopien, Kenia, Malawi und Uganda. Dürren plagten auch Westafrika einschließlich Niger und Burkina Faso. 2017 kam es in Bangladesch zu schweren Überschwemmungen und erheblichen Schäden für die Landwirtschaft. Solche Ereignisse bringen vielen Haushalten außergewöhnliche Härten und verschlechtern ihre Ernährungslage, wenn es weder Sicherheitsnetze noch humanitäre Hilfe gibt.     

Hinter nationale Durchschnittswerte sehen

In allen acht Ländern wurden regional erhebliche Ungleichheiten in Bezug auf Hunger und Unterernährung festgestellt. Es zeicht sich, dass die Menschen in einigen Provinzen oder Bundesstaaten – bisweilen wesentlich – stärker als anderswo. Das betrifft sowohl die subnationalen Raten der Wachstumsverzögerung bei Kindern (zu geringe Körpergröße im Verhältnis zum Alter, was auf chronische Unterernährung hinweist), der Auszehrung bei Kindern (zu geringes Gewicht im Verhältnis zu Körpergröße, was auf akute Unterernährung hinweist) und der Kindersterblichkeit (die in etwa 50 Prozent der weltweiten Fälle durch Unterernährung verursacht wird).

Dies verdeutlicht, wie entscheidend es ist, Ernährungsprogramme in den besonders bedürftigen Regionen durchzuführen. So erreicht in Bangladesch die landesweite Wachstumsverzögerungsrate bei Kindern 36 Prozent, während sie in der Division Sylhet bei Kindern unter fünf Jahren gar mit 50 Prozent beziffert wird. Obschon die durchschnittliche Auszehrungsrate bei Kindern in Uganda nur bei 3,5 Prozent liegt, leiden 10,4 Prozent der Kinder der Region West Nile unter Auszehrung.

Frauen und Männer beim Befestigen eines Abhangs in Haiti.
Frauen und Männer beim Befestigen eines Abhangs in Haiti. Etwa die Hälfte der Bevölkerung hat keinen regelmäßigen Zugang zu ausreichenden Kalorien. © Welthungerhilfe

Formen von Hunger und Unterernährung variieren

Deutliche Unterschiede zwischen den acht untersuchten Ländern wurden auch bei den Formen von Hunger und Unterernährung festgestellt, die mittels der im WHI verwendeten Indikatoren gemessen werden – der Ausbreitung von Unterernährung, der Wachstumsverzögerungsrate bei Kindern, der Auszehrungsrate bei Kindern und der Kindersterblichkeitsrate. So ist in Haiti die Unterernährung mit einer Prävalenz von fast 50 Prozent außerordentlich hoch: Etwa die Hälfte der Bevölkerung hat keinen regelmäßigen Zugang zu ausreichenden Kalorien, während die Wachstumsverzögerungsrate bei Kindern (21,9 Prozent) und die Auszehrungsrate bei Kindern (3,7 Prozent) eher mäßig sind.

In Äthiopien wiederum ist die Unterernährungsrate mit etwa 20 Prozent weniger extrem, aber die Wachstumsverzögerungsrate (38,4 Prozent) und auch die Auszehrungsrate bei Kindern (10,0 Prozent) viel gravierender. Diese Unterschiede geben Hinweise, welche Aspekte pro Land jeweils am dringendsten angegangen werden müssen, ohne die Bedeutung bestehender Programme und Strategien, die in anderen Bereichen zu Erfolgen geführt haben, in Abrede zu stellen. Im Falle Äthiopiens sind verstärkte Mittelzuwendungen für eine angemessene Ernährungspraxis bei Säuglingen und Kleinkindern, die Kindergesundheit und Mütterernährung dringend erforderlich, ohne deshalb weniger in die Landwirtschaft und soziale Sicherheitsnetze zu investieren. In Haiti wurde Kinderernährung zuletzt relativ gut priorisiert, während bei Landwirtschaft und Zugang zu Nahrungsmitteln zusätzliche Unterstützung nötig ist.

