Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Seiteninhalt springen Zum Footer springen

  • Agrar- & Ernährungspolitik
  • 02/2022
  • Philippe Dresrüsse, Sweta Banerjee

Nutrition-Smart: Wie Dörfer für eine gesündere Ernährung trainieren

Nirgends sind so viele Kinder chronisch mangelernährt wie in Indien. Dorfprogramme binden Ackerbau, Trinkwasser-, Hygiene- und Ernährungsberatung mit Gemeindearbeit zusammen.

Bewohnerin des Dorfes Chhatarpur, das an einem regionalen Programm der Welthungerhilfe zur ganzheitlichen Bekämpfung von Mangelernährung in Indien, Nepal und Bangladesch teilnimmt. © Welthungerhilfe

Weit verbreitete Unterernährung ist das Ergebnis von vielfältigem Systemversagen auf mehreren Ebenen. Es gibt nicht die eine Ursache, sondern unterschiedliche, miteinander verbundene Faktoren. Dazu zählen weitverbreitete Monokulturen, Folgen des Klimawandels, unausgewogene Ernährung, Ungleichbehandlung von Mann und Frau, niedriger Bildungsstand und mangelnde Fürsorge für Mutter und Kind. Politisch wird zwar auf vielfältige Weise versucht, Unter- und Fehlernährung mit sektorübergreifenden und inklusiven Ansätzen zu begegnen. Doch Unterernährung bleibt weltweit auf einem uannehmbar hohen Niveau.

In vielen Ländern fehlt es vor allem auf der kommunalen Ebene an Maßnahmen und Paketen, die bei den jeweils verfügbaren Nahrungsquellen ansetzen. Zwar besteht politischer Wille, auch die Investitionen stiegen, damit die Ernährungsweisen in vulnerablen Haushalten sich verbessern. Aber noch immer ist die Herangehensweise viel zu fragmentiert. Lokale Behörden und NGOs arbeiten sehr häufig in getrennten Sphären und Allianzen aneinander vorbei, anstatt kollaborativ die biologischen, gesellschaftlichen und umweltbezogenen Triebkräfte der Fehlernährung in ihrer Breite zu bearbeiten.

Deshalb hat die Welthungerhilfe die Erfahrungen und Methoden, die sich aus vielen Ernährungsprojekten weltweit als vorbildhaft herausgebildet haben („best practices“), in ein übergreifendes Konzept fließen lassen und es „Nutrition Smart CommUNITY“ genannt. Es bietet einen Rahmen, in dem lokal, kosteneffektiv und reproduzierbar Einfluss auf mehrere Sektoren genommen werden kann. Er dient der Kombination ‚systemischer Maßnahmen‘ auf allen Ebenen der Ursachen von chronischem Hunger und Fehlernährung. Die Basis sind vier miteinander verknüpfte Strategien:

Deutliche Verbesserungen

In der ersten Phase des Programms (2018-2021) sind in Indien, Nepal und Bangladesch 670 Nutrition Smart Villages begründet worden. Dabei wurden vielversprechende Ergebnisse erzielt –darunter eine deutliche Verbesserung der Nahrungsvielfalt für Frauen im reproduktiven Alter. Es wurde mehr ökologischer Landbau betrieben, mindestens vier Nahrungsgruppen auf dem eigenen Hof verarbeitet. Und der Zugang zu staatlichen gesundheits- und ernährungsbezogenen Leistungen hat sich verbessert.

Diese Dörfer ziehen als Pilotprojekte zunehmend die Aufmerksamkeit staatlicher Stellen und anderer Entwicklungsinstitutionen auf sich. Sie nehmen Schlüsselbausteine des Nutrition Smart CommUNITY-Ansatzes in ihre Programme und Politik auf. Die Welthungerhilfe und ihr Netzwerk von Partnerorganisationen leisten dabei technische Unterstützung. Für eine zweite Phase (2021-2025) ist in Planung angelaufen. Das Programm soll auf Tadschikistan, Äthiopien, Malawi, Sierra Leone und Burundi erweitert werden.

Im Treffpunkt eines Nutrition Smart-Dorfes in Indien kommen Frauen und Kinder zusammen, um sich Wissen über ausgewogene nahrhafte Ernährung und Gesundheits- wie Hygienestandards anzueignen. © Zeitz / Welthungerhilfe

Die mit Bedacht ausgewählten Gemeinden wiesen hohe Fallzahlen an Wachstumsverzögerungen und anderen Indikatoren der Fehlernährung auf. Sie verfügten allerdings auch über Gruppenstrukturen, die einen Systemwandel begünstigen. Über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren sind diese Orte zu Wissens- und Lernzentren auch für angrenzende Gemeinden geworden – ebenso für Behörden, NGOs und in der Region tätige Entwicklungsorganisationen. Diese Gemeinden haben ein System entwickelt, in dem Menschen über Sektoren hinweg Unterstützung finden für nachhaltige Ernährung, und das zeigt, wie wichtig und notwendig örtliche Führung und die anhaltende Weiterentwicklung dörflicher Fähigkeiten einerseits sind, und die Zusammenarbeit einer Vielzahl von Betroffenen und Beteiligten andererseits.

Das Ziel ist, in einem Nutrition Smart Village eine gut informierte Dorfgemeinschaft herauszubilden, die auf der praktischen Ebene versteht, was ‚gute Ernährung‘ darstellt, und mit geeigneten Schritten dahin kommt. Um Hunger und Unterernährung hinter sich zu lassen, setzt sie an verschiedenen Stellen an: weist Dorfangehörigen Wege auf, wie sie öffentliche und private Hilfe beanspruchen können; sie wendet sich an die Regierung, damit diese örtliche Anstrengungen für bessere Ernährung unterstützt.

Es ist ein Dorf, in dem kein Kind hungrig schlafen geht, und das niemand verlassen muss, um den Lebensunterhalt anderswo zu sichern. Die Dorfbewohner haben gelernt, sich selbst zu helfen, weil staatliche Dienstleister von ihren Bedürfnisse erfahren haben, weil man ihnen das richtige praktische Vorgehen gezeigt hat, weil sie sich mit der Zivilgesellschaft vernetzt haben und weil auf Regierungsebene für ihre Belange geworben wurde.

Instrumente auf dörflicher Ebene

In jeder Gemeinde wurden fünf erprobte Verfahren ("best practices") umgesetzt, die sich im Kampf gegen Fehlernährung als sehr wirksam erwiesen haben – und dies in enger Zusammenarbeit mit lokalen NGOs, lokalen Freiwilligen und öffentlichen wie privaten Dienstleistern.

Bei der Fortbildung über familiäre Ernährung wurden in einem Zeitraum von 12 bis 15 Monaten rund 18 bis 20 Treffen mit Gemeindemitgliedern abgehalten, um sie in Theorie und Praxis mit Hilfsmitteln vertraut zu machen, die in den sozialen Strukturen zu ihrer Unterstützung verfügbar sind. Es geht darum, zu erkennen, mit welchen Verhaltensänderungen sie ihre Nahrungssicherheit praktisch und anhaltend verbessern können. Das Programm LANN+ setzt als Baukasten auf der Ebene einzelner Haushalte bei Wissen über nahrhafte Erntefrüchte, über Anbaumethoden und den Umgang verfügbarer natürlicher Ressourcen, sowie über die Schaffung von Einkommen, die Kinderpflege und sanitäre Hygiene an. Ziel ist die vertiefte Auseinandersetzung mit allen vier Säulen der Ernährungssicherheit: sind Nahrungsmittel verfügbar, wie ist der Zugang zu ihnen, wie verwende ich sie, und wie erreiche ich eine stabile Versorgung?