Jedes Land hat seine eigenen Hungertreiber

Jedes der Länder hat seine eigenen Hungertreiber. So gehören sowohl das Bildungsniveau als auch die Alphabetisierungsrate in Niger zu den niedrigsten der Welt. Im Durchschnitt beträgt die Schulbildung zwei Jahre, die Alphabetisierungsrate bei Erwachsenen lediglich 31 Prozent. Außerdem hat das Land die weltweit höchste Kinderheiratsquote, denn rund drei Viertel der Mädchen heiraten vor ihrem 18. Lebensjahr. Malawi, wo 71 Prozent der Bevölkerung in Armut leben, hatte 2017 mit nur 388 US-Dollar zum aktuellem Kurswert das weltweit zweitniedrigste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. Jeder dieser Faktoren ist mit hohen Hunger- und Unterernährungsraten verbunden.

Auch die landwirtschaftlichen Ökosysteme der Länder unterscheiden sich sehr stark. In Kenia gelten mehr als 80 Prozent der Fläche als arid oder semiarid; zugleich sind 95 Prozent der Kulturen regenwasserabhängig, was die Landwirte sehr anfällig für Dürrefolgen macht. In Haiti sind Entwaldung und Erosion weit verbreitet und die Bodenqualität ist schlecht; unter diesen Bedingungen leidet zwangsläufig die Landwirtschaft. Doch selbst in Uganda, einem fruchtbaren Land mit reichlich Süßwasserressourcen, ist die landwirtschaftliche Produktivität niedrig, unter anderem weil wenig Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, was Ernteverluste durch Schädlinge und Krankheiten zur Folge hat. 

Erfolge hinterlassen ihre Muster

Wenn es also darum geht, mehr in diesen acht Ländern gegen Hunger zu tun, dann müssen angesichts der unterschiedlichen ökologischen und sozioökonomischen Bedingungen für jeden Projektstandort maßgeschneiderte Programmtypen umgesetzt werden. Untersucht man, welche Art von Maßnahmen in diesen Ländern erfolgreich gegen Hunger und/oder Unterernährung durchgeführt wurden, dann stößt man auf aufschlussreiche Trends.

Cash-Transfers etwa sind eine weit verbreitete Art von Sozialprogrammen, daher wurde in fast allen acht Ländern die Wirkung von Programmen auf Ernährungsmenge- und/oder -qualität evaluiert. Weil Armut eng mit Hunger verknüpft ist, werden Bargeldtransfers eingesetzt, damit bedürftige Haushalte  Nahrungsmittel kaufen können, die ihren Essgewohnheiten und ihrer Kultur entsprechen. In Burkina Faso bewirkte ein bedingungsloses Transferprogramm eine bessere Ernährungsqualität für  Kinder. Mehrere solcher Programme in Kenia verbesserten die Ernährungssicherheit, sei es durch höhere Ausgaben für Nahrungsmittel oder durch eine gestiegene Ernährungsvielfalt – oder durch beides. Evaluierungen von in Malawi bestätigten ebenfalls positive Wirkungen auf die Ernährungssicherheit.

Eine Bäuerin steht im Lehrgarten in Chittagong, Bangladesch.
Ein Lehrgarten in Chittagong, Bangladesch. Beratung im Gartenanbau verbessert nachweislich die Ernährungssicherheit. © Grossmann / Welthungerhilfe

Rolle der Landwirtschaft ist entscheidend

Zum zweiten lässt sich die positive Wirkung von unterschiedlichen landwirtschaftlichen Programmen auf die Sicherheit und Qualität von Ernährung belegen. In Bangladesch führte die Förderung des heimischen Gartenbaus und von Gartenbautechniken und Ernährungsbildung in der Subsistenzwirtschaft dazu, dass Beteiligte mehr mikronährstoffreiche Nahrung wie Obst und Gemüse anbauten und konsumierten. In Uganda und Kenia hatten Programme mit Ernährungsbildung und landwirtschaftlicher Ausbildung in Bezug auf bio-angereicherte Süßkartoffeln mit orangefarbenem Fruchtfleisch eine erhöhte Aufnahme von Vitamin-A-reichen Nahrungsmitteln zur Folge, und in einigen Fällen einen höheren Vitamin-A-Gehalt im Körper.