Freiwillige malen für eine Versammlung im Dorf ein Schaubild auf den Boden, das die vielfältigen Ebenen des Nutrition Smart CommUNITY-Programms erklären soll. © Zeitz / Welthungerhilfe

An der Umsetzung beteiligen sich zivilgesellschaftliche Vertreter:innen. Es sind Mitglieder von Selbsthilfegruppen, Gemeindehelfer:innen oder Leute aus dem Dorfausschuss. Diese Personen bekommen systematische Trainings in technischen Inhalten, Kommunikation und Führung. Sie werden mit den Ursachen von Ernährungsunsicherheit ebenso vertraut gemacht wie mit den Verhältnissen am Ort. Dieses „Participatory Learning and Action”-Programm (PLA) hat vier Phasen:

I.  Trainings für Ernährungsbewusstsein (Nutrition Awareness Camps) bestehen aus 15-tägigen Fortbildungen für Mütter und Sorgeberechtigte und ihre Kinder in Dörfern mit hohen Fallzahlen von Unterernährung. Dabei werden lokale Gemeinschaften ermutigt, Lösungen für die identifizierten Probleme zu finden. In vielen Fällen erweisen sich selbst gefundene Abhilfen als leichter beizubehalten als Rat von außen. Mütter treffen sich für ein bis zwei Stunden täglich an einem zentralen Ort und machen praktische Übungen zum Füttern von Säuglingen und Kleinkindern. In den Camps wird vorgeführt, wie man günstig nährstoffreiche Mahlzeiten zubereitet, oder welche Instantmischungen günstig und nährstoffreich sind. Es wird über Hygiene bei der Ernährung und Körperpflege informiert, über sicheres Trinkwasser, richtiges Stillen und den Umgang mit Krankheiten. Um die Dorfgemeinschaften aktiv einzubeziehen, sollen sie eigenverantwortlich Obst und Gemüse, Getreide und Eier bereitstellen. Auf zwei solche Camps in einem Dorf folgt der Austausch über die Ergebnisse mit der Gemeinschaft und relevanten Vertretern der Verwaltung.

II. Auf Ernährung fokussierte Landwirtschaft (Nutrition Sensitive Agriculture) zielt auf ein System nachhaltiger integrierter Anbaumethoden, auch in zum Haushalt gehörenden Gärten. Ein agrarökologischer Ansatz lässt Haushalte alle verfügbaren Flächen nutzen – auch Wälder, übernützte Böden und Brachflächen –, um für die Versorgung vielfältige und gesunde Nahrung zu ernten. Jede Familie wird darin bestärkt, in Vorgärten saisonales Gemüse, Hülsenfrüchte, Wurzel- und Knollengewächse, Gewürze und Früchte zu ziehen. Ein Hof und umliegende Wald- und Flurstücke werden als eigenständiges, sich selbst erhaltendes Ökosystem betrachtet, das bestimmte unverzichtbare Güter und Leistungen erzeugt.

Es wird nicht allein Getreide angebaut, vielmehr wird eine Vielzahl von Pflanzen und Bäumen, Fließgewässer, Tiere und andere natürliche Bestandteile so in Produktionsprozesse eingebracht, dass die Umwelt nachhaltig genutzt wird. Jedes Element soll den anderen helfen: Der Abfall des einen wird als Rohstoff für ein anderes aufbereitet, was die Produktion insgesamt stärkt, Risiken mindert, die Biodiversität erhält und dem System ermöglicht, energiesparend und eigenständig zu werden.

Auch Bauern werden in Trainings geschult, ihre Möglichkeiten und die sich in den Weg stellenden Hindernisse richtig einzuschätzen und innovative und technisch angepasste Lösungen zu erarbeiten. „Hof-Entwicklungspläne“ drehen sich nicht nur um Nahrungsmittel, Ernährungsweisen und Einkommenssicherheit, sondern gehen auch auf die Abwehr von Naturkatastrophen, den Erhalt der Biodiversität und die Sicherung der Energieversorgung ein.  

Im örtlichen Dienst für Kinderbetreuung (Anganwadi) in Sheopur, Bundesstaat Madyha Pradesh, werden die Wachstumsfortschritte von Kindern nachverfolgt. © Zeitz / Welthungerhilfe

III. Auf Ernährung fokussierte Mikroplanung (Nutrition-sensitive micro planning):In Indien, Bangladesch und Nepal gibt das Gesetz jedem Dorf das Recht, einen eigenen Gemeindeentwicklungsplan und den Haushalt dafür festzulegen. In der Realität bleibt dies den mächtigsten Gemeindemitgliedern vorbehalten, die nach ihrem Gutdünken vorgehen. Die Nutrition Smart CommUNITY-Initiative bestärkt Gemeinden nun darin, sich aktiv in ein dezentrales Planungsverfahren einzubringen, das bestehende Mitspracherechte ergänzt. Die Dorfbevölkerung leitet diesen Prozess, bei dem individuelle und gemeinschaftliche Pläne entwickelt werden, wie die Verwaltung effektiv und gerecht Leistungen für die Landwirtschaft, für Einkommen, Gesundheits- und Ernährungsdienste sowie für Sanitäranlagen für Hygiene (WASH) erbringen sollte.

Diese Pläne sollen auch die Verbindung zwischen bedürftigen Familien mit Ernährungsproblemen und ihnen offen stehende staatliche Hilfen herstellen. Vertreter der Dörfer und Freiwillige werden dafür ausgebildet, in einem Verfahren fünf Schritte durchzugehen: (1) Erkennen der Ursachen von Fehlernährung und Armut, (2) Priorisierung der Probleme, (3) Bestandsaufnahme der sozialen Lage und der verfügbaren Mittel der Dorfgemeinschaft, (4) Erfassung der vom Staat benötigten Unterstützung und schließlich (5) das offizielle Einreichen der Pläne mit Kontakt und Follow-up zu den zuständigen Stellen der öffentlichen Hand.

IV. Stärkung der Institutionen ist der Dreh- und Angelpunkt für die Mobilisierung der Dorfbevölkerung und deren Verhaltenswandel. Das Programm geht auf bestehende zivilgesellschaftliche Gruppen wie Selbsthilfegruppen von Frauen, bäuerliche Organisationen und gewachsene Gemeindeinstitutionen wie Dorfausschüsse für Gesundheit, Ernährung und Sanitäres zu. Sie werden darauf vorbereitet, führende Rollen zu übernehmen und ihre Gemeinden pro-aktiv mit staatlichen Ansprechpartnern vernetzen und alle ernährungsrelevanten Dienste zu planen und zu überwachen.

Gemeinden vernetzen

Nutrition Smart CommUNITY hat in Südostasien ein dynamisches Netzwerk von mehr als 1000 Freiwilligen und Sozialarbeitern aufgebaut. Es spielt für ein Ende des Hungers in ihren Gemeinden eine wichtige Rolle – und dabei, die fünf Best Practice-Verfahren des Programms vermitteln. Zu dem Netzwerk gehören Menschen aus unterschiedlichsten Schichten – Bauern, Jugendliche oder Mütter, die helfen, das Wissen zu verbreiten. Vor allem gehören dazu Menschen, die früher selbst an Mangelernährung litten oder noch leiden.

Einer von ihnen ist der 45 Jahre alte Ram Charan aus dem Dorf Acharwala Seharna im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh, und seine Familie ist schon seit Generationen von Fehlernährung betroffen. Er gehört zu der ethnischen Gruppe der Saharia, die vom Staat als besonders vulnerabel eingestuft worden ist. Ram Charan war im Wachstum verkümmert, und sein zweieinhalb Jahre altes Enkelkind wurde ebenfalls als „mäßig akut fehlernährt“ diagnostiziert.

„Die Lage hat sich seit einigen Jahrzehnten sichtbar gewandelt“, teilt Ram Charan mit. „Früher lebten wir vor allem von dem, was uns der Wald gab und von der Viehzucht. Aber es gab neue Bestimmungen, die den Zugriff auf die Produkte des Waldes einschränkten.“ 2001 wurde ihm von seinem Bundesstaat ein Hektar Land zugesprochen, aber erst 2016 wurde er offiziell Eigentümer. „Ich baute dort in Einfelderwirtschaft an. Aber von Februar bis Mai gab es zu wenig Wasser, und der Anbau wurde schwierig. Wir sind dann in die größeren Orte in der Nähe gegangen, um Arbeit und Nahrung zu finden“, erläutert er. Ohne bewirtschaftbares Land fehlte es Ram Charan an Einkommen, deshalb rutschten er und seine Familie in die Fehlernährung wie in eine Falle.