In Niger pflanzten Bäuerinnen und Bauern Bäume in ansonsten kargen Landschaften, was dank einer verringerten Winderosion und optimierter Wasserbindung die Bodenqualität verbesserte und höhere Ernteerträge erbrachte. Die Ernährungssicherheit stieg. In Burkina Faso arbeiteten Frauen und Männer ebenfalls an einer Wiederbegrünung, indem sie Gruben aushoben und Kontursteinwälle bauten. Das reduzierte den Wasserabfluss und trug dazu bei, Bodennährstoffe zu erhalten, was  wiederum die Ernteerträge erhöhte und die Nahrungsdefizite reduzierte. In Äthiopien konnte mit einem Projekt, bei dem während der Trockenzeit Viehfutter, Impfungen und Entwurmung für Pastoralgemeinschaften angeboten wurden, die Milchproduktion und der Milchkonsum bei Kindern gesteigert und ihr altersbezogenes Gewicht stabilisiert werden.

Mutter-Kind-Gesundheit legt die Grundlagen

Gleichermaßen ist der Erfolg von Programmen für eine bessere Ernährung von Schwangeren, Säuglingen und Kleinkindern erwiesen. Ein Projekt der Mutter-Kind-Gesundheit und -Ernährung in Haiti ermöglichte eine Gesundheitsvorsorge und Nahrungsmittelhilfe für Schwangere und Stillende und deren Kinder. Es gab Seminare zur Verhaltensänderung für Mütter. Bei den Kindern waren Wachstumsverzögerung, Auszehrung wie auch Untergewicht weniger verbreitet als in einer Kontrollgruppe – vor allem dann, wenn die Kinder vorbeugend behandelt wurden. Ein „Alive & Thrive“-Beratungsprogramm für die Ernährung von Säuglingen und Kleinkindern in Äthiopien verbesserte das Stillverhalten und das Füttern von Beikost. Ein ugandisches Programm zur Förderung des ausschließlichen Stillens (EBF) von Säuglingen, das eine Beratung von Müttern für Mütter vor und nach der Geburt umfasste, führte zu einer erhöhten EBF-Rate bei den Mutter-Kind-Paaren.

Schlüssel liegt in staatlichem Handeln und politischem Umfeld

In vielen Fällen gibt es eine Verbindung zwischen entschlossener Regierungspolitik und erfolgreichen Veränderungen auf Landesebene. Äthiopiens Wirtschaftswachstum beruht vor allem auf einem wachsenden Agrarsektor, der eine herausragende Rolle spielt, und auf den die Regierung viel Geld und Aufmerksamkeit verwendete. Der Rückgang von Wachstumsverzögerungs- und Sterblichkeitsraten von Kindern von 2000-2014 in Malawi ist auf stringente Strategien und Programme zurückzuführen, die Kindergesundheit und -ernährung den Vorrang gaben. Eine Analyse der Kindersterblichkeit in Niger 1998-2009 ergab, dass vor allem ein leichterer Zugang zu medizinischer Grundversorgung für Frauen und Kinder, umfassende Informationskampagnen mit dem Fokus auf Impfung und Bettnetzen sowie optimierte Ernährung eine Besserung brachten. Obwohl das Land in diesem Zeitraum unter Mangel litt, konnte durch Soforthilfe eine neuerliche Verschlechterung der Kinderernährung verhindert werden.  

Entscheidend ist letztlich, dass Fortschritte möglich sind. Programme und Strategien, mit denen Hunger und Unterernährung nachweislich erfolgreich bekämpft wurde, sind bekannt. Die hier erwähnten Programme und Befunde sind nur eine kleine Auswahl der Evidenzgrundlage. Neben einer sorgfältigen Diagnose, was zu Ernährungsunsicherheit führt, und einer Bewertung der örtlichen Gegebenheiten müssen diese Erkenntnisse zusammen mit den Erfahrungen am Standort in Programme einfließen. Dann kann Ernährungsunsicherheit künftig erfolgreich bekämpft werden.

Weitere Informationen zum Welthunger-Index und dem diesjährigen Berichte finden sich auf www.globalhungerindex.org

Profilbild von Jill Bernstein.
Jill Bernstein Welthunger-Index
Schlagworte
Letzte Aktualisierung 26.11.2019

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