Modellbauern und Freiwillige

Ram Charan erhielt Lehrgänge, wie er mit dem was er anbauen konnte, die Ernährung verbessern würde. „Ich kann jetzt lokal verfügbare Nahrungssorten verschiedener Kategorien pflanzen, außerdem habe ich einen Modellgemüsegarten direkt am Haus angelegt.“ Im Sommer würde er nicht als Tagelöhner in die Stadt ziehen, sondern nach dem integrierten Anbausystem ernten, was im Sommer wächst: Bittermelone, Okraschoten, Flaschenkürbis, Koriander und Chilis. „Vor kurzem habe ich von einem Workshop mit Landwirtschaftsexperten neue Ideen mitgenommen, wie ich aus dem, was ich habe, das beste Ergebnis hole, um mich und meine Familie ausgewogen zu ernähren“, sagt er.

Ram Charan ist einer der Aktivsten in den Lehrgängen für Bauern. Er gibt als eine Art Vorbild seine Kenntnisse in Nachbargemeinden weiter, gibt selbst verschiedene Kurse und weist andere Landwirte in verschiedenen Methoden ein, wie sie ihre Böden mit ökologischen Mitteln verbessern oder eigene Gemüsegärten anlegen können.

Die 21-jährige Freiwillige Sonam Mishra aus dem Dorf Pahadi Baban ebenfalls in Madhya Pradesh hat sich zur Aufgabe gemacht, die Mitglieder ihrer Gemeinde zu mobilisieren, Jugendlichen neue Perspektiven aufzuzeigen und Mütter über Kinderbetreuung und Vorteile des Stillens aufzuklären. „Ich unterstütze eine NGO, die die körperliche Entwicklung von Kindern erfasst. Einmal haben wir bei 102 Kindern und Säuglingen Gliedmaßen, Körpergröße und Gewicht gemessen und stellten bei acht von ihnen schwere akute Mangelernährung und bei 18 weiteren mäßige akute Mangelernährung fest. Ich besuche die Familien auch regelmäßig und helfe ihnen, Symptome zu erkennen und dann richtig zu reagieren“, sagt Sonam.

Das Engagement der jungen Frau hat bei den Müttern ihres Dorfes sichtbare Wirkung gezeigt. Sie bringen ihre Kinder nun zum örtlichen Anganwadi Center (Kinderbetreuungszentrum), um regelmäßig Gewicht und Größe zu messen, und achten auf die richtige Ernährung und Hygiene. "Wenn wir die Unterernährung besiegen wollen, müssen wir sicherstellen, dass die Gesundheit jedes Kindes regelmäßig kontrolliert wird“, sagt sie. „Ich werde dafür sorgen, dass dies in meinen Dörfern auch geschieht."

Mittlere und Makro-Ebene

Die Welthungerhilfe wird in dem Programm von mittelgroßen zivilgesellschaftlichen Organisationen unterstützt, die eigene Aktionen umsetzen. Sie haben Erfahrung in der Arbeit für Ernährungssicherheit und sind Teil eines belastbaren Netzwerks der Kooperation auf Ebene der Bezirke und darunter. Es wurde von Anfang an darauf geachtet, Entscheidungsträger in den Bezirksverwaltungen und allen staatlichen Behörden einzubeziehen, die mit Landwirtschaft, Sanitäreinrichtungen, Gesundheit und Ernährung befasst sind, um das sektorübergreifende Modell zu vermitteln und in größeren Maßstäben anzuwenden. Dazu gehört, Kompetenzen und Wissen auch an staatliche Beratungsstellen, Dienstleister und Sozialarbeiter:innen weiterzugeben. Welthungerhilfe hat eine Reihe von Paketen mit Informationsmaterialien zusammengestellt, die Praxisleitfäden, Trainingshandbücher und Anleitungen zur Information, Bildung und Kommunikation enthalten.

Auf der Verwaltungsebene darüber wird Veränderung durch öffentlichen Druck von unten gefördert. Bewohner:innen von benachteiligten Gegenden verschaffen sich Gehör. Staatliche Stellen, Entwicklungsbehörden und ernährungspolitische Netzwerke gewinnen Einblicke in die lokal angewandten Modelle, Ernährungsweisen innovativ und kostengünstig zu beeinflussen. Es werden auch „Talentakademien“ gegründet, die Ernährungsfragen prominent auf die Tagesordnung der Bundespolitik setzen und auf diese einwirken. Erfahrungen, Evaluierungen und Fortbildungsinhalte werden einem weiteren Publikum auf Konferenzen oder im Internet zugänglich gemacht.

Was wir gelernt haben und wie es weitergeht

Nutrition Smart Villages haben sich darin bewährt, neue Modelle und Herangehensweisen zu entwickeln, heranzuziehen und in Pilotprojekten anzuwenden, die dazu beitragen, ländliche Gebiete lebendig zu halten. Es braucht keine ausgeklügelten Institutionen, vielmehr findet die Zusammenarbeit zwischen Individuen statt und nicht zwischen Organisationen mit spezifischen Interessen. Was Wandel bewirkt, sind keine geschriebenen Mandate, sondern die Art und Weise wie Menschen zusammenarbeiten und die Fäden in einer zentralen Anlaufstelle (NGO oder Behörde) zusammenlaufen, um deren Achse sich die Zusammenarbeit vertikal und horizontal fortsetzt: quer durch die Sektoren, Ressorts und Akteure inner- und außerhalb der Verwaltung.

In vielen Ländern sind die begrenzten Fähigkeiten lokaler Regierungsstellen ein wesentliches Hindernis für nachhaltige Veränderungen. Staatliche Hilfen kommen nicht an, weil die unterste Verwaltungsebene mit zu wenig Personal besetzt ist. In dem Kontext erwies es sich als nützlich, örtliche Gemeindestrukturen zu stärken und Freiwilligen oder Sozialarbeiter:innen Handlungskompetenz und Wissen zu vermitteln. Es werden nun nachhaltige Geschäftsmodelle erprobt, um Sozialarbeit aus der Gemeinde heraus langfristig zu etablieren. Ein Beispiel sind von Einwohnern getragene Nutzungsgebühren.

Welthungerhilfe und ihre Partner sind nun an dem Punkt, wo sie aus der Pilotphase heraus den nächsten Schritt machen müssen. Es wird jetzt eine starke globale Plattform gebraucht, die mehr systematische sektorübergreifende Zusammenarbeit und gegenseitiges Lernen ermöglicht. Die Zeit verstreuter Einzelprojekte ist vorbei. Die Nutrition Smart CommUNITY umreißt einen einheitlichen, kohärenten Rahmen für die Planung, das Monitoring und den Lernaustausch. Dieser Rahmen kann von Wachstum profitieren und zugleich auf Gemeindeebene seine Relevanz von Teilhabe, Lernprozessen und Innovation entfalten.

Erfolgreiche Skalierung beruht aber nicht nur darauf, eine Methode von einem Land in ein anderes zu übertragen. Es heißt auch, viele Länder, Projekte und Beteiligte unter einem Dach zu versammeln und kontinuierlich die Arbeitsweisen und Hilfsmittel anzupassen, standortgerecht zu machen und zu verbessern. Kollaborative „Peer-to-Peer“-Netzwerke werden Dörfer innerhalb und zwischen Asien und Afrika verbinden, um Mitverantwortung, Wissensaustausch, Verbreitung und Reproduzierbarkeit voranzubringen.

Porträt: Philippe Dresrüsse, Landesbüro Indien
Philippe Dresrüsse Landesbüro Indien
Sweta Banerjee Landesbüro Indien
Schlagworte
Letzte Aktualisierung 14.04.2022

Das könnte Sie auch interessieren